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Gesprächsanalyse als Handlungsforschung

  • Sonja Bredehöft
Chapter
Part of the DUV: Sprachwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Die wissenschaftliche Begleitung eines Aneignungsprozesses von Arbeitslosigkeit verfolgt das Ziel, die Möglichkeiten zu entdecken und bewußtzumachen, die in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung liegen. Wie ich oben gezeigt habe, ist das Problem Arbeitslosigkeit nicht nur als ein ökonomisches zu sehen, sondern als eines, das gesellschaftlich produziert wird, indem sich Individuen, soziale Gruppen, Institutionen zu den durch den gegenwärtigen Rationalisierungsschub ausgelösten Veränderungen verhalten. Dieser Modernisierungsprozeß — er ist zweifellos einer, wenn auch normalerweise der Begriff der „Modernisierung“ auf die frühen Entwicklungsstufen der bürgerlichen Gesellschaft angewendet wird — besteht nicht allein in technischen und ökonomischen Veränderungen, sondern verläuft entsprechend den Aneignungsweisen im Spannungsfeld von Veränderung und Tradition. Die Analyse eines solchen sprachlichen Prozesses muß deshalb außersprachliche wie auch politische Faktoren berücksichtigen.69 Ein in diesem Sinne politisches Selbstverständnis von Wissenschaft wird mittlerweile auch für die Sprachwissenschaft gefordert.70 Anlaß genug, den schon etwas älteren Ansatz der Handlungsforschung, der denselben Anspruch erhebt, auf seine Brauchbarkeit für diese Form von Gesprächsanalyse zu untersuchen.

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Literatur

  1. 69.
    Maas/Mcalister-Herman haben auf die sprachliche Bewältigung von Modernisierungsprozessen am Beispiel des Wechsels vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen in der frühen Neuzeit die Begriffe der “Autozentrierung” und “Heterozentrierung” aus den Modernisierungstheorien übertragen: Autozentrierung als Orientierung an den Entwicklungspotentialen eines gegebenen Zustandes, der weiter entfaltet werden kann, Heterozentrierung als die Orientierung der Wahrnehmung bzw. des Handelns an einem (fremden) empirischen Vorbild, gewissermaßen also seine Reproduktion. (Utz Maas/Judith Mcalister-Herman: Der Wechsel vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen in den norddeutschen Städten in der frühen Neuzeit, Osnabrück 1982, S. 4ff.)Google Scholar
  2. 70.
    Vgl. Franz Januschek: Zum Selbstverständnis politischer Sprachwissenschaft, in: Ders. (Hg.): Politische Sprachwissenschaft. Zur Analyse von Sprache als kultureller Praxis, Opladen 1985, S. 1–20.Google Scholar
  3. 71.
    Ein Beispiel für einen solchen klassischen Ansatz ist die Arbeit von Josef Retten-Meier/Rene F. Wilfer: Möglichkeiten und Grenzen der Realisierung konfliktlösenden Handelns durch Aktionsforschung. Dargestellt an einem Projekt der betrieblichen Praxis, Spardorf 1980.Google Scholar
  4. 72.
    Ein umfassender Überblick über ältere und neuere Ansätze der Handlungsforschung einschließlich ihrer Kritik findet sich in: Ulrike Schneider: Sozialwissenschaftliche Methodenkrise und Handlungsforschung. Methodische Grundlagen der kritischen Psychologie. Texte zur Kritischen Psychologie. Bd. 10, Frankfurt/Main/New York 1980, S. l lff.Google Scholar
  5. 73.
    Die lateinamerikanischen Ansätze zur Aktionsforschung im Bereich der Alphabetisierung und Volksbildung mit dem Ziel, die Massen zu einer politischen Teilhabe zu befähigen, werden hier aus Gründen der mangelnden Übertragbarkeit auf europäische Verhältnisse nicht behandelt.Google Scholar
  6. 74.
    Vergleiche hierzu Hartwig Berger: Untersuchungsmethode und soziale Wirklichkeit, Frankfurt/Main 1974; Ulrike Schneider: Sozialwissenschaftliche Methodenkrise und Handlungsforschung, Frankfurt/Main 1980; Hans-Jürgen Seel: Wissenschaft und soziale Praxis. Zur Grundlegung eines Dialogs über die normativen Implikationen sozialwissenschaftlicher Methodologie, Weinheim/Basel 1981.Google Scholar
  7. 75.
    Vgl. etwa in Thomas Heinze u. a.: Handlungsforschung im pädagogischen Feld, München 1975, S. 24: “Im folgenden geht es um die Skizzierung eines theoretischen Ansatzes, der die Praxis einer in aufklärerischer und emanzipatorischer Absicht betriebenen Sozialforschung zu begründen vermag.”Google Scholar
  8. 76.
    So etwa in Maria Hörnemann: Erfahrungen in der lateinamerikanischen Volksbildung. Ein Versuch, mit der Aktionsforschung ernst zu machen. Frankfurt/Main 1981, S. 116f: “Und wodurch könnte diese Solidarität überzeugender demonstriert werden als durch Aufgeben des Forscher-und Akademikerstatus mit seinen Privilegien und den Hintertürchen, durch die man jederzeit voll legitimiert aus dem Feld treten, gewissermaßen ‘von der Szene’ abtreten kann. Anstelle des ‘sich mit jemandem einlassen’, immer vom Hauch des Verbotenen, einer Art Komplizenschaft begleitet, soll die hier propagierte Haltung des Einlassens das positivere ‘sich auf etwas einlassen’ im Sinn von Verantwortung, Engagement und Risiko ausdrücken.”Google Scholar
  9. Hierzu werden Vorschläge aufgegriffen und weitergeführt von AutorInnen wie Ulrike Schneider: Sozialwissenschaftliche Methodenkrise und Handlungsforschung, Frankfurt/Main 1980; Fred KARL: Aktionsforschung. Gesellschaftstheoretische Defizite und politische Illusionen, in: Das Argument 1977, H. 101, S. 67–78; Horst Kern: Empirische Sozialforschung. Ursprünge, Ansätze, Entwicklungslinien, München 1982.Google Scholar
  10. 78.
    In wieweit z. B. wissenschaftliche Projekte wie Familienforschung an bestimmte gesellschaftlich-politische Konstellationen gebunden waren bzw. aus ihnen heraus entstehen konnten, beschreiben sehr schön Klaus Wahl/Michael-Sebastian HONIG/Lerke Grevenhorst: Wissenschaftlichkeit und Interessen. Zur Herstellung subjektivitätsorientierter Sozialforschung, Frankfurt/Main 1982, S. 50ff.Google Scholar
  11. 79.
    Vgl. hierzu die vehemente Kritik von Fred Karl: Aktionsforschung. Gesellschaftstheoretische Defizite und politische Illusionen, in: Das Argument 1977, H. 101, S. 67–78.Google Scholar
  12. 80.
    So stellt z. B. die Eingliederung von Frauen in typische Frauenberufe in ihren Augen eventuell die “Emanzipation” vom Einkommen des Ehemannes dar, aber letztlich kann erst eine genaue Analyse der sozialen Situation von Frauen darüber Auskunft geben, wie weit der emanzipative Anspruch tatsächlich reicht.Google Scholar
  13. 81.
    Gerd Simon: Sprachwissenschaft im Ill. Reich. Ein erster Überblick, in: Franz Januschek (Hg.): Politische Sprachwissenschaft. Zur Analyse von Sprache als kultureller Praxis, Opladen 1985, S. 97–156.Google Scholar
  14. 82.
    Über die Problematik wissenschaftlicher Parteilichkeit siehe auch aus der Sicht eines Insiders die Ausführungen von Horst Kern: Institutionalisierung als Voraussetzung und Grenze gesellschaftsrelevanter Empirie (unter besonderer Berücksichtigung des Konzepts der Aktionsforschung), in: DERS.: Empirische Sozialforschung. Ursprünge, Ansätze, Entwicklungslinien, München 1982. - Kern war langjähriges Mitglied des vom Bundesminister für Forschung und Technologie eingesetzten Fachausschusses Humanisierung des Arbeitslebens und hatte sowohl eine Gutachterfunktion für Großprojekte inne als auch eine eigene Begleitforschung versucht.Google Scholar
  15. 83.
    Johan Galtung: Gewalt, Frieden und Friedensforschung, in: Dieter Senghaas (Hg.): Kritische Friedensforschung, 6. Aufl., Frankfurt/Main 1981.Google Scholar
  16. 84.
    Gefordert und begründet wird dies auch in: Gernot Böhme/Wolfgang Van Den Daele/Wolfgang Krohn: Die Finalisierung der Wissenschaft, in: Zeitschrift für Soziologie 2 (1973), S. 128–144.Google Scholar
  17. 85.
    Gernot Böhme/Wolfgang Van Den Daele/Wolfgang Krohn: Alternativen in der Wissenschaft, in: Zeitschrift für Soziologie 1 (1972), S. 302–316.Google Scholar
  18. 86.
    Hartwig Berger: Untersuchungsmethode und soziale Wirklichkeit, Frankfurt/Main 1974.Google Scholar
  19. 87.
    Etwa Thomas Heinze: Qualitative Sozialforschung. Erfahrungen, Probleme und Perspektiven, Opladen 1987 und Siegfried Lamnek: Qualitative Sozialforschung. Bd. 1: Methodologie, München/Weinheim 1988.Google Scholar
  20. 88.
    Thomas Heinze: Qualitative Sozialforschung. Erfahrungen, Probleme, Perspektiven, Opladen 1987, S. 42.Google Scholar
  21. 91.
    Vgl. Cornelis Wieringa: Supervision in ihren unterschiedlichen Entwicklungsphasen, in: Akademie Für Jugendfragen Münster (Hg.): Supervision im Spannungsfeld zwischen Person und Institution, Freiburg im Breisgau 1979, S. 10–21.Google Scholar
  22. 92.
    Bernd Oberhofe: Konzeption der Supervisorenausbildung an der Akademie für Jugendfragen, in: Akademie Für Jugendfragen Münster (Hg.): Supervision im Spannungsfeld zwischen Person und Institution, Freiburg im Breisgau 1979, S. 105–120.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

Authors and Affiliations

  • Sonja Bredehöft

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