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Institutionenbildung und Institutionenfortbildung im Wohlfahrtsstaat

  • Elmar Rieger
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Zusammenfassung

Rudolf Klein bemerkt in seiner Studie über den britischen Nationalen Gesundheitsdienst, daß dieser im Gegensatz zu der in den modernen westlichen Massendemokratien normalerweise anzutreffenden “pluralistischen” Organisation monopolistisch organisiert und zentral verwaltet und finanziert wird. 26 Diese Strukturform einer zentralen wohlfahrtsstaatlichen Einrichtung ist seiner Meinung nach eher in den kommunistischen Staaten des Ostblocks zu erwarten. In einem pluralistisch organisierten Staat scheint ein monopolistisch organisiertes und völlig zentralisiertes System eine Anomalie. In allen anderen westlichen Gesellschaften entsprechen die heterogenen Organisationsformen im Gesundheitsbereich, die Vielfalt unabhängig voneinander finanzierter und verwalteter Einrichtungen ihrer pluralistischen politischen und sozialstrukturellen Umwelt. Woher rührt die Erwartung, in pluralistisch organisierten und sich als pluralistisch verstehenden Gesellschaften auch die wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen, die die Interessen breiter Schichten der Bevölkerung in unmittelbaren Kontakt mit dem staatlichen Herrschaftsapparat bringen, pluralistisch zu organisieren? Warum diese Erwartung eines Entsprechungsverhältnisses zwischen jenen Merkmalen sozialer und staatlicher Strukturen, die die zentralen Werte einer Gesellschaft verkörpern, und den konkreten Strukturformen der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen? Diese Beobachtung bzw. scheinbare Selbstverständlichkeit berührt die Grundfragen einer institutionellen Analyse: wie entstehen derartige Entsprechungsverhältnisse zwischen verschiedenen institutionellen Feldern einer Gesellschaft? Welche Bedeutung haben diese Entsprechungsverhältnisse, wenn sie zu einer allgemeingültigen sozialen Norm erhoben werden können?

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Literatur

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  21. Ob Max Weber im Gebrauch des Begriffes ‘Wahlverwandschaft’ in verschiedenen Stellen seines Werkes konsistent war oder nicht, interessiert mich hier nicht. Ich denke, daß die Bedeutung des Begriffes im Kontext dieser Untersuchung eindeutig ist. Ob Weber mit ‘Wahlverwandtschaft’ ein Konzept, eine allgemeine Theorie oder eine bestimmte Art von Methodik im Auge hatte, kann dabei außer Betracht bleiben. Interessante Einblicke geben dabei folgende Arbeiten, die im Zusammenhang mit der hier verfolgten Fragestellung allerdings nicht unmittelbar relevant sind: Richard Herbert Howe, Max Weber’s Elective Affinities: Sociology within the Bounds of Pure Reason, in: American Journal of Sociology 84 (1978), S. 366–385; J.J.R. Thomas, Ideology and Elective Affinity, in: Sociology 19 (1985), S. 39–54; Hubert Treiber, Elective Affinities between Weber’s Sociology of Religion and Sociology of Law. On the Adequacy Relation between Exploratory Models with the Help of Which Weber Reconstructs the Religions and Legal Rationalization Process, in: Theory and Society 14 (1985), S. 809–861.Google Scholar
  22. Die folgenden Überlegungen wurden zum Teil durch die sogenannteGoogle Scholar
  23. ’institutionelle’ Schule der Organisationstheorie angeregt, die allerdings andere Fragestellungen verfolgt und eine andere theoretische Orientierung hat (falls man überhaupt die einzelnen Autoren unter einen Nenner bringen kann). In jedem Fall haben einige Arbeiten dieser Schule dazu beigetragen, meine eigenen Gedanken schärfer herauszuarbeiten. Vgl. dazu W. Richard Scott, The Adolescence of Institutional Theorie, in: Administrative Science Quarterly 32 (1987), S. 493–511; John W. Mayer und Brian Rowan, Institutionalized Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony, in: American Journal of Sociology 83 (1977), S. 340–363; Paul DiMaggio und Walter W. Powell, The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields, American Sociological Review 48 (1983), S. 147–160; Charles Perrow, A Society of Organizations, Yale University (unpublished paper), 1987, und die Aufsätze in dem von Lynne G. Zucker herausgegebenen Sammelband: Institutional Patterns and Organizations. Culture and Environment, Cambridge, Ma.: Ballinger, 1988.Google Scholar
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  29. Ich beziehe mich hier auf eine zentrale Äußerung Max Webers, wo er auf die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft eingeht und dabei den Begriff der Wahlverwandschaft verwendet: “Wohl aber läßt sich Allgemeines über den Grad der Wahlverwandtschaft konkreter Strukturformen des Gemeinschaftshandelns mit konkreten Wirtschaftsformen aussagen, d.h. darüber: ob und wie stark sie sich gegenseitig in ihrem Bestande begünstigen oder umgekehrt einander hemmen oder ausschließen: einander ‘adäquat’ oder ‘inadäquat’ sind.” Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 201.Google Scholar
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