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Wissenschaftstheoretische Konsequenzen dieses Konzeptes von Erkenntnis

  • Werner Meinefeld
Chapter

Zusammenfassung

Die in Teil II erarbeitete und im vorangegangenen Abschnitt in ihren wesentlichen Komponenten zusammengefaßte Analyse des Erkenntnisprozesses enthält zahlreiche Implikationen in bezug auf wissenschaftstheoretische Fragestellungen. Gegenüber der bisherigen Diskussion um diese Probleme zeichnen sich diese Implikationen dadurch aus, daß sie eine empirische Fundierung für sich in Anspruch nehmen können. Zwar leitet sich aus dieser Differenz kein Anspruch auf den Status ‚bewiesenen Wissens‘ ab, doch kann das vorgelegte Konzept auf mehr als logische Stringenz und theoretische Plausibilität verweisen. Vor allem aber ist mit der hier vorgenommenen Erweiterung der Argumentationsbasis von der wissenschaftstheoretischen Erörterung auf die erkenntnistheoretische Analyse eine andere Betrachtungsweise eröffnet worden, die die eingangs konstatierte Verhärtung der wissenschaftstheoretischen Positionen auflockern könnte.1 Im folgenden möchte ich auf einige zentrale Probleme eingehen, zu deren Klärung die obigen Überlegungen einen Beitrag leisten können.

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Literatur

  1. 1.
    Wie schon in der Einleitung erwähnt, bin ich mir der Tatsache bewußt, daß natürlich auch das hier gewählte empirisch orientierte Vorgehen nicht frei von Annahmen über die Beschaffenheit meines „Gegenstandes“ ist — und nach all den erkenntnistheoretischen Gründen, die in Teil ll für genau diese Aussage vorgetragen wurden, kann dies auch gar nicht anders sein. Auch in diesem spezifischen Bereich erkennenden Bemühens: in der Erkenntnistheorie, ist jedoch ein Erkenntnisfortschritt nicht anders möglich, als in der oben beschriebenen Art zwischen Assimilation und Akkomodation zu wechseln — nach einer Phase wissenschaftstheoretischen Assimilierens des Forschungshandelns an tradierte Kategorien stellt diese Arbeit nun den Versuch dar, eine Anpassung dieser Kategorien entsprechend den beobachteten Brüchen und Verwerfungen zwischen den wissenschaftstheoretischen Kategorien und der Forschungsrealität vorzunehmen.Google Scholar
  2. 3.
    Von Paul Hoyningen-Huene wurde ich zwischenzeitlich auf eine weitgehende Übereinstimmung des hier entwickelten Realitätsverständnisses mit dem ontologischen Konzept von Kuhn aufmerksam gemacht — Die Wissenschaftsphilosophie Thomas S. Kuhns. Rekonstruktion und Grundlagenprobleme, Braunschweig: Vieweg 1989, v.a. 257ff.Google Scholar
  3. 4.
    Dies impliziert nicht generell, daß diese Realität auch — um eine eingeführte Begrifflichkeit aufzunehmen — für sich“ strukturiert ist. Allerdings ist — und darauf werden wir in Abschnitt 111/3 zu sprechen kommen müssen — zu prüfen, inwieweit dieses für einen Teil von ihr: nämlich für die soziale Realität, zutrifft. Zu diesem Realitätsverständnis vgl. auch Engels’ Konzept eines „Minimalrealismus”, der „nicht mit dem Anspruch auftritt, Strukturen der Realität an sich erkennen zu können, sondern lediglich die Voraussetzung macht, daß es eine Realität als,Material` unserer Konstruktionen gehen muß.“ — Erkenntnistheoretischer Konstruktivismus, Minimalrealismus, empirischer Realismus, 32. Man kann diese Position teilen, ohne Engels’ Objektivitätskonzept zuzustimmen — vgl. hierzu die Kritik in Abschnitt 11/1.2.Google Scholar
  4. 5.
    Mannheim, Das Problem einer Soziologie des Wissens, 318.Google Scholar
  5. 6.
    Genau diese Konsequenz ist, wie wir oben sahen, von einigen Vertretern der Soziologie wissenschaftlichen Wissens gezogen worden. Es konnte jedoch auch gezeigt werden, daß diese „Lösung“ nicht tragfähig ist, da in ihr die Ebene,der Realität’ — als Gegenstand der wissenschaftlichen Reflexion — nur in den wissenschaftlichen Diskurs selbst verlagert wird, das Problem des Realitätsbezuges an sich damit aber nicht aufgehoben ist.Google Scholar
  6. 7.
    Mannheim, Das Problem einer Soziologie des Wissens, 357. (Vgl. auch Abschnitt 11/ 3.4.1.)Google Scholar
  7. 8.
    Wolfgang Bonß/Heinz Hartmann, Konstruierte Gesellschaft, rationale Deutung. Zum Wirklichkeitscharakter soziologischer Diskurse, in: dies., Entzauberte Wissenschaft, 1985, 9–46, hier: 20 (Hervorhebung W.M.).Google Scholar
  8. 9.
    Im Vergleich zum Sprachgebrauch des 17. Jahrhunderts haben die Begriffe „Objektivität“ und „Subjektivität” ihren Bedeutungsgehalt ausgetauscht: vgl. Peter Dear, From Truth to Disinterestedness in the Seventeenth Century, in: Social Studies of Science, 22, 1992, 619–631. Siehe auch: Lorraine Daston, Objectivity and the Escape from Perspective, in: Social Studies of Science, 22, 1992, 597–618.Google Scholar
  9. 10.
    Ein Grund hierfür mag dann zu suchen sein, daß wissenschaftstheoretische Behutsamkeit und Skrupulösität sich nicht gerade als unverzichtbare Voraussetzung erfolgreicher fachwissenschaftlicher Forschung erwiesen haben, es mag aber auch einfach sprachökonomische Gründe haben: den wissenschaftstheoretischen Vorbehalt als selbstverständlichen (aber hier nicht relevanten) Rahmen unterstellend, stellt man die Ergebnisse vor,,als ob’ diese Art der Erfassung möglich wäre.Google Scholar
  10. 11.
    Ich beschränke mich hier nur auf die Charakterisierung einer Aussage als „objektiv“ — weder die auch vorkommende Kennzeichnung eines Gegenstandes als „objektiv” noch die einer spezifischen Vorgehensweise sollen hier weiter verfolgt werden: ersteres ist identisch mit der oben postulierten „realen Existenz“, letzteres kann nur meinen, daß es sich um eine anerkannte-methodologische-Regeln-befolgende (und das heißt: verläßliche) Vorgehensweise handelt. Für diese beiden Verwendungsweisen stehen also andere, treffendere Bezeichnungen zur Verfügung.Google Scholar
  11. 12.
    Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Berlin: Mittler & Sohn, 4. völlig neubearbeitete Auflage 1929, 333.Google Scholar
  12. 13.
    Als Ursache dieser Bedeutungsverschiebung führt Daston die Veränderungen in der Organisation der Wissenschaft an, die aufgrund der erheblich größeren Anzahl von Wissenschaftlern und der parallel dazu verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten die Notwendigkeit unpersönlicher Bewertungskriterien erforderlich machten — Objectivity and the Escape from Perspective, 607ff. Dear bringt diese Veränderung auf die Formel: hatte früher die Wissenschaft „Wahrheit“ hervorgebracht, so hat das Wissen nun den Status „desinteressierter Plausiblität” bekommen — From Truth to Disinterestedness in the Seventeenth Century, 628. Dear verweist auch darauf, daß dieser neue Objektivitätsbegriff nicht positiv, sondern nur negativ definiert ist: „The,objective’ as a dimension of knowledge rooted in things and their knowability thus came to be replaced in the seventeenth century by a negative category characterized by the absence of features deemed to be inapproriate to valid knowledge.“ — a.a.O. 627.Google Scholar
  13. 14.
    Popper, Logik der Forschung, l8ff. In einer Ergänzung zur Neuauflage erweitert Popper das Kriterium von der Nachprütbarkeit auf die „intersubjektive Kritik“ — a.a.O., 18, Fußnote *1. Ebenso äußerte Karl R. Popper sich auch in: Die Logik der Sozialwissenschaften: „Was man als wissenschaftliche Objektivität bezeichnen kann, liegt einzig und allein in der kritischen Traditionchrwww(133)” — in Theodor W. Adorno u.a. (Hrsg.), Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Neuwied/Berlin: Luchterhand 1969, 103–123, hier: 112, 113, 106. Dieses Konzept der Intersubjektivität erweist sich damit als ein technisches Konzept der Herstellung von Übereinstimmung im Forschungsprozeß und ist nicht mit Schütz’ theoretischem Konzept der Intersubjektivität als Basismerkmal der Alltagswirklichkeit zu verwechseln.Google Scholar
  14. 15.
    Ein Beispiel für die,Methodologisierung` der Objektivitätsdiskussion stellt der Aufsatz von Gerard Radnitzky, Bedeutung des Objektivitätsbegriffs in Wissenschaftstheorie und Forschungspolitik, dar, der — unter dem obigen Titel — gleich zu Anfang eine weitere Verwendung des Objektivitätsbegriffes ablehnt und stattdessen die „Explikation des komparativen Begriffs der wissenschaftlichen Qualität, des Begriffs,wissenschaftlicher Fortschritt’„ in Angriff nimmt. Radnitzky erschöpft sich in der Darstellung der „Popper-sehen Methodologie“ zur Abwehr der „relativistischen Kritik” an dessen „objektivistischer Position“, ohne daß er das Problem der Objektivität noch einmal aufgenommen hätte — in: Werner Becker/Kurt Hübner (Hrsg.), Objektivität in den Natur- und Geisteswissenschaften, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1976, 189–223, hier: I90f.Google Scholar
  15. 16.
    Popper, Objektive Erkenntnis, 159, 109.Google Scholar
  16. 17.
    Popper, Objektive Erkenntnis, 159, 160. I8 Popper, Objektive Erkenntnis, 161, 166.Google Scholar
  17. 19.
    So der programmatische Titel eines seiner Aufsätze, in denen er diese Idee entwickelte — Popper, Objektive Erkenntnis, I58ff.Google Scholar
  18. 20.
    Popper, Objektive Erkenntnis, I 1 1.Google Scholar
  19. 21.
    Popper, Objektive Erkenntnis, 161, Fußnote 4.Google Scholar
  20. 22.
    Popper, Objektive Erkenntnis, 119.Google Scholar
  21. 23.
    Popper, Objektive Erkenntnis, 119.Google Scholar
  22. 29.
    Aus anderer Perspektive hat Durkheim dieses Problem beleuchtet, als er in bezug auf wissenschaftliche Begriffe feststellte: „Es genügt nicht, daß sie wahr sind, um auch [von der Gesellschaft] geglaubt zu werden. Wenn sie nicht mit den anderen Überzeugungen und den anderen Meinungen harmonieren, mit einem Wort, mit der Gesamtheit der kollektiven Vorstellungen, so werden sie abgelehnt.“ — Die elementaren Formen des religiösen Lebens, 586.Google Scholar
  23. 30.
    Fuchs, Relativism and Reflexivity in the Sociology of Scientific Knowledge, I58f. Zumeist erfolgt dieser Abbruch dort, wo sich der,diensthabende’ Forscher selbst gerade in der Reflexionsschleife befindet: der empirische Forscher verbleibt auf der Ebene,der Realität’, der Soziologe wissenschaftlichen Wissens analysiert die Konstruktionen des empirisch Forschenden, und manche Konstruktivisten beobachten dann noch den Beobachter des Beobachters, ohne damit allerdings an einem natürlichen Endpunkt angelangt zu sein.Google Scholar
  24. 31.
    Natürlich ist es wichtig und richtig, sich des Umstandes bewußt zu sein, daß diese Präsentationsstrategien immer schon angewandt worden sind, und mancher Forschungsbericht mag dank solcher Techniken ja auch schlicht leichter rezipierbar sein. Es sollte jedoch nicht die Gefahr übersehen werden, daß die Beschreibung des Faktischen leicht wertende Züge annehmen und zu dem Kurzschluß führen kann, daß — da retrospektiv für „erfolgreiche“ Forschung diese Charakteristika aufgewiesen worden sind — man erfolgreiche Forschung prospektiv an diesen Charakteristika meint erkennen zu können und Forschungsberichte normativ darauf verpflichtet werden (oder zumindest gut daran tun), entsprechende Formen anzunehmen.Google Scholar
  25. 32.
    In der Zurückweisung der radikalen erkenntnistheoretischen Schlußfolgerungen, die von einigen Konstruktivisten gezogen werden, darf aber nicht das Bewußtsein davon verlorengehen, daß der Prozeß des Erkennens auch ein Prozeß des Konstruierens ist. Wenn in dieser Arbeit die Aufmerksamkeit stärker auf die realistischen Aspekte gelenkt wird, so ist dies auch ein Akt der Kompensation, der sich gegen die zur Zeit so dominante Rhetorik des Konstruktivismus wendet und nicht die Idee selbst, sondern ihre Verabsolutierung kritisiert.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

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  • Werner Meinefeld

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