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Erklären und Verstehen im Prozeß soziologischer Erkenntnis

  • Werner Meinefeld
Chapter

Zusammenfassung

In der Frage nach einer erkenntnistheoretisch begründeten Methodologie der empirischen Sozialforschung hatten wir unseren Ausgangspunkt bei der Kontroverse um die Möglichkeit und Notwendigkeit einer eigenständigen sozialwissenschaftlichen Methodologie genommen, und zu dieser Frage möchte ich abschließend zurückkehren. Die Aufarbeitung der Diskussion um diese Fragestellung hatte gezeigt, daß hier zwei Positionen, die tatsächlich auf unterschiedlichen Dimensionen anzusiedeln sind, von ihren jeweiligen Vertretern einander direkt entgegengesetzt worden sind. Einerseits handelt es sich um eine Forschungslogik, die (aufgrund logischer Erwägungen und aus der Beobachtung der Forschungspraxis heraus) für alle Wissenschaften eine gemeinsame methodische Vorgehensweise meint feststellen zu können und die diese zum entscheidenden Abgrenzungskriterium gegenüber nicht-wissenschaftlicher Weltdeutung macht. In bezug auf dieses grundsätzliche methodische Vorgehen sind für sie alle Wissenschaften (und damit auch alle ihre ‚Gegenstände‘) gleich: es gibt eine „Logik der Forschung“ für alle, lediglich im Bereich der konkret einzusetzenden Forschungstechniken müssen Anpassungen an Spezifika der Forschungsobjekte vorgenommen werden. Auf der anderen Seite finden wir den Verweis auf die grundlegend unterschiedliche Beschaffenheit dieser Forschungsgegenstände, die eine andere Vorgehensweise für die Sozialwissenschaften (im Vergleich zu den Naturwissenschaften, die in dieser Diskussion den ‚natürlichen‘ Maßstab für die anderen Disziplinen darstellen) erforderlich mache.

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Literatur

  1. 3.
    Hans Reichenbach, Erfahrung und Prognose. Eine Analyse der Grundlagen und der Struktur der Erkenntnis, Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg (Gesammelte Werke in 9 Bänden, Band 4) 1983 (1938), alle Zitate von Seite 2.Google Scholar
  2. 4.
    Den Hinweis auf das Vorliegen einer Veränderung verdanke ich Udo Kelle, der dies in einem Vortrag, den er am 6.7.1993 am Institut für Soziologie der Universität Erlangen-Nürnberg hielt, anmerkte.Google Scholar
  3. 5.
    Reichenbach, Erfahrung und Prognose, 3 (Hervorhebung W.M.). „Erfahrung und Prognose“ ist nach Reichenbachs Emigration aus Deutschland 1938 in Englisch geschrieben und erst 1983 ins Deutsche übersetzt worden — die zwischenzeitlich eingebürgerte Bezeichnung als Begründungszusammenhang (während die,jüngeren` Übersetzer den treffenderen Begriff des Rechtfertigungszusammenhangs wählen) indiziert allerdings schon die inhaltliche Umdeutung. Das Ausmaß dieser Verschiebung wird deutlich, wenn Werner J. Patzelt für den heutigen Anwendungsbereich die Bezeichnung „Forschungszusammenhang” vorschlägt — Sozialwissenschaftliche Forschungslogik. Einführung, München/Wien: Oldenbourg, 1986, 317.Google Scholar
  4. 6.
    Augenfällig wird dies in der (auch grafischen) Darstellung des Forschungsprozesses bei Jürgen Friedrichs: Methoden empirischer Sozialforschung, Reinbek: Rowohlt 1973, 50ff; aber auch andere Verfasser gängiger Methodenliteratur vertreten diese Position als Standardeinteilung des Forschungsprozesses: siehe z.B. Heine von Alemann, Der Forschungsprozeß. Eine Einführung in die Praxis der empirischen Sozialforschung, Stuttgart: Teubner 1977, 50f; Helmut Kromrey, Empirische Sozialforschung, Opladen: Leske + Budrich 1980, 34ff; Patzelt,Sozialwissenschaftlicher Forschungsprozeß, 317f.Google Scholar
  5. 7.
    „Unter,Entdeckungszusammenhang’ ist zu verstehen der Anlaß, der zu einem Forschungsprojekt geführt hat“ — Friedrichs,Methoden empirischer Sozialforschung, 50.Google Scholar
  6. 9.
    Der normative (und oft auch kontrafaktische) Charakter dieser wissenschaftstheoretischen Position zeigt sich insbesondere in einem Vergleich der (allgemein anerkannten) methodologischen Zurückweisung induktiven Vorgehens in Poppers Falsifikationsmodell mit dem de facto weitgehend praktizierten Induktivismus in der empirischen Forschung (vgl. hierzu Heinz Sahner, Veröffentlichte empirische Sozialforschung: Eine Kumulation von Artefakten? Eine Analyse von Periodika, in: Zeitschrift für Soziologie, 8, 1979, 267–278). Diese Feststellung mindert nicht den Wert und die Geltung des Popperschen Nachweises der logischen Unmöglichkeit induktiver Schlüsse, sie verweist jedoch auf das Unvermögen der von ihm vorgestellten Alternative, die Forschungspraxis wirksam anzuleiten (sofern man nicht in der Arroganz einer abgehobenen methodologischen Perspektive diese Diskrepanz auf die Unfähigkeit der praktisch Forschenden zurückzuführen bereit ist).Google Scholar
  7. 10.
    Oder auch: die darin enthaltene Herausforderung wird neutralisiert.Google Scholar
  8. 11.
    Matthes, Die Soziologen und ihre Wirklichkeit; Matthes,Erfahrung durch Konstrukte; Matthes,TheGoogle Scholar
  9. 13.
    Allerdings wäre es ein Fehler, die Aufgabe der Soziologie auf die Rekonstruktion fremden Sinns zu beschränken — dies würde das Erkenntnishandeln des Soziologen wiederum (und zwar komplementär zum Verständnis in der einheitswissenschaftlichen Methodologie) auf einen Teilaspekt reduzieren und ihn um den Freiraum bringen, der jedem Erkennenden,zusteht` (und der auch gar nicht zu eliminieren ist): eine Strukturierung des Gegenstandes nach eigenen Kriterien vorzunehmen. Auf diesen Aspekt wird zurückzukommen sein.Google Scholar
  10. 14.
    Keineswegs sind diese Ausssagen pauschal mit einer Deutungsüberlegenheit,moderner’ gegenüber,einfachen` Gesellschaften gleichzusetzen: zum einen mag die Überzeugung der kulturellen Überlegenheit auf Seiten der ersteren zu falschen Subsumtionen von Handlungsweisen der letzteren unter scheinbar vertraute Kategorien führen, zum anderen verfügen letztere in spezifischen Bereichen (z.B. im Bereich der Glaubensvorstellungen oder des verwandtschaftlichen Interaktionssystems) häufig über differenziertere Deutungs- und Handlungsmuster als die Mitglieder „moderner Gesellschaften“.Google Scholar
  11. 15.
    Die Übereinstimmung mit radikal-konstruktivistischen Formulierungen, wie sie in Abschnitt 1111.1 dargestellt worden sind, ist in bezug auf diesen Aspekt der interpersonalen Verständigung bewußt gewählt — hinsichtlich der erkenntnistheoretischen Implikationen ist allerdings daran zu erinnern, daß in dem oben dargestellten Realitätsbezug der Erkenntniskategorien und in ihrer sozialen Formung der entscheidende Unterschied zu jener Position begründet ist und erhalten bleibt.Google Scholar
  12. 17.
    Natürlich ist eine vollständige Übereinstimmung weder möglich noch erforderlich: es genügt eine partielle Entsprechung, soweit der durch das Symbol bezeichnete Ausschnitt aus der Realität betroffen ist.Google Scholar
  13. 18.
    Nach dem bisher Gesagten dürfte es sich von selbst verstehen, daß die gängige Gleichsetzung von,Hypothesentest` mit standardisierten quantitativen und,verstehender Soziologie’ mit qualitativen Methoden nicht aufrechtzuerhalten ist:,Verstehen` ist unabhängig von der konkreten methodischen Vorgehensweise in jedem Schritt des Sozialforschers erforderlich, und ein hypothesentestendes Vorgehen ist auch mit qualitativen Methoden vereinbar. (Vgl. hierzu die undogmatische Behandlung der Frage von Hypothesentest und Quantifizierung qualitativer Daten durch Christel Hopf, Die Hypothesenprüfung als Aufgabe qualitativer Sozialforschung, in: ASI-News, Nr. 6, 1983, 33–55; Christel Hopf, Fragen der Quantifizierung in qualitativen Untersuchungen, Vortrag auf der Herbstsitzung der Methoden-Sektion der DGS in Mannheim, 11./12. 10. 1985.) In der vorherrschenden Atmosphäre wechselseitiger Abgrenzung sind solche differenzierenden Überlegungen aber bisher zu wenig zum Tragen gekommen, wird die Logik einer zweiwertigen Unterscheidung auf alle Dimensionen übertragen. (Zur psychischen Entlastungsfunktion einer „zweiwertigen Orientierung“ und ihrer dysfunktionalen Wirkung auf die Erfassung der Realität siehe S.l. Hayakawa, Semantik. Sprache im Denken und Handeln, Darmstadt: Schwarz & Co. o.J., 303ff.)Google Scholar
  14. 20.
    Blumer, Der methodologische Standpunkt des Symbolischen Interaktionismus, 102, 132.Google Scholar
  15. 21.
    Christa Hoffmann-Riem, Die Sozialforschung einer interpretativen Soziologie. Der Datengewinn, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 32, 1980, 339–372, hier: 343.Google Scholar
  16. 22.
    Roland Girder, Methoden der qualitativen Sozialforschung. Anleitung zur Feldarbeit, Wien u.a.: Hermann Böhlaus Nachf. 1984, 40.Google Scholar
  17. 23.
    Lamnek, Qualitative Sozialforschung 1, 139. Vgl. auch Abbildung 11 auf S. 124, in der in der qualitativen Sozialforschung,aus dem Nichts heraus’ aus der Realität die Theorie folgt (und beide von der empirischen Studie eingefaßt sind), während in der quantitativen Variante vorgiingige Theorie und Realität über eine empirische Untersuchung vermittelt werden und in eine modifizierte Theorie münden.Google Scholar
  18. 24.
    Glaser/Strauss, The Discovery of Grounded Theory, passim, z.B. 28ff.Google Scholar
  19. 25.
    Glaser/Strauss, The Discovery of Grounded Theory, 37. Diese Warnung vor einer vorgängigen Literaturrezeption ist vielfach zitiert und weltergebenen worden; s. z.B. Girder,Methoden der qualitativen Sozialforschung, 39; Hoffmann-Riem, Die Sozialforschung einer interpretativen Soziologie, 346; Gerhard Kleining, Umriss zu einer Methodologie qualitativer Sozialforschung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 34, 1982, 224–253, 231f.Google Scholar
  20. 26.
    In einer späteren Veröffentlichung weist Anselm Strauss dem (aus Alltagswissen und Fachliteratur gespeisten) „Kontextwissen“ eine Rolle in der Interpretation „der Daten” zu, ohne allerdings diese Rolle erkenntnistheoretisch weiter zu reflektieren — Grundlagen qualitativer Sozialforschung, Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung, München: Fink 1994 (1987).Google Scholar
  21. 27.
    Vgl. Hoffmann-Ri? m, Die Sozialforschung einer interpretativen Soziologie, 340. Die Konsequenzen dieser Position für die Forschungspraxis im einzelnen aufzuzeigen, würde über den Rahmen der hier verfolgten Fragestellung hinausgehen. Es wäre z.B. zu prüfen, inwieweit das explizite Ziel qualitativer Forschung, der Sichtweise der Handelnden gerecht zu werden, nicht durch diese Ausblendung der Konstitutionsleistung des Forschers gerade verhindert wird. So vermuten Marlis Buchmann und Ruth Gurny aufgrund einer charakteristischen Struktur der berichteten Ergebnisse, daß im narrativen Interview (das als Methode,par excellence’ für die Erfassung subjektiver Darstellungen gilt) „ein kulturimperialistischer Übergriff von seiten der Mittelschichtforscher“ stattfinde (Wenn Subjektivität zu Subjektivismus wirdchrwww(133) Methodische Probleme der neueren soziologischen Biographieforschung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 36, 1984, 773–782, hier: 778f), und Reinhard Kreissl und Christian von Wolffersdorf-Ehlert berichten aufgrund eigener Felderfahrungen von den Problemen, im praktischen Forschungskontakt die Übereinstimmung der Relevanzstrukturen von Handelnden und Forschern herzustellen (Selbstbetroffenheit mit summa cum laude? Mythos und Alltag der qualitativen Methoden in der Sozialforschung, in: Bonß/Hartmann, Entzauberte Wissenschaft, 1985, 91–110, hier v.a.: 102ff.) Auf dem Hintergrund der in einer asiatischen Kultur erfahrenen Probleme im Einsatz erzählanalytischer Verfahren verweist auch Joachim Matthes auf die mögliche Kulturgebundenheit dieser Verfahren — und damit auf ihre prinzipiell den Gegenstand strukturierende Wirkung — Zur transkulturellen Relativität erzählanalytischer Verfahren in der empirischen Sozialforschung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 37, 1985, 310–326.Google Scholar
  22. 28.
    Schon diese immer wieder verwendete Klassifikation als „(neo)positivistisch“, in der immer auch die Assoziation von,fortschrittlich versus überholt`, von,gut versus böse` mitschwingt, läßt etwas von der wissenschaftspolitischen Dimension dieser Abgrenzungsbemühungen spüren — zumindest setzt man sich mit der Verwendung dieser Begrifflichkeit nicht dem,Verdacht` aus, man habe sich sachgerecht mit den Argumenten der anderen Seite auseinandergesetzt. Siehe z.B. Girtler, Methoden der qualitativen Sozialforschung, 36; Hoffmann-Riem,Die Sozialforschung einer interpretativen Soziologie, 339, 340; Lamnek,Qualitative Sozialforschung I, 134.Google Scholar
  23. 29.
    Diese,Negativorientierung’ ging so weit, daß eine der qualitativen,Fraktion’ nahestehende Autorin schon wieder empiristische Anklänge in der Arbeit von Glaser und Strauss — und dies nicht zu Unrecht — feststellen mußte — Christel Hopf, Soziologie und qualitative Sozialforschung, in: dies./Elmar Weingarten, Qualitative Sozialforschung, Stuttgart: Klett-Cotta 1979, 11–37, hier: 24, 26. Die von Albert und Esser vorgebrachten Bedenken gegen einen „hermeneutischen Positivismus“ erweisen sich als mehr als nur ein polemisches Argument in der Auseinandersetzung: sie haben einen realen Kern.Google Scholar
  24. 30.
    Barney G. Glacer/Anselm L Strauss, Interaktion mit Sterbenden. Beobachtungen für Ärzte, Schwestern, Seelsorger und Angehörige, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1974 (1965), 263f.Google Scholar
  25. 31.
    Glaser/Strauss, Interaktion mit Sterbenden, 264f.Google Scholar
  26. 32.
    Lamnek, Qualitative Sozialforschung I, 157, 158; s.a. 139.Google Scholar
  27. 33.
    Positiv ist z.B. zu vermerken, daß die von Glaser und Strauss formulierte Forschungsstrategie in ihrem ständigen Wechsel von Datenerhebung und Datenanalyse (innerhalb einer Studie) eine weit größere Prozeßhaftigkeit und Rückkoppelung aufweist, die damit dem oben beschriebenen Muster des Erkenntnisprozesses näher kommt als das unilineare Modell des Hypothesentests.Google Scholar
  28. 34.
    Der Deutlichkeit halber sei hinzugefügt, daß Sinnhaftigkeit nicht Bewußtheit impliziert — auch routinehaftes Handeln, „bei dem man sich nichts gedacht hat“, ist ein Handeln, dessen Sinnbezug jederzeit hergestellt — und damit dann auch problematisiert und verändert — werden kann.Google Scholar
  29. 35.
    Auch sei daran erinnert, daß bereits die Re-Konstruktion eine Konstruktion im Kategoriensystem des Forschers darstellt.Google Scholar
  30. 36.
    Es liegt auf der Hand, daß es angesichts der vielfältigen Verbindungen zwischen Alltagswelt und Soziologie (von der historischen Genese der letzteren bis zur existenziellen Verankerung eines jeden Soziologen in der ersteren) eine völlige Autonomie nicht geben kann — und auch nicht geben darf, da dies eine Verstehensleistung des Soziologen zumindest erschweren Würde.Google Scholar
  31. 37.
    Wilson,Qualitative „oder“ quantitative Methoden in der Sozialforschung, 504; 504f, Anmerkung 4.Google Scholar
  32. 38.
    Ein pragmatisches Umgehen insbesondere mit diesem Postulat ist unumgänglich und auch heute in jeder qualitativen Forschung allgemeine Praxis: Harold Garfinkels Krisenexperimente wären eine sozial und psychisch äußerst stabile Situation im Vergleich zu einer Forschungssituation, in der der Forscher sich der Übereinstimmung der Deutungsweisen zwischen ihm und den Handelnden ständig vergewissern wollte — der Regreß der Infragestellung der Idealisierung gemeinsamer Interpretationen muß immer irgendwo abgebrochen werden.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Werner Meinefeld

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