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Zeichentheoretische Grundlagen Interkultureller Verständigung

  • Jens Loenhoff
Chapter

Zusammenfassung

Die Semiotik kann heute als relativ eigenständiger Wissenschaftszweig angesehen werden. Zahlreiche Versuche, die Zeichentheorie zur wissenschaftlichen Grundlagentheorie par excellence mit einem alle Disziplinen umfassenden Erklärungsanspruch zu erheben, haben allerdings auch zu stark inflationärem Gebrauch semiotischer Terminologie und damit zur in jüngster Zeit beklagten „Krise“ der Semiotik geführt. Ungeachtet derartiger Probleme gibt es jedoch eine traditionsreiche und theoretisch fruchtbare Anzahl semiotischer Arbeiten, von denen gerade die Sozial- und Kommunikationswissenschaften nicht absehen können. Es ist insbesondere der anthropologische Befund der „Weltoffenheit“ (Gehlen 1986), die Loslösung des Antriebes von bestimmter präformierter Motorik und die damit als Schwächung biologischer Eindeutigkeit verbundene Instinktarmut des Menschen (vgl. Plessner 1928), in dem Zeichen- und Symbolgebrauch ihren Ursprung haben. „Die biologische Mehrdeutigkeit des Verhaltens zwingt uns immer schon und von vornherein zur Deutung unserer Mitmenschen und unserer Umgebung. Unser Wahrnehmen, Verhalten und Handeln ist immer von Deuten begleitet. Darüber hinaus zwingt uns die fehlende Eindeutigkeit menschlichen Verhaltens zur Wahl zwischen verschiedenen Deutungsmöglichkeiten des von uns Wahrgenommenen.“ (Soeffner 1989:4) Dieser Zwang zu Symbolkonstitution und Symbolgebrauch sowie der darin begründete Problemkontext des kommunikativen Handelns verlangen nach grundlegender Analyse und Theoriebildung im Hinblick auf die Zusammenhänge zwischen Zeichen- und Symbolsystemen und ihrer Verwendung in konkreten Situationen des Alltags und der Wissenschaft. Ernst Cassirer hat in seiner „Philosophie der symbolischen Formen“ den Ergebnissen der bis dahin vorgelegten semiotischen Arbeiten und der veränderten anthropologischen Sicht menschlicher Existenz mit der Forderung Rechnung getragen, den Menschen nicht wie bisher nur als „animal rationale”, sondern vielmehr als „animal symbolicum“ zu bestimmen (Cassirer 1960:40).47

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Literature

  1. 47.
    Im Anschluß an Cassirer haben vor allem Langer und Geertz diese Befähigung zum Symbolgebrauch zum zentralen Gegenstand ihrer Untersuchungengemacht (vgl. Langer 1962, 1979; Geertz 1960, 1987 ).Google Scholar
  2. 48.
    Zwar verfügt die soziologische Tradition mit Arbeiten etwa von Tarde, Durkheim, Schütz, Simmel, Tönnies u.a. über Autoren, die wichtige Beiträge zur Zeichen-und Symboltheorie geleistet haben; der gängige Idealismus-Vorwurf sowie der Hinweis auf Irrelevanz fir die tatsächlichen Erfordernisse des Faches (z.B. in den Bereichen der Gesellschaftstheorie) scheinen jedoch die stärkere Einbeziehung der Semiotik zu behindern. Nur wenige Autoren aus Soziologie und Kommunikationsforschung haben sich in den letzten Jahren darum bemüht, explizit semiotische Arbeiten an ihre Fragestellungen anschlußfähigzu machen (vgl. Soeffner 1979a, 1989; Schmitz 1985, 1987; Juchem 1985 ).Google Scholar
  3. 49.
    Die Arbitrarität der Zeichen erkannte u.a. auch der Physiologe Helmholtz, der mit seinen Ausführungen bereits Probleme aufgreift, die von der heute aktuellen Kognitionsbiologie und dem sich an diesem Paradigma orientierenden „radikalen Konstruktivismus“ (vgl. Schmidt 1987a) ausgearbeitet werden. „Insofern die Qualität unserer Empfindung uns von der Eigentümlichkeit der äußeren Einwirkung, durch welche sie erregt ist, eine Nachricht gibt, kann sie als Zeichen derselben gelten, aber nicht als ein Abbild. Ein Zeichen.. braucht gar keine Art der Ähnlichkeit mit dem zu haben, dessen Zeichen es ist”(Helmholtz 1896:586).Google Scholar
  4. 50.
    Was noch für Leibniz lediglich den Begriff charakterisiert (“multorum in uno expressio”) wird in Cassirers Philosophie definitorisch auf Zeichen allgemein ausgedehnt: „Denn dem Zeichen kommt, im Gegensatz zu dem realen Wechsel der Einzelinhalte des Bewußtseins, eine bestimmte ideelle Bedeutung zu, die als solche beharrt. Es ist nicht gleich der gegebenen einfachen Empfindung ein punktuell Einzelnes und Einmaliges, sondern es steht als Repräsentant fir eine Gesamtheit, einen Inbegriff möglicher Inhalte, deren jedem gegenüber es also ein erstes ‘Allgemeines’ darstellt“ (1954I:22).Google Scholar
  5. 51.
    Diese doppelte Leistung wurde von Leibniz zumindest den Sprachzeichen zuerkannt: „Je crois qu’en effet sans le désir de nous faire entendre, nous n’aurions jamais formé la languechrww(133) Dieu lui [dem Menschen] a donné aussi la faculté de parler, qui devoit être le grand instrument et le bien commun de cette société. C’est là que viennent les mots, qui servant à représenter et même à expliquer les Idées“ (Nouveaux Essais, livre III, c.I §2 und §1; zit. nach Kiss 1989:148, Anm. 10)Google Scholar
  6. 52.
    Klein hat darauf hingewiesen, daß sich neben den genannten Paradigmen auch der rationalistische Traditionsstrang der Philosophie diese Auffassung zu eigen gemacht hat. Die rationalistische Position geht von einem dem Menschen angeborenen oder in natürlicher Reifung entwickelten Kategorienapparatund diesem verbundenenBegriffsnetzen aus, mit dessen Hilfe „Realität“ verarbeitet wird. Der Sprache kommt dabei lediglich eine gewisse Ausdifferenzierungsfunktion der sprachunabhängig vorgegebenen universalen Schemata zu (vgl. Klein 1986: 63 ).Google Scholar
  7. 53.
    Neben den beiden genannten Autoren ist die Entfaltung der Semiotik von einer Vielzahl anderer Philosophen, Psychologen und Sprachforschern geprägt worden, unter ihnen Husserl, Bühler, Erdmann, Gomperz, Gätschenberger u.a. Anstelle einer unvollständigen Auflistung einiger Arbeiten vgl. Eschbach/Rader (1974), Eschbach/Trabandt (1983), Eschbach/Eschbach (1986).Google Scholar
  8. 54.
    Der Text des „Cours de linguistique générale”, 1916 von Bally und Sechehaye nach Vorlesungsmitschriften herausgegeben, wird jedoch nach heutigem Forschungsstand als mißverständlich eingestuft, da er von den Herausgebern stark überarbeitet und geglättet wurde. Trotz der kritischen Ausgaben von Engler (1967ff.) und de Mauro (1979) besteht kein einheitliches de Saussure-Bild in der Sprachwissenschaft. Die Einschätzung dieser Arbeiten im Hinblick auf die aktuelle semiotische Diskussion variiert deshalb mitunter stark. Eine aktuellere Standortbestimmung der de Saussureschen Semiologie unternehmen die von Jäger und Stetter (1986) herausgegebenen Arbeiten.Google Scholar
  9. 55.
    Dies hängt unmittelbar damit zusammen, daß de Saussure auf die Existenz vielfältiger anderer Zeichensysteme wie etwa symbolische Riten, Höflichkeitsformen, militärische Signale und visuelle Alphabete hingewiesen hat. Gleichwohl ist die Sprache in de Saussures Semiologie das wichtigste und grundlegendste dieser Zeichensysteme. Insebsondere Lévi-Strauss hat in Analogie zu de Saussures Grundlegung versucht, mit strukturalistischen Methoden die Probleme ethnologischer Forschung zu bewältigen (vgl. Lévi-Strauss 1949; 1975 ).Google Scholar
  10. 56.
    Dieser Kritik der nominalistischen Sprach - und Zeichenauffassung schließt sich auch Wittgenstein an. Er verweist - allerdings erst in seiner Spätphilosophie - ebenfalls auf die Unmöglichkeit einer deskriptiven Zuordnung von Zeichen und Sachverhalten durch eine Abbildtheorie und damit auf die nicht reduzierbare Vielfalt der Sprachmodi: „Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige solcher Arten der Verwendung alles dessen, was wir ‘Zeichen’, ’Worte’, ’Sätze’ nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein fir allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen.“ (P.U. 23.)Google Scholar
  11. 57.
    Zwar sollte die Linguistik nach de Saussure nur ein Teilgebiet der neuen umfassenden Wissenschaft von den Zeichen sein, seine Nachfolger jedoch vertreten die These, daß die Gegenstände der Semiologie ausschließlich in ihrer Vermittlung durch die Sprache gegeben sind. Die daraus abgeleitete, dem ursprünglichen Programm de Saussures zunächst entgegenstehende Überlegung, daß die Semiologie mithin ein Teilgebiet der Linguistik zu sein hätte, wird von allen Semiologen, ob hermeneutisch oder marxistisch orientiert, als Basistheorem gepflegt.Google Scholar
  12. 58.
    Eco interpretiert die Semiologie de Saussures dagegen als Konzeption einer „strengen Semiotik der Signifikation”, in der der Zeichenprozeß als zweistellige Relation beschrieben wird (“signifie“ und „signifiant”), und dem Sprachsystem (“la langue”), das als Regelsystem dem Zeichenbenutzer die Herstellung einer Beziehung zwischen beiden Größen ermöglicht. Diese Konzeption habe zudem einen recht starren, unidirektionalen Charakter. Darüber hinaus kritisiert er die sich an de Saussure orientierende Semiotik im Hinblick auf ihre strikte Unterscheidung zwischen intentionalen, künstlichen Akten, denen allein Zeichenqualität zugesprochenwird und nichtintentionalen, natürlichen Phänomenen, denen streng genommen die Zeichenhaftigkeitabgesprochenwird (vgl. Eco 1987:36). Wir können diesen Fragen jedoch hier nicht weiter nachgehen, da weder eine de SaussureExegese noch ein systematischer Vergleich verschiedener aktueller zeichentheoretischer Ansätze unsere Problemstellung näher tangieren.Google Scholar
  13. 59.
    Ebenso bemerkt Morris: „The process in which something functions as a sign may be called semiosis. This process, in a tradition which goes back to the Greeks, has commonly been regarded as involving three (or four) factors: that wich acts as a sign, that which the sign refers to, and that effect on some interpreter in virtue of which the thing in question is a sign to that interpreter“ (Morris 1938:3).Google Scholar
  14. 60.
    Bei Peirce heißt es diesbezüglich: „A sign is anything which is related to a Second Thing, its Object, in respect to a Quality, in such a way as to bring a Third Thing, its Interpretant, into relation to the same Object, and that in such a way as to bring a fourth into relation to that Object in the same form, ad infinitum.“ (C.P. 2.92)Google Scholar
  15. 61.
    Ähnliches ist bei Ogden und Richards zu lesen: Our knowledgechrww(133) takes the form of signs, and those signs we interpret as signifying the unknown relation of things in the external world. The sensations which lie at the basis of all perceptions are subjektive signs of external objects. The qualities of sensations are not the qualities of objects. Signs are not pictures of reality. „ (1966:79) Malinowski hat sich dieser Auffassung - auch mit Blick auf die ethnographische Situation - im Nachwort zu ”Meaning of Meaning“ ausdrücklich angeschlossen: ”chrww(133) it is obvious that the context of situation, on which such a stress is laid here, is nothing else but a sign-situation of the Authors.“ ( 1966: 308 )Google Scholar
  16. 62.
    Wie wäre Semiotik dann zu verstehen? Von unserem Standpunkt aus betrachtet könnte sie sich nicht als abstrakte Lehre von den Zeichen und Bedeutungen behaupten: sie ‘ist’ nicht, sie ’ereignet’ sich und zwar grundsätzlich nicht im Monolog, sondern im Gespräch“ (Grassi/Schmale 1982:24).Google Scholar
  17. 63.
    Die in der Folge von Carnap, Morris und der Entfaltung der „kalifornischen“ Semantik vorgenommeneSpaltung des Bedeutungsaspektes sprachlicher Zeichen in eine semantische und eine pragmatische Dimension fiihrt ebenso zu erheblichen Problemen. Da Bedeutung immer Beudeutung fir Subjekte ist, ist die Vorstellung einer unpragmatisch konzipierten Semantik irrefiihrend (vgl. Klein 1986:89f.).Google Scholar
  18. 64.
    Die Welt besteht nicht aus Gegenständen, die nachträglich benannt werden, sie entsteht aber auch nicht erst durch Sprache und das Benennen von Gegenständen. So hatte Wittgenstein schon im Tractatus verdeutlicht, daß die Welt weder die Summe von Gegenständen noch selbst ein Gegenstand ist, da nur „in der Welt“ Gegenstände durch Prädikatoren ausgegrenzt werden können (vgl. Wittgenstein 1963 ). Kamlah und Lorenzen unternehmen vor dem Hintergrund dieser Überlegungen den sprachkritischen Versuch einer Rekonstruktion derjenigen Lernprozesse, die den Gebrauch von Prädikatoren und deiktischen Ausdrücken in der natürlichen Sprache bestimmen. Das Verhältnis von Deixis und dem Priidikatorengebrauch ist mithin als ein semiotischer Prozess zu begreifen (vgl. Kamlah/Lorenzen 1967 ).Google Scholar
  19. 65.
    Bereits der erste Band der Frühschrift „Philosophie der Arithmetik“ enthält eine 1890 erschienene Abhandlung „Zur Logik der Zeichen (Semiotik)”, in der zwischen zwei Modalitäten unterschieden wird, in der uns Begriffe und Inhalte gegeben sein können: „chrww(133) erstens in eigentlicher Weise, nämlich als das was sie sind; zweitens in uneigentlicher oder symbolischer Weise, nämlich durch Vermittlung von Zeichen“ (Husserl 1970:340). Husserl hat auch später noch hartnäckig an dieser Sphäre des Eigentlichen und der reinen Bedeutung festgehalten. Der von Heidegger im Anschluß an die Phänomenologie vorgenommene existentialontologische Versuch der Überwindung dieser Metaphysik der Subjektivität übernimmt die Begriffe des Eigentlichen und Uneigentlichen und stellt sie in einen quasi-hermeneuti-schen Zusammenhang, nämlich als eigentliches, wahres und uneigentliches Verständnis (vgl. Heidegger 1963).Google Scholar
  20. 66.
    Das wahrnehmungstheoretische Potential der Husserlschen Phänomenologie ist am weitesten von MerleauPonty ausgeschöpft worden. Er unternimmt den Versuch, die Phänomenologie der Wahrnehmung in eine Phänomenologie des „Zwischenleiblichen“ zu integrieren. Mit dieser Sphäre erschließt sich ein kommunikatives Ausdrucksfeld, dessen Analyse weit über den Rahmen Husserls hinausgeht (vgl. Merleau-Ponty 1976, Metraux 1976, Grathoff/Sprondel 1976). Das Defizit konversationsanalytischer Ansätze, die das dialogische Geschehen vor allem in seinen Sprechakten behandeln, liegt in der Vernachlässigung gerade dieses kommunikativen Ausdrucksfeldes, das weit über die verbalen Äußerungen der Beteiligten hinausgeht und weit mehr selektive Ereignisse als nur Sprechakte miteinbezieht (vgl. Loenhoff 1991 ).Google Scholar
  21. 67.
    Für die „Logischen Untersuchungen“ gilt folgende terminologische Klarstellung: „Bedeutung gilt uns ferner gleichbedeutend mit Sinn.“ (Husserl 1913:51f.) Später, in den „Ideen I”, hat Husserl die Synonymität von Sinn und Bedeutung problematisiert und modifiziert. Wir können dies aber hier vernachlässigen (vgl. Husserl 1950a:303f.).Google Scholar
  22. 68.
    Auf den entsprechenden Unterschied in den Erfahrungsmodi, Wahrnehmung einerseits und „bildlich symbolische“ oder „signitiv-symbolische“ Vorstellung andererseits hat Husserl immer wieder hingewiesen (vgl. 1950b:99).Google Scholar
  23. 69.
    Zur dieser Distinktion heißt es in den „Logischen Untersuchungen”: „Solche Äußerungen [Mienen und Gesten] sind keine Ausdrücke im Sinne der Reden, sie sind nicht gleich diesen im Bewußtsein des sich Äußernden mit den geäußerten Erlebnissen phänomenal eins; in ihnen teilt der eine dem anderen nichts mit, es fehlt ihm bei ihrer Äußerung die Intention, irgendwelche Gedanken in ausdrücklicher Weise hinzustellen, sei es für andere, sei es auch fir sich selbst, wofern er mit sich allein ist. Kurz, derartige Ausdrückehaben eigentlich keine Bedeutung.“ (1913:§5)Google Scholar
  24. 70.
    Schütz und Luckmann folgen hier Husserl, allerdings ohne Bezug auf die transzendentale Begründungsebene. Anzeichen sind ihrer appräsentativen Grundstruktur nach „chrww(133) von Intersubjektivität wesentlich unabhängig, der empirischen, in der natürlichen Einstellung selbstverständlichen Tatsache ungeachtet, daß Anzeichen in der Alltagswelt in die verschiedensten kommunikativen Vorgänge eingefigt werden und so ein proto-zeichenhaftes Dasein zu fihren beginnen. Nicht alle Anzeichen sind Ausdruck.“ (Schütz/Luckmann 1984:185) Dagegen kommt denjenigen Äußerungen Zeichenqualität zu, die eine kommunikative Absicht enthalten. Sie wollen deshalb „chrww(133) nur solche appräsentativen Beziehungen für zeichenhaft halten, die wechselseitig und gleichartig gesetzt und gedeutet werden - und zwar so, daß schon die Setzung grundsätzlich auf die Deutung (mit-)angelegt ist. “ (Schütz/Luckmann 1984: 192 )Google Scholar
  25. 71.
    Habermas rekonstruiert Husserls Beitrag als Beweis für eine expressivistische Kornmunikationstheorie, die in den Aporien der Bewußtseinsphilosophie verhaftet bleibt und daher den intersubjektiven Charakter sprachlicher Verständigung nicht zu erfassen vermag. Seine Theorie des kommunikativen Handelns sucht diese Aporien bekanntlich auf dem Wege einer formelpragmatischen Bedeutungstheorie zu überwinden. Auf die damit verbundenen Probleme wurde bereits hingewiesen (vgl. Habermas 1985:197ff.).Google Scholar
  26. 72.
    Wenn wir über das Verhältnis von Ausdruck und Bedeutung reflektieren und zu diesem Ende das komplexe und dabei innig einheitliche Erlebnis des sinnerfillten Ausdruckes in die beiden Faktoren Wort und Sinn zergliedern, da erscheint uns das Wort selbst als an sich gleichgültig, der Sinn aber als das, worauf es mit dem Worte ‘abgesehen’, was vermittelst dieses Zeichens gemeint ist; der Ausdruck scheint so das Interesse von sich ab und auf den Sinn hinzulenken, auf diesen hinzuzeigen. Aber dieses Hinzeigen ist nicht das Anzeigen in dem von uns erörterten Sinne. Das Dasein des Zeichens motiviert nicht das Dasein, oder genauer, unsere Überzeugung vom Dasein der Bedeutung. Was uns als Anzeichen (Kennzeichen) dienen soll, muß von uns als daseiend wahrgenommen werden. Dies trifft aber auch zu für die Ausdrücke in der mitteilenden, aber nicht für die in der einsamen Rede.“ (Husserl 1913: § 8)Google Scholar
  27. 73.
    Husserl führt deshalb aus: „Der Hörende nimmt wahr, daß der Redende gewisse psychische Erlebnisse äußert, und insofern nimmt er auch diese Erlebnisse wahr; aber er selbst erlebt sie nicht, er hat von ihnen keine innere, sondern eine äußere Wahrnehmung. Es ist der große Unterschied zwischen dem wirklichen Erfassen eines Seins in adäquater Anschauung und dem vermeintlichen Erfassen eines solchen auf Grund einer anschaulichen oder inadäquaten Vorstellung. Im ersteren Falle erlebtes, im letzteren Falle supponiertes Sein, dem Wahrheit überhaupt nicht entspricht. Das wechselseitige Verständnis erfordert eben eine gewisse Korrelation der beiderseitigen in Kundgabe und Kundnahme sich entfaltenden psychischen Akte, aber keineswegs ihre volle Gleichheit.“ (Husserl 1913: § 7)Google Scholar
  28. 74.
    Derrida sieht in diesem Verhältnis von Zeichen (Ausdruck) und Anzeichen die ganze Kommunikationsproblematik begründet: „Das Wesen der Sprache ist ihr Telos, und ihr Telos ist das willentliche Bewußtsein des bedeutenden Sagen-Wollens. Die Sphäre der Anzeige, die Außerhalb des so verstandenen Ausdrucks verbleibt, verantwortet das Mißlingen dieses Telos; sie repräsentiert all das, was in einem selbstsicheren und von Be-deuten geprägten Diskurs nicht Aufnahme finden kann, obwohl es sich mit dem Ausdruck verflechten mag.“ (Derrida 1979:89)Google Scholar
  29. 75.
    Die bei Husserl erwähnten Umstände, zu denen die Ausdrücke in einem „geregelten Verhältnis“ stehen, deuten an, was später bei Wittgenstein als Sprachspiel konzipiert ist. Husserl war offensichtlich zu stark in den Erkenntnisstil der Bewußtseinsphilosophieeingebunden, um über die Konsequenzen dieser Randbemerkung weiterzureflektieren.Google Scholar
  30. 76.
    Ähnliches ist auch bei Paul (1920) mit der Unterscheidung zwischen „usuellen“ und „okkasionellen“ Ausdrücken angedeutet.Google Scholar
  31. 77.
    Wittgenstein hat später im Tractatus versucht, diese Vergeblichkeit zu überwinden: „Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles was sich aussprechen läßt, läßt sich klar aussprechen“ (TLP 4.116).Google Scholar
  32. 78.
    Auch in Schütz’ früher Arbeit (1974) finden sich noch recht einseitige Bemerkungen über das Verhältnis von Zeichen, Kontext und Benutzer, die seine Befangenheit in der BewußtseinsphilosophieHusserls dokumentieren. Schütz glaubt, die dem Zeichen grundsätzlich zukommendeldealität des „Immer wieder“ nur plausibel machen zu können in dem er behauptet: „Ein Zeichen hat innerhalb des Zeichensystems, dem es zugehört, insofern einen ‘objektiven Sinn’ als es unabhängig von den Zeichensetzenden und den Zeichendeutenden dem, was es bedeutet, einsinnig zuordenbar ist. Prüfen wir den Inhalt dieses Satzes genau, so besagt er nichts anderes, als daß jedermann, welcher dieses Zeichensystem ’beherrscht’, unter dem Zeichen in seiner Bedeutungsfunktion das Bezeichnete versteht, gleichgültig vom wem und in welchem Zusammenhang es gebraucht wird.“ (1974:172) Erst in späteren Arbeiten treten pragmatische Motive stärker in den Vordergrund (vgl. Schütz 1971a, 1979, 1984 ).Google Scholar
  33. 79.
    Dies ist an anderer Stelle umfangreich erfolgt. Zu den für die Kommunikations-und Bedeutungstheorie instruktiven Arbeiten zählen vor allem die Rekonstruktionen von Apel (1976b), Ambrose (1972), DeMauro (1969), Lübbe (1960/61), Stegmüller (1978), Waismann (1968, 1976) und die kritische Bewertung durch Gellner (1972).Google Scholar
  34. 80.
    Auf die Erörterung der Möglichkeiten einer konstruktiven Semantik, wie sie von Wittgenstein im Tractatus sowie von Russel, Carnap und Reichenbach konzipiert worden ist, muß an dieser Stelle verzichtet werden, da die hier interessierenden pragmatischen Aspekte von der „Philosophie der idealen Sprache“ konsequent ausgespart bleiben.Google Scholar
  35. 81.
    Wittgenstein hält es im Rahmen seiner Kritik an psychologischen Verstehenstheorien für unsinnig, überhaupt über innere Handlungen zu spekulieren oder nach entsprechenden theoretischen Erklärungen zu suchen. Die Umstände des Gebrauchs symbolischer Ausdrücke geben Aufschluß darüber, welche Intentionen mit ihnen verbunden sind. Auf der Grundlage des jeweiligen Sprachspiels „zeigen“ sich die Bedeutungen. Sie können sich zeigen, weil die Bedeutungsfunktion der Ausdrücke durch die intersubjektiv geteilten Regeln des Sprachspiels festgelegt sind. Wittgenstein versucht darüber hinaus jene Maßstäbe dingfest zu machen, an denen sich zeigt, ob der Betreffende richtige oder falsche Bedeutungenzugeschrieben, richtig oder falsch verstanden hat. Er spricht hier deshalb von „Gepflogenheiten“ (P.U. 199), die institutionellen Charakter haben und so eine gewisse Festlegung vornehmen. Die Frage nach der Bedeutungskonstitutionwird in die Frage nach dem Gebrauch symbolischer Ausdrücke, die als Zeichen fungieren, transformiert. Dabei spielt der Zeichenbenutzer eine wesentliche Rolle bei der Konstitution von Bedeutung: „Wenn wir jedoch irgendetwas, das das Leben des Zeichens ausmacht, benennen sollten, so würden wir sagen müssen, daß es sein Gebrauch ist“ (BI.B. 22). Die semiotische Dimension seiner Argumentation zeigt sich schließlich auch an der entsprechenden Bestimmung des Verstehensbegriffs: „Das was uns am Zeichen interessiert, die Bedeutung die für uns maßgebend ist, ist das, was in der Grammatik des Zeichens niedergelegt ist.chrww(133) Wir fragen: Wie gebrauchst Du das Wort, was machst Du damit - das wird uns lehren, wie Du es verstehst.“ (P.G. 44)Google Scholar
  36. 82.
    Dies suggeriert, daß zu jeder Situation ein passendes Muster existiert, das nur durch die Handelnden bzw. Kommunikationspartner übertragen zu werden braucht: „Einer Regel folgen ist analog dem: einen Befehl befolgen: Man wird dazu abgerichtet und man reagiert auf ihn in bestimmter Weise“ (P.U. 206.). Stegmüller hat diese Position zu Recht als „Sinnbehaviorismus“ bezeichnet (1978:639). Die theoretisch erklärungsbedürftige Kardinalfrage nach den diese Übertragung und Anwendung ermöglichenden kreativen Leistungen der Handelnden bleibt hier allerdings ungeklärt.Google Scholar
  37. 83.
    Der Begriff der Ähnlichkeiten und der Verwandtschaft sollen offensichtlich das Sprachspielkonzept einer essentialistischen Interpretation entheben. Die Voraussetzung einer Teilnahme an einem gemeinsamen Sprachspiel soll hier - wie Apel treffend analysiert - an die Stelle des methodischen Solipsismus der Einfiihlung in andere treten. „Es erweist sich, daß jenes Selbstverständnis, das der methodische Solipsist als Investition der Einfühlung zum Verständnis der anderen (wenn nicht gar zum Beweis ihrer Existenz als Geistwesen) aufbieten möchte, selbst schon vermittelt ist durch die öffentliche Regel eines Sprachspiels und die mit ihm verwobene ‘Lebensform’“ (Apel 1976b:371).Google Scholar
  38. 84.
    Der Begriff der „fuzzy sets“ stammt ursprünglich aus der Mengenlehre und war fir die Entwicklung mehrwertiger Logiken von Bedeutung. Aus bedeutungstheoretischer Perspektive dürfte interessant sein, daß (mit anderem Akzent als bei Quine) vor allem das Moment der Unbestimmtheit von Bedeutungen hervorgehoben wird (vgl. Steinbacher 1984:83). Lakoff hat in diesem Zusammenhangeine „fuzzy-concepts-Semantik“ entwickelt (vgl. Lakoff 1975a, 1975b:254ff.; Zadeh 1982:25ff.; Gottinger 1973:113ff.; v. Stechow/Schepping 1988).Google Scholar
  39. 85.
    Aufschlußreich ist in diesem Zusammhang die Kritik von Fodor und Katz (19646, 1966 ). Danach liegt die Schwäche des Sprachspielkonzepts darin, daß die syntaktische und semantische Struktur der Sprache als Determinante sinnvollen Redens nicht genügend Berücksichtigung gefunden hat. Im Hinblick auf die Regeln der Sprachspiele kritisieren die Autoren, daß weder Form noch Inhalt solcher Regeln bei Wittgenstein genau bestimmt sind; daraus folgt, daß es keine Gebrauchstheorie der Bedeutung gibt, sondern allenfalls die Empfehlung, Bedeutungsfragen als Fragen der Verwendung von symbolischen Ausdrücken zu behandeln (vgl. Schmidt 1969:29). Fodor und Katz schlagen daher vor, eine Metatheorie der Sprache auszuarbeiten, die die Ableitung aller syntaktischen und semantischen Regeln, die ein kompetenter Sprecher zur Verständigung benötigt, erlaubt. „Ordinary-language philosophers deny that a logistic system can capture the richness and complexity of a natural language.chrww(133) What is needed is a theory based upon and representing the full structural complexity of a natural language, not one which reflects the relatively simple structure of some arbitrarily chosen artifical language“ (Fodor/Katz 1964a:3f.). An der Durchführbarkeit dieses Programms darf allerdings gezweifelt werden.Google Scholar
  40. 86.
    Auf die Konvergenz von Wittgensteins Begriff der Familienähnlichkeiten und Bühlers „synchytischen“ Begriffen hat vor allem Eschbach aufmerksam gemacht (1984c). Bühlers Lehrer Johannes von Kries hat in seiner „Logik“ von 1916 die synchytischen Begriffe von den synthetischen unterschieden. Synchytische Begriffe werden nicht wie die synthetischen durch Angabe einer Definition charakterisiert, sondern durch Verweis auf Beispiele. Sie haben daher „chrww(133) durchgängig die besondere Eigentümlichkeit einer gewissen Unbestimmtheit“ (von Kries 1916:11; vgl. Eschbach 1984c:178). Bühler fiihrt in der „Sprachtheorie“ aus, daß die Entscheidung, ob ein derartiger Begriff zur Anwendung komme, nur aufgrund einer mehrfachen, nicht nur von einem einzigen Aspekt bestimmbaren Ähnlichkeit vorgenommen werden könne. Nicht der Inhalt des Begriffs sei hierbei entscheidend, sondern sein Verwendungsbereich; dies rückt Bühler zweifellos in die Nähe der Wittgensteinschen Familienähnlichkeiten. Über die Frage, ob Wittgenstein mit den Arbeiten Bühlers und der Würzburger Schule vertraut war, herrscht allerdings Uneinigkeit (vgl. Kaplan 1984; Eschbach 1984c).Google Scholar
  41. 87.
    Allein, was besagt eigentlich diese ‘grundsätzliche Symbolhaftigkeit’? Die Möglichkeit, jeden Gegenstand vermittels eines anderen (vornehmlich sinnlicher Anschauung) zu bestimmen, dem die ’Konvention’ eine ’Bedeutung’ gibt. Daß jeder Gegenstand symbolisierbar ist, heißt also, daß er eben als Gegenstand selbst auch wieder zum ’Symbol’ für jeden anderen müsse werden können;chrww(133) Grundsätzliche Symbolhaftigkeit kommt also einer wechselweisen Beziehung möglicher Gegenstände gleich, einer Beziehung, die die Norm der ’kulturellen’ Gemeinschaft, eben die Verständigung als ’Sprache’, stiftet.“ (Hönigswald 1937:83)Google Scholar
  42. 88.
    Allein das Symbol verkörpert selbst in seinen sublimiertesten Formen immer noch die Idee einer wenn auch unter Umständen unausweichlichen, immer aber durch subjektive Motive bestimmten ‘Setzung’, einer Setzung, vermittels deren das ‘Subjekt’ einem ihm als schlechthin gegebenen betrachteten’Gegenstand’ mit gewissen ’Absichten’ gegenübertritt und diese nach subjektiven Maßstäben der Verständigung verwirklicht.“ (Hönigswald 1937:82)Google Scholar
  43. 89.
    Hönigswald arumentiert hier ganz im Sinne Schleiermachers. Zur endgültigen Aufklärung über den Sinn und die Bedeutung von Äußerungen bemerkte der Begründer der neuzeitlichen Hermeneutik, daß die Aufgabe der Interpretation „chrww(133) das geschichtliche und divinatorische objektive und subjektive Nachconstruiren der gegebenen Rede“ (1959:86) ist. An anderer Stelle betont er: „Die Lösung der Aufgabe ist alsochrww(133) nur durch Approximation möglich.“ ( 1959: 62 )Google Scholar
  44. 90.
    Dieser jede Wahrnehmungssituationbegleitende Vorgang des Schließens wird bei Luhmann „contraphänomenologisch“ sehr unspezifisch als „Prozessieren von Selektion“ bezeichnet (vgl. Luhmann 1984:191ff.).Google Scholar
  45. 91.
    In starker Anlehnung an diese Psychologismuskritik Husserls hat vor allem Bühler den interpretativen Charakter der Wahrnehmung hervorgehoben, nach dessen Auffassung bereits der Wahmehmungsprozeßim wesentlichen ein Interpretationsvorgangist. Nicht erst nachdem etwas wahrgenommen wurde, setzt in der Reflexion der Vorgang der Zeicheninterpretation ein, sondern unsere Sinnesdaten konstituieren sich bereits mittels Zeichen und als Interpretationsprozeß (vgl. auch James 1927:224).Google Scholar
  46. 92.
    Die Parallität zu Schütz’ Begriff der Relevanzstruktur ist hier deutlich erkennbar. Dies könnte damit zusammenhängen, daß Schütz in den zwanziger Jahren bei Bühler in Wien promovierte und dort von Bühler Anregungen zu seinen Arbeiten über Relevanzsysteme erhalten hat.Google Scholar
  47. 93.
    Aristoteles schreibt zur Abduktion in der Ersten Analytik: „Eine Apagoge (Umbiegung), Abduktion ist es, wenn es sicher ist, daß der erste (obere) Begriff dem mittleren zukommt, das aber, daß der mittlere dem letzten (unteren) zukommt, zwar unsicher, aber ebenso glaubwürdig oder glaubwürdiger ist als der Schlußsatz. Ferner, wenn der Zwischenglieder zwischen dem letzten und dem mittleren Begriff wenige sind. Denn auf alle Fälle kommen wir so dem Wissen näher“ (Anal. pr. I 69a).Google Scholar
  48. 94.
    Abduction is a distinct type of reasoning (inference and argument), which is not to be confused with the two traditionally recognized types, induction and deduction. Peirce considered abduction to be the essence of his pragmatism (5.196). He incited that it was essential to history (6.606, 2.714), that it constituted the first stage of all inquiries (6.469), and that it was a necessary part of perception (5.181) and memory (2.625). „ (Fann 1970: 5 )Google Scholar
  49. 95.
    Peirce’ bekanntestes Besipiel ist folgendes (C.P. 5.189): „The surprising fact (C), is observed; But if A were true, C would be a matter of course, Hence, there is a reason to suspect that A is true”Google Scholar
  50. 96.
    Eine Parallele zwischen Peirce’ Abduktionsbegriffund Paretos Theorie der nicht-logischen Handlungen sieht Grathoff. Offensichtlich erfüllt die darin entworfene „Logique des Sentiments“ fir die Handelnden eine ähnliche Funktion wie der abduktive Schluß bei Peirce (vgl. Grathoff 1989:275f.). Pareto äußert sich mehrfach, an einigen Stellen auch unter Bezug auf die enthymematische Konklusion bei Aristoteles (1 1405ff.), zur Funktion alltagsweltlicher Schlüsse im Rahmen der „Logique des Sentiments”: „D faut enfin remarquer que si, dans la logique ordinaire, la conclusion résulte des prémisses, dans la logique des sentiments, ce sont les prémisses qui résultent de la conclusion.“ (Pareto 1968:§ 514, 227 ).Google Scholar
  51. 97.
    Auch Wittgenstein hat auf das Hypothetische als wichtiges Moment im Verstehensprozeß hingewiesen: „Was nenne ich ‘die Regel, nach der er vorgeht’? - Die Hypothese, die seinen Gebrauch der Worte, den wir beobachten, zufriedenstellend beschreibt“ (P.U. 82.). Eben diese Hypothesenbildung nennt er „verstehen”: „Das Verstehen möchte man einen geistigen Vorgang oder einen Zustand der Seele nennen und charakterisiert es damit als hypothetischen Vorgang“ (P.G. 41.). Über das Verstehen hinaus bezieht er sich an anderer Stelle auch explizit auf die Wahrnehmung: „chrww(133) diese Mechanismen sind doch nur Hypothesen; Modelle zur Erklärung, zur Zusammenfassung dessen, was du wahrnimmst“ (P.U. 156.). Bei Wittgenstein stehen diese Bemerkungen über das Hypothetische jedoch in einem etwas anderen Zusammenhang als bei Peirce. Es geht ihm vorrangig um die Abgrenzung von inneren Handlungen, die einer sicheren Klärung nicht zugänglich sind und des dagegen manifesten und beschreibbaren Gebrauchs von Symbolen in Sprachspielen.Google Scholar
  52. 98.
    Dies wird in der gängigen Peirce-Rezeption oft vernachlässigt. Auch Jonas und Habermas rezipieren Peirce und das abduktive Schließen wie die meisten Autoren nur unter forschungslogischen Gesichtspunkten; der fir innovatorische Verstehensprozesse auch im Alltag so wichtige vorprädikative Charakter der Abduktion kommt in ihren Rekonstruktionen nicht in den Blick (vgl. Jonas 1969:119; Habermas 1979:143ff.).Google Scholar
  53. 99.
    Er war jedoch nicht der erste, der sich dem Phänomen „Grenze“ in philosophischer oder wissenschaftlicher Absicht genähert hat. Neben Kants, Nietzsches, Heideggers und vor allem Jaspers’ Bestimmungsversuchen scheinen Hegels Überlegungen zur „Dialektik der Grenze”, in der dem Phänomen der Grenze die Funktion der Vermittlung und des Übergangs zugeschrieben wird für eine „Soziologie der Grenze“ am interessantesten zu sein (vgl. Hegel, Werke IV, 144; vgl. auch Rossmann 1952).Google Scholar
  54. 100.
    Wichtige Hinweise finden sich auch in Batailles existentialistisch-phänomenologischer Idee der Grenzüberschreitung bzw. der Entgrenzung durch ekstatische Erlebnisse des Rausches, des Traumes und des Triebhaften, die das seit Durkheims „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ und v. Genneps „Rites de passage“ beachtete Verhältnis von profaner und sakraler Sphäre neu und anders bestimmen sollen (vgl. Bataille 1970, 1982; Durkheim 1968; van Gennep 1909).Google Scholar
  55. 101.
    Dieser Terminus, der sich nicht nur auf die räumliche Dimension der Lebenswelt bezieht, sondern auch auf Erreichbares in Erinnerung, Vorstellung usw., ist im Zusammenhang mit der Aufschichtung der Lebenswelt von Bedeutung. Schütz und Luckmann unterscheiden zwischen der „Welt in aktueller Reichweite“ und der „Welt in potentieller Reichweite”. Die Welt in aktueller Reichweite ist dabei der dem Handelden direkt erfahrbare Sektor der Welt, gegliedert in Nähe und Ferne, Sehweite und Hörweite, die unter den Kategorien rechts, links, oben und unten, wahrnehmbare Umgebung. Wichtig ist, daß mit diesen Einstellungen vor allem immer eine Orientierung nach Sinnesmodalitäten, durch die dem Handelnden die Objekte dieses Sektors gegeben sind, besteht (vgl. Schütz/Luckmann 1979:63f.).Google Scholar
  56. 102.
    Das Problem der Konstitution und Erkenntnis des Anderen hat in Philosophie und Theologie, vor allem aber in Psychologie und Soziologie eine vielfältige Behandlung erfahren. Diese Diskussion soll hier nicht nachgezeichnetwerden. Die Erkenntnisse von Schütz werden vor allem durch die Auseinandersetzung zwischen Vertretern der sog. Analogietheorie und denen der Einfiihlungstheorie im ersten Viertel diesen Jahrhunderts vorbereitet (vgl. Husserl 1950a; Lipps 1913; Scheler 1923; Bühler 1927; Volkelt 1920; Prandtl 1926; Freyer 1928; Carnap 1928; vgl. auch die sozialontologischenStudien von Theunissen (1981)).Google Scholar
  57. 103.
    Diese ist schon deshalb absurd, weil sich die Handelnden nicht gegenseitig als Dinge oder Körper im Raum wahrnehmen. Sowohl Husserl, Scheler als auch Merleau-Ponty haben in Abgrenzung zu dieser Position auf die wichtige Rolle von Leiblichkeit (im Gegensatz zu Körperlichkeit) für die Konstitution praktischer Intersubjektivität hingewiesen.Google Scholar
  58. 104.
    Schütz hat an anderer Stelle in Auseinandersetzung mit Bergsons Idee der Koexistenz verschiedener Ordnungen und James Theorie der „Subuniversa“ von „mannigfaltigen Wirklichkeiten“ (“multiple realities”) gesprochen, die als geschlosseneSinnbereicheüber ihren je eigenen Erkenntnisstil verfugen. Das als Schock erlebte Durchbrechen solcher geschlossener Sinnbereiche kennzeichnet gerade den in dieser BewuBtseinsspannung unverrückbaren Wirklichkeitsakzent (vgl. Schütz 1971a:397).Google Scholar
  59. 105.
    Stagl hat in seinen Überlegungen zu van Genneps Arbeit auf die weit über ethnologische Einzelstudienhinausgehendeallgemeine soziologische Relevanz der Übergangsriten hingewiesen und ihre andauernde Bedeutung in modernen, säkularen Gesellschaften aufgezeigt. Doch gerade durch den mit dem „Entzauberungsprozeß“ verbundenen Schwund an Ritualisierungen können spezifische Situationen der Grenzüberschreitung und der Berührung mit Fremdem die Interaktionspartner vor erneute Bewältigungsschwierungkeiten stellen (vgl. Stagl 1983, 1986a:124ff.).Google Scholar
  60. 106.
    Garfinkel, der diese Reziprozitätsthese weitgehend von Schütz übernimmt, betont noch stärker die mehrfache Reflexivität und den Vorrang der praktischen Situationsbewältigung: „The person expects, that the other person does the same, and expects that as he expects it of the other the other expects the like of him that the differences in their perspectives that originate in their particular individual biographies are irrelevant for the purposes at hand of each and that both have selected and interpreted the actually and potentially common objects in an ‘empirically identical’ manner that is sufficient for the purposes at hand.“ (Garfinkel 1963:220) Zur empirischen Verifikation dieser Überlegungen vgl. die sog. Krisenexperimente, in denen gerade dieser Glaube an die Reziprozität systematisch erschüttert werden soll (Garfinkel 1963: 224f.).Google Scholar
  61. 107.
    Daß gerade der Kontext der Zeichenverwendung als wesentliche Größe in die Bedeutungskonstitution mit eingeht, zeigt die dreistellige Zeichenrelation der Peirce’schen Semiotik und letztlich auch die Variante von Morris, demgemäß die Pragmatik Teil der Semiotik sein soll (vgl. Morris 1938, 1964). Die Entfaltung einer pragmatisch-hermeneutisch oriententierten Zeichentheorie ist darüber hinaus lange Zeit durch die systemlinguistische Rezeption semiotischer Arbeiten beeinträchtigt worden.Google Scholar
  62. 108.
    Each communicatory gesture has a private residue. The ‘personal lexicon’ in everyone of us inevitably qualifies the definitions, connotations, semantic moves current in public discourses. The concept of a normal or standard idiom is a statistically-based fiction „ (Steiner 1975: 46 ).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Jens Loenhoff
    • 1
    • 2
  1. 1.Universität EssenDeutschland
  2. 2.Universität BonnDeutschland

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