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Zur Rekonstruktion des Verständigungsbegriffs

  • Jens Loenhoff
Chapter

Zusammenfassung

Habermas entwickelt den Begriff des kommunikativen Handelns vor dem Hintergrund einer Rationalitätstheorie. Rationalität hat nach seinem Verständnis weniger mit Erkenntnis oder dem Erwerb von Wissen zu tun als damit, wie die Handelnden Wissen verwenden (vgl. Habermas 1981a: 27). Diese zunächst kognitive Fassung des Rationalitätsbegriffs wird von Habermas in zwei Richtungen, einer „kognitiv-intrumentellen“ und einer „kommunikativen“ Rationalität ausgebaut, die sich auf diejenige Wissensverwendung bezieht, die — verkörpert in Sprechakten — zum Einverständnis zwischen den Handelnden bzw. den Kommunikationspartnern führt. Der Begriff der kommunikativen Rationalität ist daher mit der Vorstellung verbunden von der „... zentrale(n) Erfahrung der zwanglos einigenden, konsensstiftenden Kraft argumentativer Rede, in der verschiedene Teilnehmer ihre zunächst nur subjektiven Auffassungen überwinden und sich dank der Gemeinsamkeit vernünftig motivierter Überzeugungen gleichzeitig der Einheit der objektiven Welt und der Intersubjektivität ihres Lebenszusammenhangs vergewissern.“ (1981a:28)

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Literature

  1. 3.
    Der phänomenologische Geltungsbegriff unterscheidet sich allerdings erheblich vom sprachanalytischen; mit Geltung meint Husserl lediglich den Aspekt der Sinnsetzung. Unabhängig von Fragen der Intersubjektivität oder der Wahrheit von Aussagen gilt einem Bewußtsein etwas als etwas, d.h. die Geltungsfrage ist bei Husserl zunächst die Frage nach den sinnsetzenden Bewußtseinsakten. Vom Bewußtsein wird etwas „in Geltung gesetzt“ (vgl. Husserl 1973:179). Habermas scheint hier den phänomenologischen in einen sprachkritischen Geltungsbegriff bruchlos überführen zu wollen.Google Scholar
  2. 4.
    Obwohl es sich also weder um logische noch um semantische Eigenschaften handelt, steht für Habermas zunächst fest: „Mythische Weltbilder sind weit davon entfernt, in unserem Sinne rationale Handlungsorientierungenzu ermöglichen. Sie bilden, was die Bedingungen der im angegebenen Sinne rationalen Lebensführung angeht, einen Gegensatz zum modernen Weltverständnis.“ (1981a:73)Google Scholar
  3. 5.
    Matthiesen hat diese These einer umfangreichen Kritik unterzogen und dabei die Doppeldeutigkeit des Habermasschen Lebensweltbegriffs herausgearbeitet. Demnach gibt es die horizontbildend-problematische und die unproblematisch-ressourcenmäßige Dimension dieser Verortung des Lebensweltbegriffs (vgl. Matthiesen 1985:43ff.).Google Scholar
  4. 6.
    Nach dieser von Austin und Searle entwickelten Theorie sind Sprechakte - gemäß der These „doing things by saying something“ - elementare sprachliche Handlungseinheiten, die dadurch charakterisierbar sind, daß mit der jeweiligen sprachlichen Äußerung gleichzeitig eine Handlung vollzogen wird (z.B. befehlen, versprechen, schwören usw.) (vgl. Austin 1962; Searle 1973). Sprechakte sind nach Searle durch zwei Teile, einen illokutionären und einen lokutionären Teil, bestimmt. Habermas übernimmt diese Unterscheidung, allerdings in anderen Worten. Der performative (illokutionäre) Teil des Satzes bestimmt den Verwendungssinn des propositionalen (lokutionären) Teils; er legt also den Verwendungssinn fest und bestimmt, wie das, was im propositionalen Teil gesagt wurde, zu verstehen ist. Es ist also der performative Teil, der aus einem regelkonform generierten Satz eine sozial relevante Äußerung macht.Google Scholar
  5. 7.
    Die von der Theorie des kommunikativen Handelns vertretene zentrale These, daß jede Äußerunggewissermaßen eine Stellungnahmezu den darin enthaltenenGeltungsansprüchen „erzwingt”, so daß die Kommunikationspartner gegenseitige Begründungsverpflichtungen eingehen, nennt Habermas die „generative“ bzw. „illokutionäre Kraft“ der Rede.Google Scholar
  6. 8.
    Wir sehen im Moment von einer Diskussion des Habermasschen Diskursbegriffs im Kontrast zu anderen Überlegungen zum Diskurs, so wie sie etwa von strukturalistischen (Lévi-Strauss), neo-und poststrukturalistischen (Foucault, Barthes) oder konversationsanalytischen (Cicourel) Ansätzen vertreten werden, ab.Google Scholar
  7. 9.
    Das ideologiekritische Potential dieser Konzeption steht fir Habermas außer Frage: Ideologien fihren gerade zu systematischer Einschränkungwillensbildender Kommunikation. Ihre paradoxe Leistung besteht daher in der Etablierung einer Struktur von Kommunikationssperren, die die wechselseitige Imputation von Zurechnungsfähigkeit gerade zur Fiktion machen und zugleich einen Legitimitätsglauben stützen, der die Fiktion als undurchschaute aufrechterhält (vgl. 197lb:120). Hier bestehen Parallelen zur semiotischen Ideologiekritik, etwa bei Eco, Kristeva und Greimas (vgl. Zima 1977 ).Google Scholar
  8. 10.
    “Der Vorgriff auf die ideale Sprechsituation ist Gewähr dafiir, daß wir mit einem faktisch erzielten Konsensus den Anspruch des wahren Konsensus verbinden dürfen; zugleich ist dieser Vorgriff ein kritischer Maßstab, an dem jeder faktisch erzielte Konsensus auch in Frage gestellt und daraufhin geprüft werden kann, ob er ein zureichender Indikator fir wirkliche Verständigung ist.“ (1971b:136)Google Scholar
  9. 11.
    So werden von Habermas jene Überlegungen des Sprachspielkonzepts systematisch ausgeblendet, die seinem Entwurf entgegenlaufen. Dies betrifft z.B. Wittgenstein Begriff der „Familienähnlichkeiten“ (vgl. P.U. 67).Google Scholar
  10. 12.
    Die Theorie des kommunikativen Handelns bekräftigt damit den von Adorno im Rahmen der Kritik der instrumentellen Vernunft angestrebten Versuch der „Versöhnung“ von Subjekt und Objekt. Durch einen Paradigmenwechsel von der bewußtseinsphilosophischen Erkenntnistheorie zur formalpragmatischen Kommunikationstheorie soll dieser, die Philosophiegeschichte konstant begleitende Diskussion, eine neue Perspektive eröffnet werden.“Nicht mehr Erkenntnis und Verfiigbarmachung einer objektivierten Natur sind, fir sich genommen, das explikationsbedürftigePhänomen, sondern die Intersubjektivität möglicher Verständigung - sowohl auf interpersonaler wie auf intrapsychischer Ebene. Der Fokus der Untersuchung verschiebt sich damit von der kognitiv-instrumentellen zur kommunikativen Rationalität. Für diese ist nicht die Beziehung des einsamen Subjekts zu etwas in der objektiven Welt, das vorgestellt und manipuliert werden kann, paradigmatisch, sondern die intersubjektive Beziehung, die sprach-und handlungsfähige Subjekte aufnehmen, wenn sie sich miteinander über etwas verständigen.“ (Habermas 1981a:525)Google Scholar
  11. 13.
    Habermas betont mehrfach, daß kommunikatives Handeln nicht im interpretatorisch ausgeführten Akt der Verständigung aufgeht. Kommunikatives Handeln bezeichnet zwar einen Typus von Interaktionen, die durch Sprechhandlungen bzw. im Medium der Sprache koordiniert werden, jedoch nicht mit diesen zusammenfallen (vgl. 1981a:151). Luhmann resümiert daher: „Die genauen Begriffsverhältnisse und die Architektur der gesamten Theorie bleiben undurchsichtig. (Auch insoweit tritt Traditionsgut an die Stelle begrifflicher Explikation). Man fragt sich, ob es nicht besser wäre, auf der Ebene des Handlungs-bzw. Kommunikationsbegriffs die Unterscheidung verschiedener Typen oder Arten von Handlungenganz aufzugebenund statt dessen zu fragen, durch welcheD(erenzen sich die Informationsgewinnungund Sinnbestimmung jeweils führen läßt.“ ( 1982: 377 )Google Scholar
  12. 14.
    Habermas verfolgt in Abgrenzung zu Weber dabei das Ziel, die Rationalisierung der Lebenswelt aus der rationalen Geltungsbasis der Rede abzuleiten. Die Ausdifferenzierung der Kultur in die Handlungssysteme Wissenschaft, Recht und Kunst (die Webers kulturellen Wertsphären entsprechen), liegt nach Habermas schon in den Geltungsansprüchen vernünftiger Rede (Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit) begründet.Google Scholar
  13. 15.
    Dies unterstreichen auch Wenzel und Hochmuth in ihrer Kritik: „Das Lebensweltkonzept ist, so wie Habermas es entwickelt, zumindest unklar. Einerseits muß sich die Begründung eines Originalmodus der Verständigungsorientierung auf die Unverffrgbarkeit und Nichtthematizität von Lebenswelt verlassen, andererseits soll die allgemeine Geltung des Lebensweltbegriffs eben gerade dieser - durch den Lebensweltbegriff doch erst zu sichernden - Begründung der Verständigungsorientierung verdankt sein.“ (1989: 262f.)Google Scholar
  14. 16.
    Die Rezeption der Arbeiten Ungeheuers hat in der Vergangenheit nur in einem kleineren Kreis von Interessierten stattgefunden; dies hängt offensichtlich auch damit zusammen, daß erst vor kurzem ein übersichtlich edierte Sammelbände erschienen sind (vgl. Ungeheuer 1987a). Einen kurzen Überblick über das wissenschaftliches Werk und die Biographie Ungeheuers gibt Luchem (1987).Google Scholar
  15. 17.
    Schon Gardiner hatte darauf ausdrücklich hingewiesen (1932:19): „For the development of a language we are bound to assume a purposeful use of articulate utterances in order to influence the conduct of others.“ An anderer Stelle heißt es: „In asking for information the speaker tries to make use of the listener’s knowledge, and in giving an order he exerts his authority over the listener to make him perform some action desired by himself.“ (1932:21f)Google Scholar
  16. 18.
    Ungeheuer bezieht sich hier explizit auf H. Gomperz, Mauthner, aber auch auf das bereits in den platonischen Dialogen erwähnte Konzept der Psychagogie (“Seelenlenkung”) (vgl. Ungeheuer 1987g:296). Vor allem Wegener hat den Aspekt der Lenkung und Anweisung herausgestellt: „Die einfachste sprachliche Äußerung ist ursprünglich ein Imperativ, - der Befehl fir den Hörer, sich an eine Situation zu erinnern, jedes neue Wort ein neuer Imperativ.“ (1885:100) In Juchems Rekonstruktion steht vor allem Wegeners Gedanke einer Anweisung zur Konstruktion von Bedeutung aus den Äußerungen des Sprechers im Vordergrund: „Der Zweck unseres Sprechens ist stets der, den Willen oder die Erkenntnis einer Person so zu beeinflussen, wie es dem Sprecher als wertvoll erscheint.“ (Wegener 1885:67; zit. nach Juchem 1984a:8) Neben Wegener äußert auch Mauthner ähnliche Gedanken: „Die Sprache ist etwas zwischen den Menschen, ihr Zweck ist Mitteilungchrww(133) Immer wollen wir - wenn auch oft indirekt und unbewußt - das Denken und damit das Wollen des anderen Menschen nach unserem Denken und Wollen, d.h. nach unserem Interesse beeinflussen. Der Zweck der Sprache ist also Beeinflussung, Willens-oder Gedankenlenkungchrww(133)“ (Mauthner 1901: 460f.).Google Scholar
  17. 19.
    Dies hatte schon Humboldt in seiner Sprachphilosophie betont. Eine symbolische „chrww(133) enthältchrww(133) nicht einen schon geschlossenen Begriff, sondern regt bloß an, diesen mit selbstständiger Kraft, nur auf bestimmte Weise zu bilden.“ (GS VII:46)Google Scholar
  18. 20.
    Es geht Ungeheueru.E. bei den Überlegungen zur individuellen Welttheorie vor allem um zwei Aspekte. Einerseits ist diese eine Art anthropologische Konstante, aus der die prinzipielle Unmöglichkeit resultiert, Erfahrungsinhaltevollstiindig mit anderen Individuen in Kongruenz bringen zu können. Dies muß bei der Konstruktion einer Kommunikationstheorie in Rechnung gestellt werden. Andererseits liegt in der individuellen Welttheorie-auch die Tatsache begründet, daß jede Erfahrung mit „Welt“ auch Erfahrung mit der Herstellung von Verständigung beinhaltet und die daraus resultierende „Alltags-Kommunikations-Theorie“ notwendig eine individuelle ist, die wie andere Alltagstheorien biographischen Veränderungen unterliegt.Google Scholar
  19. 21.
    Wygotski hat diesen Aspekt schon sehr früh in seiner Arbeit „Denken und Sprechen“ (1934) zum Gegenstand umfangreicher Untersuchungengemacht: „Der Übergang von der inneren zur äußeren Sprache stellt eine komplizierte dynamische Transformation dar - die Umwandlung einer prädikativen und idiomatischen Sprache in eine syntaktisch gegliederte und anderen verständliche Sprache.“ (1971:375)Google Scholar
  20. 22.
    In diesem Zusammenhang sei an die Aktualität der Humboldtschen Unterscheidung von „ergon“ und „energeia“ erinnert. Jene, von Humboldt übernommenen aristotelischen Begriffe, die Sprache als Tätigkeit, nicht als feststehendes Werk oder System herausstellen, ermöglichen die Erkenntnis, daß das Mitteilungsgeschehen durch Sprache und Sprechen ein dynamisches Geschehen ist, dessen Festschreibung auf eine knappe Formel unmöglich gelingen kann (vgl. Humboldt, GS VII).Google Scholar
  21. 23.
    Gleichwohl verdankt die Kommunikationstheorie vor allem den Ausführungen von Schütz die genaue Analyse dieser inneren Handlung. Diese Konstitutionsanalyse hat gezeigt, daß es ein Verstehen im Sinne des unmittelbaren Nachvollzugs fremder Sinngehalte nicht geben kann, da „chrww(133) alles echte Fremdverstehen auf Akten der Selbstauslegung des Verstehenden fundiert ist.“ (1974:156)Google Scholar
  22. 24.
    Die Kritik an der Sprechakttheorie richtet sich vor allem gegen die einseitige Betrachtung des dialogischen Geschehens, bei der das Schwergewicht der Analyse auf der Sprechtätigkeit liegt. Die Rolle des Hörers, der die Bedeutung der Äußerung des Sprechers nachvollziehen, übersetzen oder nachkonstruieren muß - und erst mit dieser Tätigkeit ist der Verständigungsvorgangabgeschlossen-bleibt theoretisch völlig unterbelichtet. „In der Sprechakttheorie jedenfalls ist der Hörer nur als Schatten seiner selbst in den Intentionen des Sprechers repräsentiert.“ (Ungeheuer 1978:53) Auch Henne hat bereits in diesem Zusammenhang eine „Hörakttheorie“ zur Vervollständigung der Theorie von Austin gefordert (vgl. Henne 1979). Die neueren amerikanischen Untersuchungen aus den Bereichen Soziolinguistik, Pragmatik und Konversationsanalyse beklagen diesen Mangel ebenfalls: „Knowledge of grammar and sound system by itself is not enough, as can be attested by the experience of anyone who learns a new language or dialect and tries to use it appropriately and effectively among native speakers. Moreover, given the continuous presence to one another of partners in face-to-face interaction, knowledge of culturally stylistic ways of speaking is not even enough by itself, without accompanying knowledge of culturally stylistic ways of listening.” (Erickson/Shultz 1982: 7 )Google Scholar
  23. 25.
    Es ist hier nochmals auf Gardiner zu verweisen, der im Zusammenhang mit dem Verständigungsprozeß den kooperativen Charakter der Kommunikation und die Rolle innerer Handlungenhervorhebt: „As a first approximation let us define speech as the use, between man and man, of articulate sound-signs for the communication of their wishes and their views about thingschrww(133) The points which I wish to stress are, firstly, the co-operative character of speech, and, secondly, the fact that it is always concerned with things, that is to say with the realities both of the external world and of man’s inner experience.“ (1932:18)Google Scholar
  24. 26.
    Ein derartiges Sprachsystem existiert jedoch unabhängig von der konkreten Sprechtätigkeit einzelner Individuen nicht. Das, was als Sprachsystem bezeichnet wird, besteht lediglich aus der Idealisierung richtigen und regelkonformen Sprechens.Google Scholar
  25. 27.
    Die paraphrastische Struktur ist eine bedeutsame kommunikationssemantischeEigenschaft natürlicher Sprachen. Diese Struktur bedingt, daß jedem kommunizierbaren Inhalt aus dem grammatikalischen Inventar nicht eine einzige richtige Formulierung entspricht, sondern immer mehrere solcher „Übersetzungen“ der inneren in äußere, wohlgeformte symbolische Ausdrücke: „Zwei Reden (Texte) sind dann Paraphrasen voneinander, wenn sie in Kommunikation nach Setzung oder Verständnis eines Kommunikators bei unterschiedlicher Formulierung denselben Inhalt mitteilen.“ (Ungeheuer 1972e:120; vgl. auch 1972d ) Die paraphrastische Struktur stellt insofern eine kommunikative Problemsituation dar, da die Kommunikationsteilnehmer jeweils aus einer Klasse von Paraphrasen auswählen müssen. Da immer auch andere adäquate Formulierungen gewählt werden können, die Kornmunikationspartner sich jedoch in der konkreten Äußerung fir eine bestimmte entscheiden müssen, ist jede Auswahl kontingent. Mit diesem Umstand ist nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit der Interpretation von symbolischen Ausdrücken und Zeichen verbunden. Andererseits ist die Paraphrasierung ein wichtiges Mittel zur Verständigungskontrolle (s.o.).Google Scholar
  26. 28.
    Die Beschreibung von Kommunikation als einem dynamischen, wechselseitigen und keineswegs von vornherein gesichertem Unternehmen findet sich abermals bei Humboldt. Er spricht hier immer nur von der „Möglichkeit“ und vom „Versuch“ der Komunikation: „Die Möglichkeit des Sprechens selbst wird durch Anrede und Erwiderung bedingtchrww(133) die Sprache kannchrww(133) nicht vom Einzelnen, sie kann nur gesellschaftlich, nur indem an einen gewagten Versuch ein neuer sich anknüpft, zur Wirklichkeit gebracht werden“ (Humboldt GS VI:138f).Google Scholar
  27. 29.
    Ungeheuer räumt jedoch ein, daß es über die Subjektion hinaus gesellschaftliche Kornmunikationsstrukturen gibt, die dazu führen, daß „chrww(133) die Funktionalität kommunikativer Subjektion in das Herrschaftsverhältnis sozialer Subordination umschlägt, das dann auch nach jeder Kommunikation bestehen bleibt.“ (1987g:318)Google Scholar
  28. 30.
    Die Idee des praktischen Konsenses ähnelt offensichtlich dem, was Luhmann als „Übernahme von Selektionen“ und „Anschließbarkeit“ an weitere Kommunikationen her ausgestellt hat (vgl. Luhmann 1981b, 1984).Google Scholar
  29. 31.
    Das Verhältnis von Innen und Außen, von Eigenem und Fremden und von Selbst und Anderem muß im Hinblick auf seine Konstitution als in gegenseitiger Abhängigkeit eingebunden gesehen werden. Die von Juchem vorgenommene Radikalisierung der Unauthebbarkeit der Innen-Außen-Dichotomie (vgl. Juchem 1984b, 1985), der prinzipiell zuzustimmen ist, darf jedoch nicht durch weitere Zuspitzung die Kommunikationstheorie in überwundene Aporien cartesianischer Dualismen zurückwerfen, innerhalb derer Innen-und Außensphäre als eigenständige Erkenntnisgegenstände behandelt werden.Google Scholar
  30. 32.
    Die Möglichkeit eines eher pragmatischen, nicht zu explizierenden bzw. stillschweigenden Konsenses sieht auch Thayer: „Thus the message the originator intends and the message the receiver gets are often different. At best, they can only be similar, and than only by tacit agreement.“ (1968:37)Google Scholar
  31. 33.
    Das sich fir die Kommunikationspartner stellende und in Form eines pragmatischen Konsenses bewältigte Problem unterscheidet sich nur graduell von dem in der diskutierten Problem des infiniten Regresses. Auch einmal als gemeinsam eingestufte Urteile können ohne Ende hinerfragt werden. Was hier pragmatischer Konsens heißt, wird dort als „Prinzip der finiten Formulierung“ (Kaufmann 1936:18) abgehandelt.Google Scholar
  32. 34.
    Man denke in diesem Zusammenhang an die bekannten ethnomethodologischen „Krisen experimente“ von Garfinkel. Eine immer wieder geforderte Explikation des gemeinten Sinns von Äußerungen und Handlungen fiihrt die Kommunikation regelmäßig in eine Krisensituation, der der anschließendeverärgerte Abbruch der Kommunikation folgt (vgl. Garfinkel 1967, 1972; Garfinkel/Sacks 1970; Weingarten 1976).Google Scholar
  33. 35.
    Selbstreferentielle Systeme sind dadurch gekennzeichnet, daß jede Einheit, die in einem solchen System verwendet wird durch das System selbst konstituiert werden muß und nicht aus dessen Umwelt bezogen werden kann. Dieser Vorgang der „Autopoiesis“ unterscheidet sich von dem in der soziologischen Theorie schon länger verwendeten Begriff der Selbstorganisation, da das System nicht nur die Herstellung von Relationen zwischen seinen Elementen, sondern auch die Produktion und Reproduktion dieser Elemente selbst vollzieht. Alles, was selbstreferentielle Systeme als Einheit verwenden, wird eben durch diese Einheiten im System erst bestimmt. Es gibt daher weder Input noch Output von Einheiten. Zwar bestehen Beziehungen zwischen System und Umwelt, diese liegen jedoch auf einer anderen Realitätsebene als die Autopoiesis und werden im Anschluß an Maturana als „Koppelung“ des Systems an „seine“ Umwelt bezeichnet (vgl. Luhmann 1985:403; Maturana 1982 ). Neben Luhmann vertreten auch „radikale Konstruktivisten“ (S.7. Schmidt, H. von Foerster, E. von Glasersfeld u.a.) die Einf lhrung dieses Ansatzes in die Humanwissenschaften (vgl. Schmidt 1987a ).Google Scholar
  34. 36.
    Der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende Prozeß ist ein Kommunikationsprozeß. Dieser Prozeß muß aber, um sich selbst steuern zu können, auf Handlungen reduziert, in Handlungen dekomponiert werden. Soziale Systeme werden demnach nicht aus Handlungen aufgebaut, so als ob diese Handlungen auf Grund der organisch-psychischenKonstitution des Menschen produziert werden und fir sich bestehen könnten; sie werden in Handlungen zerlegt und gewinnen durch diese Reduktion Anschlußgrundlagenfiir weitere Kommunikationsverläufe.“ ( 1984: 193 )Google Scholar
  35. 37.
    There is a double contingency inherent in interaction. On the one hand, ego’s gratifications are contingent on his selection among available alternatives. But in turn, alter’s reaction will be contingent on ego’s selection and will result from a complementary selection on alter’s part. Because of this double contingency, communication, which is the preoccupation of cultural patterns, could not exist without both generalization from particularity of the specific situations (which are never identical for ego and alter) and stability of meaning which can only be assured by ‘conventions’ observed by both parties“. (Parsons/Shill 1951:16) Eine andere, stärker das strategische Moment betonende Behandlung erfährt das Kontingenzproblem durch spieltheoretische Arbeiten (vgl. Morgenstern/Neumann 1955; Burger 1966; Axelrod 1984; Lindenberg 1985, 1986).Google Scholar
  36. 38.
    Aus diesem Grund liegt Kommunikation nicht vor, wenn z.B. ein beobachtetes Verhalten nur als Anzeichen für etwas anderes aufgefaßt werden kann. In den Termini der Husserlschen Phänomenologie etwa sind Apperzeption und Appräsentation allein noch keine Kommunikation (vgl. Husserl 1913).Google Scholar
  37. 39.
    Dies wird bei Luhmann leider nicht näher spezifiziert. Ob hier auch Elemente einskollektiven Gedächnisses (vgl. Halbwachs 1967) gemeint sein können, bleibt unklar.Google Scholar
  38. 40.
    Ähnlich der Argumentation Ungeheuers begründet hier die Geschlossenheit von Bewußtseinssystemen die Notwendigkeit von Kommunikationund Systembildung: “Es gibt keinen unmittelbaren Kontakt zwischen Bewußtseinssystemen. Die Geschlossenheit richtet sich nicht nur gegen andersartige, sie richtet sich auch gegen gleiche Systeme. Kein Bewußtsein hat einen direkten Zugang zu einem anderen Bewußtsein, denn das hieße: sich in dessen Operationen bewußt einschalten zu können. Gegenüber anderem Bewußtsein stehen einem Bewußtseinssystem nur zwei Arten von Operationen zur Verfügung: Beobachtung und Teilnahme an Kommunikation. Beide stehen unter eigentümlichen Restriktionen, die die fehlende Unmittelbarkeit des Kontaktes kompensieren.“ (Luhmann 1985:404) Dabei erfordert die Beobachtung zwingend die Voraussetzung eines „Differenzschemas“ oder einer Perspektive, über die fremdes Handeln als fremd wahrgenommen werden kann. Die andere Form des Kontaktes, die Kommunikation, setzt Beobachtung voraus und führt darüber hinaus zwangsläufig zur Bildung eines sozialen Systems. Die Bildung sozialer Systeme ist, wie Luhmann verdeutlichen will, mithin ein Korrelat der Geschlossenheit psychischer Systeme und nicht, wie oft behauptet, ein Beweis ihrer Offenheit (vgl. Luhmann 1985: 406 ).Google Scholar
  39. 41.
    Der Sinn des Sinnes besteht zunächst darin, daß er intersubjektiv geteilt werden, daß er für eine Gemeinschaft von Sprechern und Handelnden identisch sein kann.“ (Habermas 1971b:188)Google Scholar
  40. 42.
    Und wenn Sprache nicht mehr als eine Struktur in Anschlag gebracht wird, die den internen Zusammenhang von Sinnverstehen, identischer Bedeutung und intersubjektiver Geltung ermöglicht, kann auch das Verständnis bedeutungsidentischer Ausdrücke, kann Einverständnis (oder Dissens) über die Gültigkeit sprachlicher Äußerungen, kann die Gemeinsamkeit eines intersubjektiv geteilten Sinn-und Verweisungszusammenhanges,d.h. die kommunikativeTeilhabe an einer im sprachlichen Weltbild repräsentierten Lebenswelt, nicht auf sprachanalytischem Wege geklärt werden. Die Aspekte sprachlich erzeugter Intersubjektivität müssen vielmehr als selbsterzeugte Artefakte aus den gegenseitigen Reaktionen sinnverarbeitender Systeme abgeleitet werden.“ (Habermas 1985:439f.)Google Scholar
  41. 43.
    Luhmann stützt diese Überlegung durch folgendes Argument: „Das Bewußtsein ist immer schneller und vielseitiger als die Kommunikation, an der es sich beteiligt. Es umkreist die laufende Kommunikation in Gedanken und greift auf eine Weise, die nicht mitkommuniziert werden kann, vor und zurück auf anderes, was schon gesagt ist, nicht zu sagen ist, auf keinen Fall gesagt werden sollte. Es kann planen, was es sagt, und verschweigen, was es nicht sagt. Es kann sich beim Reden beobachten und korrigieren.chrww(133) Und es kann, ja es muß so gut wie zwangsläufig, dasselbe Spiel des Überschusses von Bewußtsein beim anderen vermuten.“ (Luhmann 1986:13)Google Scholar
  42. 44.
    Im Hinblick auf die Frage nach einer konsensorientierten Konzeption der Kommunikationstheorie stellt Luhmann dagegen fest: „Eine Theorie selbstreferentieller Systeme müßte sich in der Tat offen halten fir konsentierende und fir dissentierende Handlungsanschlüsse. Universales Implikat sinnhafter Kommunikation ist nur: daß jeder Sinn auf das Miterleben anderer verweist; nicht: daß dies die Erwartung oder Herstellung von Verständigung implizieren müßte.“ (Luhmann 1982:376f.)Google Scholar
  43. 45.
    Weitere Versuche der Überwindung einer solchen Metaphysik der Subjektivität finden sich etwa in Heideggers existentialer Daseinsontologie (1963), später in Foucaults Diskurs-und Machttheorie (1966, 1971) oder Derridas Kritik des Phonozentrismus (1983), dessen Grammatologie nicht das Modell der Rede, sondern das der Schrift favorisiert. Sie sind für eine Kommunikationstheorie jedoch nur von marginaler Bedeutung.Google Scholar
  44. 46.
    Der in freiem Einverständnis herbeigeführte Konsens als Garant kommunikativer Rationalität ist ein Postulat moderner Gesellschaften. Diese soll sicherstellen, daß nicht alle Fragen den Systemimperativen zweckrationalen Handelns zum Opfer fallen und so die lebensweltlichen Sinnressourcen aushöhlen bzw. die Lebenswelt „kolonialisieren”.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Jens Loenhoff
    • 1
    • 2
  1. 1.Universität EssenDeutschland
  2. 2.Universität BonnDeutschland

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