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Jugendarrest pp 105-125 | Cite as

Erziehung, Zucht und Zeitvertreib — der Jugendarrestvollzug

  • Edwin Keiner
Chapter

Zusammenfassung

Der Jugendarrest, so bestätigt der Vollzugsleiter Rainer Kuhls in den 1983 publizierten grundsätzlichen Überlegungen über die Prämissen seiner Arbeit erneut die systematische Mittelstellung, schließt “die Lücke zwischen Erziehungsmaßregeln und Zuchtmitteln einerseits sowie der Jugendstrafe andererseits”. Schon aus diesem Grunde würden die Forderungen nach einer Abschaffung des Jugendarrests “seine rechtliche und praktische Bedeutung ... verkennen”.1 Mit dieser grundsätzlichen Einschätzung der Institution Jugendarrest als rechtspolitischer und rechtspraktischer Notwendigkeit verbindet sich in Kuhls Programm aber zugleich, und in reformerischer Absicht, die Kritik an den gesetzlichen Grundlagen und der derzeitigen Gestaltung der Vollzugspraxis des Jugendarrests. Diese Kritik gründet zunächst in der Einsicht, daß sich sowohl Zielvorgaben wie Gestaltungsprinzipien des Jugendarrest historisch verändern und von den jeweils herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen abhängen.2 Deshalb seien auch in den Formulierungen der Zielvorgaben für den Jugendarrest im JGG und seinen Richtlinien “eine Fülle von personen- und tatbezogenen Kriterien (enthalten), die den heutigen, an eine Einrichtung der Jugendhilfe zu stellenden Anforderungen nicht mehr gerecht werden und der Vollzugsrealität kaum noch entsprechen.”3

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Literatur

  1. 1.
    Kuhls (1985a). Das Vollzugskonzept ist mit Stand vom Januar 1983 maschinenschriftlich vervielfältigt in einem 7-seitigen Papier mit dem Titel “Die Jugendarrestanstalt Gelnhausen, Kurzinformation” fixiert. 1984 hat der Vollzugsleiter das Konzept in einem Vortrag im Zusammenhang mit kriminologischen, rechtspolitischen und vollzugspraktischen Problemen diskutiert. Dieses Referat wurde zusammen mit der Kurzinformation veröffentlicht. Die folgenden Zitate nehmen auf diese beiden Veröffentlichungen Bezug. Kuhls (1985a, b), vgl. auch Kuhls (1983).Google Scholar
  2. 2.
    Kuhls (1985a), S. 66Google Scholar
  3. 3.
    Kuhls (1985a), S. 57Google Scholar
  4. 4.
    Kuhls (1985a), S. 56Google Scholar
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  8. 8.
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  9. 9.
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  10. 10.
    Kuhls (1985a), S. 61, Hervorh. im OriginalGoogle Scholar
  11. 11.
    Kuhls (1985a), S. 61 f.Google Scholar
  12. 12.
    Pfeiffer (1981), S. 50Google Scholar
  13. 13.
    Ähnlich für den Jugendstrafvollzug auch Hammermann (1984), S. 257Google Scholar
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  15. 15.
    Schorr (1986), S. 19, S. 22, u.a. mit Bezug auf Schleiermacher. Zum Zeitproblem als “Dilemma” auch Jung (1978), S. 623.Google Scholar
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  21. 21.
    Diese Theorie ist nicht schon deswegen ‘unpädagogisch’, weil ihre Vertreter hauptsächlich dem Bereich der Justiz zugerechnet werden, z.B. Reble (1974), S. 119 ff.; Geissler (1973), S. 171 ff..Google Scholar
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  23. 23.
    Die ‘Umwidmung’ der Anstalt erfolgte relativ kurzfristig die Mitarbeiter hatten in der Übergangsphase keine Möglichkeiten — etwa durch Schulungen, Tagungen oder andere Fortbildungsveranstaltungen — sich die Probleme des Jugendarrest wenigstens theoretisch anzueignen.Google Scholar
  24. 24.
    Arbeitskreis VII (1978). In dem dort abgedruckten Referat von Plewig/Hinrichs (1978) wird auch das ‘Hamburger Modell’ diskutiert. Vgl. auch Konzeptionsentwurf (o.D.) und Angaben (1979).Google Scholar
  25. 25.
    Die Mitarbeiter, die ehedem Untersuchungshäftlinge und Freigänger betreut hatten, führten ohne weitere personelle Ergänzung allesamt den Jugendarrestvollzug weiter.Google Scholar
  26. 26.
    In Gesprächen und auf Fragen nach der Geschichte der Jugendarrestanstalt Gelnhausen, nach Vollzugsproblemen und Erlebnissen bezogen sich die Vollzugsbediensteten deshalb auch häufig auf die Zeiten vor dem Jugendarrest. ‘Geschichten’ aus dem Vollzug, der Austausch und die Erinnerung gemeinsamer Erfahrungen richteten sich eher auf die Untersuchungshaft und die Freigänger als auf den Jugendarrest.Google Scholar
  27. 27.
    Das Vollzugskonzept geht davon aus, “daß ‘Erziehung’ nach heutigem Rechtsverständnis unter den gegebenen Verhältnissen, vor allem im Hinblick auf die zu kurze Verweildauer in der Jugendarrestanstalt, nicht gewährleistet ist bzw. der Erziehungsbegriff neu definiert werden muß”. Kuhls (1985b), S. 75Google Scholar
  28. 28.
    Kuhls (1985b), S. 76Google Scholar
  29. 29.
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  31. 31.
    Plake (1978), S. 295: “Das Problem zufriedenstellender Ziele, d.h. die Abstimmung von Umweltveränderungen und interner Dynamik bei gleichzeitiger Befriedigung interner und externer Bedürfnisse ist für die Sozialisationsorganisationen prekärer als für andere vergleichbare Organisationen ... Die auffällige Diffusität der Ziele von Sozialisationseinrichtungen kann ... als ein Mittel gelten, das schwierige Problem der Abstimmung von Umweltdynamik und Eigendynamik bei Erhaltung eines hohen Motivatiopotentials zu lösen.”Google Scholar
  32. 34.
    Protokoll (1983).Google Scholar
  33. 35.
    So eine zusammenfassende Einschätzung eines Vollzugsbediensteten auf einer internen Arbeitstagung, die mehrfache Zustimmung und keinen Widerspruch erhalten hat. Angesichts der von Jugendlichen und Betreuern gleichermaßen als intensiv und positiv geschilderten Erfahrungen, scheint eine pauschalierende Bewertung dieser Projekte außerhalb der Arrestanstalt als ‘Sozialromantik’ zu kurz zu greifen, weil nur die Intentionalität solcher Maßnahmen, der wohl ein ‘sozialromantischer Touch’ nicht abzusprechen ist, in den Blick genommen wird, die Ergebnisse, Lernprozesse und Erfahrungen selbst aber unberücksichtigt bleiben. Pabst (1984), S. 12.Google Scholar
  34. 37.
    Plake (1978), S. 296: “Es ist offensichtlich, daß die Hereinnahme der Außenwelt (hier die ABM-Kräfte, E.K.) in die Organisation, und dies erklärt auch die häufig zu beobachtenden Widerstände des Personals, einen ständigen Druck zur Wandlung von Werten und Normen ausüben, und zwar umso stärker und rascher, je konkreter sie gefaßt sind”...Dies “bedeutet somit ein erhöhtes Maß an individuellen Spannungen, an Nonkonformität und Rollendiffusität.”Google Scholar
  35. 38.
    Auch hier sehr treffend Plake (1978), S. 297: Eine mögliche Strategic der Bearbeitung und Bewältigung von Spannungen (vgl. vorherige Anmerkung) besteht darin, daß Sozialisationsorganisationen “Wertordnungen und Normsysteme auf niedrigerem Abstraktionsniveau trotz dynamisierender Außeneinflüsse vorgeben, die sie durch Hinweis auf das Sozialisationsziel legitimieren, die aber tatsächlich statisch sind und der Spannungsbewältigung in der Organisation dienen sollen.”Google Scholar
  36. 39.
    Kallab-Welzel (1984), S. 4, die von Vorurteilen, falschen Erwartungen und “tiefe(m) Mißtrauen” von Vollzugsbediensteten gegenüber ehrenamtlichen Kräften spricht.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1989

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  • Edwin Keiner

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