Advertisement

Das hundegestützte Selbstsicherheitstraining

  • Katharina Blesch
Chapter
  • 26 Downloads

Zusammenfassung

In diesem Kapitel stelle ich ein Konzept für ein hundegestütztes Selbstsicherheitstraining vor, das ich für die Arbeit mit selbstunsicheren Personen entwickelt habe und einsetze. Zunächst führe ich allgemeine Aspekte zur Zielgruppe sowie zur Dauer und zum Rahmen des Trainings aus und stelle im darauffolgenden Abschnitt das Konzept der Selbstsicherheit vor. Anschließend folgen Erläuterungen zu den Gründen, warum sich Selbstsicherheit so gut mit Hunden trainieren lässt, und wie genau sich Selbstsicherheit im Umgang mit einem Hund ausdrückt. Danach werde ich mit Hilfe von Beispielen aus der Praxis den konkreten Ablauf des Trainings vorstellen. Zuletzt zeige ich mögliche Schwierigkeiten im Verlauf des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings auf.

5.1 Rahmen und Hintergrund des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings

Der folgende Abschnitt beschreibt den Rahmen und Hintergrund des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings. Es wird beschrieben, an welche Zielgruppen sich das Training richtet, wie lange es dauert und wie es entstanden ist. Im Weiteren geht es dann um die Selbstsicherheit und warum sich diese gut mit Hunden entwickeln und fördern lässt. Zuletzt wird in diesem Abschnitt anschaulich erläutert, wie die Hunde konkret auf selbstsicheres und selbstunsicheres Verhalten reagieren. Dies ist relevant, da die Reaktionen der Hund auf das Verhalten der Teilnehmer die Basis für das Selbstsicherheitstraining sind.

5.1.1 Zielgruppen, Dauer und Entstehung

Die Zielgruppe des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings sind Personen, die unter ihrer Selbstunsicherheit leiden. Selbstunsicherheit hat eine große Schnittmenge mit psychischen Erkrankungen und Beeinträchtigungen. Ohne dieses Thema an dieser Stelle vertiefen zu können, seien als Beispiele für diese Überschneidungen erwähnt: Im Rahmen einer depressiven Erkrankung sind Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeitserleben beeinträchtigt. Wer an einer Angststörung oder Phobie leidet, ist situationsabhängig oder auch im Allgemeinen selbstunsicher. Oder, wie es ein renommierter Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie ausdrückt:

„Selbstunsicherheit und mangelndes Selbstvertrauen lassen sich bei einer Vielzahl psychischer Störungen beobachten. (…) wie Phobien, Zwangsstörungen, Depression“ (Fiedler und Marwitz 2016, S. 217).

Somit ist der Aufbau von Selbstsicherheit ein Aspekt bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen, und Hauptzielgruppen des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings sind folglich Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

Jedoch ist das Training nicht auf diese Zielgruppen limitiert. Im Sinne der Prävention sind weitere Zielgruppen all jene Personen, die sich regelmäßig als selbstunsicher wahrnehmen. Das können beispielsweise sein:
  • Jugendliche und junge Erwachsene mit unsicherem Auftreten und/oder Unsicherheit in sozialen Situationen

  • Personen, die eine große Veränderung, Krisen oder einschneidende Erfahrungen erleben und sich dadurch in einer Situation der allgemeinen Verunsicherung befinden

Zudem fördert das Selbstsicherheitstraining die allgemeine Führungskompetenz eines Menschen und ist somit auch für Personen geeignet, die beruflich eine Vorgesetztenrolle innehaben und ihren individuellen Führungsstil analysieren oder verbessern möchten.

Letztendlich kann ein Selbstsicherheitstraining vielen oder gar den meisten Menschen gut tun. Das Leben stellt durch Veränderungen und Konflikte immer wieder eine Prüfung für Selbstsicherheit dar. Somit kann es den meisten Menschen nur gut tun, hin und wieder die eigene Sicherheit bewusst zu fördern und zu stärken. Und auch Studien weisen darauf hin, wie wichtig Selbstsicherheit für private und berufliche Zufriedenheit ist. So zeigen die Autoren um Campbell-Meiklejohn in ihrer Studie mit bildgebenden Verfahren, dass das menschliche Gehirn darauf eingestellt ist, den Meinungen selbstsicherer Menschen mehr Bedeutung beizumessen (Campbell-Meiklejohn et al. 2017). Zugleich verweisen Untersuchungen darauf, dass sich Selbstsicherheit im Rahmen von Trainings gut entwickeln beziehungsweise steigern lässt (siehe hierzu Lehenbauer 2012).

Aber wie bei jeder Therapieform gibt es auch für das hundegestützte Selbstsicherheitstraining Kontraindikationen, d. h. Fälle, in denen davon abzuraten ist, das Training durchzuführen. Konkret betreffen diese Kontraindikationen Personen:
  • die an Hundehaarallergie leiden,

  • für die aufgrund starker körperlicher Beeinträchtigungen das Training mit dem Hund zu anstrengend oder riskant wäre,

  • die durch tierquälerisches Verhalten in der Vergangenheit aufgefallen sind oder deutlich mangelnden Respekt vor Tieren zeigen,

  • die an psychischen Erkrankungen mit deutlichen psychotischen Symptomen1 leiden.

Die ersten beiden Kontraindikationen betreffen die Unversehrtheit des Teilnehmers, die letzten beiden die Unversehrtheit des Hundes. Bei leichten Ausprägungen von psychotischen Symptomen ist eine Teilnahme durchaus in Erwägung zu ziehen. Es empfehlen sich allerdings eine vorherige Abklärung und ein engmaschiger Austausch mit dem behandelnden Psychotherapeuten oder Psychiater. Es muss gesichert sein, dass der Teilnehmer keine aggressiven Impulsdurchbrüche zeigt, die den Hund gefährden könnten. Zudem muss sichergestellt sein, dass der Teilnehmer im Training mit dem Hund in der Lage ist, Instruktionen zu befolgen. Dann ist auch bei Vorliegen psychotischer Symptome eine Teilnahme möglich – wie gesagt, nach Absprache mit den Behandlern.

Wenn allerdings Personen durch tierquälerisches Verhalten aufgefallen sind oder keinen Respekt gegenüber Tieren haben, sehe ich konsequent von einer Teilnahme am hundegestützten Selbstsicherheitstraining ab. Gewiss liegt einem sadistischen Verhalten oftmals eine behandlungsdürftige Störung zugrunde. Dennoch ist diese nicht in diesem Rahmen, sondern im Rahmen einer Psychotherapie zu behandeln. Beaufsichtigter Kontakt mit Tieren sollte diesen Personen erst ermöglicht werden, wenn die Behandlung bereits erste Früchte trägt.

In jedem Fall stehen die körperliche und psychische Unversehrtheit und das allgemeine Wohlbefinden des Hundes oder Tieres stets an erster Stelle. Dieser Aspekt muss bei jeder Entscheidung über die Teilnahme einer Person am hundegestützten Selbstsicherheitstraining beachtet werden.

Das hundegestützte Selbstsicherheitstraining wurde von mir für zehn Sitzungen konzipiert. Natürlich kann die Dauer je nach Teilnehmer variieren. Die erste Sitzung dient dem Kennenlernen und dem Erstgespräch, dessen Inhalt im Folgenden genauer erläutert wird. Danach folgen die praktischen Trainingssitzungen, beginnend mit der zweiten Sitzung. In dieser Sitzung interagiert der Teilnehmer spontan mit dem Hund, was vor allem für meine Einschätzung der Selbstsicherheit des Teilnehmers wichtig ist. Auf dieser Basis gebe ich dem Teilnehmer Rückmeldung zu der Außenwirkung seiner Selbstsicherheit. Dieses Feedback findet am Ende der zweiten oder am Anfang der dritten Sitzung statt. Darauf aufbauend lege ich gemeinsam mit dem Teilnehmer den genauen Fokus des Selbstsicherheitstrainings fest. In den weiteren Sitzungen übt der Teilnehmer das selbstsichere Führen des Hundes mit und ohne Leine mit sukzessiv steigender Schwierigkeit und unter Berücksichtigung seines individuellen Fokus. Die letzte Sitzung dient neben den letzten praktischen Übungen mit dem Hund der Zusammenfassung des Gelernten im Rahmen eines Abschlussgesprächs.

Erfahrungen mit der Durchführung des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings habe ich in Kliniken und privaten Trainings gesammelt. Ich führe dieses Training seit 2011 mit meinen Therapiebegleithunden Giulio, Toni und Cleo durch (mehr zu den Hunden in Abschn.  1.3.2). Cleo arbeitet seit Anfang 2019 altersbedingt nicht mehr mit (mehr zum Thema Berentung eines Therapiebegleithundes in Abschn.  3.9). Toni hat im gleichen Zeitraum nach vorheriger entsprechender Ausbildung angefangen, aktiv als Therapiebegleithund im Selbstsicherheitstraining mitzuwirken. Begonnen und entwickelt habe ich das hundegestützte Selbstsicherheitstraining in privaten Kursen in Deutschland und Italien. Als Therapieform führe ich es seit 2012 in Deutschland zunächst an einer psychosomatischen Rehaklinik und anschließend an einer psychosomatischen und psychiatrischen Akutklinik sowie mit privaten Teilnehmern weiter.

Das Training lässt sich prinzipiell überall durchführen. Als Ausrüstung beziehungsweise Räumlichkeiten werden lediglich benötigt (siehe Abb. 5.1):
  • für den Hund
    • ein bequemes Geschirr und eine handelsübliche Leine, eventuell zusätzlich eine Schleppleine,

    • schmackhafte Leckerlis,

    • Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten,

    • ein Napf mit stets frischem Wasser,

  • für den Teilnehmer
    • einen größenverstellbaren Bauchbeutel für die Leckerlis,

  • allgemein
    • mehrere Pylonen,

    • Hindernisse oder eine zu den Pylonen passende Hindernisstange,

    • eine Matte,

    • ein ruhiger Raum zur Vor- und Nachbesprechung der Trainingseinheiten,

    • ein abgegrenzter, ruhiger Übungsplatz von mindestens fünf mal zehn Meter, den man alleine mit dem Teilnehmer und dem Hund nutzen kann.2

Abb. 5.1

Toni mit Geschirr, Leine, Pylonen, Stange, mobilem Schafzaun

5.1.2 Selbstsicherheit

Das Ziel des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings ist die Steigerung der Selbstsicherheit. Ich gehe in der Grundlage für mein Training von einem Selbstsicherheitskonzept aus, das untrennbar mit sozialer Kompetenz verknüpft ist und sich folgendermaßen beschreiben lässt:

Definition: „Selbstsicherheit“

„In zwischenmenschlichen, sozialen Situationen verfügt ein selbstsicherer und sozial kompetenter Mensch über humane, d. h. selbst- und fremdwertschätzende, Einstellungen, Wertsysteme, Grundannahmen und Planstrukturen. Dieser Mensch hat in diesen Situationen a) die Fähigkeit, sich und andere zu ermutigen, wertzuschätzen, zu respektieren; b) Mut, Gelassenheit, Sicherheit, Zutrauen und die Fähigkeit, Beeinträchtigungen dieser Emotionen zu bewältigen, c) ausreichend Ruhe und Entspannung, beziehungsweise die Fähigkeit Beeinträchtigungen körperlicher Reaktionen zuzulassen, und d) ein breites Spektrum an angemessenen, zielführenden und authentischen Verhaltensweisen und Umgangsformen.“ (Güroff 2018, S. 25)

Voraussetzung für die Entwicklung von Selbstsicherheit ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Das Gefühl also, auf Ereignisse und Situationen Einfluss nehmen zu können und generell auf sein eigenes Leben einwirken zu können.

Selbstwirksamkeitsempfinden und Selbstsicherheit sind zentrale Grundlagen für ein zufriedenes Leben. Denn: Wer ein Gefühl von Selbstwirksamkeit hat, ist darum bemüht, sein Leben und seine Beziehungen aktiv zu gestalten. Wer selbstsicher ist, hat eine wertschätzende Beziehung sowohl zu sich selbst als auch zu seiner Umwelt. Wer selbstsicher ist, hat Ressourcen, um mit Widrigkeiten bestmöglich umzugehen. Wer selbstsicher ist, traut sich an neue Situationen und Herausforderungen heran.

Vom selbstsicheren Verhalten abzugrenzen, sind selbstunsicheres und aggressives Verhalten. Selbstunsicheres und aggressives Verhalten verstehe ich als zwei Seiten derselben Medaille. Die eine Seite ist die leise, die andere Seite die laute Äußerung einer inneren Unsicherheit. Die eine Strategie heißt, sich in sich selbst zurückzuziehen, um die eigene empfundene Verletzbarkeit zu schützen. Die andere Strategie besteht darin, die eigene empfundene Verletzbarkeit durch ein dominantes Auftreten zu schützen.

Wichtig!

Selbstunsicheres und aggressives Verhalten sind als zwei Seiten derselben Medaille und als Gegenpol zum selbstsicheren Verhalten zu verstehen.

Wir erkennen die gemeinsame Wurzel der beiden Verhaltensweisen auch daran, dass beide häufig ineinander übergehen oder sich gegenseitig bedingen. Man denke beispielsweise an passiv-aggressiven Verhalten, bei dem innere Aggressionen nur verhalten-schüchtern nach außen dringen. Oder an die berühmten Wutausbrüche nach langem „Schlucken“ und Aufstauen negativer Emotionen. Oder aber an beschämtes, unsicheres Verhalten nach einem Wutausbruch. In all diesen Situationen gehen Aggression und Unsicherheit Hand in Hand.

Beispiel: Übergang von selbstunsicheren in aggressives Verhalten

Ein Mitarbeiter stimmt wiederholt zu, Zusatzarbeiten zu leisten – und das nicht aus Überzeugung oder Freude an der Tätigkeit, sondern aus Angst davor, dem Vorgesetzten gegenüber ein Nein zu äußern. Er ärgert sich darüber, zeigt nach außen aber angepasstes Verhalten. Vielleicht versucht er auch, das ein oder andere Mal aus der Situation herauszukommen, indem er nach Vorwänden sucht („ich bin doch gar nicht geeignet dafür“), aber ohne selbstsicher seine Sicht zu vertreten. Irgendwann wird er erneut um die Leistung einer Zusatzarbeit gebeten und anstatt selbstsicher Nein zu sagen, platzt der gesamte aufgestaute Ärger in einem Wutanfall aus ihm heraus. Das ist ein mögliches Beispiel, wie selbstunsicheres Verhalten über kurz oder lang in aggressives Verhalten umschlagen kann.

Von der hohen Relevanz der Selbstsicherheit für ein gesundes Leben ausgehend, verwundert es wenig, dass Selbstsicherheitstrainings (auch Training sozialer Kompetenzen o. ä. genannt) in vielen sozialen, pädagogischen und therapeutischen Einrichtungen zum Standard gehören und in letzteren sowohl zur Prävention als auch zur Therapie von verschiedenen psychischen Erkrankungen eingesetzt werden.

5.1.3 Warum Selbstsicherheit mit Hunden trainieren?

„Hunde haben alle guten Eigenschaften des Menschen, ohne gleichzeitig ihre Fehler zu besitzen.“ (Zitat, das Friedrich dem Großen zugeordnet wird)

Die Idee, das Training mit der Unterstützung von Therapiebegleithunden anzubieten, entstand im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit als tiergestützte Therapeutin und meines privaten Zusammenlebens mit Hunden. Maßgeblich für die Entstehung des Trainings ist dabei die Erkenntnis: Hunde nehmen menschliches Befinden und Verhalten über ihre feinen Sinneskanäle sehr genau wahr und reagieren darauf. Studien der letzten Jahre belegen dies beziehungsweise weisen darauf hin (vgl. Albuquerque et al. 2016; Müller et al. 2015).

Aber auch Menschen haben feine Antennen für die Unsicherheit oder Selbstsicherheit ihres Gegenübers. Was ist also darüber hinaus der Vorteil des Einsatzes von Hunden in einem Training für Selbstsicherheit? Ein Interaktionspartner im Setting eines Trainings fungiert als Spiegel. Es zeigt dem Übenden durch seine Reaktionen auf ihn, wie der Teilnehmer auf ihn wirkt und wie sich der Teilnehmer verhält. Und damit kommen wir zu dem großen Vorteil des Übens mit einem Hund: Hunde haben keine auf Äußerlichkeiten bezogene vorgefertigten Meinungen, Vorurteile oder dergleichen. Sie reagieren in erster Linie auf das Verhalten ihres Gegenübers. Wir müssen also in der Analyse ihrer Reaktion auf den Teilnehmer nichts oder kaum etwas „abziehen“, wie wir das hingegen bei der Analyse des Verhaltens eines menschlichen Interaktionspartners machen. In zwischenmenschlichen Interaktionen3 spielen im Umgang miteinander die jeweiligen Vorerfahrungen und Prägungen eine Rolle. Das bedeutet, dass ein Feedback nicht ausschließlich bezogen auf das konkrete Verhalten des Teilnehmers ist. Es können in die Rückmeldung auch davon unabhängige Erfahrungen und Überzeugungen des Feedback-Gebenden eingeflossen sein.

Beispiel: Unterschied von Reaktionen von Menschen und Hunde auf Äußerlichkeiten

Teilnehmer 1 ist stark übergewichtig. Ein menschliches Gegenüber hat u. U. bezüglich des Übergewichts Vorurteile („wer dick ist, ist faul“ oder „wer dick ist, hat wenig Selbstdisziplin“). Entsprechend werden diese Vorurteile mit in die Beziehung und in die Verhaltensdynamik zwischen dem Teilnehmer und seinem Interaktionspartner einfließen. Die Reaktionen des Gegenübers auf Teilnehmer 1 lassen sich also nicht ausschließlich auf das Verhalten des Teilnehmers zurückführen, sondern sind Ergebnis einer komplexen Dynamik. Der Hund hingegen reagiert in erster Linie auf das Verhalten der Person, ungeachtet dessen, ob die Person dick ist, ob sie grüne Haare hat, ob sie schick oder schlampig gekleidet ist, ob ihre Zähne schief oder gerade sind.4

Ein weiterer Pluspunkt, der für den Einsatz von Hunden spricht, ist, dass sie in ihren Reaktionen auf ihr menschliches Gegenüber zudem wesentlich authentischer und direkter sind als die meisten anderen Menschen.5 Der Hund nimmt etwas wahr und reagiert darauf – ohne einen zwischengeschalteten Filter aus Höflichkeit, sozialer Erwünschtheit oder dergleichen. Gerade wenn Selbstsicherheit in Gruppen geübt wird und die Gruppenmitglieder miteinander in Rollenspiele gehen, die anschließend analysiert werden, wird das Feedback oftmals sehr höflich und zögerlich gegeben. Der Hund hingegen zeigt seine Reaktion auf das Verhalten seines Gegenübers unmittelbar, ungefiltert und klar und das zudem in der Situation. Damit bietet sich auch die Möglichkeit, im Kontakt mit dem Hund das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu fördern. Der Mensch tut etwas und der Hund reagiert unmittelbar darauf – diese Unmittelbarkeit fördert das menschliche Selbstwirksamkeitsempfinden.

Es ließe sich einwenden, dass wir aber in einer menschlichen Welt leben und dass die potentiellen Teilnehmer an einem Selbstsicherheitstraining Schwierigkeiten im selbstsicheren Verhalten anderen Menschen gegenüber haben. Warum also trotz aller Vorteile mit einem Hund üben? Nun, es macht tatsächlich keinen Unterschied, mit welchem Interaktionspartner es der Teilnehmer zu tun hat. Denn wer unsicher ist, wird sich auch im Kontakt mit dem Hund unsicher verhalten. Die Unsicherheit äußert sich gegebenenfalls anders oder etwas abgeschwächt, aber sie ist da, und wir können an ihr arbeiten. Es ist immer wichtig sich vor Augen zu führen: Im Training geht es um das Verhalten des Teilnehmers, es geht nicht um sein Gegenüber! Es geht bei der Entwicklung von Selbstsicherheit darum, grundlegende Verhaltensweisen zu üben und zu verinnerlichen. Zwar ist mein Gegenüber präsent und reagiert auf mich in seiner Rolle als Spiegel. Aber es geht stets ausschließlich um das eigene Verhalten, die eigene Außenwirkung, die eigenen Beziehungskompetenzen.

Zusammenfassung: Die Vorteile des Einsatzes von Hunden im Rahmen eines Selbstsicherheitstrainings sind:

  • Feine Wahrnehmung der Hunde bezüglich menschlichem Befinden und Verhalten

  • Fokus der Hunde liegt auf dem menschlichen Verhalten, nicht auf Äußerlichkeiten

  • Hunde zeigen authentische und klare Reaktionen

  • Hunde reagieren direkt und unmittelbar auf das Verhalten ihres Gegenübers, was die Erfahrung von Selbstwirksamkeit begünstigt

5.1.4 Wie Hunde auf Selbstsicherheit und Selbstunsicherheit reagieren

Wie zuvor ausgeführt, gehe ich davon aus, dass selbstunsicheres und aggressives Verhalten lediglich unterschiedliche Ausdrucksformen der gleichen inneren Befindlichkeit sind – nämlich der Selbstunsicherheit. Da ich Personen, deren Problembereich offenes körperlich-aggressives Verhalten einschließt, aus Gründen des Schutzes meiner Tiere von vornerein nicht zur tiergestützten Therapie zulasse, unterscheide ich im hundegestützten Selbstsicherheitstraining lediglich zwischen selbstsicherem und selbstunsicherem Verhalten dem Hund gegenüber. Letzteres kann sich auf unterschiedliche Art und Weise äußern: schüchtern oder kompensierend. Von schüchtern spreche ich, wenn die Person sich insgesamt passiv verhält, wenig Gestik und Mimik zeigt, zu einem starren Vorgehen bei der Durchführung von etwas neigt, selten oder nur verhalten Gefühle zeigt und insgesamt ein wenig präsentes Auftreten hat. Kompensierend hingegen bedeutet, dass die Person so etwas wie eine „Flucht nach vorn“ antritt, sich also innerlich unsicher fühlt und dieses Gefühl durch dominantes Verhalten, durch Kontrollverhalten oder verbal-aggressives Verhalten zu kompensieren versucht. Zwischen den beiden Varianten der Selbstunsicherheit gibt es die verschiedensten Abstufungen und Übergänge. Für die praktische Arbeit im Rahmen des Selbstsicherheitstrainings ist allein die grundlegende Differenzierung in selbstsicher und selbstunsicher relevant.

Wie genau reagieren die Hunde nun auf Selbstsicherheit und Selbstunsicherheit? Meine Beobachtung ist, dass sie offen und entspannt reagieren, wenn ein Mensch ihnen gegenüber selbstsicher auftritt. Auf selbstunsicheres Verhalten reagieren Hunde anders. Unsicheres Verhalten ist für Hunde schlechter einzuschätzen als klares, selbstsicheres Verhalten. Somit sind Hunde meiner Erfahrung nach selbst unsicherer, wenn sie mit einem unsicheren Menschen zusammenarbeiten oder interagieren. Studien, die exakt diesen Zusammenhang untersuchen, liegen meines Wissens nach noch nicht vor. Jedoch existieren diverse Studien, deren Ergebnisse darauf hinweisen, dass Hunde auf ängstliches Verhalten beziehungsweise hormonelle Stressfaktoren beim Menschen mit Stress und unsicherem Verhalten reagieren (vgl. Buttner et al. 2015; D’Aniello et al. 2018; O’Farrell 1997; Schöberl et al. 2017; Sundman et al. 2019). Zudem sind mittlerweile viele Trainingsverfahren und Hundeerziehungsratgeber auf der Erkenntnis aufgebaut, dass nur ein sicherer und damit entspannter Hundeführer ein guter Hundeführer sein kann, da sich die Sicherheit und damit Entspannung vom Menschen auf den Hund überträgt (vgl. Wischall-Wagner 2019).

Nun muss man das jeweilige Temperament des Hundes sowie seine Vorerfahrungen gut kennen, um aus seinem Verhalten ablesen zu können, ob er sich sicher oder unsicher fühlt. Ich kenne meine Hunde sehr gut – nicht zuletzt aufgrund dessen, dass ich sie selbst ausgebildet habe und seit vielen Jahren nicht nur mit ihnen lebe, sondern tagtäglich mit ihnen arbeite.

Um zu veranschaulichen, wie teilweise gleich, teilweise unterschiedlich Hunde je nach ihrem individuellen Charakter Sicherheit und Unsicherheit ausdrücken können, beschreibe ich in Tab. 5.1 die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Giulio (siehe hierzu vergleichend Abb. 5.2 und 5.3) und Toni (siehe hierzu vergleichend Abb. 5.4 und 5.5).
Tab. 5.1

Reaktionen der Hund aus selbstsicheres und selbstunsicheres Verhalten

Situation

Reaktion Giulio

Reaktion Toni

Wenn Giulio/Toni sich im Umgang mit dem Teilnehmer sicher fühlt …

• Passt er sein Lauftempo dem Teilnehmer an

• Zeigt spontanen Blickkontakt mit dem Teilnehmer

• Zeigt wenig Interesse an äußerer Ablenkung

Sucht aktiv die Nähe zum Teilnehmer

• Reagiert freudig auf Signale/Kommandos des Teilnehmers

• Passt er sein Lauftempo dem Teilnehmer an

• Zeigt spontanen Blickkontakt mit dem Teilnehmer

• Zeigt wenig Interesse an äußerer Ablenkung

Hält respektvollen Abstand zum Teilnehmer

• Reagiert freudig auf Signale/Kommandos des Teilnehmers

Wenn Giulio/Toni sich im Umgang mit dem Teilnehmer unsicher fühlt …

Läuft und agiert er langsamer

• Zeigt weniger spontanen Blickkontakt mit dem Teilnehmer

• Schnüffelt mehr

Geht auf Distanz zum Teilnehmer

• Reagiert verzögert oder gar nicht auf Signale/Kommandos des Teilnehmers

Läuft und agiert er schneller

• Zeigt weniger spontanen Blickkontakt mit dem Teilnehmer

• Schnüffelt mehr

Ist distanzgemindert gegenüber dem Teilnehmer

• Reagiert verzögert oder gar nicht auf Signale/Kommandos des Teilnehmers

Abb. 5.2

Giulio’s Reaktion auf unsicheres Führen ( https://doi.org/10.1007/000-08h)

Abb. 5.3

Giulio’s Reaktion auf sicheres Führen ( https://doi.org/10.1007/000-08f)

Abb. 5.4

Toni’s Reaktion auf unsicheres Führen ( https://doi.org/10.1007/000-08g)

Abb. 5.5

Toni’s Reaktion auf sicheres Führen ( https://doi.org/10.1007/000-08e)

Wie aus Tab. 5.1 ersichtlich, lohnt es sich, bei der Einschätzung, ob ein Hund von einem Teilnehmer Sicherheit oder Unsicherheit vermittelt bekommt, auf die Bewegungsgeschwindigkeit, das Nähe-Distanz-Verhalten, die Reaktionsgeschwindigkeit sowie den spontanen Blickkontakt zu achten.

Generell ist festzuhalten, dass einige Hunde leichter und andere etwas schwerer einzuschätzen sind. Oftmals muss man bei den ruhigeren Hunden genauer hinschauen, um ihr Befinden korrekt einschätzen zu können.

Checkliste: Wie erkenne ich, ob ein Hund sich im Umgang mit dem Teilnehmer sicher oder unsicher fühlt?

Um erkennen zu können, ob ein Hund sich im Kontakt mit einem Teilnehmer sicher oder unsicher fühlt, gelten folgende wichtige Punkte:
  • Der Therapeut muss…
    • den Hund gut kennen, eine enge und gute Beziehung zu ihm haben und bereits viele verschiedene Situationen mit ihm erlebt haben,

    • wissen, wie der Hund sich verhält, wenn er sich wohl und sicher fühlt,

    • wissen, wie der Hund sich verhält, wenn er sich unsicher fühlt.

  • Der Therapeut ist bei seiner Einschätzung des Hundeverhaltens gut beraten, besonders auf folgende Aspekte zu achten:
    • Die Bewegungsgeschwindigkeit

    • Das Nähe-Distanz-Verhalten

    • Die Reaktionsgeschwindigkeit

    • Die Häufigkeit des spontanen Blickkontakts

Ich kann also an den Reaktionen und am allgemeinen Verhalten meiner Hunde ablesen, ob sie sich sicher oder unsicher im Kontakt mit einem Teilnehmer fühlen. Das wiederum sagt mir, ob der Teilnehmer sicher oder unsicher dem Hund gegenüber auftritt. Das Verhalten meiner Hunde zeigt mir als Therapeutin, ob der Teilnehmer selbstsicher oder selbstunsicher ist und bereitet mir somit die Ausgangsbasis für das Selbstsicherheitstraining.

5.1.5 Selbstsicheres Verhalten einem Hund gegenüber

Nachdem ich nun erläutert habe, was Selbstsicherheit ist, warum sie wichtig ist und wie Hunde auf Selbstsicherheit und Selbstunsicherheit reagieren, möchte ich in diesem Abschnitt beschreiben, wie genau die Selbstsicherheit aussieht, die der Teilnehmer im Training mit dem Hund erlernt.

Selbstsicherheit einem Hund wie auch einem Mensch gegenüber manifestiert sich auf verschiedenen Ebenen:
  • Zum einen über das für ein Gegenüber unmittelbar ersichtliche Verhalten einer Person, nämlich über die Stimme und die Körpersprache

  • Und zum anderen über die nicht sofort ersichtlichen inneren Prozesse. Diese inneren Prozesse sind Gedanken, Gefühle und Einstellungen. Diese bestimmen größtenteils das Verhalten einer Person sowie das allgemeine Befinden.

Die Beschreibung des selbstsicheren Verhaltens in Tab. 5.2 mit dem Zusatz „dem Ziel angepasst“ klingt zunächst etwas sperrig. Es bedeutet aber schlicht folgendes: Ich muss während des Umgangs mit dem Hund stets mein konkretes Ziel (zum Beispiel: Der Hund soll von sich aus zu mir kommen, oder der Hund soll eine Übung ruhig ausführen) im Sinn haben und mein Verhalten darauf abstimmen. Das heißt: Wenn ich möchte, dass der Hund motiviert zu mir kommt, dann werde ich ihn mit freundlicher und aktivierender Stimme rufen und eine offene Körpersprache an den Tag legen. Wenn ich möchte, dass der Hund sich entspannt, werde ich mit leiser, beruhigender Stimme mit ihm sprechen und ruhige Gesten verwenden. Dahinter steckt der eminent wichtige Gedanke: Wenn ich möchte, dass der Hund etwas Bestimmtes tut oder lässt, muss ich mir zunächst überlegen, in welcher inneren Verfassung der Hund sein sollte, um dieses Verhalten abrufen zu können, und mich dann selbst in diese emotionale Verfassung bringen, um sie dem Hund zu vermitteln.
Tab. 5.2

Manifestationen der Selbstsicherheit gegenüber einem Hund

 

Ebenen der Manifestation

Konkreter Ausdruck der Selbstsicherheit

Verhalten

Stimme

• Klare Stimme

• Tonfall und Lautstärke sind dem jeweiligen Ziel angepasst sind, zum Beispiel:

 – Etwas tiefer und leiser (Ausgehend von der individuellen Baseline, d. h. der individuellen Weise zu sprechen und sich auszudrücken), wenn der Hund ruhiges Verhalten zeigen soll

 – Etwas heller, lauter und motivierender, wenn der Hund aktiv sein soll

 – Warm und freundlich beim Loben des Hundes

Körpersprache

• Ausdrucksstarke Körpersprache

• Muskeltonus und Bewegungen sind dem jeweiligen Ziel angepasst, zum Beispiel:

 – Besonnener und langsamer (Auch hier gilt: Ausgehend von der individuellen Baseline, d. h. der individuellen Weise sich zu bewegen), wenn der Hund eine konzentrationserfordernde Aufgabe lösen soll

 – Dynamischer und „spritziger“, wenn der Hund etwas Aktives tun soll, wofür er sich schnell bewegen muss (Springen)

Innere Prozesse

Gedanken und Gefühle

• Konstruktive, stärkende Gedanken

• Dem Ziel angepasste Gefühle, zum Beispiel:

 – Entspannung, wenn der Hund sich entspannt verhalten soll

 – Freude beim Spielen mit dem Hund

 – Konzentration, wenn der Hund sich konzentrieren soll

Einstellung zum Hund und zu sich selbst

• Vertrauen in den Hund und Wertschätzung für den Hund

• Selbstvertrauen und Selbstwertschätzung

• WICHTIG: Oberstes Ziel ist nie die Aufgabe, sondern immer die gute Beziehung zum Hund

Beispiel: Was möchte ich vom Hund und was muss ich als Mensch dafür tun

  • Ausgangssituation: Ich möchte, dass der Hund ruhig neben mir her läuft.

  • Frage: Wie muss der Hund dafür innerlich aufgestellt ein?

  • Antwort: Der Hund sollte entspannt sein.

  • Frage: Wie kann ich den Hund in diesen Zustand versetzen?

  • Antwort: Indem ich Ruhe ausstrahle und dadurch eine entspannte Arbeitsatmosphäre schaffe.

  • Frage: Wie muss ich dazu innerlich aufgestellt sein?

  • Antwort: Ich muss entspannt sein und mich gut auf den Hund und die Situation konzentrieren.

Hier schließt sich also der Kreis, und wir können zusammenfassend sagen: Damit der Hund entspannt neben mir läuft, muss ich den Hund in die hierfür notwendige emotionale Verfassung (nämlich Entspannung) bringen, indem ich selbst entspannt bin und dadurch für eine entspannte Atmosphäre sorge.

Wichtig!

Damit der Hund ein von mir gewünschtes Verhalten ausführt, muss ich den Hund in die hierfür notwendige emotionale Verfassung bringen, indem ich a) selbst diese Emotion empfinde und b) diese Emotion dem Hund klar vermittle.

Über das unmittelbare Verhalten hinaus sind die inneren Prozesse des Teilnehmers ein bedeutsamer Teil seiner Selbstsicherheit. Ein Hund durchschaut „hohle Gesten“. Somit muss der Teilnehmer über die Verhaltensebene hinaus auch an seiner inneren Haltung arbeiten. Hierbei sind die inneren Prozesse während oder vor einer Übung mit dem Hund von großer Bedeutung.

Der Teilnehmer kann sich im Vorfeld angstauslösende Gedanken machen („Nichts wird klappen, und ich werde mich blamieren“), die dann zu unsicher-schüchternem oder unsicher-kompensierendem Verhalten dem Hund gegenüber führen. Das ist der ungünstige Fall. Oder aber der Teilnehmer lernt stattdessen, sich konstruktive Gedanken zu machen und sich in eine Gefühlslage zu versetzen, die zielführend ist. Statt also zu denken „Nichts wird klappen, und ich werde mich blamieren“, kann zu denken geübt werden: „Ich werde freundlich und selbstsicher mit dem Hund umgehen; dann wird er gut auf mich reagieren, und wir werden gemeinsam die Übung meistern“. Durch solch konstruktive Gedanken kann sich der Teilnehmer in eine gelassene, optimistische Gefühlslage versetzen, die sich dann über ein insgesamt gelassenes und offenes Verhalten wiederum auf den Hund überträgt.

Der Teilnehmer kann zudem nicht erwarten, dass der Hund freudig und konzentriert eine Aufgabe mit ihm ausführt, wenn der Teilnehmer selbst keine Freude an der Aufgabe hat und/oder unkonzentriert ist. Der Hund spiegelt, wie gesagt, den Teilnehmer unmittelbar. Der Teilnehmer muss also beim Arbeiten mit dem Hund auf seine eigene Gefühlslage achten und sie möglichst mit der für die jeweilige Übung angestrebten Gefühlslage des Hundes in Einklang bringen.

Manchmal wenden an dieser Stelle gerade depressive Teilnehmer ein, dass sie ja wegen einer affektiven Erkrankung in Behandlung sind und eben nicht „einfach so mal“ Freude empfinden können. Das ist natürlich richtig, jedoch gerade an depressiven Störungen erkrankte Teilnehmer profitieren von diesem Aspekt des Trainings mit dem Hund! Ich habe immer wieder erlebt, dass Personen mit diagnostizierter mittelgradiger depressiver Episode geradezu aufblühen, wenn sie mit dem Hund interagieren und ihn zu etwas motivieren sollen. Zu beachten ist in diesen Fällen:
  • Es ist normal, dass depressive Teilnehmer zunächst skeptisch sind und wenig Veränderung erwarten (das ist Teil der Störung)

  • Sie brauchen eine engmaschigere Begleitung als andere Teilnehmer

  • Und kleine Erfolge müssen groß gefeiert werden!

Wenn es ihm gelingt, ein wenig Freude an einem Suchspiel mit dem Hund zu haben oder ein wenig stolz über eine gelungene Sitz-Übung zu sein, dann ist das für einen depressiven Teilnehmer ein großer Fortschritt und sollte vom Therapeuten als solcher benannt werden.

Natürlich kann der Teilnehmer nicht „einfach auf einen Knopf drücken“ und fröhlich sein, aber er kann mit seinen Gedanken und seinen Gefühlen aktiv ins Hier und Jetzt kommen, Freude am Umgang mit dem Hund zulassen und sich für gute Gefühle öffnen. Das ist meistens schon ausreichend, damit in spielerischen Übungen mit dem Hund wechselseitig Freude und Spaß entsteht, und der Teilnehmer ausgelassen mit dem Hund interagieren kann.

Die Einstellung zu sich selbst und zum Hund ist ebenso wie das Verhalten, die Gedanken und Gefühle ein wichtiger Aspekt der Selbstsicherheit. Die Einstellung zu sich und zum Hund bestimmt nicht nur richtungsweisend das (spontane) Verhalten des Teilnehmers, das wir im Training über Verhaltensmodifikation und kognitives Arbeiten auszugleichen versuchen. Es geht hierbei um Tiefergehendes. Die Einstellung zu sich selbst spiegelt wider, mit welcher grundlegenden Haltung, mit welcher grundlegenden Meinung über sich selbst der Teilnehmer durchs Leben geht. Die Einstellung zum Hund zeigt auf, mit welcher allgemeinen Haltung, mit welcher Erwartung der Teilnehmer seiner Umgebung und seinen Mitmenschen begegnet. Es geht also um Glaubenssätze, um Prägungen.

Bei Menschen mit ausgeprägter Selbstunsicherheit sind diese Glaubenssätze häufig dysfunktional, d. h. sie schaden der Beziehung zu sich selbst und der Beziehung zu Anderen. Da diese Glaubenssätze in der Regel schon lange Jahre Bestandteil des Lebens des Teilnehmer sind, ist es nicht leicht an ihnen zu rütteln. Der Anspruch des Therapeuten für das Training sollte daher immer auf einer Veränderung im Hier und Jetzt und in der konkreten Situation mit dem Hund liegen. So wird dem Teilnehmer von Anfang an die nicht-verhandelbare Wertschätzung des Hundes als gleichwertiges Lebewesen vermittelt und dadurch eine Atmosphäre des wechselseitigen Respekts geschaffen. Ihm wird ein wertschätzender Umgang mit sich selbst, mit den eigenen Entwicklungsschritten und den eigenen Grenzen nahegelegt. Dafür werden zum Beispiel abwertende Aussagen des Teilnehmers über sich selbst hinterfragt und aktiv und wiederholt in wertschätzende Sätze umformuliert.

Zur Entwicklung des Selbstvertrauens und des Vertrauens in den Hund braucht es allerdings auch positive Erfahrungen – und das heißt: Erfolgserlebnisse. Erfolg bedeutet hierbei nicht die stumpfe, reibungslose Abwicklung einer Übung. Erfolg bedeutet, dass der Teilnehmer und der Hund immer mehr zu einem Team zusammenwachsen. Dass beide Spaß aneinander haben. Dass der Teilnehmer spürt: der Hund sieht mich, reagiert auf mich, hat Freude am Arbeiten mit mir. Oberstes Ziel in jeder Übung, in jedem Umgang mit dem Hund ist deshalb stets der Aufbau und die Pflege der Beziehung. Über die gute Beziehung zum Hund, über das Gefühl der stetigen Weiterentwicklung dieser Beziehung entwickelt der Teilnehmer Vertrauen in den Hund und Vertrauen in seine eigenen Beziehungsfertigkeiten.

Zusammenfassung: Entwicklung der Selbstsicherheit

Der Aufbau der Selbstsicherheit muss in umfassender Art und Weise angegangen werden. Konkrete Verhaltensweisen, ausgedrückt über die Körpersprache und die Stimme, sind für den Hund (und außerhalb des Trainings für die Mitmenschen) sofort ersichtlich. Somit ist es wichtig, daran anzusetzen und dem Teilnehmer zu helfen, über diese Kanäle Selbstsicherheit auszudrücken. Körpersprache und Stimme sind dabei die Aspekte, die unmittelbar an der Oberfläche liegen. Bedingt werden sie einerseits durch unsere bewusste Steuerung, so dass eine gewisse aktive Verhaltensänderung möglich ist. Andererseits bestimmen unterhalb der Oberfläche die inneren Prozesse und grundlegenden Einstellungen des Teilnehmers, wie selbstsicher er mit dem Hund (und außerhalb des Trainings mit seinen Mitmenschen) interagieren kann. Damit die erlernten selbstsicheren Verhaltensweisen nicht abstrakt bleiben, sondern mit Authentizität gefüllt werden, braucht es somit auch Veränderung und Entwicklung im Inneren des Teilnehmers.

5.2 Inhalt und Ablauf des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings

Im Folgenden wird ein Überblick über die im Selbstsicherheitstraining verwendeten praktischen Übungen sowie über den konkreten Ablauf des Selbstsicherheitstrainings verschafft.

5.2.1 Überblick: Die im Training verwendeten Übungen

In diesem Abschnitt möchte ich darlegen, welche Übungen ich in der Regel im Laufe des Selbstsicherheitstrainings verwende. Ich folge dabei keinem starren Plan, sondern passe die Übungen an die individuellen Kompetenzen und vor allem an den zu Beginn gemeinsam mit dem Teilnehmer bestimmten Fokus an.

Wenn ein Teilnehmer zum Beispiel bereits gute Kompetenzen im Umgang mit Anderen mitbringt, aber wenig Selbstvertrauen hat, werde ich mich recht früh auf Übungen ohne Leine konzentrieren. Denn ein Teilnehmer mit solchem Fokus soll im Rahmen des Trainings frühzeitig die Erfahrung machen können, dass er keine Leine braucht, um mit dem Hund zu interagieren. Er soll die Erfahrung machen, dass er auf sich und seine Kompetenzen im Umgang mit dem Hund vertrauen kann. Wenn ein Teilnehmer hingegen wenig Gespür für sich und sein Gegenüber hat, werde ich mich mit ihm auf einfache Übungen wie zum Beispiel Rechts- und Linkskurven an der Leine konzentrieren. Hierbei kann er mehr Achtsamkeit für sich und sein Wirken sowie für den Hund und dessen Reaktionen entwickeln. Er lernt bei dieser Übung, seine Körpersprache und Stimme entsprechend seinem Ziel zu koordinieren. Zudem funktioniert die Übung nur, wenn er sich in die Perspektive des Hundes hineinversetzt und Signale an den Hund sendet, die für diesen verständlich sind.

Das bedeutet, dass ich für jeden Teilnehmer individuell einen Trainingsplan mit Übungen, die seinem Fokus entsprechen, festlege. In der Tab. 5.3 gebe ich einen Überblick über die von mir am häufigsten verwendeten Übungen im Rahmen des Trainings. Die dort aufgeführten Übungen dienen allesamt der Steigerung der Selbstsicherheit. Deshalb werden in jeder dieser Übungen eine selbstsichere Körpersprache, eine selbstsichere Stimme, selbstsichere innere Prozesse und eine selbstsichere Einstellung geübt und erlernt (siehe Tab. 5.2). Es wird also trainiert, mit einer offenen, dem Ziel angepassten Körpersprache, einer deutlichen, dem Ziel angepassten Stimme sowie mit konstruktiven Gedanken und Gefühlen und einer grundlegend wertschätzenden und vertrauensvollen Einstellung zu sich und zu dem Hund an jede Übung heranzugehen. Das ist der gemeinsame Nenner aller Übungen. Darüber hinaus kann bei jeder einzelnen Übung ein bestimmter Aspekt der Selbstsicherheit besonders geübt werden. Diese zusätzlichen Punkte sind in der letzten Spalte der Tab. 5.3 aufgeführt.
Tab. 5.3

Übungen im Rahmen des Selbstsicherheitstrainings

Mit oder ohne Leine

Übung

Was muss der TN konkret machen?

Was lernt der TN bei dieser Übung?

Sowohl mit als auch ohne Leine möglich

Hund auf gerader Strecke führen

• Die Strecke klar vor Augen haben

• Den Hund zum Mitlaufen motivieren (Hund soll nicht stehenbleiben)

• Den Hund begrenzen (Hund soll nicht vorauslaufen)

• Selbstsicheres Laufen und Agieren

• Seinen Gegenüber zu motivieren

• Seinen Gegenüber zu begrenzen

Sowohl mit als auch ohne Leine möglich

Rechts- und Linkskurven mit dem Hund

• Die Strecke klar vor Augen haben

• Den Hund zum Mitlaufen motivieren (Hund soll nicht stehenbleiben)

• Den Hund begrenzen (Hund soll dabei nicht vorauslaufen)

• Erkennen, welche Signale der Hund braucht, um zu wissen, in welche Richtung es geht

• Klare Signale an den Hund senden

• Selbstsicheres Laufen und Agieren

• Seinen Gegenüber zu motivieren

• Seinen Gegenüber zu begrenzen

• Perspektivübernahme, Empathie

• Klarheit

• Zusammenspiel von Körpersprache und Stimme

Sowohl mit als auch ohne Leine möglich

Slalom

• Die Strecke klar vor Augen haben

• Den Hund zum Mitlaufen motivieren (Hund soll nicht stehenbleiben)

• Den Hund begrenzen (Hund soll nicht vorauslaufen)

• Erkennen, welche Signale der Hund braucht, um korrekt um die Pylonen zu laufen

• Klare Signale an den Hund senden

• Selbstsicheres Laufen und Agieren

• Seinen Gegenüber zu motivieren

• Seinen Gegenüber zu begrenzen

• Perspektivübernahme, Empathie

• Zusammenspiel von Körpersprache und Stimme

• Klarheit

Sowohl mit als auch ohne Leine möglich

Hindernis (siehe Abb. 5.6)

• Das Hindernis fokussieren

• Erkennen, welche Signale der Hund braucht, um über das Hindernis zu springen

• Den Hund durch dynamische Körpersprache und Stimme zum Springen bringen

• Klare Signale an den Hund senden

• Selbstsicheres Laufen und Agieren

• Perspektivübernahme, Empathie

• Seinen Gegenüber zu motivieren

• Zusammenspiel von Körpersprache und Stimme

• Klarheit

Sowohl mit als auch ohne Leine möglich

Parcours (d. h. Zusammensetzung einzelner Übungen, zum Beispiel Slalom und Hindernis)

• Hängt von den einzelnen Übungen ab, aus denen der Parcours zusammengesetzt ist

• Darüber hinaus: Wechsel zwischen den Übungen müssen klar angezeigt werden; Konzentration muss gehalten werden

• Hängt von den einzelnen Übungen ab, aus denen der Parcours zusammengesetzt ist

• Darüber hinaus:

 – Konzentration

 – Handlungsbereitschaft

 – Flexibilität

Sowohl mit als auch ohne Leine möglich

Kommandos über Sicht- und Hörzeichen

Sitz

Down

Warte

Komm

• Wissen, was ich möchte

• Sinnvolles Timing

• Klare Signale an den Hund senden

• Klarheit

• Bestimmtheit

• Zusammenspiel von Körpersprache und Stimme

Ausschl. ohne Leine

Hund aus Distanz zu sich rufen (siehe Abb. 5.7)

• Überzeugt sein, dass der Hund kommen wird

• Freundliches, motivierendes Rufen bei offener Körpersprache

• Klare Signale an den Hund senden

• Positive, offene Haltung zu mir und zum Hund

• Selbstsicheres Agieren

• Seinen Gegenüber zu motivieren

• Klarheit

Ausschl. ohne Leine

Hund etwas suchen lassen

• Konzentration auf das zu suchende Objekt

• Erkennen, welche Signale der Hund braucht, um zu wissen, dass (und ggf. wo) er suchen soll

• Klares, motivierendes Anleiten des Hundes zum Suchen

• Konzentration

• Perspektivübernahme, Empathie

• Vertrauen (auf eigene Kompetenzen zur Anleitung und auf Suchkompetenzen des Hundes)

• Seinen Gegenüber zu motivieren

• Klarheit

Die in der letzten Spalte der Tab. 5.3 aufgeführten Punkte zeigen auf, wie der Teilnehmer über das Training mit dem Hund an unterschiedlichen Aspekten seiner eigenen Selbstsicherheit arbeiten kann. Wenn wir an einer Übung mit dem Hund arbeiten – zum Beispiel am Hindernis (siehe Abb. 5.6) oder am Rufen aus der Distanz (siehe Abb. 5.7) – weise ich vor, während und nach der Übung auf die Aspekte der Selbstsicherheit hin, die der Teilnehmer gerade trainiert.
Abb. 5.6

Hindernis ( https://doi.org/10.1007/000-08j)

Abb. 5.7

Hund aus Distanz zu sich rufen ( https://doi.org/10.1007/000-08k)

Bei allen Übungen, die der Teilnehmer im Rahmen des Selbstsicherheitstrainings durchführt, achte ich stets darauf, immer wieder in Bezug zu den in der bisherigen Selbstunsicherheit des Teilnehmers begründeten Alltags- und Beziehungsschwierigkeiten zu setzen. Dieser Transfer ist für die mittel- und langfristige Wirkung des Selbstsicherheitstrainings von hoher Bedeutung. Nur so können die Erfolge aus der Arbeit mit dem Hund auf das Leben des Teilnehmers übertragen werden. Hierzu später mehr. Zunächst stelle ich im Folgenden den Ablauf des Erstgesprächs und den weiteren Verlauf des Trainings dar.

5.2.2 Ablauf des Trainings

5.2.2.1 Das Erstgespräch – Heranführung an das Training

Das Erstgespräch prägt den weiteren Verlauf der tiergestützten Therapie und beinhaltet das wechselseitige Kennenlernen, die Klärung von Rahmenbedingungen, die Einführung in das Selbstsicherheitstraining und die Festlegung von Ziel und Fokus der weiteren Sitzungen.

5.2.2.1.1 Setting des Erstgesprächs

Das Erstgespräch findet in einem ruhigen Raum statt, in dem eine ungestörte und offene Unterhaltung geführt werden kann und in dem sich die Hunde auskennen und wohlfühlen. Anwesend ist meistens nur ein Hund, nämlich derjenige, mit dem ich mit dem Teilnehmer vermutlich in Zukunft arbeiten werde.6 Der Teilnehmer lernt zunächst den Hund kennen, wobei die erste Begegnung meistens so abläuft, dass der Teilnehmer ins Zimmer tritt, wir uns begrüßen und der Hund zum Teilnehmer kommt, schnüffelt und sich seinerseits streicheln und begrüßen lässt. Danach legt sich der Hund entweder auf seinen Liegeplatz oder kommt mit in die Sitzgruppe, in die ich mich mit dem Teilnehmer setze und das Erstgespräch führe.

5.2.2.1.2 Klärung wichtiger Fragen und Rahmenbedingungen

Am Anfang kann der Teilnehmer zunächst seine Fragen stellen, sofern er gleich zu Beginn solche hat. Ansonsten beginne ich zu fragen und zwar zunächst, wie seine Beziehung zu Hunden und Tieren im Allgemeinen ist. Diese Frage ist wichtig, um den Teilnehmer kennenzulernen und um einschätzen zu können, ob der Teilnehmer unvoreingenommen in die Therapie startet oder nicht. Voreingenommenheit hinsichtlich der Arbeit mit den Hunden kann zum Beispiel bestehen, wenn der Teilnehmer Ängste hat oder negative Erfahrungen mit Tieren oder Hunden gemacht hat. Sie kann auch – im anderen Extrem – bestehen, wenn der Teilnehmer sein Selbstwertgefühl über seinen Umgang mit Tieren definiert (was das unter Umständen für die Therapie bedeuten kann, erläutere ich in Abschn. 5.3.1). Je nachdem kann es dann notwendig sein, vor dem Start in das Selbstsicherheitstraining bestimmte Schritte vorzuschalten, wie den Abbau von Ängsten oder klärende Gespräche zu bestimmten Aspekten.

Im nächsten Schritt erläutere ich die Rahmenbedingungen der tiergestützten Therapie, also beispielsweise die Dauer der Sitzungen, den zukünftigen Treffpunkt und andere praktische Aspekte. Zudem erkläre ich nun die Verhaltensregeln gegenüber dem Hund und bespreche diese bei Bedarf vertieft mit dem Teilnehmer. Wie schon an anderer Stelle erläutert, lauten diese Regeln wie folgt:
  • Respekt vor dem Hund: Wir begegnen dem Hund auf Augenhöhe und respektieren seine Grenzen

  • Wahrnehmung des Hundes als Individuum: Wir nehmen den Hund als Individuum mit eigenen Bedürfnissen, mit eigenem Charakter und eigenem Willen wahr und behandeln ihn dementsprechend

  • Arbeit mit dem Hund ist Arbeit an uns selbst: Wir nutzen den Austausch mit dem Hund, um etwas über uns selbst zu lernen. Durch sein Verhalten gibt der Hund uns kontinuierlich und unverfälscht Feedback darüber, wie wir auf ihn wirken. Wir haben dadurch in der Beziehung zu dem Hund die Chance, uns selbst zu reflektieren und unser Verhalten zu verändern.

5.2.2.1.3 Einschätzung der Selbstsicherheit des Teilnehmers
Zur Bestimmung von Ziel und Fokus gilt es zunächst einzuschätzen, wie selbstsicher beziehungsweise selbstunsicher der Teilnehmer zum jetzigen Zeitpunkt ist. Hierfür erörtere ich im Gespräch die Sicht des Teilnehmers auf sich selbst:
  • Wie selbstsicher schätzt er sich im Allgemeinen ein?

  • In welchen Situationen fühlt er sich selbstsicher?

  • In welchen Situationen fühlt er sich selbstunsicher?

  • Welches Verständnis von Selbstsicherheit und Selbstunsicherheit hat er?

Personen, die ihre Unsicherheit tendenziell eher kompensieren (siehe Abschn. 5.1.2), tendieren meiner Erfahrung nach häufig dazu, selbstsicheres Verhalten mit aggressivem Verhalten zu verwechseln. Auf meine Frage, wie sich ihrer Meinung nach selbstsicheres Verhalten äußert, werden häufig Attribute wie „laute Stimme“, „dominantes Auftreten“ oder „sich durchsetzen können“ genannt. Dass hingegen Kompromissbereitschaft, Flexibilität und Freundlichkeit zentrale Aspekte des selbstsicheren Verhaltens sind, verblüfft und wird gerne in Frage gestellt („aber dann buttert mich der Andere doch unter“). Es bedarf also unter Umständen zu Beginn eine vertiefte Auseinandersetzung beziehungsweise Psychoedukation, um von einem gemeinsamen Nenner aus starten zu können.

Wichtig!

Vor Beginn des Trainings sollte sichergestellt sein, dass Therapeut und Teilnehmer das gleiche Verständnis von Selbstsicherheit haben und somit auf das gleiche Ziel hinarbeiten!

5.2.2.1.4 Festlegung von Therapieziel und Fokus

Stellt sich nun im Gespräch heraus, dass der Teilnehmer entweder seit jeher oder aufgrund eines einschneidenden Lebensereignisses oder einer akuten Krise an Selbstunsicherheit leidet, wird nun das konkrete Ziel definiert. Es kann ganz global lauten: Steigerung der allgemeinen Selbstsicherheit oder Mehr Selbstwertgefühl entwickeln. Jedoch gilt, dass je individueller und konkreter sich das Ziel des Teilnehmers formulieren lässt, die Therapie umso zielgerichteter und besser gestaltet werden kann. Es lässt sich zudem besser überprüfen, ob sich im Therapieprozess etwas verändert. Es lohnt sich also, hier etwas dezidierter nachzuhaken und gemeinsam mit dem Teilnehmer ein möglichst griffiges Ziel zu formulieren. Konkrete Beispiele für solche Ziele sind: Mehr Selbstvertrauen entwickeln, wenn ich mich an etwas Neues heranwage oder Mich trauen, neue Leute anzusprechen oder Meine Angst davor, mich zu blamieren, abbauen oder Mir weniger Gedanken um die Meinung anderer machen.

Im nächsten Schritt wird dann besprochen, wie genau mit dem Hund auf dieses Ziel hin gearbeitet werden kann. Ich erkläre dem Teilnehmer dafür zunächst warum und wie sich Selbstsicherheit mit dem Hund üben lässt. Zugleich werden Entsprechungen der im Umgang mit dem Hund geübten Aspekte von Selbstsicherheit im Alltagsleben des Teilnehmers gesucht. Beispielsweise sind der Aufbau und das Halten Blickkontakt mit dem Hund, Loben und freundliche Ansprache wichtige Aspekte des selbstsicheren Umgangs mit einem Hund. In zwischenmenschlichen Beziehungen entspricht das Loben dem Ausdruck von Wertschätzung oder Zuneigung. Und die Kompetenz, Wertschätzung und Zuneigung adäquat zeigen zu können, ist ebenfalls ein wichtiger Teil der Selbstsicherheit. Tut sich jemand im zwischenmenschlichen Bereich bisher schwer damit, dann übe ich in den kommenden Sitzungen verstärkt das angemessene Loben des Hundes und in den anschließenden Gesprächen reflektieren der Teilnehmer und ich, welche Lernerfahrungen er dabei mach und was davon sich auf sein Alltagsleben übertragen lässt.

5.2.2.1.5 Erklären, dass Selbstsicherheit gut mit Hunden trainiert werden kann

Das Erstgespräch dient also auch dazu, dem Teilnehmer zu vermitteln, warum er seine Selbstsicherheit im Training mit dem Hund verbessern kann. Denn der Teilnehmer mag zu Recht hinterfragen, warum man an dieser Stelle einen Hund einsetzt und nicht direkt mit einem menschlichen Gegenüber arbeitet. Hierfür erläutere ich die in Abschn. 5.1.3 und 5.1.4 genannten Gründe mit besonderem Fokus darauf, dass Hunde ihrerseits mit selbstsicherem Verhalten auf menschliche Selbstsicherheit und mit selbstunsicherem Verhalten auf menschliche Unsicherheit reagieren. Dem Teilnehmer wird vermittelt, dass er über das Verhalten des Hundes sein eigenes Auftreten und Wirken rückgemeldet bekommt. Durch diese Rückmeldung hat er die Möglichkeit, an seinem Verhalten und inneren Befinden zu arbeiten und Stück für Stück mehr Selbstsicherheit aufzubauen.

Wichtig!

Die Reaktionen eines Hundes auf menschliches Verhalten sind als Spiegel zu verstehen und erlauben dem Menschen, dadurch sein eigenes Verhalten bewusst zu erkennen, zu reflektieren und (im letzten und wichtigsten Schritt) sukzessive in Richtung von mehr Selbstsicherheit zu verändern.

5.2.2.1.6 Gemeinsames Erarbeiten des selbstsicheren Verhaltens gegenüber einem Hund

Gemeinsam mit dem Teilnehmer definiere ich dann im letzten Teil des Erstgesprächs die genauen Aspekte selbstsicheren Verhaltens einem Hund gegenüber (siehe Tab. 5.2). Es wird an dieser Stelle also konkret festgelegt, welche Verhaltensweisen mit dem Hund im weiteren Training geübt werden. Hierbei ist es wichtig, mit dem Teilnehmer immer wieder den Bezug und die Entsprechungen in seinen realen zwischenmenschlichen Beziehungen zu suchen.

In der Besprechung des Verhaltens und der inneren Prozesse bei Selbstsicherheit (siehe Tab. 5.2) widme ich jedem einzelnen Aspekt Zeit und Aufmerksamkeit. Ich achte darauf, die einzelnen Punkte in der Sprache des Teilnehmers auszudrücken, um ihn nicht durch eine für ihn künstlich erscheinende Terminologie zu verlieren. Gemeinsam mit dem Teilnehmer streiche ich zudem heraus, welche Aspekte der Selbstsicherheit ihm bisher am schwersten fallen und den Bezug zu seinem Therapieziel haben. Auf diese Punkte wird dann im Verlauf des Trainings der Fokus gelegt. Manchmal verändert sich das auch mit der Zeit, beziehungsweise der Teilnehmer merkt erst in der Praxis, was ihm wirklich schwerfällt und dadurch ändern sich Ziel und Fokus.

Wichtig!

Die verwendeten Begrifflichkeiten sollten dem normalen Sprachgebrauch des Teilnehmers entsprechen. Als Therapeutin breche ich mir „keinen Zacken aus der Krone“, wenn ich zum besseren Verständnis einige umgangssprachliche Ausdrucksweisen des Teilnehmers übernehme.

Zusammenfassung: Ablauf und Inhalte des Erstgesprächs
  • Wechselseitiges Kennenlernen, einschließlich Kennenlernen des Therapiebegleithundes

  • Klären, inwieweit Unvoreingenommenheit hinsichtlich der tiergestützten Therapie besteht (gegebenenfalls sind sonst vor dem Selbstsicherheitstraining noch andere Sitzungen notwendig)

  • Aufzeigen der Möglichkeiten der tiergestützten Therapie
    • Abhängig von der konkreten Thematik des Teilnehmers

    • Immer wichtig: erklären, warum sich Selbstsicherheit gut mit dem Hund üben lässt (siehe Abschn. 5.1.3)

  • Erklärung der Rahmenbedingungen der Therapie
    • Praktische Aspekte wie Dauer der Sitzungen und offene Fragen des Teilnehmers

    • Ausgabe der Verhaltensregeln gegenüber den Hunden (siehe Abschn.  3.4.2)

  • Erörterung der Selbstsicherheit des Teilnehmers
    • Konkrete Fragen zur Einordnung der Sicht des Teilnehmers auf sich selbst

    • Dabei gleiches Verständnis des Begriffs „Selbstsicherheit“ sicherstellen

  • Erläuterung, wie Selbstsicherheit gegenüber einem Hund konkret aussieht (siehe Tab. 5.2)

  • Festlegung von Ziel und Fokus der tiergestützten Therapie

5.2.2.2 Verlauf des Trainings: Arbeit an der Veränderung

Nachdem nun im Erstgespräch die Grundlage für das Selbstsicherheitstraining geschaffen wurde (siehe Abschn. 5.2.2.1), gehen wir in den folgenden Sitzungen zur Praxis über. Diese sieht so aus, dass wir einfache Übungen mit dem Hund machen – stets mit dem Ziel, dass der Teilnehmer seine Selbstsicherheit sukzessive steigert. Der Fokus liegt, wie bereits gesagt, nicht auf der reibungslosen Abwicklung der Übung, sondern darauf wie der Teilnehmer sich während des Ablaufs fühlt, wie er sich dem Hund gegenüber verhält und wie er den Verlauf der Übung innerlich verarbeitet.

Wichtig!

Der Fokus während der praktischen Übungen mit dem Hund liegt darauf wie der Teilnehmer sich bei der Durchführung der Übungen fühlt, wie er sich dem Hund gegenüber verhält und wie er den Verlauf und das Ergebnis der Übung innerlich verarbeitet.

Wir starten also in das Training. Hier geht es nun einerseits darum, dass Teilnehmer und Hund in Kontakt miteinander kommen und beginnen, sich aufeinander einzulassen. Praktisch bedeutet das, dass ich mich mit dem Teilnehmer und dem Hund auf einen ruhigen Übungsplatz begebe (siehe Abb. 5.8). Dort dreht der Teilnehmer mit dem Hund an der Leine die erste Runde über den Übungsplatz. Dieses erste gemeinsame Laufen ist für mich wichtig, denn es gibt mir die Möglichkeit zu erkennen, welche praktischen Fertigkeiten der Teilnehmer bereits mitbringt. In den Vorgesprächen berichtet der Teilnehmer zwar darüber, wie es um seine allgemeine Selbstsicherheit bestellt ist, und ob er bereits Hundeerfahrung hat oder nicht. Jedoch können wir erst im konkreten Umgang mit dem Hund erkennen, wie selbstsicher (oder nicht) der Teilnehmer tatsächlich ist.
Abb. 5.8

Übungsplatz

Beispiel: Erste praktische Sitzung

Teilnehmerin 2 leidet an depressiven Symptomen und kommt aufgrund eines deutlich verminderten Selbstwertgefühls mit Selbstunsicherheit in sozialen Situationen zur tiergestützten Therapie. Sie hat ihre erste praktische Sitzung mit dem erfahrenen Therapiebegleithund Giulio. Sie ist Giulio und mir als Therapeutin gegenüber freundlich und zugewandt. Als sie mit Giulio an der Leine ein Stück laufen soll, dreht sie sich immer wieder zu mir um und rückversichert sich, ob sie alles richtig mache. Giulio spürt ihre ängstliche Haltung, ihre mangelnde Konzentration auf ihn, was dazu führt, dass Giulio seine Aufmerksamkeit von ihr zurückzieht, schnüffelt, „sein Ding“ macht. Teilnehmerin 2 bemerkt, dass Giulio viel stehenbleibt und schnüffelt. Halbherzig versucht sie, ihn zum Weitergehen zu motivieren. Ein fragendes, leises „Komm …“ während sie selbst unschlüssig von einem Fuß auf den anderen tritt, losgehen möchte, aber sich nicht traut, da sie fürchtet, Giulio wird ihr nicht folgen – was aufgrund der unsicheren Ansprache und passiven Körpersprache auch genauso eintritt. Auf das unbeirrte Weiterschnüffeln von Giulio reagiert die Teilnehmerin dann mit unsicherem Lachen und Scherzen, wobei sie sich mit Letzterem selbst abwertet und in ihrer Unsicherheit bestärkt („selbst Giulio nimmt mich nicht ernst“).

Ich beobachte während der ersten praktischen Sitzung, wie der Teilnehmer spontan, d. h. ohne konkrete Instruktionen oder Hinweise meinerseits, mit dem Hund umgeht.
  • Spricht er von sich aus mit dem Hund?

  • Lobt er den Hund?

  • Erwartet er Zuwendung von Seiten des Hundes?

  • Nutzt er die Leine als Druckmittel?

  • Ist er passiv?

  • Was sagen Mimik und Körpersprache aus?

  • Was äußert der Teilnehmer spontan und von sich aus während des Umgangs mit dem Hund?

Dies sind nur einige Beispiele für Aspekte, auf die ich achte, wenn der Teilnehmer mit dem Hund interagiert. Es geht darum, auf Details zu achten und zugleich eine ganzheitliche Idee zu entwickeln, welche Glaubenssätze und Ängste beim Teilnehmer während des Umgangs mit dem Hund aktiv werden. Jeder Mensch reagiert anders, wenn ihm eine Aufgabe gestellt wird. In unserem Kontext lautet die Aufgabe, den Hund zu führen. Je nach Vorerfahrungen, je nach Persönlichkeit, je nach Grad der Selbstsicherheit geht ein Mensch unterschiedlich mit dieser Aufgabe um.

Meine Beobachtungen beim unterschiedlichen Umgang mit dieser Aufgabe lassen sich diesbezüglich folgendermaßen (vereinfacht) zusammenfassen: Je selbstsicherer ein Mensch ist, desto offener, entspannter und spontaner geht er mit dem Hund um. Je selbstunsicherer ein Mensch ist, desto mehr steht das Thema Kontrolle im Raum. Denn Unsicherheit hängt mit Angst zusammen und Angst führt zu Kontrollbestrebungen. Dieses Streben nach Kontrolle kann sich unterschiedlich äußern. Es kann sein, dass der Teilnehmer versucht, das eigene Verhalten, so gut es geht, zu kontrollieren, um keine Fehler zu machen. Es kann auch sein, dass er bestrebt ist, das Verhalten des Hundes zu kontrollieren, indem er über Druck und Einengung mit dem Hund interagiert. Oder das Thema Kontrolle manifestiert sich vor allem mehr im Inneren des Teilnehmers – als Angst vor Kontrollverlust zum Beispiel. Oder als Erwartungshaltung an den Hund, nämlich, dass dieser sich automatisch sehr kontrolliert verhält, also keine spontanen Verhaltensweisen zeigt.

Wichtig!

Je selbstsicherer ein Mensch ist, desto offener, entspannter und spontaner geht er mit dem Hund um. Je selbstunsicherer ein Mensch ist, desto kontrollierter ist sein Verhalten und desto mehr versucht er, den Hund zu kontrollieren, beziehungsweise er fürchtet Kontrollverlust oder setzt kontrolliertes Verhalten auf Seiten des Hundes voraus.

Ich bekomme in der ersten Trainingssitzung also ein konkretes Bild davon, wie es um die Selbstsicherheit des Teilnehmers bestellt ist. Dies wird in der Besprechung, die sich an den praktischen Teil der Sitzung anschließt, offen mit dem Teilnehmer thematisiert, und auf Basis dieses Gesprächs wird der Fokus der weiteren Sitzungen festgelegt.

Beispiel: Nachbesprechung im Anschluss an die erste praktische Sitzung

Kommen wir auf das Beispiel von Teilnehmerin 2 zurück: Im Anschluss an die Sitzung bespreche ich mit ihr die Gründe, dafür dass Giulio nicht auf sie reagiert hat. Für sie bleibt zunächst nur das Gefühl des Misserfolges und des Versagens zurück. Es ist deshalb essenziell, die Situation gemeinsam zu analysieren. Wir besprechen, dass sich ihre innere Unsicherheit (d. h. ihre Selbstzweifel, ihre Versagensangst, ihre Angst vor Kontrollverlust) in einer mangelnden Konzentration auf Giulio, einer leisen Stimme, einem fragenden Tonfall und einer unklaren, passiven Körpersprache ausdrücken. Innerlich setzt sie bereits voraus, dass Giulio ihr nicht folgen wird, was ihr wiederum Angst macht, und was sich im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung dann auch so erfüllt. Denn ihr unsicheres Verhalten führt dazu, dass Giulio sich innerlich von ihr abwendet und selbst Entscheidungen trifft. Diese Dynamik halten wir auf einem Flipchart fest, wodurch Teilnehmerin 2 die Kausalzusammenhänge nachvollziehen kann. Danach überlegen wir gemeinsam, wie sie aus diesem Kreislauf aussteigen und selbstsicherer werden kann.

Bei fast jedem Teilnehmer zeigt sich in der Analyse der ersten Sitzung, dass im Weiteren ein Ansetzen von mehreren Seiten aus notwendig ist, um dem Teilnehmer zu mehr Selbstsicherheit zu verhelfen (siehe Tab. 5.4).
Tab. 5.4

Handlungsebenen zum Aufbau von Selbstsicherheit

Handlungsebenen

Erläuterung

Konkret für Teilnehmerin 2

Kognitives Arbeiten

Ersetzen der hinderlichen Gedanken durch förderliche, stärkende Gedanken

Weg von „Ich werde mich blamieren“ hin zu „Ich schaffe das!“

Weg von „Der Hund nimmt mich nicht ernst“ hin zu „Ich werde selbstsicher auftreten, und dann wird der Hund gut auf mich reagieren“

Verhaltensänderung

Ersetzen unsicheren Verhaltens durch selbstsicheres Verhalten

Weg von unsicherem Verhalten hin zu:

Konzentration auf den Hund

Aufrechter Haltung

Fester, klarer Stimme

„Komm“ sagen und mit der Überzeugung loslaufen, dass der Hund folgen wird

Ermöglichen von Erfolgserlebnissen

Betrifft die Therapeutin: es werden Übungen mit einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit für den Teilnehmer ausgewählt, Erfolge werden herausgestrichen

Für Teilnehmerin 2 werden einfache Übungen ausgewählt

Erfolge werden während den Übungen betont, am Ende der Sitzung wiederholt

Insgesamt wird Freude über eine gelungene Übung offen und intensiv gezeigt, um die Teilnehmerin weiter zu motivieren

Im späteren Verlauf: Entwicklung einer gesunden Demut.

Durch die Erfolge Selbstvertrauen entwickeln, ohne sich zu überschätzen beziehungsweise sich auf den Erfolgen auszuruhen. Jede Sitzung mit dem Hund stellt eine neue Herausforderung dar; der Entwicklungsprozess ist nie abgeschlossen.

Siehe Beispiel zu Teilnehmerin 2 im weiteren Verlauf

Bei manchen Teilnehmern ist das kognitive Arbeiten wichtiger als die Verhaltensänderungen. Bei anderen steht die Verhaltensänderung im Vordergrund. Bei wieder anderen ist vor allem das Erleben von Erfolgen am wichtigsten. Alle drei Punkte sind jedoch in der Regel bei jedem Teilnehmer zu beachten, damit der Teilnehmer sich in den folgenden Sitzungen sukzessiv seinem Ziel einer höheren Selbstsicherheit annähern kann.

Exkurs: Demut

Demut hat im deutschsprachigen Raum teilweise eine negative Konnotation. Deswegen erläutere ich hier etwas genauer meine Verwendung dieses Begriffs.

Mit gesunder Demut (siehe Tab. 5.4) ist Folgendes gemeint: Der Teilnehmer (oder allgemeiner der Hundeführer) ist sich stets darüber bewusst, dass das gute Gelingen einer Übung keine Garantie für die Zukunft ist. Der Mensch muss im Kontakt mit dem Hund wach, aufmerksam und konzentriert bleiben, nur dann können Hund und Mensch in einer Übung oder Situation ihr Bestes abrufen. Der Hund merkt, wenn der Mensch aus Selbstüberschätzung unkonzentriert ist oder seine Sache nur halbherzig macht. Eine gesunde Demut ist einer der Schlüssel für langfristigen Erfolg in der Arbeit mit dem Hund.

Gerade wenn das Selbstsicherheitstraining eingesetzt wird, um die berufliche Führungskompetenz des Teilnehmers zu verbessern, ist der Aspekt der gesunden Demut essentiell. Andere Führungstrainings in diesem Bereich basieren auf Führungskonzepten, welche die Demut sogar als höchste mögliche Ebene des Führungsverhaltens verstehen (Collins 2001).

Konkret kommen nun verschiedene praktische Übungen mit dem Hund zum Einsatz, die aufeinander aufbauen und im Verlauf immer anspruchsvoller und komplexer werden. In der ersten Sitzung geht es, wie oben beschrieben, darum, dass der Teilnehmer zunächst intuitiv den Hund ein Stück an der Leine führt. In den folgenden Sitzungen wird die vom Teilnehmer spontan gezeigte Leinenführung Schritt für Schritt verbessert und in immer schwierigeren Situationen geübt. Hierfür wird er von mir in seinem Tempo begleitet und bekommt die erforderlichen Hilfestellungen, Instruktionen und Rückmeldungen, damit er den Hund immer selbstsicherer führen kann.

Beispiel: Zweite praktische Sitzung

In der zweiten praktischen Sitzung mit Teilnehmerin 2 geht es nun darum, mit dem kognitiven Arbeiten und der Verhaltensänderung zu beginnen. Ich bespreche mit ihr vorab erneut die zuletzt formulierten konstruktiven Gedanken „Ich schaffe das!“ und „Ich werde selbstsicher auftreten und dann wird Giulio gut auf mich reagieren“. Wir gehen dann gemeinsam auf den Übungsplatz und besprechen kurz, was wir heute machen. Teilnehmerin 2 soll heute das selbstsichere Führen von Giulio auf unterschiedlichen Strecken (im Kreis, geradeaus, mit Abbiegen nach links und rechts, in unterschiedlicher Schrittgeschwindigkeit) üben. Die erste Übung, mit der wir starten, ist das Führen von Giulio entlang der Begrenzung des Übungsplatzes. Die Leine soll dabei locker sein, Giulio neben Teilnehmerin 2 laufen, und die beiden sollen nicht stehen bleiben. Vor dem Beginn dieser Übung wiederhole ich gemeinsam mit Teilnehmerin 2 die konstruktiven Gedanken und gebe sie ihr mit in die Übung. Dies werde ich in den ersten Sitzungen vor jeder Übung machen, bis Teilnehmerin 2 diese Gedanken ausreichend verinnerlich hat. Parallel dazu gebe ich ihr vor dem Laufen praktische Tipps, wie sie Giulio selbstsicherer entlang des Zaunes führen kann (= Arbeit am Verhalten). So rege ich sie an, die Konzentration ausschließlich auf Giulio und auf sich zu legen, aufrecht zu laufen und dabei eine handlungsbereite, aktive Körperspannung zu halten. Sollte Giulio zum Beispiel Anzeichen machen, stehen bleiben zu wollen, soll Teilnehmerin 2 unmittelbar reagieren, d. h. weiterlaufen und ihn dabei freundlich und auffordernd ansprechen („Auf, weiter geht’s!“). Sie kann alles sehr gut umsetzen und bewältigt die Übung dadurch erfolgreich. Ich freue mich mit ihr, unterstreiche ihre Leistung, ziehe den Vergleich zum letzten Mal und betone, was sie heute gut und in anderer Weise als beim letzten Mal gemacht hat.

Die Erfolge werden mit dem Teilnehmer „genossen“ und je nach Wunsch des Teilnehmers auch schriftlich festgehalten. Die förderliche Verarbeitung und das Festhalten von Erfolgserlebnissen sind hierbei mindestens genauso wichtig wie das eigentliche Üben, denn sie dienen der Förderung des Selbstvertrauens und des Gefühls der Selbstwirksamkeit. Diese sind dann wiederum wesentliche Voraussetzungen, um den Schritt in schwierigere Übungen zu wagen, und um von der Arbeit mit dem Hund auf andere Lebensbereiche generalisieren zu können. Hierbei ziehe ich im Verlauf der Therapie gerne Vergleiche zu den Schwierigkeiten bei Therapiebeginn: „Wissen Sie noch, wie Sie am Anfang nicht einmal wussten, wie Sie die Leine in der Hand halten sollten? Oder wie Sie Giulio nicht zum Weiterlaufen animieren konnten? Und jetzt? Jetzt führen Sie die Übungen wie ein Profi aus! Wenn Sie sich auf eine Herausforderung einlassen, wenn Sie innerlich und äußerlich selbstsicher auftreten, können Sie mehr schaffen, als Sie sich vorstellen können!“

5.2.2.2.1 Parcoursarbeit
In beinah allen Selbstsicherheitstrainings nutze ich (meist gegen Ende des Trainings) gerne Parcoursstrecken. Denn – wie in Tab. 5.3 ersichtlich – kann der Teilnehmer bei der Parcoursarbeit Verschiedenes lernen. Der Hund muss in einem Parcours klar angeleitet werden, damit er die unterschiedlichen Stationen des Parcours gut mit dem Teilnehmer durchlaufen kann (siehe Abb. 5.9). Jede Station, jeder Baustein eines Parcours bietet darüber hinaus unterschiedliche Übungsmöglichkeiten.
Abb. 5.9

Parcours ( https://doi.org/10.1007/000-08m)

Es ist wichtig, die im Rahmen des Selbstsicherheitstrainings stattfindende Parcoursarbeit klar von dem bekannten Agilitytraining7 abgrenzen. Die verwendeten Gerätschaften sind die gleichen, der Ablauf der Übungen ist ähnlich. Der Fokus ist jedoch ein komplett anderer. Beim Agilitytraining geht es darum, dass der Hund eine gute Performance zeigt.8 Bei meinem Selbstsicherheitstraining geht es um den Teilnehmer. Der Teilnehmer soll klar, selbstsicher, souverän den Hund anleiten, so dass dieser gar nicht anders kann, als gut durch den Parcours zu kommen. Oder anders ausgedrückt: der Teilnehmer soll den Hund so selbstsicher führen, dass auch ein ungelernter Hund gut durch den Parcours käme. Es geht einzig und allein um das Auftreten, die innere Haltung und das allgemeine Wirken des Teilnehmers.

Wichtig!

Die Parcoursarbeit im Rahmen des Selbstsicherheitstrainings hat das Verhalten des Teilnehmers im Fokus und nicht die Performance des Hundes. Sie ist also nicht mit einem Agilitytraining zu verwechseln.

Wie gesagt, bietet die Parcoursarbeit mit dem Hund einige Möglichkeiten, um die Selbstsicherheit des Teilnehmers zu fördern. Meistens setzte ich den Parcours aus drei Komponenten zusammen: einer Slalomstrecke, einem oder mehreren Hindernissen sowie einer oder mehreren Sitz- oder Down-Übungen. Prinzipiell lässt sich der Parcours beliebig abändern oder um andere Übungen erweitern. Für mich haben sich die genannten Übungen jedoch als ideale Komponenten zum Trainieren von Selbstsicherheit herauskristallisiert. Der Wechsel aus der Slalom- direkt in die Hindernis-Übung erfordert das schnelle und klare Aktivieren des Hundes. Beim Wechsel aus der Hindernis- direkt in die anschließende Sitz- oder Down-Übung muss der Teilnehmer den Hund ausbremsen und in die nötige Entspannung bringen. In der Aneinanderreihung der drei Komponenten wird trainiert, sich zu konzentrieren, handlungsbereit zu sein und das eigene Verhalten flexibel den eigenen Zielen anzupassen.

5.2.2.2.2 Übungen ohne Leine

Wie in Tab. 5.3 ersichtlich, sind die meisten Übungen (also alle Übungen außer Hund aus der Distanz zu sich rufen und Hund etwas suchen lassen) sowohl mit als auch ohne Leine durchführbar. Der Beginn der Arbeit ohne Leine stellt oftmals einen wichtigen Schritt dar. Die größte Herausforderung für den Teilnehmer liegt hierbei auf der mentalen Ebene. Auch wenn der Teilnehmer von Anfang an lernt, die Leine stets locker zu lassen, die Leine also kaum eine Funktion hat, so vermittelt sie dem Teilnehmer doch eine gewisse äußere Sicherheit. Das Netz und der doppelte Boden sozusagen. Diese äußere Sicherheit wird ihm nun genommen. Nun zeigt sich deutlich, an welchem Entwicklungspunkt hinsichtlich der Selbstsicherheit sich ein Teilnehmer befindet.

Beispiel: Übungen ohne Leine

Teilnehmerin 2 arbeitet erstmalig ohne Leine mit Giulio. Wir leiten dies spielerisch über ein Suchspiel ein. Teilnehmerin 2 setzt die Instruktionen dabei gut um: sie motiviert Giulio zur spielerischen Interaktion über eine auffordernde, aktivierende Stimme und eine dynamische Körpersprache. Anschließend gehen wir in das Führen von Giulio ohne Leine über. Ziel hierbei ist es, Giulio genauso zu führen, wie sie es bisher an der Leine gemacht hat. Im ersten Durchlauf (sie soll eine gerade Strecke mit Giulio durchlaufen) ändert Teilnehmerin 2 jedoch ihr Verhalten. Es ist spürbar, dass sie durch das Fehlen der Leine verunsichert ist. So dreht sie sich immer wieder zu Giulio um, beugt sich leicht zu ihm runter, sagt viel zu häufig „Komm“ und das mit ängstlich-fragendem Unterton. Giulio läuft zwar neben ihr, aber in deutlich weiterem Abstand als sonst. Der Druck durch das ständige Wiederholen des Kommandos lässt ihn die Distanz suchen. Am Ende des Durchlaufs ist die Teilnehmerin sichtlich gestresst; das freie Laufen mit Giulio war durch ihre beständige Kontrollbestrebung und Überwachung von Giulio ein regelrechter Kraftakt für sie. Wir machen eine Entspannungsübung zur Förderung des Loslassens. Wir formulieren danach hilfreiche Sätze,9 die ihr helfen, trotz fehlender Leine in das souveräne Führen von Giulio zurückzufinden. Ihr hilft „Weniger ist mehr!“ (hinsichtlich des Ansprechens von Giulio) sowie „Giulio wird mir folgen, wenn ich ihn beim Losgehen freundlich-motivierend anspreche und dann ruhig und entschlossen meinen Weg gehe“. Teilnehmern 2 gelingt die Umsetzung. Wir wählen zunächst nur kurze und einfache Strecken aus, dadurch kann Teilnehmerin 2 aus den sich einstellenden Erfolgen Selbstvertrauen schöpfen und immer sicherer werden.

Am Beispiel der Teilnehmerin 2 zeigt sich, dass einige Teilnehmer bei der Arbeit ohne Leine zunächst dazu neigen, zu viel zu tun. Sie kommen ins Agieren, werden fahrig und streben nach Kontrolle des Hundes, anstatt die erlernten selbstsicheren Verhaltensweisen umzusetzen. Das ist dann der Fall, wenn die Selbstsicherheit noch auf „tönernen Füßen“ steht, wenn der Teilnehmer also noch schnell in sein selbstunsicheres Verhaltensmuster zurückfällt. Manchmal kann es auch sein, dass der Teilnehmer sich an dem Punkt befindet, dass er das Gelingen als selbstverständlich erachtet, ihm also die notwendige gesunde Demut fehlt (siehe Tab. 5.4). Dann kann es passieren, dass der Teilnehmer zu wenig tut, um den Hund ohne Leine anzuleiten und zu führen. Das Ergebnis ist dann ein ähnliches, nämlich dass der Hund auf Distanz geht, beziehungsweise eigene Ziele verfolgt, da ihm die Führung fehlt. Ziel ist es in beiden Fällen, den Teilnehmer dahin zu bringen, den Hund so souverän und selbstsicher zu führen, wie er es zuvor mit Hilfe der Leine getan hat.

5.2.2.3 Transfer des Gelernten auf den Alltag

Wie bereits erwähnt, ist der Transfer des Gelernten in den Alltag des Teilnehmers maßgeblich dafür, ob er mittel- und langfristig von dem Selbstsicherheitstraining profitieren kann (Mörtl et al. 2008). Welche Punkte gilt es nun zu beachten, damit der Teilnehmer die Selbstsicherheit aus dem Training in seinen Alltag übertragen und somit in seinem Leben und seinen Beziehungen selbstsicherer werden kann?

Meiner Erfahrung nach, gelingt der Transfer des Gelernten in den Alltag dann am besten, wenn der Teilnehmer hierzu selbstständig Überlegungen anstellt. Am besten können solche Überlegungen gefördert werden, indem ich als Therapeutin Fragen stelle.

Beispiel: Transfer des Gelernten auf das Alltagserleben

Teilnehmerin 3 fühlt sich im Alltag oft einsam. Sie würde gerne tiefere Beziehungen zu Menschen haben und Freunde finden, es gelingt ihr aber bisher nicht. Sie hat mit der Zeit die Meinung von sich entwickelt, nicht liebenswert zu sein. In der vierten Sitzung des Selbstsicherheitstrainings mit Cleo beginnt Teilnehmerin 3 erstmalig mit der Arbeit ohne Leine. Sie soll Cleo ohne Kommandos dazu bringen, ihr freiwillig über den Übungsplatz zu folgen. Teilnehmerin 3 fällt keine Strategie ein, wie sie Cleo zum freiwilligen Folgen bringen kann.

Hier ist nun im Sinne der in Tab. 5.4 beschriebenen Handlungsebenen zur Entwicklung von Selbstsicherheit ein mehrschichtiges Herangehen notwendig. Im ersten Schritt wende ich mich mit Teilnehmerin 3 dem kognitiven Arbeiten zu. Sie geht implizit davon aus, dass Cleo ihr nur folgen wird, wenn sie ihr das Kommando hierfür gibt. Dass Cleo ihr auch freiwillig folgen würde, ist Teilnehmerin 3 momentan gedanklich noch fremd. Mit Hilfe entsprechender Fragen verbalisieren Teilnehmerin 3 und ich ihren impliziten, hinderlichen Gedanken „Cleo kommt nur, wenn ich sie über Kommandos dazu bringe“. Von diesem Gedanken kommen wir auf den dahinterstehenden Glaubenssatz „Ich bin nicht liebenswert“. Nun formulieren wir gemeinsam ein gedankliches Gegenmodell. Für das Training nutzen wir den Satz „Ich bin liebenswert und Cleo folgt mir gerne.“ Es stellt sich ein weiterer hinderlicher Gedanke von Teilnehmerin 3 heraus, nämlich: „Die Übung muss gelingen, sonst blamiere ich mich.“ Dieser Gedanke baut Druck auf, und diesen Druck gibt sie über ein insgesamt einengendes und forderndes Verhalten an Cleo weiter, die darauf mit Distanz reagiert. Wir formulieren also auch hierzu einen weiteren konstruktiven Gegengedanken, nämlich: „Ich lade Cleo ein, mir zu folgen. Sie darf sich aber auch dazu entscheiden, mir nicht zu folgen.“ Im zweiten Schritt wenden wir uns der nötigen Verhaltensänderung zu. Ich leite Teilnehmerin 3 an, wie sie über ihre Stimme und Körpersprache einen liebevollen, nicht fordernden Kontakt zu Cleo aufbauen kann. Die förderlichen Gedanken werden nochmals laut wiederholt und Teilnehmerin 3 mit in die Übung gegeben. Dann kann es losgehen. Wie zuvor besprochen, beugt sie sich zu Cleo runter, streichelt sie und spricht mit weicher Stimme mit ihr. Anschließend richtet sie sich auf und läuft entspannt und bestimmt los. Cleo folgt ihr.

Im Anschluss an die Sitzung widme ich mich nun dem Transfer des heute Erlebten auf den Alltag von Teilnehmerin 3. Durch verschiedene Fragen, wie „Kennen Sie das Gefühl, das Sie am Anfang der Sitzung hatten, als Sie nicht wussten, wie Sie Cleo zum Folgen bringen können, aus anderen Situationen?“ oder „Können Sie etwas von dem heute im Kontakt mit Cleo Erlernten auf andere Beziehungen übertragen?“, kommt sie zu einem wichtigen Schluss. Wie zuvor mit Cleo, versucht sie im Alltag, Freundschaft und engen Kontakt zu erzwingen, indem sie Druck aufbaut und gekränkt auf mangelnde Nähe reagiert. Der Gegenüber geht dann meistens auf Abstand. Sie nimmt für sich mit, dass sie in Zukunft im Kontakt mit anderen eine nicht fordernde, sondern freundliche und offene Haltung einnehmen möchte. Wir formulieren hierfür hilfreiche Gedanken, die sich Teilnehmerin 3 aufschreibt, und im Alltag ausprobieren möchte.

Wie in dem Beispiel ersichtlich, ist es im Verlauf des Selbstsicherheitstrainings wichtig, immer im Hinterkopf zu behalten, welche speziellen Schwierigkeiten und Unsicherheiten der Teilnehmer im Alltag hat. Fühlt er sich in seinen Beziehungen missverstanden? Hat er ein Problem mit seinem Vorgesetzten? Traut er sich nicht, seine Meinung zu sagen? Gibt es häufig Streit in der Partnerschaft? Nur wenn ich als Therapeutin diese Problematiken beständig präsent habe, kann ich aus der Arbeit mit dem Hund das Maximum für den Teilnehmer herausholen, indem ich ihm helfe, die erlernte Selbstsicherheit auf seine Beziehungen und seinen Alltag zu übertragen.

Wichtig!

Erst der Transfer des Gelernten auf den Alltag und die Beziehungen lässt den Teilnehmer längerfristig vom Selbstsicherheitstraining profitieren.

5.2.2.4 Misserfolg als Schlüssel zum Erfolg

Im Selbstsicherheitstraining sind Erfolge wichtig, damit der Teilnehmer Fortschritte sieht und motiviert bei der Sache bleibt. Jedoch sind die misslungenen Übungen mit dem Hund, die vermeintlichen Misserfolge also, viel bedeutsamer und weiterführender. Denn sie weisen einerseits auf die Aspekte der Selbstsicherheit hin, die der Teilnehmer noch nicht umsetzen kann, und andererseits bieten sie die Möglichkeit zu lernen, konstruktiv mit Rückschlägen umzugehen – gerade für depressive Teilnehmer ein zentraler Aspekt.

Beispiel: Misserfolg als Schlüssel zum Erfolg

Zurück zu Teilnehmerin 2. In den bisherigen Übungen hatte Teilnehmerin 2 sich am Zaun als Begrenzung orientieren können. In der jetzigen Übung gehen wir einen Schritt weiter und lösen uns vom Zaun. Teilnehmerin 2 soll Giulio nunmehr auf einer, von ihr zuvor ausgedachten, Strecke über den Übungsplatz führen. Sie wählt ein Dreieck. Die neue Herausforderung hierbei ist, dass die Strecke nur in ihrem Kopf existiert, sie keine externe Hilfe durch den Zaun hat, und die Strecke einen oder mehrere Richtungswechsel beinhaltet. Es braucht also besondere Konzentration und eine klare Kommunikation mit Giulio. Wir besprechen, wie sie Giulio einen Richtungswechsel klar anzeigen kann: biegt sie in die Richtung ab, in welcher Giulio läuft, muss sie ihn über ihre Körpersprache begrenzen. Biegt sie hingegen in die entgegengesetzte Richtung ab, muss sie Giulio motivieren, ihr zu folgen. Teilnehmerin 2 beginnt die Übung und bewältigt die Strecke nur mit Mühe. Es fällt ihr schwer, Giulio klar die Richtung vorzugeben. Sie zögert, deutet Bewegungen kurz an, verwirft sie wieder. Giulio ist dadurch irritiert und wird durch die mangelnde Führung von Teilnehmerin 2 gezwungen, eigene Entscheidungen zu treffen. Das Ergebnis ist, dass aus dem Dreieck ein Ei wird, das holprig von ihr und Giulio durchlaufen wird. Ich frage sie, woran es ihrer Meinung nach gelegen hat, dass das Führen nicht so richtig geklappt hat. Sie weiß es nicht. Giulio habe einfach nicht auf sie reagiert, er nehme sie nicht ernst. Sie lacht, ist aber eigentlich traurig und enttäuscht. Ich gebe ihr die Rückmeldung, dass das Problem in ihrem mangelnden Selbstvertrauen liegt. Aus ihren angedeuteten Bewegungen kann man ableiten, dass sie zwar weiß, wann es richtig wäre, Giulio das Signal zum Abbiegen zu geben. Aber dadurch, dass sie sich selbst zu wenig zutraut, sich nicht ernst nimmt, deutet sie die Signale nur halbherzig an, anstatt Giulio entschlossene, klare Signale zu geben. Kurz: „Ihr Problem sind nicht mangelnde Fähigkeiten, sondern ihr mangelndes Selbstvertrauen. Treten Sie beim nächsten Mal beherzt nach vorne, trauen Sie sich zu, eine Bewegung, ein Signal durchzuziehen!“ Teilnehmerin 2 startet erneut in die Übung, und es gelingt ihr, deutlicher nach vorne zu streben, Bewegungen nicht nur anzudeuten, sondern klar zu Ende zu führen. Ihr gelingt es, Giulio selbstsicher durch das erdachte Dreieck zu führen.

Es findet also eine Arbeit an den zunächst misslungenen Übungen statt. Die erste Korrektur der eigenen Fehler, die erste Überwindung der Unsicherheiten geben dem Teilnehmer in der Regel Auftrieb. Die Motivation, sich Stück für Stück mit dem Hund an schwierigere Übungen heranzuwagen, steigt. Wir beobachten also oftmals einen baldigen Anstieg des Selbstvertrauens und des Gefühls der Selbstwirksamkeit.

Wichtig!

Bedeutsamer als die Erfolge sind die misslungenen Übungen mit dem Hund.

5.2.2.5 Rückschritte um Fortschritte zu machen

Die weiteren Sitzungen dienen dem Ausweiten der Selbstsicherheit, indem der Schwierigkeitsgrad der Übungen Schritt für Schritt gesteigert wird. Es kann hierbei auch passieren, dass Teilnehmer im Verlauf der Übungen auch wieder Rückschritte machen. Das ist Teil des Lern- und Veränderungsprozesses.

Beispiel: Rückschritte um Fortschritte zu machen

Teilnehmerin 2 hat nach einigen absolvierten Führtrainings mit Giulio mittlerweile ihre Führungskompetenz so weit entwickelt, dass es ihr gelingt, Giulio souverän durch einen Slalomparcours zu führen und auch teilweise ohne Leine mit ihm zu arbeiten. Sie kommt aufgekratzt zu den Sitzungen. Ihre Stimmung ist gut, sie ist gelöst und sagt von sich selbst, dass sie sich innerlich sicher fühle, wenn sie mit Giulio arbeite.

Zu Beginn der Sitzung führt sie Giulio an der Leine zum Übungsplatz. Sie ist guter Dinge und gesprächig und dadurch abgelenkt. So merkt sie nicht, dass sie Giulio nicht „im Kontakt hat“.10 Er wendet sich dadurch sich selbst zu und sendet Signale, in die andere Richtung gehen zu wollen – wahrscheinlich einem interessanten Duft folgend. Für Teilnehmerin 2 geschieht das völlig unvermittelt, wodurch sie sein Abbiegen nicht kommen sieht, und die Leine sich plötzlich strafft. Sie bleibt stehen und weiß nicht, was sie machen soll. Das ist ihr noch nie passiert. Giulio lief bisher immer schnurstracks zum Übungsplatz. Durch die für sie unvorhergesehene Situation fällt Teilnehmerin 2 in ihr Muster aus Unsicherheit und Sich-selbst-nicht-ernst-nehmen zurück. Sie sagt fragend „Giulio komm..“, bleibt dabei unsicher stehen, lacht, schaut fragend zwischen mir und Giulio hin und her. Die freundliche Klarheit, mit der sie Giulio in der letzten Sitzung souverän durch den Slalom geführt hat, ist wie weggeblasen. Durch meine Fragen („Was möchten Sie denn im Moment von Giulio? Welche Signale braucht er dafür von Ihnen?“) und Hilfestellungen („Richten Sie sich innerlich wieder auf. Vergessen Sie, dass Giulio Sie eben mit seinem Verhalten überrascht hat. Rufen Sie ab, was Sie über das Führen von Giulio schon wissen und können.“) kann Teilnehmerin 2 Giulio schließlich freundlich und selbstsicher mit einem klaren „Komm“ ansprechen und zugleich bestimmt in die von ihr gewollte Richtung gehen, so dass Giulio ihr auch zum Übungsplatz folgt. Wir nutzen diese Situation, um die Relevanz der Konzentration und des konstruktiven Umgangs mit „Ungeplantem“ zu besprechen. Teilnehmerin 2 findet nach dem Gespräch wieder in ihre erlernten selbstsicheren Verhaltensweisen zurück und behält dazu eine gewisse Demut bei, wodurch sie auch vor, zwischen und nach den eigentlichen Übungen im Umgang mit Giulio aufmerksam und konzentriert bleibt.

Das Gute an solchen Rückschritten ist, dass wir sie im Training nutzen können, um das Erlernte zu verfestigen. Das Beispiel von Teilnehmerin 2 weist nämlich auf zwei allgemeine Punkte hin, die im Verlauf des Führtrainings mit dem Hund und im Verlauf eines jeden Entwicklungsprozesses relevant sind:
  • Wir tun stets gut daran, eine gewisse Demut (siehe Tab. 5.4) beizubehalten und das Gelingen (zum Beispiel einer Übung) nicht als selbstverständlich zu erachten. Dadurch bleiben wir konzentriert und fokussiert, was wiederum die Grundvoraussetzung für das Gelingen ist.

  • Wir können erst dann davon sprechen, etwas dauerhaft gelernt zu haben, wenn wir das Gelernte auch in neuen, unvorhergesehenen Situationen abrufen können.

Sobald wir also an einem Punkt im Training sind, an dem die Teilnehmer beginnen, sich selbstsicherer zu fühlen, ist es von Vorteil, wenn Situationen eintreten, welche diese noch etwas fragile Selbstsicherheit auf die Probe stellen. Nur dadurch kann die Selbstsicherheit stabilisiert werden.

Wichtig!

Durch das Auf-die-Probe-Stellen des Erlernten wird die Selbstsicherheit langfristig stabilisiert.

5.2.2.6 Abschluss des Selbstsicherheitstrainings

Wenn der Teilnehmer nun an den Punkt kommt, an dem er auch in schwierigen Situationen adäquat mit dem Hund umgehen und somit selbstsicher reagieren kann, sind wir am Ziel unserer Reise angelangt: Der Teilnehmer ist in den Augen des Hundes eine „Führungspersönlichkeit“, der Teilnehmer ist dem Hund gegenüber selbstsicher.

Beispiel: Abschluss des Selbstsicherheitstrainings

Teilnehmerin 2 befindet sich am Ende des Führtrainings, es ist die zehnte Sitzung. Zuvor hatten wir das Führen ohne Leine in stetig schwieriger werdenden Situationen geübt. Heute findet der Abschluss mit einem Parcours statt. Der Parcours besteht aus vier eng gestellten Pylonen, einem darauffolgendem 50 cm hohem Hindernis sowie einer Matte. Teilnehmerin 2 soll Giulio im Slalom durch die Pylonen führen, ihn über das Hindernis springen lassen und ihn direkt im Abschluss auf der Matte ablegen lassen. Herausforderung an Teilnehmerin 2 ist der schnelle Wechsel des von ihr gezeigten Verhaltens. Im Slalom soll sie Giulio ruhig und konzentriert anleiten, mit klarer Gestik die erforderlichen Richtungswechsel anzeigen und in langsamen Tempo mit ihm um die Pylonen gehen. Aus dem Slalom heraus soll sie Giulio sofort über eine dynamische Stimme und Körpersprache aktivieren, so dass er hoch genug über das Hindernis springen kann. Direkt danach gilt es für Teilnehmerin 2, die Dynamik rauszunehmen und Giulio sofort in die Entspannung zu regulieren, so dass er sich entspannt auf die Matte legt. Sie muss mit ihrer Außenwirkung spielen, von Dynamik in Ruhe wechseln und umgekehrt, also rundum ein feines Gespür für ihr Wirken besitzen und zugleich stets die Situation im Griff haben. Teilnehmerin 2 ist hochmotiviert. Die einzelnen Bausteine des Parcours hatten wir in der vorherigen Sitzung geübt, auf den nun zusammengesetzten Parcours lässt sie sich freudig ein. Sie ist gespannt, ob es ihr gelingt und legt zugleich eine entspannte Gelassenheit an den Tag: „Hey, auch wenn es nicht perfekt klappt, das Wichtigste ist doch, dass Giulio und ich Spaß haben!“

Beim ersten Durchlauf lässt Giulio einen Pylonen aus, weil Teilnehmerin 2 zu wenig Platz zwischen sich und dem Pylonen gelassen hat. Nach dem Auslassen des einen Pylonen bleibt sie nicht stehen, sondern zieht den Parcours mit Giulio durch, als sei nichts gewesen – genauso habe ich ihr das in den vorherigen Sitzungen vermittelt. Wenn was nicht klappt, sich nicht verunsichern lassen, einfach locker weitermachen! Analysiert wird nach der Übung. Sie erkennt selbst, dass sie Giulio im Slalom mehr Platz lassen muss. Nach einer Streichelpause startet sie mit Giulio erneut in den Parcours. Sie setzt alles souverän um, wodurch Giulio stets motiviert ist, ihren Anleitungen zu folgen. Teilnehmerin 2 schließt mit einem erfolgreich gemeisterten Parcours hoch erfreut ihr Führtraining ab. Am meisten freute mich ihre Aussage in der Nachbesprechung: „Es war toll, dass alles so perfekt geklappt hat, aber ich bin mittlerweile selbstbewusst genug, dass mir wahrscheinlich auch nichts gemacht hätte, wenn es weniger gut geklappt hätte.“

Ist das Selbstsicherheitstraining inhaltlich abgeschlossen, folgen als letzte Punkte das Abschlussgespräch sowie die Verabschiedung. Das Abschlussgespräch dient der Zusammenfassung des Trainings, dem Rückblick auf den Beginn und die im Verlauf genommenen Hürden und der Würdigung der Entwicklung des Teilnehmers. Ich gehe mit dem Teilnehmer gedanklich in die erste Sitzung und in sein anfängliches Verhalten zurück und setze diese in Kontrast zu der stattgefundenen Entwicklung und der nun vorhandenen höheren Selbstsicherheit. Einige Teilnehmer schätzen es, wenn wir die erreichten Veränderungen gemeinsam aufschreiben, und der Teilnehmer die Verschriftlichung dann mitnehmen kann. Andere benötigen oder möchten das nicht. Ich überlasse es dem Teilnehmer, ob er etwas Schriftliches mitnehmen möchte. Viele Teilnehmer wünschen sich am Ende (oder auch schon im Verlauf des Selbstsicherheitstrainings) ein Erinnerungsfoto von sich mit dem Hund, was ich selbstverständlich gerne ermögliche. Ein solches Foto ist mehr als eine Erinnerung an eine schöne Zeit mit dem Hund. Es wird von vielen Teilnehmern als Erinnerung an die Inhalte des Selbstsicherheitstrainings genutzt. Ich weiß von einigen, dass sie sich ihr gemeinsames Bild mit dem Hund an ihren PC oder Kühlschrank oder gar Spiegel hängen, um sich täglich an das Erlernte zu erinnern.

Außerdem erleichtert ein gemeinsames Foto für manche Teilnehmer den am Ende des Trainings anstehenden Abschied vom Hund. Dieser fällt nicht immer leicht und sollte nicht plötzlich, sondern vorbereitet geschehen. Dabei machen kleine Rituale und Gesten das Abschiednehmen leichter. So kann ein kleines Abschiedsgeschenk für den Hund dazu führen, dass sich der Teilnehmer schon im Voraus der letzten Sitzung gedanklich mit dem Abschied vom Hund beschäftigt und diesen Schritt besser annehmen kann. In den Wald zu gehen und einen Stock zum Herumkauen oder Apportieren für den Hund zu suchen, ist etwas, was ich gerne empfehle. Der Teilnehmer muss dafür ein wenig Zeit aufwenden und sich Gedanken machen, welcher Stock denn nun der richtige für den Hund ist. Wenn er den Stock dann dem Hund gibt und dieser sich begeistert darüber hermacht, endet die Sitzung mit einer freudigen Situation. Der Teilnehmer geht zudem mit dem Gefühl, dem Hund etwas von sich dagelassen zu haben.11

5.3 Mögliche Schwierigkeiten im hundegestützten Selbstsicherheitstraining

In der therapeutischen Arbeit mit Hund und Teilnehmer habe ich als Therapeutin verschiedene Aspekte zu beachten und muss auf Unvorhergesehenes zeitnah und zugleich konstruktiv reagieren – immer mit dem individuellen Ziel des Teilnehmers im Hinterkopf. Es ist eine komplexe Arbeit. Auch wenn wir stets ein ähnliches Ziel im Kopf haben, nämlich die Steigerung der Selbstsicherheit, so ist doch jede Sitzung mit jedem Teilnehmer anders, jede Sitzung ist eine Herausforderung an mich als Therapeutin.

Allerdings kann ich auf die Arbeit mit Teilnehmern zurückblicken, die für mich besonders herausfordernd waren, indem sie mich vor Schwierigkeiten gestellt haben. Ich möchte hier vier Kategorien von Schwierigkeiten, die mir im Rahmen des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings begegnet sind, vorstellen und zugleich Lösungsvorschläge für den Umgang mit diesen Schwierigkeiten geben.

5.3.1 Teilnehmer verarbeitet Rückmeldungen als selbstwertschädigend

Eine nicht selten auftretende Schwierigkeit, ist die Situation, dass ein Teilnehmer die Instruktionen und Rückmeldungen durch mich als selbstwertschädigend erleben. Dies ist meiner Erfahrung nach dann der Fall, wenn der Teilnehmer ein geringes Selbstwertgefühl hat und zugleich seine Fähigkeit, guten Kontakt zu Hunden, oder zu Tieren im Allgemeinen, aufzubauen als selbstwertstabilisierend empfindet. Hintergrund dafür kann zum Beispiel sein, dass der Teilnehmer wiederholt sehr schlechte (oder auch traumatische) Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht hat oder aber auch, dass er sich im Alltag einsam fühlt und dieses Gefühl der Einsamkeit über den Tierkontakt reduziert (vgl. Stanley et al. 2014). Da wir im Rahmen des tiergestützten Selbstsicherheitstrainings an der Beziehungsgestaltung des Teilnehmers arbeiten, haben Teilnehmer mit dieser Ausgangssituation häufig Schwierigkeiten, mit Rückmeldungen durch den Hund oder mich umzugehen.

Beispiel: Teilnehmer verarbeitet Rückmeldungen als selbstwertschädigend

Teilnehmer 4 hat in der Vergangenheit viele Enttäuschungen und Verletzungen durch Menschen erlebt. Er ist Menschen gegenüber zunächst misstrauisch und vermeidet enge Kontakte. Hunde hingegen liebt er sehr. Zu Beginn des Trainings beschreibt er, wie schnell er Kontakt zu Hunden finde, dass jeder Hunde ihn möge, dass er ein „Hundemensch“ sei. Allerdings hatte Teilnehmer 4 noch nie einen eigenen Hund, und im ersten spontanen Führen ist er sehr unsicher. Er zieht immer wieder an der Leine, signalisiert Giulio nicht, was er von ihm möchte und lobt Giulio nicht. Giulio reagiert mit Distanz, hält wenn irgendwie möglich Abstand zu Teilnehmer 4, vermeidet den Blickkontakt. Auf erste dezente Rückmeldungen meinerseits geht Teilnehmer 4 nicht ein, sondern erzählt erneut von seinem guten Kontakt zu Hunden, betont immer wieder, wie gut er Hunde einschätzen könne, wie sehr Hunde ihn mögen.

Bei Teilnehmer 4 besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der Selbsteinschätzung und der tatsächlichen Beziehungskompetenz im Umgang mit dem Hund. Da seine Kompetenzen im Umgang mit Hunden maßgeblicher Teil seines Selbstbildes und selbstwertrelevant sind, versucht er, kritische Rückmeldungen auszublenden. Als Therapeutin stehe ich in solchen Situationen nun vor zwei möglichen Risiken: Ich äußere die kritischen Rückmeldungen so deutlich, dass der Teilnehmer sie nicht mehr ausblenden kann. Dann reagiert er voraussichtlich entweder mit plötzlichem Therapieabbruch oder mit psychischer Dekompensation. Oder ich halte mich mit meinen Rückmeldungen zurück, um den Teilnehmer nicht zu verletzten, was wiederum dazu führt, dass er zwar Gefallen am Training hat, aber nichts verändert und nichts dazulernt. Was also stattdessen tun? Hier ist eine frühzeitige, offene und sensible Gesprächsführung von Nöten.

Beispiel: Umgang mit Teilnehmer, der Rückmeldungen als selbstwertschädigend erlebt

Ich setze mich mit Teilnehmer 4 nach dem ersten Training zusammen und frage ihn zunächst nach seinem Befinden während und nach dem Training. Nachdem wir das besprochen haben, sage ich (ungefähr) Folgendes: „Wie Sie mir das auch schon beim letzten Mal erzählt haben, habe ich heute erlebt, dass der Kontakt mit Hunden für Sie eine ganz wichtige Ressource ist. Ich als „Hundemensch“ kann das voll und ganz nachvollziehen – bei mir ist das nicht anders. Und nun habe ich mich eben im Training gefragt, wie das wohl für Sie ist, wenn ich Ihnen Rückmeldungen über ihren Umgang mit Giulio gebe. Rückmeldungen können ja auch mal kritisch sein. Wie fühlt sich das für Sie an, wenn ich etwas kritisiere?“ Teilnehmer 4 antwortet zunächst nicht direkt auf meine Frage, weicht aus. Ich frage daher noch mal ganz direkt: „Tut es Ihnen weh, wenn ich etwas an ihrem Verhalten Giulio gegenüber bewerte und Verbesserungsvorschläge mache?“. Teilnehmer 4 antwortet beschämt „Ein bisschen.“ Mit dieser ehrlichen Antwort haben wir die Basis geschaffen, um offen über das Thema sprechen zu können. Mit Teilnehmer 4 wird besprochen, dass es für ihn besser ist, das Selbstsicherheitstraining abzubrechen, da die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Auftreten gegenüber dem Hund zu sehr an seinem Selbstwertgefühl kratzt und ihn dadurch destabilisiert. Als Alternative kommen wir gemeinsam auf die Idee, dass er regelmäßig mit Hunden aus dem Tierheim spazieren geht.

Durch das offene Gespräch konnten wir frühzeitig eine für Teilnehmer 4 geeignete Lösung finden. In anderen Fällen, in denen für Teilnehmer der Kontakt zu Hunden ebenfalls selbstwertrelevant ist, kann es durchaus sein, dass sich die Teilnehmer dennoch auf das Selbstsicherheitstraining einlassen können. Das ist individuell sehr unterschiedlich. In jedem Fall ist es notwendig mit diesen Teilnehmern frühzeitig ein klärendes Gespräch zu führen und die eigene Wahrnehmung behutsam, aber offen zu thematisieren.

5.3.2 Teilnehmer entwickelt kein Bewusstsein für sein Wirken auf den Hund

Eine weitere Schwierigkeit, auf die ich gelegentlich im Rahmen des Trainings treffe, ist die Situation, dass der Teilnehmer kein Gefühl für sein Wirken auf den Hund entwickelt. Es kann in solchen Fällen passieren, dass sich der Teilnehmer dann nicht auf die Analyse des eigenen Verhaltens einlassen kann und stattdessen das Verhalten des Hundes auf andere Faktoren attribuiert.

Beispiel: Teilnehmerin hat wenig Gespür für ihr Wirken

Teilnehmerin 5 ist eine junge Frau mit starken sozialen Schwierigkeiten und ausgeprägter Selbstunsicherheit. Sie tut sich auch in den anfänglichen leichten Übungen schwer, Cleo selbstsicher zu führen. Teilnehmerin 5 geht langsam und zögerlich neben Cleo her, nimmt sich körpersprachlich zurück und überlässt Cleo den Vortritt, anstatt bestimmt und aktiv aufzutreten. Wenn Cleo ihr somit einen Schritt voraus ist, wird Teilnehmerin 5 noch langsamer, seufzt entnervt und zieht an der Leine. Cleo reagiert für einen kurzen Moment, ist aber irritiert durch die unklaren Botschaften und überholt Teilnehmerin 5 nach kurzer Zeit wieder. Cleo versteht nicht, was von ihr gewollt wird: einerseits bekommt sie Leinendruck, andererseits übernimmt Teilnehmerin 5 keine Führung, sondern schlappt passiv hinterher und zwingt Cleo die Führungsposition geradezu auf. Ich unterbreche die Einheit und gehe mit Teilnehmerin 5 ins Gespräch. Sie sieht keine Verantwortung bei sich – Cleo sei heute einfach schwierig. Mit meiner Rückmeldung, dass sie Cleo keine klaren Signale sende, zu wenig positiven Kontakt herstelle und insgesamt zu passiv auftrete, kann sie nichts anfangen. Wenn überhaupt, dann sei sie „zu nett“ zu Cleo, und diese nutze das dann aus.

Ähnlich wie in diesem Beispiel kommt es in der Praxis immer wieder vor, dass Teilnehmer sich ihrer Außenwirkung nicht bewusst sind und zunächst auch mit Rückmeldungen wenig anfangen können. Hier hat sich für mich die Arbeit mit Videoaufnahmen als hilfreich erwiesen. Wenn der Teilnehmer einverstanden ist, filme ich Sequenzen aus dem Training mit, und wir schauen uns diese im Anschluss gemeinsam an.12 Der große Vorteil dabei ist, dass der Teilnehmer sich selbst von außen betrachten kann. Er sieht zum Beispiel, dass er tatsächlich sehr langsam oder gebeugt läuft, dass seine Stimme tatsächlich entnervt klingt, oder seine Reaktion auf das Verhalten des Hundes tatsächlich zu schleppend ist. Auch können die Reaktionen des Hundes noch mal genau angeschaut werden. Teilnehmer mit verzehrter Selbstwahrnehmung oder Teilnehmer, die durch das Training gestresst und dadurch in dem Moment weniger reflexionsfähig sind, profitieren in der Regel sehr von der Arbeit mit Videoanalysen. Oftmals ist es dann auch ausreichend, in einer oder zwei Sitzungen mit der Videoanalyse zu arbeiten. Danach steigt die Bereitschaft, Rückmeldungen anzunehmen und Veränderungen umzusetzen deutlich, und es kann ohne Aufzeichnungen weitergearbeitet werden.

5.3.3 Teilnehmer verfolgt ein anderes Ziel

Die folgende Situation hat mich vor allem zu Beginn meiner Tätigkeit als tiergestützte Therapeutin vor Schwierigkeiten gestellt: Der Teilnehmer verfolgt ein anderes Ziel als ich. Mein Ziel ist es, die Selbstsicherheit des Teilnehmers über das Training mit dem Hund zu steigern. Manchmal kann es nun sein, dass der Teilnehmer diesem Ziel zwar oberflächlich zustimmt, aber innerlich eigentlich ein anderes Ziel verfolgt beziehungsweise die Sitzungen für etwas anderes nutzen möchte.

Meiner Erfahrung nach sind diese anderen Interessen beziehungsweise Bedürfnisse zumeist:
  • Der Teilnehmer möchte sich über den Kontakt zum Hund primär mit Nähe versorgen

  • Der Teilnehmer möchte die Sitzungen nutzen, um über seine Probleme und Sorgen zu sprechen

Beispiel: Teilnehmerin verfolgt ein anderes Ziel

Teilnehmerin 6, die sich wegen verschiedener psychischer Beeinträchtigungen in Behandlung befindet, sehr instabil ist und wiederholt durch starke emotionale Reaktionen und Verhaltensweisen auffällt, beginnt mit dem hundegestützten Selbstsicherheitstraining. Zu der dritten Sitzung kommt sie in Tränen aufgelöst. Sie könne einfach nicht mehr, es gehe ihr sehr schlecht. Sie äußert den Wunsch, einfach nur Zeit mit Giulio zu verbringen. Ich stimme zu, sie streichelt Giulio, redet mit ihm, spielt mit ihm. Die gemeinsame Zeit mit dem Hund führt zu einer kurzfristigen Besserung ihres Befindens. Im weiteren Verlauf des Selbstsicherheitstrainings kommt es wiederholt zu solchen Situationen. Das eigentliche Ziel, ihre Selbstsicherheit zu steigern, gerät immer mehr in den Hintergrund.

Das Problem mit solchen Situationen ist, dass Therapeut und Teilnehmer Unterschiedliches anstreben. Es findet keine wirkliche Zusammenarbeit statt. Hat ein Teilnehmer, der sich parallel in Psychotherapie befindet, zum Beispiel das Bedürfnis, sich im Rahmen des Selbstsicherheitstrainings „auszusprechen“, ist das für beide Therapien hinderlich. Zum einen fehlt dadurch die Zeit für die Arbeit an der Selbstsicherheit, zum anderen spricht der Teilnehmer wichtige Themen in einem Setting an, in dem diese aus verschiedenen Gründen nicht gelöst werden können. Er vermeidet also durch sein Verhalten gleichzeitig zwei für ihn relevante Dinge: einerseits die (anstrengende) Arbeit an seiner Selbstsicherheit und andererseits die (anstrengende) Lösung seiner Probleme im Rahmen der Psychotherapie. Dem wiederholten Ansprechen von Sorgen und Belastungen im Rahmen des Selbstsicherheitstrainings sollte also frühzeitig Einhalt geboten werden. Zur Abgrenzung: Natürlich ist es am Anfang der Sitzung wichtig zu wissen, wie es dem Teilnehmer geht und was ihn gerade beschäftigt. Ich erfrage das stets zu Beginn der Sitzung. Jedoch sollte der Austausch darüber begrenzt sein und nicht in ein langes Gespräch über die Belastungen des Teilnehmers übergehen.

Eine andere Schwierigkeit, die auftreten kann, ist, dass der Teilnehmer ein starkes Bedürfnis hat, sich über den Hund mit Nähe zu versorgen. Das ist problematisch, weil dieses Bedürfnis nicht im Rahmen einer tiergestützten Therapie abschließend gestillt werden kann. Verfolgt ein instabiler Teilnehmer vorwiegend dieses Interesse, wird er nicht zu dem Punkt kommen, an dem sein Bedürfnis befriedigt ist. Es gibt keine Lösung, keinen Abschluss, kein Genug. Man müsste die tiergestützte Therapie also endlos fortsetzen. Und dennoch würde der Teilnehmer sich nicht langfristig besser fühlen. Die Gefühle der Leere und des Nicht-Genug an Nähe sowie das Bedürfnis nach Symbiose mit einem anderen Menschen oder Lebewesen würden bestehen bleiben. Der viel zitierte Ausspruch von Konfuzius erscheint mir in diesem Zusammenhang sehr passend:

„Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.“

Dies ist nichts anderes als ein Plädoyer zur Unterstützung von Selbstständigkeit und damit ein treffendes Sinnbild für meine Haltung in der tiergestützten Therapie. Es ist meiner Ansicht nach nicht zielführend, dem Menschen im Umgang mit dem Hund ein gutes Gefühl zu vermitteln und ihn dann glücklich oder zumindest für den Moment getröstet, aber unverändert nach Hause zu schicken. Es geht mir stets um die Förderung der persönlichen Entwicklung des Teilnehmers.

Das bedeutet natürlich nicht, dass der Teilnehmer den Hund nicht streicheln und den Umgang mit ihm nicht genießen darf. Es bedeutet lediglich: Als Therapeutin muss ich darauf achten, dass der Teilnehmer und ich auf das gleiche Ziel hinarbeiten, nämlich auf die Steigerung seiner Selbstsicherheit. Wenn der Teilnehmer zusätzlich noch die Nähe zum Hund genießt und sich wohlfühlt – umso besser.

Wie nun aber umgehen mit der Situation, wenn ich im Verlauf merke, dass der Teilnehmer kein wirkliches Interesse an der Steigerung seiner Selbstsicherheit hat, sondern aus anderen Beweggründen zu den Sitzungen kommt? Hier helfen das offene Thematisieren der eigenen Wahrnehmung, die kontinuierliche Erinnerung an die gemeinsam festgelegten Ziele und Foki oder aber in manchen Fällen auch die Korrektur von Ziel und Fokus. In der Regel ist es in solchen Situationen immer wichtig, dem Teilnehmer ausführlich zu erläutern, warum man nicht einfach seinem Wunsch stattgibt und stattdessen mit ihm an seiner Selbstsicherheit arbeiten möchte. Es ist wichtig, dass der Teilnehmer versteht, dass es nicht darum geht, ihm etwas nicht gewähren zu wollen. Er sollte stattdessen spüren, dass es dem Therapeuten um mehr geht, nämlich um das langfristige Wohlbefinden des Teilnehmers.

Nicht immer können alle schwierigen Situationen im Rahmen des Selbstsicherheitstrainings zufriedenstellend gelöst werden. Der Anspruch aber sollte sein, es zu versuchen und nach individuellen Lösungen und Kompromissen zu suchen. Wenn diese nicht realisierbar sind, darf in letzter Konsequenz nicht davor zurückgeschreckt werden, die Therapie vorzeitig zu beenden. Dies sollte dann – wenn möglich – in beiderseitigem Einverständnis und im Rahmen eines konstruktiven Abschlussgesprächs geschehen.

5.3.4 Therapeut berücksichtigt zu wenig die hintergründigen Bedürfnisse des Teilnehmers

Diese letzte Kategorie der hier vorgestellten möglichen Schwierigkeiten, ist vielleicht die interessanteste, da sie anderen Schwierigkeiten zugrunde liegen kann. Und zwar geht es hier um die Folgen für die Therapie, die eine mangelnde Berücksichtigung der grundlegenden Bedürfnisse des Teilnehmers haben kann. Jeder Mensch hat bestimmte Grundbedürfnisse, die ihn antreiben und leiten.

Bezüglich der menschlichen Grundbedürfnisse gibt es seit jeher verschiedene psychologische Theorien. Ohne in dieses komplexe Thema an dieser Stelle vertiefend einsteigen zu können, so möchte ich eine Bedürfnis-Kategorie herausgreifen, die durch den Kontakt mit dem Therapiebegleithund und im Setting der tiergestützten Therapie aktiviert werden kann und – wenn vom Therapeuten nicht erkannt – zu Schwierigkeiten oder Missverständnissen führen kann. Nämlich: das Bedürfnis nach Bindung und das Bedürfnis nach Autonomie.

Ist das Bedürfnis nach Bindung in einem Menschen stark ausgeprägt, so strebt er nach dem Gefühl der Zugehörigkeit und ist dafür bereit seine eigene Unabhängigkeit und Freiheit einzuschränken. Das kann beispielsweise zu mangelnder Selbstständigkeit oder Schwierigkeiten, eigenständig Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, führen. Hingegen strebt ein Mensch, dessen Bedürfnis nach Autonomie sehr hoch ist, nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Hier bestehen Risiken wie reduzierte Beziehungen, Hemmungen, andere Menschen um Hilfe zu bitten oder das Gefühl von Einsamkeit. Und im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Bedürfnissen bestehen auch unterschiedliche Ängste. So fürchtet jemand, der ein sehr hohes Bindungsbedürfnis hat, unter Umständen Einsamkeit und Zurückweisung. Jemand mit hohem Autonomiebedürfnis hingegen kann Angst vor dem Verlust seiner Unabhängigkeit und Freiheit haben.

Was bedeutet das nun für die tiergestützte Therapie? Hat ein Teilnehmer ein hohes Bedürfnis nach Bindung oder nach Autonomie, so werden diese Bedürfnisse in der Regel in seinen Beziehungen aktiviert. Und da die tiergestützte Therapie in erster Linie Beziehungsarbeit ist, aktiviert die Beziehung zum Hund oder zum Therapeuten unter Umständen diese Bedürfnisse beziehungsweise die damit verbundenen Ängste des Teilnehmers. Ist der Therapeut darauf nicht ausreichend vorbereitet, kann es zu Missverständnissen und auch Konflikten in der Therapie kommen.

Beispiel: Mögliche Missverständnisse durch mangelnde Berücksichtigung grundlegender Bedürfnisse des Teilnehmers

Teilnehmer 7 kam am Anfang skeptisch in die tiergestützte Therapie. Es könne ja nicht so schwer sein, einen Hund zu führen, außerdem machen die Hunde das ja jeden Tag, das sei doch alles automatisiert mittlerweile [erstes mögliches Missverständnis]. Ich äußerte Verständnis für diese Sicht des Teilnehmers und schlug vor, dass wir die Einführung und eine Probesitzung machen (mit der Option jederzeit die Sitzung seinerseits zu beenden) und er dann für sich entscheidet, ob er die Therapie weiterführen möchte oder nicht. Teilnehmer 7 konnte sich mit dieser Option anfreunden, ließ sich langsam auf die Inhalte und Themen ein und entschied sich dann für die Durchführung der tiergestützten Therapie. In den ersten drei Sitzungen kam Teilnehmer 7 jedes Mal zu spät [zweites mögliches Missverständnis]. Ich hinterfragte dies nicht, sondern ließ ihn gewähren. Ab der vierten Sitzung kam er dann stets pünktlich. Gegen Ende der Therapie thematisierte Teilnehmer 7 am Rande der Sitzungen wiederholt den anstehenden Abschied von Toni [drittes mögliches Missverständnis]. Teilnehmer 7 hatte eine mittlerweile eine gute Beziehung zu Toni aufgebaut und es war spürbar, dass ihn der Abschied traurig machte. Diese Phase der Therapie bat die Möglichkeit allgemein und offen über seinen Umgang mit Abschied, mit Beziehungsgestaltung und damit zusammenhängenden Ängsten zu sprechen.

Analyse: Teilnehmer 7 zeigte von Beginn an ein hohes Autonomiebedürfnis. Wird dieses vom Therapeuten nicht als solches erkannt, dann kann es im Verlauf zu verschiedenen Missverständnissen zwischen Teilnehmer und Therapeut kommen. Das erste mögliche Missverständnis in diesem Fall wäre gewesen, die anfängliche Skepsis des Teilnehmers als Desinteresse oder Abwertung zu missdeuten. Vielmehr war die Skepsis ein Schutzmechanismus bedingt durch die Angst vor zu intensiver Bindung. Keinesfalls sollte hier konfrontativ vorgegangen werden. Stattdessen sollte der Therapeut dem Teilnehmer das Gefühl vermitteln, Raum und Entscheidungsfreiheit zu haben. Das zweite mögliche Missverständnis war das Zuspätkommen. Teilnehmer 7 lebte hier (bewusst oder unbewusst) sein Autonomiebedürfnis aus und testete zugleich die Tragfähigkeit der therapeutischen Beziehung. Ist der Teilnehmer ansonsten zuverlässig und hält sich das Zuspätkommen in vertretbaren Grenzen, so kann es sinnvoll sein, dies erst mal im Sinne eines Zugeständnisses an das Autonomiebedürfnisses des Teilnehmers zuzulassen und über die Zeit zu beobachten. Das dritte mögliche Missverständnis liegt im Umgang mit der dezenten Öffnung des Teilnehmers am Ende. Über die Thematisierung des Abschieds von Toni sprach er indirekt seine Bindungsängste an. Geht der Therapeut hier zu konfrontativ auf die zaghaften Äußerungen ein, kann es sein, dass der Teilnehmer zurückschreckt. Geht der Therapeut hingegen über die Bemerkungen des Teilnehmers hinweg, vergibt er eine wichtige Chance in der Therapie. Wie so oft, ist es der goldene Mittelweg der hier weiterführen ist: auf die Äußerungen eingehen, aber dezent und Schritt für Schritt.

Es wird an dieser Stelle deutlich, wie wichtig eine fundierte Ausbildung und therapeutische Erfahrungen sind, um adäquat und effektiv tiergestützt arbeiten zu können.

Zudem gilt hinsichtlich der Bedürfnisse der Teilnehmer:
  • Der Therapeut sollte dem Teilnehmer Raum geben und dessen Verhalten lieber etwas länger beobachten und immer besser verstehen als zu schnell und spontan darauf zu reagieren.

  • Der Teilnehmer sollte in seinem individuellen Tempo begleitet werden.

  • Keinesfalls sollte der Teilnehmer analysierend mit seinen vermutlichen Bedürfnissen und Ängsten konfrontiert werden! Tiefer gehende Gespräche diesbezüglich sind erst auf Grundlage einer tragfähigen therapeutischen Beziehung möglich und erfordern, wie gesagt, eine fundierte Grundlausbildung und Erfahrung.

5.4 Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte des hundegestützten Selbstsicherheitstrainings

An dieser Stelle möchte ich die wichtigsten Maxime meines Konzepts eines hundegestützten Selbstsicherheitstrainings beziehungsweise meines allgemeinen Verständnisses von tiergestützter Therapie zusammenfassen:

Die tiergestützte Therapie soll dazu da sein, das Wohlbefinden des Menschen und das Wohlbefinden des Therapiebegleittieres zu steigern. Das Tier darf nicht als Mittel zum Zweck gesehen werden, sondern muss in seinen eigenen Interessen und Bedürfnissen ernstgenommen werden (siehe Abschn.  2.3). Die Adoption eines Tieres aus dem Tierschutz ist hierfür eine gute Basis (siehe Abschn.  3.2.2). Denn die Entscheidung einen Hund zu adoptieren anstatt zu kaufen, bedeutet für den einzelnen Hund konkret eine zweite Chance im Leben. Und es ist nicht zu unterschätzen, was diese Entscheidung für die Position der Spezies Hund in der menschlichen Gesellschaft bedeutet. Hunde werden nicht auf ihren Stammbaum oder ihre möglichst exklusive Herkunft reduziert, sondern als Individuen gesehen. Jeder Hund, unabhängig von seiner Rasse, hat ein gutes Leben verdient. Je mehr Menschen diesem Umstand Rechnung tragen und konsequent Hunde aus dem Tierschutz adoptieren anstatt sie zu kaufen, desto besser wird die allgemeine Situation der Spezies Hund in unserer Gesellschaft.

Auf die Adoption des Hundes sollen dann eine langsame und positive Ausbildung, welche die Individualität und Authentizität des Tieres anerkennt und fördert, sowie eine tiergerechte Planung und Durchführung der tiergestützten Therapie selbstverständlich folgen (siehe Kap.  3).

Für die Therapie gilt dabei vor allem: Das Wohlbefinden des Therapiebegleittieres steht zu jedem Zeitpunkt über allen anderen Zielen und Bedürfnissen – seien es die eigenen, die des Teilnehmers oder die der Institution, in der man arbeitet (siehe Abschn.  6.1). Dies kann dazu führen, dass zugunsten des Tieres auch unpopuläre Entscheidungen (siehe Abschn.  3.5) getroffen werden müssen. Und es gilt: Die Beziehung zwischen dem Teilnehmer und dem Therapiebegleittier ist immer wichtiger als die Leistung, der Erfolg oder die Erfüllung einer Übung oder Aufgabe (siehe Abschn. 5.2.2).

Neben der notwendigen Vorlage breiter Hunde- und Tiererfahrungen muss die Grundvoraussetzung für die tiergestützte Therapie eine fundierte Ausbildung sowie ausreichende Erfahrungen im therapeutischen Bereich sein.

Zudem ist es für die Effektivität der tiergestützten Therapie wichtig, die Bedürfnisse des Teilnehmers hinter den Wünschen und Erwartungen an das Tier und die tiergestützte Therapie zu erkennen (siehe Abschn. 5.3.4). So kann der Teilnehmer vordergründig einen Wunsch äußern oder bestimmte Erwartungen haben. Werden diese einfach erfüllt, mag man den Teilnehmer für den Moment zufrieden stimmen, jedoch keinen nachhaltigen Therapieerfolg erzielen. Stattdessen ist es für den Therapieerfolg zentral zu erkennen, was hinter einer Aussage, einem Wunsch oder einem Verhalten steht und dies therapeutisch aufzugreifen, für den Teilnehmer verstehbar zu machen und gegebenenfalls zu bearbeiten. In einer guten tiergestützten Therapie arbeiten Therapeut und Teilnehmer zudem stets auf das gleiche Ziel hin (siehe Abschn. 5.3.3).

Fußnoten

  1. 1.

    Im Rahmen von psychotischen Symptomen sind in der Regel das Denken und die Wahrnehmung eines Menschen verändert. Da die Symptome vielfältig sind, sind sie per se kein Ausschlusskriterium. Ein Risiko für die Arbeit mit dem Hund stellen psychotische Symptome dann dar, wenn im Rahmen von wahnhaften Symptomen davon auszugehen ist, dass Impulsdurchbrüche und aggressives Verhalten auftreten können.

  2. 2.

    Wer hier flexibel sein möchte oder muss, nutzt einen Schafzaun, der leicht auf- und abgebaut werden kann.

  3. 3.

    Das ist dann der Fall, wenn es sich nicht um ausgebildete Therapeuten handelt, sondern wenn „Laien“ sich gegenseitig Feedback geben. Wie zum Beispiel im Rahmen von Gruppen, in der es um den Aufbau sozialer Kompetenzen geht und sich die Gruppenmitglieder gegenseitig Rückmeldungen geben.

  4. 4.

    Natürlich reagieren Hunde auch teilweise auf Äußerlichkeiten, wie zum Beispiel auf eine Gehhilfe oder deutliche körperliche Abweichungen von dem, was sie als Norm kennengelernt haben. Hier spielt Erfahrung eine große Rolle und somit die Vorbereitung des Hundes. Je mehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Attributen ein Hund kennenlernt, umso weniger wird er in Zukunft auf äußerliche Aspekte reagieren.

  5. 5.

    Das gilt allerdings nur für Hunde, die wie meine Therapiebegleithunde ein ausgeglichenes Leben mit vielen Freiheiten führen können und eine Ausbildung genossen haben, in der sie ihre natürlichen und individuellen Verhaltensweisen nicht nur beibehalten dürfen, sondern diese auch aktiv gefördert werden!

  6. 6.

    Manchmal kann es vorkommen, dass ich einen der Hunde als Trainingspartner vorsehe und dann im Erstgespräch merke, dass doch einer der anderen beiden Hunde besser für die Arbeit an der Thematik oder den jeweiligen Teilnehmer geeignet wäre. Dann findet ein Wechsel statt. Auch im Verlauf des Trainings wechsle ich je nach Verlauf und Fokus gelegentlich die Hunde.

  7. 7.

    Ebenso vom Hundesport oder von verwandten Verfahren und Übungen aus dem Hundetraining.

  8. 8.

    Natürlich braucht es auch im Agility oder Hundesport für eine gute Leistung des Hundes die menschliche Unterstützung und eine harmonische Mensch-Hund-Beziehung. Dennoch liegt der Fokus in erster Linie auf der Leistung des Hundes.

  9. 9.

    Siehe hierzu „Kognitives Arbeiten“ in Tab. 5.4.

  10. 10.

    Ich verwende gerne die Umschreibung „den Hund im Kontakt haben“. Dies bedeutet, mit der Aufmerksamkeit beim Hund zu sein und wahrzunehmen, dass er ebenfalls mit der Aufmerksamkeit bei mir ist. Dieses Im-Kontakt-Haben des Hundes muss nicht immer ein aktiver Prozess im Außen sein (also über direkten Blickkontakt oder Ansprache des Hundes geschehen), es kann auch im Stillen stattfinden. Jeder Hundebesitzer weiß vermutlich, was damit gemeint ist. Die wechselseitige Konzentration aufeinander; das Spüren, dass ich den Hund bei mir habe, dass wir gemeinsam etwas tun.

  11. 11.

    Manchmal kann man Teilnehmer nicht davon abhalten, dem Hund zum Abschied ein Geschenk mitzubringen. Aus berufsethischen Gründen ist es jedoch wichtig, dass die Teilnehmer nicht dazu animiert werden, dem Hund ein gekauftes Spielzeug oder dergleichen mitzubringen. Bei Teilnehmern, die dem Hund gerne etwas mitbringen möchten, empfehle ich den obigen Vorschlag, dem Hund einen selbst gesammelten Stock oder Tannenzapfen mitzubringen. Wessen Hund kein „Stock-Fan“ ist, kann auch vorschlagen, ein Stückchen Käse oder eine Karotte oder ein anderes einfaches Leckerli für den Hund mitzubringen. Auch hier gilt es darauf achten, den Teilnehmer nicht dazu zu animieren, loszuziehen und teure Leckerlis zu kaufen.

  12. 12.

    Ich betone an dieser Stelle noch mal aus Datenschutzgründen die Wichtigkeit einer schriftlichen Einverständniserklärung zum Erstellen dieser Filmaufnahmen und das anschließende Löschen der Aufnahmen.

Literatur

  1. Albuquerque, N., Guo, K., Wilkinson, A., & Savalli, C. (2016). Dogs recognize dog and human emotions. Biology Letters, 12(1), 20150883.  https://doi.org/10.1098/rsbl..2015.0883.CrossRefPubMedPubMedCentralGoogle Scholar
  2. Buttner, A., Thompson, B., Strasser, R., & Santo, J. (2015). Evidence for a synchronization of hormonal states between humans and dogs during competition. Physiology & Behavior, 147, 54–62.CrossRefGoogle Scholar
  3. Campbell-Meiklejohn, D., Simonsen, A., Frith, C. D., & Daw, N. D. (2017). Independent neural computation of value from other people’s confidence. The Journal of Neuroscience, 37(3), 673–684.CrossRefGoogle Scholar
  4. Collins, J. (2001). Good to great. Why some companies make the leap… and others don’t. London: Random House Business Books.Google Scholar
  5. D’Aniello, B., Semin, G. R., Alterisio, A., Aria, M., & Scandurra, A. (2018). Interspecies transmission of emotional information via chemosignals: From humans to dogs (canis lupus familiaris). Animal Cognition, 21(1), 67–78.CrossRefGoogle Scholar
  6. Fiedler, P., & Marwitz, M. (2016). Selbstunsichere und ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörungen. PSYCH up2date, 10.  https://doi.org/10.1055/s-0042-103824. Zugegriffen am 09.07.2019.
  7. Güroff, E. (2018). Das Training sozialer Kompetenzen (TSK) in der stationären Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.Google Scholar
  8. Lehenbauer, M. (2012). Primäre Prävention sozialer Ängste. Abgerufen am 09.07.2019 von urn:nbn:at:at-ubw:1-29172.62121.741560-8.Google Scholar
  9. Mörtl, K., Epple, N., Rothermund, E., & Wietersheim, J. (2008). Gruppen – zwischen – Räume(n) – eine qualitative Studie zum therapeutischen Transfer zwischen Tagesklinik und Zuhause. Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik, 44, 110–134.CrossRefGoogle Scholar
  10. Müller, C. A., Schmitt, K., Barber, A. L., & Huber, L. (2015). Dogs can discriminate emotional expressions of human faces. Current Biology, 25, 601–605.CrossRefGoogle Scholar
  11. O’Farrell, V. (1997). Owners attitudes and dog behavoir problems. Applied Animal Behavior Science, 52(3–4), 205–213.CrossRefGoogle Scholar
  12. Schöberl, I., Wedl, M., Beetz, A., & Kortschal, K. (2017). Psychobiological factors affecting cortisol variability in human-dogs dyads. Plos One.  https://doi.org/10.1371/journal.pone.0170707.
  13. Stanley, I. H., Conwell, Y., Bowen, C., & Van Orden, K. A. (2014). Pet ownership may attenuate loneliness among adult primary care patients who live alone. Aging & Mental Health, 18(3), 394–399.CrossRefGoogle Scholar
  14. Sundman, A. S., Van Poucke, E., Svensson Holm, A. C., Faresjö, A., Theodorsson, E., & Roth, L. S. (2019). Long-term stress levels are synchronized in dogs and their owners. Scientific Reports, 9(7391), 1–7.Google Scholar
  15. Wischall-Wagner, A. (2019). Entspannter Mensch – entspannter Hund … so glückt das Zusammenleben wie von selbst. München: Gräfe & Unzer.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020

Authors and Affiliations

  • Katharina Blesch
    • 1
  1. 1.HerrischriedDeutschland

Personalised recommendations