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Erbliche und nichterbliche Eigenschaften

  • Richard Goldschmidt
Chapter
Part of the Verständliche Wissenschaft book series (VW, volume 2)

Zusammenfassung

Vielleicht wird es gut sein, sich von Anfang an über einen wichtigen Punkt klar zu werden. Wenn von Vererbung die Rede ist, so denkt der Gärtner zunächst an seine Bäume, der Landwirt an sein Zuchtvieh und Saatgut, der Arzt an seine erblich Geisteskranken und der Jurist an die geborenen Verbrecher. Der Laie aber denkt fast immer nur an sein eigenes Geschlecht, an den Menschen mit allen seinen Vorzügen und Gebrechen. So wird er auch dieses Buch in erster Linie lesen, um menschliche Angelegenheiten besser verstehen zu können. Und das ist auch gut so, denn je mehr die Menschheit von diesen Dingen weiß, um so größer ist die Aussicht, daß sie auch einmal so zu handeln lernt, wie es jeder Züchter tut, der mit Kenntnis der Vererbungslehre seine Sorten zu verbessern sucht. Trotzdem wird aber in diesem Buch viel von anderen Lebewesen die Rede sein, von Mäusen und Ratten, von Blumen und Früchten, ja, von Würmern und Fliegen. Und das verhält sich so. Es gibt in der belebten Natur, im Tier- und Pflanzenreich Lebenserscheinungen, die nur einer bestimmten Tier- oder Pflanzenart zukommen. So hat z. B. der Mensch allein die wunderbar gebaute Hand, die ihm in Verbindung mit seiner Hirnentwicklung einzigartige Leistungen erlaubt. Wollen wir die Mechanik der Hand untersuchen, so müssen wir uns an den Menschen selbst halten. Oder, das Hirschgeweih ist eine besondere Bildung der Haut in einer kleinen Tiergruppe. Es ist unmöglich, die Gesetze seiner Bildung etwa an Mäusen oder auch nur an dem ganz anders gearteten Gehörn von Schafen zu studieren. Dann gibt es aber auch Lebenserscheinungen, die ganzen großen Gruppen von Lebewesen zukommen So sind etwa die Eigenschaften des menschlichen Blutes, auf denen alle Impfungen und Heilserumbehandlungen fußen, in der Hauptsache bei allen Säugetieren die gleichen. Deshalb kann der Forscher ruhig seine Versuche an Ratten, Meerschweinchen, Kaninchen ausführen und kann die Resultate mit gutem Gewissen auf den Menschen übertragen. Endlich gibt es aber auch Naturvorgänge und Erscheinungen, die von so allgemeiner Natur sind, daß sie für die ganze belebte Natur, Tiere, Pflanzen und Menschen, die gleichen sind. So atmen etwa Menschen, Fische, Insekten und Pflanzen in ganz verschiedener Art, wenn man zusieht, wie sie die Atemluft dem Innern ihres Körpers zuführen. Sobald wir aber feststellen, was die Atmung physikalisch und chemisch ist, nämlich die Aufnahme von Sauerstoff und die Abgabe von Kohlensäure, dann haben wir eine Erscheinung vor uns, deren allgemeine Gesetzmäßigkeiten für alle Tiere und Pflanzen die gleichen sind. Sie können wir dann ebensogut an einem Insekt oder Wurm studieren und die gefundenen Gesetze gelten genau so gut für den Menschen wie für jedes andere Lebewesen.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1933

Authors and Affiliations

  • Richard Goldschmidt
    • 1
  1. 1.Kaiser Wilhelm-Institut für BiologieBerlin-DahlemDeutschland

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