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Deutungsmuster des Katastrophischen als Bezugsrahmen des Katastrophenerinnerns und -vergessens

  • Sandra Maria PfisterEmail author
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Part of the Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen – Memory Studies book series (SGEVMS)

Zusammenfassung

Das Erleben einer Katastrophe schlägt sich tendenziell im individuellen und kollektiven Gedächtnis nieder. Die Gestalt der Erinnerung ist allerdings weniger eine Reproduktion der Katastrophenerfahrung als vielmehr eine Rekonstruktion unter den Rahmenbedingungen des gegenwärtigen Erinnerungsaktes: Erinnerung, so argumentierte bereits Halbwachs, kann sich stets nur innerhalb aktuell verfügbarer Bezugsrahmen vollziehen. Zum einen hat Erinnerung damit einen grundlegend sozialen Charakter; zum anderen ist Vergessen damit konstitutiver Bestandteil des Erinnerns. Der folgende Beitrag argumentiert allgemein für eine stärkere Berücksichtigung sozialer Wissensbestände als konstituierende Bedingungen des Erinnerns und stellt konkret soziale Deutungsmuster als Lichter der Erinnerung dar. Am Beispiel des Murenabgangs 2012 in St. Lorenzen wird die Varietät der Erinnerung entlang verschiedener Deutungsmuster veranschaulicht, sowie Verschiebungen in der Erinnerung – neben etwaigen Einflüssen wie dem Zeitverlauf, dem Verblassen von Spuren, der Schaffung von Ankerpunkten – auf Deutungskonflikte und damit einhergehende Umbrüche in der zugrunde liegenden symbolischen Ordnung zurückgeführt.

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Authors and Affiliations

  1. 1.LinzÖsterreich

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