Advertisement

Narrative zwischen Gewalt und Leiden

  • Christian WevelsiepEmail author
Chapter
Part of the Holocaust Education – Historisches Lernen – Menschenrechtsbildung book series (HEM)

Zusammenfassung

Zwei Möglichkeiten, die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen, werden in diesem Beitrag dargestellt. Zuerst wird nach den Sinnkriterien gefragt, die benötigt werden, um die historische Epoche nach 1945 zu charakterisieren. Dabei lassen sich zwei Narrative unterscheiden: Im Narrativ der Gewalt wird ein historisches Bewusstsein beschrieben, das sich über alle bisherige Geschichte der Gewalt erhebt und sie gleichsam aus den bisherigen Rahmungen löst. Das Narrativ der Gewalt folgt der Metapher der Bemächtigung. Die Erfahrungen von Gewalt, die nie vergessen werden dürfen, bilden den Leitfaden für ihre Bewältigung in der Gegenwart. Das andere Narrativ steht in einer eigentümlichen Distanz zum ersten. Das Narrativ des Leidens kristallisiert sich im gleichen Maße um die Erfahrungen der Gewalt herum, es trägt zur Bildung eines historischen Resonanzraums bei, in dem kollektive Opfer und das ohnmächtige Erleiden thematisiert werden. Nicht allein die Erzählung des heroischen Widerstands, sondern die Vielfalt von Opfererzählungen und Identifikationsangeboten ist für das Narrativ des Leidens kennzeichnend. Beide Narrative sind jedoch, wie zu zeigen ist, nicht an historische und soziale Grenzen gebunden. Um sie zu verstehen, benötigen wir philosophische Sinnkriterien des Negativen.

Abstract

This article shows that there are at least two ways to describe the history of violence in the 20th century. The narrative of violence speaks of historical consciousness, that was formed by outstanding violence. In modern times, we are trying to get rid of this violence or in other words to overpower the history. The narrative of suffering is different. It tells us about the experience of suffering and pain, the losses and vulnerability. But the suffering does not lead us to final pessimism. It can be included in a philosophic view of the meaning of negativity, as to be shown.

Literatur

  1. Angehrn, Emil. 2015. Die Herausforderung des Negativen. Zwischen Sinnverlangen und Sinnentzug. Basel: Schwabe reflexe.Google Scholar
  2. Assmann, Aleida. 2012. Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur?. Wien: Picus.Google Scholar
  3. Brock, Lothar. 2002. Staatenrecht und Menschenrecht. Schwierigkeiten der Annäherung an eine weltbürgerliche Ordnung. In Weltstaat oder Staatenwelt? Für und wider die Idee einer Weltrepublik, Hrsg. Matthias Lutz-Bachmann und James Bohman, 201–226. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  4. Diner, Dan. 2015. Das Jahrhundert verstehen. 1917–1989. Eine universalahistorische Deutung. München: Pantheon.Google Scholar
  5. Flaig, Egon. 2000. Kinderkrankheiten der Neuen Kulturgeschichte. In Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit. Zum Grundlagenstreit in der Geschichtswissenschaft, Hrsg. Rainer Maria Kiesow und Dieter Simon. Frankfurt a. M.: Campus.Google Scholar
  6. Gumbrecht, Hans Ulrich. 2012. Nach 1945 – Latenz als Ursprung der Gegenwart. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  7. Habermas, Jürgen. 1998. Die postnationale Konstellation. Politische Essays, 75. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  8. Habermas, Jürgen. 2000. Bestialität und Humanität. Ein Krieg an der Grenze zwischen Recht und Moral. In Der Kosovo-Krieg und das Völkerrecht, 2. Aufl, Hrsg. Reinhard Merkel, 51–66. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  9. Habermas, Jürgen. 2004. Hat die Konstitutionalisierung des Völkerrechts noch ein Chance? In Der gespaltene Westen, Hrsg. Jürgen Habermas, 113–194. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  10. Hartog, Francois. 1996. Time, history and the writing of history: The order of time. In History making. The intellectual and social formation of a discipline, Hrsg. Rolf Torstendahl und Irmine Veit-Brause, 95–113. Stockholm: Kungl. Vitterhets Historie Och Antikvitets Akademien.Google Scholar
  11. Hartog, Francois. 2005. Time and heritage. Museum International 57 (3): 7–18.CrossRefGoogle Scholar
  12. Hilberg, Raul. 1992. Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933–1945. Frankfurt a. M.: Fischer.Google Scholar
  13. Höffe, Otfried. 1991. Gerechtigkeit als Tausch? Zum politischen Projekt der Moderne. Baden-Baden: Nomos.CrossRefGoogle Scholar
  14. Höffe, Otfried. 1999. Demokratie im Zeitalter der Globalisierung. München: Beck.Google Scholar
  15. Hölscher, Lucian. 2000. Zerbrochene Geschichte – Der Generationenkonflikt in der deutschen Geschichtskultur und die Aporien der teleologischen Geschichtstheorie. Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 29:343–355.Google Scholar
  16. Hölscher, Lucian. 2009. Hermeneutik des Nichtverstehens. In Semantik der Leere. Grenzfragen der Geschichtswissenschaft, Hrsg. Lucian Hölscher, 226–240. München: Wallstein.Google Scholar
  17. Jansen, Jan C., und Jürgen Osterhammel. 2013. Dekolonisation. Das Ende der Imperien. München: Beck.CrossRefGoogle Scholar
  18. Kant, Immanuel. 1983. Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. Werke in sechs Bänden. Bd. 4, herausgegeben Wilhelm Weischedel. Darmstadt: WBG. (Erstveröffentlichung 1784–1795).Google Scholar
  19. Kittsteiner, Hans Dieter. 1996. Erinnern – Vergessen – Orientieren. Nietzsches Begriff des umhüllenden Wahns als geschichtsphilosophische Kategorie. In Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Hrsg. Dieter Borchmeyer, 48–75. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  20. Knigge, Volker. 2002. Statt eines Nachworts. Abschied der Erinnerung. Anmerkungen zum notwendigen Wandel der Gedenkkultur in Deutschland. In Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, Hrsg. Volker Knigge und Norbert Frei, 423–441. München: Beck.Google Scholar
  21. Koselleck, Reinhart. 1985. Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  22. Koselleck, Reinhart. 2000. Zeitschichten. Studien zur Historik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  23. Krzeminski, Anton. 2002. Polen. In Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, Hrsg. Volker Knigge und Norbert Frei, 262–271. München: Beck.Google Scholar
  24. Lutz-Bachmann, Matthias. 1999. Weltstaatlichkeit und Menschenrechte nach dem Ende des überlieferten Nationalstaats. In Recht auf Menschenrechte. Demokratie und internationale Politik, Hrsg. Hauke Brunkhorst, Wolfgang R. Köhler, und Matthias Lutz-Bachmann, 199–216. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  25. Lutz-Bachmann, Matthias. 2002. Weltweiter Frieden durch eine Weltrepublik? Probleme internationaler Friedenssicherung. In Weltstaat oder Staatenwelt? Für und wider die Idee einer Weltrepublik, Hrsg. Matthias Lutz-Bachmann und James Bohman, 32–46. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  26. Merkel, Reinhard. 2000. Das Elend der Beschützten. Rechtsethische Grundlagen und Grenzen der sogenannten humanitären Intervention und die Verwerflichkeit der NATO-Aktion im Kosovo-Krieg. In Der Kosovo-Krieg und das Völkerrecht, 2. Aufl, Hrsg. Reinhard Merkel, 66–98. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  27. Metz, Karl Heinz. 2010. Geschichte der Gewalt. Darmstadt: WBG.Google Scholar
  28. Nolte, Emil. 1997. Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus. München: Herbig.Google Scholar
  29. Rasch, William. 2002. Menschenrechte als Geopolitik: Carl Schmitt und die völkerrechtliche Form der amerikanischen Hegemonie. In Terror im System. Der 11. September und die Folgen, Hrsg. Dirk Baecker, Peter Krieg, und Fritz B. Simon, 130–160. Heidelberg: Carl Auer.Google Scholar
  30. Reemtsma, Jan Phillip. 2009. Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburg: edition sigma.Google Scholar
  31. Rüsen, Jörn. 2003. Europäisches Geschichtsbewusstsein. In Kann gestern besser werden? Zum Bedenken der Geschichte, Hrsg. Jörn Rüsen, 91–109. Berlin: Kadmos.Google Scholar
  32. Rüsen, Jörn. 2012. Die vier Typen des historischen Erzählens. In Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens, Hrsg. Jörn Rüsen, 148–218. Frankfurt a. M.: humanities online.Google Scholar
  33. Rustemeyer, Dirk. 1997. Erzählungen. Bildungsdiskurse im Horizont von Theorien der Narration. Stuttgart: Steiner.Google Scholar
  34. Sabrow, Martin. 2014. Held und Opfer. In Zeitgeschichte schreiben. Von der Verständigung über die Gegenwart in der Gegenwart, Hrsg. Martin Sabrow, 216–231. Göttingen: Wallstein.Google Scholar
  35. Schreiber, Gerhard. 2005. Der zweite Weltkrieg. München: Beck.Google Scholar
  36. Torpey, John. 2003. Politics and the Past. On Repairing Historical Injustices. New York: Rowman & Littlefield.Google Scholar
  37. Waldenfels, Bernhard. 1986. Das überwältigte Leiden. In Leiden, Hrsg. Willi Oelmüller, 129–140. Paderborn: Schöningh.Google Scholar
  38. Walzer, Michael. 1995. Exodus und Revolution. Frankfurt a. M.: Fischer.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.BochumDeutschland

Personalised recommendations