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Negative Normativität

Zur prekären Konstitution pädagogischer Kritik
  • Carsten BüngerEmail author
Chapter

Zusammenfassung

Wie sich ein Pädagogisch-Eigenes fassen und begründen lässt, wurde in der Geschichte pädagogischer Theoriebildung nicht nur hinsichtlich positiv zu bestimmender Normen oder Prinzipien diskutiert. Vielmehr konstituiert sich das pädagogische Denken gerade auch über Argumentationsfiguren, in denen Pädagogik über ein prüfend-distanziertes bzw. suspendierendes Verhältnis zu den gesellschaftlichen Bedingungen und den mit ihnen einhergehenden Sozialisationsprozessen gefasst wird. Der damit verbundene normative Einsatz der Negation zeigt sich insbesondere in dem Anspruch, dass die Theorien, Institutionen und Praxisformen der Pädagogik nicht nur unter Kritik stehen, sondern Pädagogik ihrerseits als Kritik zu verstehen ist. Vor diesem Hintergrund analysiert der Beitrag, inwiefern mit dem Verhältnis von Kritik und Norm ein Problemzusammenhang angezeigt ist, der ebenso mit instrumentellen Fassungen von Pädagogik einhergeht sowie zu positiven Umdeutungen und Normalisierungen führt. Ob sich dennoch Perspektiven einer explizit pädagogischen Kritik finden lassen, die über bloße Ableitungen pädagogischer Orientierung hinausführen, wird ebenso anhand des Anspruchs ‚emanzipatorischer Pädagogik‘ wie auch des Motivs ‚pädagogischer Formen‘ und ‚edukativer Praktiken‘ diskutiert.

Schlüsselwörter

Kritik Emanzipation Negativität pädagogische Autonomie Macht Erziehung Normativität Autonomisierung kritische Pädagogik edukative Praktiken pädagogische Formen 

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Authors and Affiliations

  1. 1.Technische Universität DortmundDortmundDeutschland

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