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Ein Frauenhaus als institutionalisierter Geschlechterraum Sozialer Arbeit? Eine qualitative Fallskizze zu Ordnungen, Beziehungen und räumlichen Relationen

  • Anna Fischlmayr
  • Aurelia Sagmeister
  • Marc Diebäcker
Chapter
Part of the Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit book series (SRF, volume 18)

Zusammenfassung

Dieser Beitrag stellt ein Frauenhaus in Niederösterreich in den Mittelpunkt der institutionell-räumlichen Analyse. Dabei zeigt sich, dass die Einrichtung für die Nutzer*innen als Transit- oder Übergangsraum fungiert, in dem Sicherheit produziert und Unterstützung geleistet wird. Über eingeräumte Aneignungsmöglichkeiten kann ein „Gefühl von Zuhause“ und Sein-können hergestellt werden, wenngleich die institutionellen Bedingungen die Autonomie, Privatheit und Intimität der Frauen und ihrer Kinder begrenzen. Die durch eine feministisch-fachliche Praxis geprägte und von Solidarität getragene institutionelle Kultur im Fallbeispiel scheint eng mit den sozialen, reflexiven und politischen Haltungen der Mitarbeiterinnen, der unhierarchischen Teamkonstellation sowie der geringen Größe der Einrichtung verbunden zu sein. Mit dem Blick nach draußen zeigt sich, dass die Grenzziehung zwischen Innen- und Außenwelt eine wesentliche raumbildende Bedeutung für Frauenhäuser hat. Es ist das unumstrittene, zu gewährende Ziel der Sicherheit, aufgrund dessen die Einrichtung prioritär als Schutzraum gedacht wird und sich daher nach außen als unsichtbar zu positionieren versucht. Die im familiären und häuslichen Bereich erlittenen Gewalterfahrungen dehnen sich auf den öffentlichen Raum aus und konstituieren diesen als unsicher, bedrohlich und permanent gefährlich mit. So entsteht eine raumrelationale Konstellation von privat-männlichem Gewaltraum, öffentlich-männlich dominiertem Angstraum und teilprivat-weiblichem Schutzraum.

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Authors and Affiliations

  • Anna Fischlmayr
    • 1
  • Aurelia Sagmeister
    • 1
  • Marc Diebäcker
    • 1
  1. 1.WienÖsterreich

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