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August Böckh an Lassalle

  • Gustav Mayer
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Zusammenfassung

Sie haben den 5. des Monats die Güte gehabt, mir Ihr Werk über Heraklit als Geschenk zu übersenden. Es ist mir sehr wohl erinnerlich, daß Sie von Ihrem Unternehmen, über Heraklit zu schreiben, vor elf oder zwölf Jahren mir mündlich einiges sagten; aber eine so ausgedehnte Arbeit erwartete ich nicht. Es wird auch mancher den Kopf schütteln, wenn er das umfangreiche Buch vor sich sieht, und nicht begreifen können, woher der Stoff für dasselbe genommen oder gekommen sei. Hat man aber erst etwas hineingelesen, so verschwindet die Verwunderung. Ich habe allerdings, da ich erst gestern daran kommen konnte, mich in Ihrem Werke auch nur vorläufig zu orientieren, noch nicht vieles gründlich gelesen; aber ich habe mich überzeugt, daß das Werk mit der umfassendsten Gelehrsamkeit und ebenso mit spekulativem Sinn und der gründlichsten philologischen Erwägung verfaßt und ein in seiner Art einziges ist. Es dürfte freilich kaum zu wünschen sein, daß viele so ausführliche Monographien geschrieben werden; aber die Schwierigkeit des Gegenstandes und die mannigfaltigen Beziehungen desselben auf wichtige Teile der Geschichte der Philosophie und sogar der Kulturgeschichte, und die Art der Behandlung selbst rechtfertigen diesen Umfang Ihrer Monographie. Ich habe vorläufig besonders die einleitende Partie, dann das, was Sie von dem Parsismus des Heraklit und über den Platonischen Kratylos und Theätet sagen, genauer gelesen, und fühle mich im höchsten Grade von diesen an sich sehr verschiedenen Partien befriedigt. Höchst überraschend ist Ihre Erklärung oder vielmehr Entdeckung über die γλώσσαs, tief und geistreich Ihre allgemeine Darstellung des Grundgedankens und Systems des Heraklit, vollkommen überzeugend und lichtvoll die Auseinandersetzung, daß Heraklit es sei, der gelehrt, die Sprache sei ϕύσει, nicht ϑέσει gebildet. Ich kenne kein Werk, was so wie das Ihrige seinen Stoff nach allen Seiten hin erschöpfte. Empfangen Sie meinen Dank nicht bloß für die Gabe, sondern dafür, daß Sie das Werk geschrieben, ohne zu ermüden; ich hätte dazu kaum die Geduld gehabt, obgleich ich arbeitsam bin. Insonderheit muß ich Ihnen aber noch für den Ausdruck der Gewogenheit für mich danken, die sich an mehreren Stellen manifestiert. Sie haben mir zu viel Ehre erwiesen, und für das, was man nicht verdient,

Notes

References

  1. 1).
    Lassalle füllte im Konzept die Nummern der §§ nicht aus. 2)_Lassalle hatte seinem alten Lehrer den Heraklit am 5. November übersandt. Eine Anzahl Briefe, die Lassalle nach seiner Rückkehr nach Berlin an Böckh richtete, hat Ludwig Bernhard in der „Frankfurter Zeitung“ vom 23. und 28. Dezember 1910 veröffentlicht.Google Scholar
  2. 1).
    Vgl. Lassalles lauten Jubel über diesen anerkennenden Brief des bewunderten Gelehrten in seinem, von Bernstein fälschlich in den September oder Oktober verlegten, undatierten Schreiben an die Eltern in „Intime Briefe etc.“ S. 75 f. muß man um so erkenntlicher sein.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1923

Authors and Affiliations

  • Gustav Mayer

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