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Lina Duncker an GrÄFin Sophie von Hatzfeldt

  • Gustav Mayer
Chapter
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Zusammenfassung

Ich denke mir, daß ich allein vor Ihnen sitze und will Ihnen ganz schlicht etwas klagen. Ich bin mit Lassalle stets im Krieg über seine Art und die Zeit, mich zu besuchen. Seit gestern 14 Tagen z. B. ist es ihm nicht eingefallen, einen Tag oder einen Abend lange, gemütlich, aus eignem Antriebe zu mir zu kommen. Er besucht mich zu einer Zeit, wo er weiß, daß wir essen, und er nicht allein kein Behagen bringen noch finden kann. Ich sage ihm das, er hat zur Antwort nur Redensarten, und weitere Morgenvisiten, und die Abende bin ich allein, Einladung lehnt er ab, wir lesen nie zusammen, kurz ich versichere Ihnen, es fehlt mir jeder Beweis für die Innigkeit eines deutschen Verhältnisses. Wenn er nur von seinen freundlichen Gesinnungen nicht immer spräche, so wäre die Sache einfach und keine menschliche Macht könnte mir helfen. Da er aber trotz dieser kalten Lieblosigkeiten und Rücksichtslosigkeiten mich gern zu haben behauptet,— so muß ich den Widerspruch zwischen Wort und Tat aufzuklären, aufzulösen suchen, denn wie wir leben, so kann ich nicht weiter leben. Da Lassalle immer bei Ihnen ist und Sie als Grund seiner beschränkten Zeit mir fortwährend angibt, so, meine gnädige Gräfin, gehe ich direkt auf den Grund meiner Klage los, und beschwere mich bei Ihnen. Sie werden lachen über die einfache Prozedur, sie ist aber für meinen Charakter notwendig, und die geradesten Wege sind für ordentliche Menschen die richtigen und ersprießlichen.

Notes

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1923

Authors and Affiliations

  • Gustav Mayer

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