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Posen

  • Otto Lubarsch
Chapter
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Zusammenfassung

Bei feuchtkalten, grauen Novembertagen zogen wir in unsere Wohnung in der Gartenstraße ein, in der von Gärten nichts zu sehen war, wie die Bäume eines gegenübergelegenen Fried-hofs. Er erfolgte nicht unter günstigen Borzeichen. Die kräftigen Träger und Berlader rochen schon am frühen Nachmittag stark nach Schnaps und waren gegen Abend nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, so daß manches Möbelstück arg gefährdet schien. Sie sprachen untereinander und mit der in Posen angenommenen Röchin polnisch, was bei unserer Unkenntnis der Sprache nicht angenehm war. Am späten Abend vermißte meine Frau ihre Geldtasche mit über 50 Mark Jnhalt, und trotz allen Suchens war sie nicht aufzufinden. Auch die Mahnungen an die Röchin, das Geldtäschchen müsse gefunden werden, hatten nur den Erfolg, daß diese empört unter Anrufung vieler Heiliger den Berdacht gegen ihre Ehrlichkeit zurückwies. Am nächsten Morgen, zu einer Zeit, als noch niemand anderes als die Röchin im Eßzimmer gewesen war (das aus Rostock mitgenommene Hausmädchen war noch mit den Rindern beschäftigt), wurde die Börse in der Nähe des Büffets, wo am Abend vorher öfters gesucht worden war, gefunden und in den fünf Monaten, die die edle Bolin bei uns blieb, wurde ihre Unehrlichkeit noch wieder-holt festgestellt. Das war geeignet, unser Bertrauen zur dortigen Bevölkerung stark zu erschüttern und den Ruf von den diebischen Neigungen der Polen zu rechtfertigen. Jch kann aber nicht sagen, daß unsere weiteren Erfahrungen dies bestätigt hätten. Wir haben vielmehr sehr tüchtige, ergebene und treue polnische Mädchen gehabt, mit denen uns bis zum Jahre 1919 freundliche Beziehungen verknüpften, und auch das männliche Personal, mit dem ich in den fünf Jahren meiner Posener Tätigkeit zu tun hatte, zeichnete sich durch Ehrlichkeit und Anhänglichkeit, zum Teil auch durch Tüchtigkeit und Rlugheit aus. Sie waren uns ergeben bis zu dem Punkt, wo ihr Nationalgefühl in Frage kam, das nicht nur mit einer Art schwärmerischen Glaubenseifers festgehalten, sondern unmittelbar mit dem Glaubensbekenntnis verknüpft wurde. polnisch und katholisch war ihnen gleichbedeutend, und es ist kennzeichnend, daß unsere treue Marianne Nowakowska, als ihr meine Frau es verwies, daß sie mit dem Institutsdiener Marcignac in unserem Hause polnisch sprach, antwortete: mit einem katholischen Menschen spreche ich nur polnisch. Diese Gleichstellung von polnisch und katholisch saß so fest, daß mein Sektionsdiener Siemskh), als ich ihn mal davon überzeugen wollte, daß es auch deutsche Ratholiken gäbe und ihm einige, uns näher bekannte katholische deutsche Offiziere nannte, antwortete: „Herr Professor, ich glaube Jhnen sonst alles, aber das kann ich nicht glauben.“ Es war also ganz so geblieben, wie mein verehrter Rollege von Wilamowitz es in seinen Erinnerungen für eine weit frühere Zeit (S. 32) schildert. „Für die Menge des polnischen Bolkes fiel deutsch und ketzerisch zusammen.“

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Notes

Literatur

  1. 1.
    Dabei spielten nicht etwa politische oder sonstige Abneigungen gegen den „H.-R.-Tisten-Berein“ mit, der oielen bis dahin ganz unbekannt war, son-dern die Gleichgültigkeit gegen die Ostmarkensrage.Google Scholar
  2. 1.
    Der doch gewiß des „Antisemitismus“ nicht verdächtige Demokrat und frühere badische Staatspräsident Prof. Hellpach schreibt noch 1928, „daß nach der pessimistischen Ansicht zahlreicher Juden überhaupt kaum ein Richt-iude von feinen (des Antisemitismus) Regungen frei ift“. (Politische Prognose für Deutschland S. 366.) Das Stimmt mit einer Äußerung Carl Weigerts überein, der, als von einem Herren als einem „Philosemiten“ gesprochen wurde, sagte: „,So etwas gibt es ja gar nicht, nicht mal unter Juden“.Google Scholar
  3. 1.
    Gs gab, als ich nach Posen kam, noch jüdische und polnifche„Rreisphnsici“ (Rreisärzte). Sie wurden allerdings, wenn ihre Stellen in irgendeiner Weise frei wurden, meist durch christlich-deutfche Ärzte ersetzt.Google Scholar
  4. 1.
    Dies ift der Ort, wo der Tod sich freut, dem Leben zur Hilfe zu kommen.Google Scholar
  5. 1.
    Siehe A.Holzmann: Bernhard Mohr, Was gab es in Würzburg vor Birchow an pathologischer Anatomie und pathologisch-anatomischem Unter-richt. Birchows Arch. 272, 531.Google Scholar
  6. 1.
    Jch habe das alles selbst miterlebt und aus nächster Nähe gefehen. Ein keines Zeichen für den im Oberpräsidium herrschenden Geift war, daß zu dem großen Bankett, das der Raiser gab, die Bertreter von Wissenschaft und Runst einzuladen „vergessen“ war und es erst des Gingreifens des damaligen Leib-arztes desRaisers, Dr. von Jiberg, bedurfte, damit nachträglich noch einige von ihnen eingeladen wurden.Google Scholar
  7. 1.
    Hamburg. Dramaturgie 101, 102, 103 und 4. Stück.Google Scholar

Copyright information

© Julius Springer in Berlin 1931

Authors and Affiliations

  • Otto Lubarsch

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