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Über Lösungsprozesse bei praktisch-technischen Problemen (I)

  • Karl Duncker
Chapter

Zusammenfassung

Ein „Problem“ entsteht z. B. dann, wenn ein Lebewesen ein Ziel hat und nicht „weiß“, wie es dieses Ziel erreichen soll. Wo immer der gegebene Zustand sich nicht durch bloßes Handeln (Ausführen selbstverständlicher Operationen) in den erstrebten Zustand überführen läßt, wird das Denken auf den Plan gerufen. Ihm liegt es ob, ein vermittelndes Handeln allererst zu konzipieren. Die „Lösung“ eines solchen praktischen Problems hat somit zwei Forderungen zu genügen: ihre Verwirklichung (Umsetzung in die Praxis) muß erstens die Verwirklichung des erstrebten Zustandes zur Folge haben und zweitens vom gegebenen Zustand aus durch „bloßes Handeln“ erreichbar sein. — Dasjenige praktische Problem, an dem ich die Lösungsfindung experimentell am eingehendsten studierte, lautet: gesucht ein Verfahren, um einen Menschen von einer inoperablen Magengeschwulst zu befreien mit Hilfe von Strahlen, die bei genügender Intensität organisches Gewebe zerstören — unter Vermeidung einer Mitzerstörung der umliegenden gesunden Körperpartien.

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Referenzen

  1. 1.
    Andere Arten von theoretischen Problemen wie z. B. „was ist das Wesen bzw. das Gesetz von?“ oder „wie verhalten sich zueinander?“ usw. wurden hier nicht untersucht.Google Scholar
  2. 1.
    Vgl. die einschlägigen Protokolle in meiner früheren (übrigens theoretisch noch sehr unentwickelten) Arbeit „A qualitative study of productive thinking“, The Pedagogical Seminary, Vol. 33, 1926.Google Scholar
  3. 1.
    Dieser Vorschlag ist eng verwandt mit der „besten“ Lösung: Kreuzung mehrerer schwacher Strahlenbündel in der Geschwulst, so daß nur hier die zur Zerstörung nötige Strahlenintensität erreicht wird. — Daß übrigens die in Frage kommenden Strahlen nicht durch gewöhnliche „Linsen“ gebrochen werden, ist ebenso wahr wie für uns (denkpsychologisch) belanglos Vgl. u. § 4.Google Scholar
  4. 1.
    Schon O. Selz fand in seinen Versuchen über Aufgabelösung ähnliche „Transformationen“ von Aufgaben. (Vgl. „Über die Gesetze des geordneten Denkverlaufs“ 1913 — im folgenden zitiert als Selz I, S. 87, ferner „Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums“ 1922 — Selz II, S. 41). Selz definiert Transformation der Aufgabe als „Vertauschung des ursprünglichen Ziels mit einem spezielleren“ oder ausführlicher „die Ersetzung der Aufgabe durch eine andere Aufgabe, durch deren Lösung die ursprüngliche Aufgabe mitgelöst werden soll“. Ich gebe zwei Beispiele aus seinem experimentellen Repertoire. Die eine Aufgabe lautet: „Zwei Hauptarten von Wahlrecht?“ Einer Vp fällt zunächst ein, „daß sie mehrere Wahlrechtseinteilungen kennt, und sie stellt sich nun die spezielle Aufgabe, eine dieser Einteilungen zu reproduzieren“. Einer anderen Vp kommtzum Bewußtsein, „daß es einen extremen Wahlrechtsgegensatz gebe, der den zwischen dem deutschen Norden und dem deutschen Süden noch übertreffe, und sie sucht nun diesen Gegensatz näher zu bestimmen, wobei die geläufigere Bestimmung nach der örtlichen Beziehung der weniger geläufigen inhaltlichen wieder vorhergeht.“ (I. S. 65, das Protokoll selbst s. S. 40.) — Ein zweites Beispiel: bei der Aufgabe „nebengeordneter Begriff zu Bahnsteig?“ ist eine von vielen Vpn vollzogene Aufgabetransformation: „ein anderer Teil des konkreten räumlichen Ganzen von Bahnsteig?“ (was z. B. zu der Lösung „Geleise“ führte), vgl. II, S. 142. — Selz nennt Transformationen, die einem ganzen Aufgabetypus generell zugeordnet sind, „Lösungsmethoden“.Google Scholar
  5. 1.
    Die Lösung besteht in der Bildung des um 1 vermehrten Produkts aller (Prim-)Zahlen von 1 bis p. Diese Zahl ist entweder selber Primzahl; oder aber sie ist ein Produkt aus jedenfalls nur oberhalb von p liegenden Primzahlen. (Denn eine unterhalb von p liegende Primzahl — die triviale 1 ausgenommen — kann doch nicht in einem um 1 vermehrten Vielfachen von sich selber aufgehen.) Es existiert also jedenfalls eine Primzahl oberhalb von p (q. e. d.).Google Scholar
  6. 1.
    Thorndike, Animal Intelligence.Google Scholar
  7. 1.
    Vgl. u. S. 30 über „Fixierung“.Google Scholar
  8. 1.
    Vgl. W. Köhler, a. a. O. S. 27. Ferner R. M. Yerkes, The Mind of a Gorilla, Gen. Psych. Monographs II, 1927.Google Scholar
  9. 2.
    Das Angeregtwerden des Funktional wer tes von unten ist sogar die Regel bei Aufgaben, wo von vornherein eine Anzahl von Gegenständen dargeboten sind mit der Weisung, unter ihnen ein passendes Werkzeug zu dem und dem Zweck auszuwählen. Hier verfährt das Denken leicht — besonders, wenn es sich nur um wenige Gegenstände handelt — „absuchend“, d. h. es prüft die gebotenen Gegenstände nacheinander auf ihre Verwertbarkeit, ohne sich erst viel auf einen Entwurf geeigneter Funktionalwerte einzulassen. (Über Experimente mit solchen Aufgabesituationen s. Kap. VII.)Google Scholar
  10. 1.
    Leben ist ja — u. a. — ein Inbegriff von Lösungsprozessen zahlloser großer und kleiner Probleme (von denen allerdings nur ein geringer Bruchteil ins Bewußtsein ragt). Charakter, soweit er sich im Leben, durch das Leben bildet, ist vom Typus einer Problemlösung.Google Scholar
  11. 1.
    Diese beiden Vorschläge entstammen einem anderen Massen versuch, bei dem die Ellipse der beigegebenen Skizze zufällig besonders schmal geraten war.Google Scholar
  12. 2.
    Diese Vp nimmt die beigegebene Querschnittsskizze „buchstäblich“.Google Scholar
  13. 3.
    Die Vorschläge P4IC b und c beruhen offenbar auf einer partiell falschen Aufgabestellung. Es soll ja nicht nur der gesunde Magen resp. die zweite Hälfte des Strahlenweges geschützt werden. Vorschlag d entspringt einer völlig falschen Aufgabestellung. Vorschlag e beruht auf Verwendung eines falschen Modells, die Strahlen werden wie ein Gift behandelt, das mit dem Körper nicht in Berührung kommen darf.Google Scholar
  14. 4.
    Dieser und der nächste Vorschlag suchen die ursprüngliche Problemstellung zu sprengen.Google Scholar
  15. 1.
    Dieser Vorschlag ist ein besonders krasses Beispiel einer „monomanischen“, d. h. alle sonstigen Faktoren außer Acht lassenden Lösung („Operation geglückt, Patient tot“).Google Scholar
  16. 2.
    Dies ist ein krasser „Denkfehler“, denn die gleichsinnige Verschiebung des Aufhängepunktes im absoluten Raum wirkt sich natürlich nicht auf die Pendellänge aus. (Es handelt sich hier um einen mißglückten Wurf nach Vorschlag e.)Google Scholar
  17. 3.
    Dies ist die Lösung einer fälschlich unterlaufenen Aufgabe, nämlich der, das Pendelgewicht an konstantem Raumort zu halten.Google Scholar
  18. 4.
    Nicht ganz klar.Google Scholar
  19. 1.
    Vgl. Fußnote 1, Seite 18.Google Scholar
  20. 2.
    Und der Rahmen?Google Scholar
  21. 3.
    Ein gar zu frommer Wunsch.Google Scholar
  22. 4.
    Ganz konfus.Google Scholar
  23. 5.
  24. 6.
    Diese Lösung war in allen vier Fällen bekannt. Zu den beiden vorangehenden Lösungen bemerkten die betr. Vpn, daß ihnen „etwas derartiges“ bekannt sei.Google Scholar
  25. 7.
    Innen Quecksilber (oder statt dessen: eine Quecksilbersäule hebt von außen ein Pendelgewicht).Google Scholar
  26. 8.
    Ausdehnung und Zusammenziehung sollen hier „einander hemmen“.Google Scholar
  27. 9.
    Das Pendel schwingt hier senkrecht zur Zeichenebene. Der Vorschlag hat natürlich den Fehler, daß die „Räder“ an der nirgendwo sonst befestigten Pendelstange nicht entlang laufen könnten.Google Scholar
  28. 10.
    Reasoning in humans I, On Direction, J. Comp. Psych., 10, 1930. — Reas, in hum., II, The solution of a problem and its appearence in consciousness, J. Comp. Psych., 12, 1931. — Reasoning in white rats, Comp. Psych. Monogr., 6, 1929.Google Scholar
  29. 1.
    Daß diese Elemente nicht unbedingt „parts of past experiences“ sein müssen, lehren zum mindesten alle diejenigen Problemlösungen, in die neu gebotene Gegenstände (kraft tauglicher Eigenschaften) eingehen.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1974

Authors and Affiliations

  • Karl Duncker

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