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Allgemeine Geschwulstlehre

  • Bernhard Fischer-Wasels
Chapter
Part of the Handbuch der Normalen und Pathologischen Physiologie book series (2664)

Zusammenfassung

Es besteht heute keine Veranlassung mehr, auf eine Definition des Geschwulstbegriffes zu verzichten, wie es noch Virchow in seinem Geschwulstwerk getan hat. Wenn neben vielen anderen Schwalbe 1) noch in unserer Zeit die Unmöglichkeit einer Definition ausspricht, so wird ein solcher Verzicht durch die tatsächlichen Fortschritte unserer Kenntnisse nicht ganz gerechtfertigt. Niemand rechnet heute mehr wie Virchow Tuberkel, Syphilome, Aktinomykose zu den Geschwülsten. Gewiß bestehen noch an einzelnen Stellen Unsicherheiten darüber, wo die Grenze zwischen Geschwulst und anderen pathologischen Bildungen liegt, aber im großen und ganzen sind die Grenzen klar und die Unklarheit in den gegebenen Definitionen ist wesentlich größer als sie durch den Stand unserer Kenntnisse bedingt wäre. Es ist nicht berechtigt, Geschwülste heute einfach als Neubildungen oder Wucherungen zu bezeichnen. Geschwülste sind nicht Neubildungen des vorhandenen Gewebes (was vor allem für die histogenetische Geschwulstforschung von größter Wichtigkeit ist), sondern sie bestehen aus Geschwulstzellen, die sich wesentlich von normalen Zellen unterscheiden. Es ist deshalb vollkommen logisch, die Geschwülste unter den Begriff der Mißbildungen im weitesten Sinne unterzuordnen [Johansen 1)]. Man muß sich nur klar darüber sein, daß in diesem Sinne die Mißbildung weder fetaler Genese, noch überhaupt angeboren zu sein braucht. Wir können deshalb die gewöhnlichen Definitionen der Mißbildung, wie sie z. B. von Marchand 2) und Schwalbe (1. c.) gegeben werden, unserer Begriffsbestimmung nicht zugrunde legen, weist doch auch Przibbam 3) darauf hin, daß Schwalbe, der die Teratologie auf angeborene Mißgestaltungen beschränken wollte, den regenerativen Mißgestaltungen ein eigenes Kapitel widmen mußte. Przibbam schlug deshalb vor, als Mißbildung „jede von der Norm abweichende Bildung zu verstehen, welche nicht in einer eben herrschenden Erkrankung des Organismus besteht“. Ich glaube, daß der letztere Zusatz für den Pathologen zu unbestimmt ist und möchte deshalb vorschlagen, als Mißbildungen alle Veränderungen der Form und Zusammensetzung des Körpers zu bezeichnen, welche außerhalb der Variationsbreite der Art gelegen sind, nicht auf einer direkten Reaktion des Körpers gegen äußere Schädigungen beruhen und sich dem normalen anatomischen Bauplan des Organismus nicht einfügen, während sie dem Stoffwechselbauplan eingegliedert sind. Diese Definition der Mißbildung schaltet alle pathologischen Prozesse der Entzündung, der Anpassung, der Regeneration ohne weiteres aus dem Gebiete der Mißbildungen aus.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1926

Authors and Affiliations

  • Bernhard Fischer-Wasels
    • 1
  1. 1.Frankfurt a. M.Deutschland

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