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Vom disziplinierten Denken im medizinischen Unterricht

  • E. Bleuler

Zusammenfassung

In noch sehr wenig realistischer Weise wird das medizinische Studium betrieben. Seit dem Untergang der alten Wel hat man die klassische Bildung als Vorbedingung dazu angesehen. Das Griechische ist jetzt nicht mehr unbedingt nötig; das Latein aber gilt noch als sehr wichtig, und medizinische Semester werden vielerorts nicht angerechnet, wenn nicht vorher die Maturität im Latein gemacht ist. Hat aber jemand in der Welt schon geprüft, ob das so recht ist ? Ist es wirklich nötig, die ganze Lateinschule durchzumachen, um ein guter Arzt zu werden ? Von vornherein klar ist das nicht. Zu einem Arzt gehört gute Beobachtung, gute Kombinationsgabe, guter Verstand überhaupt und guter Charakter. Alle diese Dinge kann man haben, aber auf keinem Gymnasium erwerben; der Schulmeister kommt ja erst dazu, wenn Ei und Sperma sich schon längst verbunden haben. Die Fähigkeit der Beobachtung und die Freiheit des Denkens werden an vielen Orten jetzt noch durch das klassische Studium eher unterdrückt; denn man kann auch angeborene Fähigkeiten hemmen, wie die Erfahrung zeigt. Die alten Sprachen seien notwendig, um die medizinische Terminologie zu verstehen; aber die meisten Wörter sind griechisch, und man hat nicht bemerkt, daß die „Barbaren“schlechter durchkommen als die Hellenen. Es gibt in Holland schon lange besonders tüchtige Ärzte ohne eine Gymnasialbildung, die der unsrigen entspräche.

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Literatur

  1. 1) Man sagt mir, in Frankreich sei das Obligatorium der lateinischen Vorbildung aufgehoben worden, und man habe schlechte Erfahrungen damit gemacht. Bestimmteres konnte ich leider nicht erfahren. (1921)Google Scholar
  2. 1) Nach meiner Erfahrung an kleinem Material möchte ich allerdings einen Einwand, der, wie mir scheint, bis jetzt ganz ungenügend berücksichtigt worden ist, als besonders wichtig herausheben. Ein großer Teil wenigstens der schweizerischen allgemeinen und Realgymnasien haben den Lateinunterricht so beschränkt, daß er diese Aufgabe in keiner Weise erfüllen kann. Noch wichtiger ist die Stellung, die der moderne Lehrer der römischen Frühgeschichte gegenüber einnimmt Die markantesten Einzelheiten sollten Begeisterung für die virtus der Väter erwecken, und sie sind so bearbeitet, daß zu diesem Zwecke der Glaube an ihre Realität nicht entbehrt werden kann. Der Lehrer berichtet aber jetzt seinen Schülern, sie seien bloß erfunden und stempelt sie damit zu wertlosen Prahlereien des römischen Volkes oder seiner Schriftsteller (1922).Google Scholar
  3. 1) Aus einem Landerziehungsheim höre ich, daß man Versuche machte, die ergeben, daß möglichste Vermeidung des Wechsels von unerwartet großem Vorteil waren. Es zeigte sich auch, daß bei diesem System schlechte Lehrer sich rasch als unbrauchbar erwiesen. (1921.)Google Scholar
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  6. Stursberg: Wie ich nachträglich sehe, ist der gleiche Vorschlag auch von Bernh. Fischer (Neuordnung des med. Studiums, München: Lehmann 1919) und von Kerschensteiner gemacht worden.Google Scholar
  7. 1) Abhilfe ist allerdings nicht so leicht. Wir müßten im Burghölzli wohl zwei ältere Ärzte mehr haben, wenn jeder seine Gutachten verteidigen sollte.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag oHG. Berlin · Göttingen · Heidelberg 1962

Authors and Affiliations

  • E. Bleuler

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