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Brasilien

  • Rodrigo Duarte
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Adorno war nie in Brasilien, nicht einmal zu Besuch. Natürlich ist die physische Anwesenheit eines Intellektuellen kein definitives Kriterium, um den Einfluss seines Werkes in einem Land nachzuweisen; sonst hätten Platon und Aristoteles niemals in Europa so einflussreich werden können, wie sie es immer noch sind. Allerdings entstand mit der politischen Emigration nach Hitlers Machtergreifung eine Lage, in der viele wichtige deutschsprachige Intellektuelle jüdischer Herkunft ihre Spur in den Ländern hinterließen, die sie um Asyl ersucht hatten. In Brasilien war das der Fall z. B. bei Stefan Zweig und Vilém Flusser .

Das war auch der Fall bei Adorno in den Vereinigten Staaten, wo sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland – und stärker dann nach seinem Tod – eine gewisse nordamerikanische Gefolgschaft gebildet hat. Mit der Beziehung Adornos zu Brasilien verhält es sich anders: Nicht nur ist er nicht dort gewesen, sondern in seinem Werk wird Brasilien kein einziges Mal erwähnt. Und doch zählt es zu den Ländern der Welt, in denen Adornos Werk am meisten gelesen und bearbeitet wird. Nicht nur werden jährlich viele Übersetzungen seiner Texte veröffentlicht, sondern ebenso zahlreiche Schriften über ihn – und dies mit steigender Tendenz. Allerdings kommt das nicht von ungefähr: Die Kritische Theorie, wenn auch nicht unbedingt Adorno, ist früh und zum Teil intensiv in Brasilien rezipiert worden (Duarte 1997b, 2009).

Daten und Fakten

Noch vor der Veröffentlichung der ersten Übersetzungen von Adornos Werken ins Portugiesische fanden sich in Brasilien Leser seiner Schriften. Einer der frühesten war Roberto Schwarz , ein gebürtiger Österreicher jüdischer Herkunft, der später einer der bedeutendsten Literaturkritiker und Literaturtheoretiker Brasiliens wurde. Dass Adorno so wichtig für seine theoretischen Bildung gewesen ist, erzählt er selber in einem 2003 veröffentlichten Interview: »1960, als ich Soziologie-Student war, habe ich die Dialektik der Aufklärung im Regal eines Buchladens gesehen. [...] Soweit ich weiß, war Adorno als Kritiker und Philosoph unbekannt, denn sein Werk war nicht übersetzt und in Deutschland war sein Einfluss noch am Anfang« (Schwarz 2003: 10 f.).

In den 1970er Jahren gab es in Brasilien zwei Veröffentlichungen zum Werk Adornos (Kothe 1975; Bolle 1976). Man wird aber mit Recht sagen dürfen, dass sie mehr Benjamin als Adornos galten. Immer wieder hoben die Verfasser sehr offen die Nachteile der adornoschen Philosophie gegenüber dem Denken Benjamins hervor.

Um diese Zeit werden die ersten brasilianischen Übersetzungen von Werken Adornos veröffentlicht. Die erste war 1974 beim Verlag Perspectiva die Philosophie der neuen Musik . 1975 erschien der Sammelband zur Kritischen Theorie in der Reihe Os Pensadores (»Die Denker«). Diese Sammlung, die trotz mancher Veränderungen bis heute rezipiert wird, besteht aus Büchern, die zunächst in Kiosken erschienen und die eine zentrale Rolle bei der Popularisierung der Philosophie in Brasilien gespielt haben. Die der Kritischen Theorie gewidmete Ausgabe enthält Aufsätze von Benjamin , Horkheimer , Adorno und Habermas .

In den 1980er-Jahren begannen sich die Verleger zunehmend für Adornos Werk zu interessieren. Zwei Veröffentlichungen waren dabei maßgeblich: die Dialektik der Aufklärung , deren erste Auflage 1985 auf den Markt kam, und die 1986 veröffentlichte, großen Sozialwissenschaftlern gewidmeten Sammlung des Verlags Ática, deren Adorno-Ausgabe von Gabriel Cohn herausgegeben wurde. Darüber hinaus diente eine 1988 in Portugal veröffentlichte Übersetzung der Ästhetischen Theorie als Ersatz dafür, dass noch keine brasilianische Ausgabe dieses zentralen Werks vorhanden war. Ab Anfang der 1990er-Jahre wurden anderer wichtige Schriften in Brasilien publiziert wie Minima Moralia (1992), Stichworte (1995), Erziehung zur Mündigkeit (1995) und Prismen (1997). 2003 erschienen die Noten zur Literatur I; 2008 Einleitung in die Soziologie und The Stars Down to Earth, die Bestandteil eines ehrgeizigen editorischen Programms des Verlags UNESP sind, das eine zwanzigbändige Ausgabe der Gesammelten Schriften Adornos plant, die in einigen Jahren abgeschlossen sein soll. 2009 wurde auch die erste brasilianische Übersetzung der Negativen Dialektik veröffentlicht.

Diese Übersetzungen bildeten die Grundlage dafür, dass seit Anfang der Neunzigerjahre viele brasilianische Autoren über Adorno schrieben. Das erste Buch eines Brasilianers ausschließlich über Adorno war Mimesis und Rationalität . Zum Begriff der Naturbeherrschung bei Adorno von Rodrigo Duarte (Duarte 1993). Duarte hatte als Assistent und später Professor an der Bundesuniversität Minas Gerais (UFMG) Masterarbeiten über verschiedene Aspekte von Adornos Denken betreut, von denen zwischen 1993 und 1996 fünf erfolgreich abgeschlossen wurden; eine davon ist in Buchform erschienen (Loureiro 1996). Bemerkenswert ist, dass in derselben Zeitspanne drei Adorno gewidmete Masterarbeiten an anderen wichtigen akademischen Zentren Brasiliens vorgelegt wurden, von denen eine als Buch vom Verlag der katholischen Universität von Rio Grande do Sul (PUCRS) veröffentlicht worden ist (Tiburi 1995). Gleichzeitig hat Mônica Amaral die vermutliche erste Dissertation über Adorno der USP präsentiert, die von einer brasilianischen Staatsangehörigen geschrieben und einer brasilianischen Hochschule vorgelegt wurde; sie erschien zwei Jahre später als Buch (Amaral 1997). Kurz zuvor hatte Ricardo Barbosa sein Buch Dialektik der Versöhnung . Adorno und Habermas (Barbosa 1996) herausgebracht. 1997 erschien ein weiterer Sammelband unter dem Titel Adorno. Neun Essays zum Frankfurter Philosophen (Duarte 1997a).

Es fällt auf, dass neben der Philosophie die Erziehungswissenschaft die Fachrichtung ist, die die meisten Beiträge zu Adorno hervorgebracht hat. Im Rahmen der von Bruno Pucci koordinierten Forschungsgruppe »Kritische Theorie und Erziehungswissenschaft «, die sich mittlerweile über verschiedene Hochschulen Brasiliens erstreckt, wurden diverse Masterarbeiten und Dissertationen über Adorno verfasst, die zum Teil auch als Buch erschienen. Von dieser Gruppe sind seit 1998 Symposien veranstaltet worden, die zum Treffpunkt für brasilianische und ausländische Adorno-Experten (und interessierte Studierende) wurden. Die Akten dieser Symposien sind neben anderen Veröffentlichungen der betreffenden Forschungsgruppe längst ein Begriff unter kritischen Pädagogen und anderen Akademikern, die sich für Kritische Theorie in Brasilien interessieren (Pucci et alii. 2007, 2008).

Im Jahr 2002 erschienen zwei Bücher, die auf sehr verschiedene Weise Adornos Theorie angingen: Das erste war eine Einleitung in die Dialektik der Aufklärung , die Duarte aufgrund eines Auftrages vom Jorge Zahar Editor verfasst hat (Duarte 2002); das andere ein Sammelband von Álvaro Vals , der u. a. die Magisterarbeit des Verfassers zu den Ursprüngen des aqdornoschen Denkens (1924–1938) enthält, die 1977 der Universität Heidelberg vorgelegen hatte (Vals 2002).

Anlässlich des Adorno-Jubiläums 2003 erschienen zahlreiche Publikationen, z. B. die von Bruno Pucci u. a. herausgegebene Sondernummer der Zeitschrift Educação e Sociedade (24, 2003) mit dem Thema Adorno und die Erziehung . Zu nennen wären ferner Verlaine Freitas ’ Adorno und die zeitgenössische Kunst (Freitas 2003), Ronel Alberti da Rosa s Musik und Mythologie des Kinos in den Spuren von Adorno und Eisler (Alberti 2003), Márcio Seligmann-Silva s Adorno (Seligmann 2003) und das Buch Kritische Theorie der Kulturindustrie (Duarte 2003).

In vielen Hochschulen Brasiliens wie São Leopoldo (Duarte /Tiburi 2009), Rio de Janeiro (Santos /Nuñez 2004) und Aracajú wurden Symposien zur Hundertjahrfeier organisiert. In São Paulo hat man mit der Unterstützung des lokalen Goethe-Instituts eine Reihe von kleineren Tagungen abgehalten, die 2003 praktisch das ganze Jahr hindurch veranstaltet wurden. Wenn nicht alles täuscht, war die größte Veranstaltung, die Adorno 2003 weltweit gewidmet wurde, der Internationale Kongress Theoria Aesthetica, der vom 9. bis 12. September in Belo Horizonte an der UFMG stattfand. An ihr haben Hunderte von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Brasilien, Deutschland, Portugal, Argentinien und USA aktiv teilgenommen und mehr als achtzig Vorlesungen und Referate gehalten (eine Auswahl der Beiträge in: Duarte /Figueiredo /Kankussu 2005).

Versuch einer Auslegung

Wie erwähnt, erfolgte die Rezeption Adornos spät. Bereits Mitte der 1960er-Jahre gab es viele Übersetzungen von Werken Herbert Marcuses. Die Bedeutung dieser Marcuse -Rezeption war überwiegend politisch, da nach der Etablierung der Militärdiktatur zumindest ein Teil der Linken eine strategische Alternative zur traditionellen Politik suchte. Der nächste Schritt war die Aneignung gewisser Aspekte von Walter Benjamin , die eher akademischer oder. halbakademischer Natur war und vor allem im Bereich der Literatur und der Literaturkritik stattfand. Erst in den 1990er-Jahren wandte man sich Adornos Philosophie verstärkt zu. Eine mögliche Ursache dafür dürfte das Ende des Militärregimes sein, das 1985 mit der indirekten Wahl eines zivilen Präsidenten vollzogen war. Vor dem Putsch von 1964 wie auch während der Militärdiktatur stand für kritische Menschen außer Zweifel, dass die selbsterklärte Rechte das leibhaftige Böse war. Nach 1985 warten die politischen Dinge deutlich weniger polarisiert; die alten Kategorien erwiesen sich für ein Verständnis der neuen Situation als unzulänglich. Möglicherweise wurde vielen Intellektuellen gerade darum klar, dass das soziale Denken Adornos sehr geeignet war, die komplexen postdiktatorischen Verhältnisse kritisch zu durchdringen.

Außerdem gibt es in Brasilien eine eigene Form von Massenkultur, die sich seit den 1920er- und 1930er-Jahren stetig entwickelt hat und die in beide Diktaturen stark involviert war. In einem formellen demokratischen Kontext indes wird die herrschende Ideologie subtiler; sie vermittelt den Eindruck, dass es in dieser Gesellschaft substantielle Freiheit gibt, sofern nur die Möglichkeit besteht, die Regierenden und ihre Vertreter ins Parlament zu wählen. Das macht die Rolle der Massenmedien umso wichtiger, weil das ideologische Bedürfnis einer politisch freien, aber insgesamt unfreien Gesellschaft vom Standpunkt der herrschenden Kräfte spezifischer wird. Das könnte ein zusätzlicher Grund dafür sein, dass Adornos Denken von der undogmatischen Linken Brasiliens geschätzt wird.

Adorno ist im Wesentlichen im brasilianischen akademischen Milieu rezipiert worden. Nach der Aufnahme in Philosophie und Erziehungswissenschaft beschäftigen sich mit ihm nun auch andere Disziplinen wie Soziologie, Sportwissenschaft, Kunstwissenschaft, Theologie , Musik, Literaturwissenschaft und sogar Kriminologie. Nachdem zunächst vor allem die akademischen Zentren des reicheren Südost- und Südbrasilien in dieser Hinsicht aktiv wurden, kamen später die öffentlichen Universitäten der Hauptstädte des Nordostens und Zentrums des Landes hinzu und schließlich auch, in einem Prozess der »Kapillarisierung«, die kleineren akademischen Zentren vom Südosten und Süden.

Die Anzahl von Schriften zum Denken Adornos ist beständig gestiegen und die Beschäftigung mit ihm wird immer mehr mit den brasilianischen politischen, sozialen und kulturellen Fragen verbunden. Diese Tendenz zeigt sich am deutlichsten in der Erziehungswissenschaft und in den philosophischen Ansätzen zum brasilianischen Modell der Kulturindustrie .

Literatur

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Authors and Affiliations

  • Rodrigo Duarte
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  1. 1.Belo HorizonteBrasilien

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