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78 Nationalsozialismus

  • Gerhard Scheit

Zusammenfassung

Es gibt wohl keinen größeren Kontrast in Thomas Bernhards autobiographischen Schriften als den zwischen dem Band Ein Kind von 1982 und den vorangegangenen vier Teilen, die seit 1975 erschienen sind. Es ist, als handelte es sich um einen anderen Autor, wenn Bernhard in diesem letzten Teil mit der Darstellung der ersten Lebensjahre vor 1938 in Wien, Seekirchen und Traunstein anhebt: Der sprachliche Ausdruck ist völlig verwandelt. Die Ursache oder Der Keller hatten sich an die in den Romanen und Erzählungen entwickelten Formen angelehnt, sie folgen etwa dem Prinzip der wortwörtlichen Wiederholung, das einerseits gegen einen gleichsam falsch gewordenen Reichtum der Sprache, gegen Nuancierung und Metaphernfülle, gerichtet ist, durch das andererseits sprachliche Bilder gezielt angewandt werden, um die Nichtigkeit dessen zu behaupten, was immer in dieser Gesellschaft als positiv firmiert. Darin liegt eine Art Existentialurteil über die Metaphorik der Beschwichtigung, die als ›Vergangenheitsbewältigung‹ in den Nachfolgestaaten des ›Dritten Reichs‹ aufblühte, und die Denunziation einer Literatur, die einfach fortfährt zu erzählen, als wäre nichts geschehen (vgl. dazu u. a. Müller 1990).

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Authors and Affiliations

  • Gerhard Scheit
    • 1
  1. 1.WienAustria

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