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61 Der »Lebensmensch« und weitere persönliche Beziehungen

  • Bernhard Judex
  • Manfred Mittermayer

Zusammenfassung

Vielfach wurde das Bild von Thomas Bernhards Biographie von der Vorstellung eines misanthropischen Einzelgängers bestimmt. Bezeichnungen wie »Alpen- Beckett und Menschenfeind« (Rumler 1972) verweisen auf eine angebliche Negativität, durch die sich das Werk scheinbar erklären lässt und die mit der Person als unmittelbar verbunden gilt. Dem stehen umgekehrt Aussagen von Zeitzeugen, Bekannten und Freunden gegenüber, die Bernhard als wenn auch eigenwilligen und individualistisch veranlagten, so im persönlichen Umgang durchaus unterhaltsamen, charmanten und humorvollen Charakter beschreiben. So etwa bezeichnet ihn Hilde Spiel als »eine[n] der liebenswertesten Menschen«, denen sie begegnet sei, umgekehrt aber auch als einen »sehr schwierigen« (zit. nach Fleischmann 1992, 143). Eine ähnliche Ambivalenz zeigt sich in der Selbsteinschätzung des Autors in einem Interview mit André Müller. Konstatiert Bernhard dort, er fühle sich »über lange Zeit sowieso alleine am wohlsten«, so stellt er umgekehrt fest: »Ich hab’ ein paar Leute, wo ich hingehen kann, um mich zu beruhigen« (zit. nach Müller 1992, 74 f.). »[I]m Alleinsein geschult« (W 22/2, 60), wie es in Drei Tage heißt, konnte er neben der für ihn als Schriftsteller notwendigen Einsamkeit immer wieder auf einzelne Menschen zurückgreifen, mit denen er auf unterschiedliche Weise den für ihn jeweils nützlichen und notwendigen Kontakt nach außen hielt. Bernhard besaß durchaus »von Beginn an die geniale Fähigkeit, an die Leute zu gelangen, die ihn fördern konnten, die ihm die richtigen Impulse gaben, die maßgeblichen Kontakte vermittelten oder sich sonst als Mäzene erwiesen« (Höller 1993, 55 f.).

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Authors and Affiliations

  • Bernhard Judex
    • 1
  • Manfred Mittermayer
    • 1
  1. 1.Universität SalzburgSalzburgAustria

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