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Bilder halten uns gefangen – und andere draußen

Ideen zu einer philosophischen Kritik der politischen Sprache
  • Peggy H. BreitensteinEmail author
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Zusammenfassung

Immer wieder und ganz selbstverständlich wird in politischen, rechtlichen, öffentlichen, aber auch philosophischen Diskursen bei der Begründung von Hilfspflichten gegenüber Geflüchteten auf bestimmte Bilder und Analogien zurückgegriffen. So werden beispielsweise Nationalstaaten als wohleingerichtete Häuser betrachtet, mit Booten verglichen oder mit Rettungsschwimmern an einem See usw. Diese Bilder, teilweise Szenarien werden häufig in Analogien verwendet, die es erlauben sollen, befremdlich erscheinende Erfahrungen mit Vertrautem zu verbinden. Sie dienen somit der Orientierung im Entscheiden, Handeln und auch im Raum der Gründe. Werden diese Sprachbilder im weiten Sinne jedoch nicht genau reflektiert, dann verbinden sich gerade mit diesem erschließenden Potential auch Gefahren. Allzu leicht nämlich werden Denk- und Argumentationsschemata tradiert, die nicht nur an sich problematisch sind, sondern auch das möglicherweise Neuartige einer – unserer gegenwärtigen – historischen Situation verdecken. Deshalb scheint es dringlich, immer wieder zu reflektieren und zu prüfen, welche Bilder und Analogien im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs verbreitet sind, wie genau sie funktionieren, was sie zeigen sollen oder können und vor allem, was sie ausschließen. Genau dies zu analysieren, ist genuine Aufgabe einer philosophischen Kritik. In diesem Beitrag werden im Anschluss an Wittgenstein und Arendt Grundzüge einer „philosophischen Sprachbildkritik“ herausgearbeitet und auf dieser Grundlage am Beispiel dreier prominenter Analogien gezeigt, welche - meist latent wirksamen - komplexen Strukturen aus Bedeutungszuschreibungen, begrifflichen Unterscheidungen, Normierungen, Wertungen etc. hier am Wirken sind und was ihre Konsequenzen sein können.

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Authors and Affiliations

  1. 1.RadebeulDeutschland

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