Advertisement

Heimat durch Nachbarschaft

Das Museum öffnet sich zum Stadtteil
  • Rita Klages

Zusammenfassung

Der Begründer der belgischen Museumspädagogik Jean Capart plädierte 1922 für eine Öffnung der Museen zum Publikum und eine verstärkte Wahrnehmung ihres Bildungsauftrags. Er formulierte folgende Doppelfunktion: Das Museum solle wissenschaftlich und nach innen sehend sowie kommunikativ und nach außen gehend arbeiten (Gesché-Koning 1996. S.2). Dieser Anspruch an das Museum als Bildungsstätte und seine Ausrichtung auf breitere Kreise der Öffentlichkeit (Amelung/Schemm 1996) wurde auch in Deutschland im Rahmen der reformpädagogischen Bewegung formuliert. Hier knüpfte die neue Kulturpolitik in den 70er Jahren an (vgl. Kistemaker in diesem Band); eine „neue Muséologie“ bezog sich dabei vor allem auf zwei Aspekte: die gesellschaftliche Entwicklung sollte berücksichtigt werden und dem aktiven Museumsgast eine besondere Rolle zukommen (Vieregg 1994, S.132). Neighbourhood Museums, écomusées und Beispiele in Skandinavien begründeten weitere Traditionslinien in der Museumslandschaft.1

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. hierzu die Artikel von Korff und von Wolzogen in Die Zukunft beginnt mit der Vergangenheit. Museumsgeschichte und Geschichtsmuseum, Hrsg. Historisches Museum Frankfurt, den Artikel von Jeudy in Korff/Roth: Das historische Museum und den Artikel von Weschenfelder in Zacharias: Zeitphänomen Musealisierung.Google Scholar
  2. 2.
    Siehe hierzu auch Dokumentation AEM Socrates-Project Adult Education & the Museum, zu beziehen über Dr. J. Thinesse-Demel, MVHS/Kunstgespräche, Geyersperger Str. 42, 80689 München. Nachzulesen in Standbein Spielbein, April 1997.Google Scholar
  3. 3.
    Die Vereinsgründung erfolgte gemeinsam mit Kollegen aus dem Bereich der Museums-und Bildungsarbeit aus Ost-und West-Berlin. Das Nachbarschaftsmuseum fördert und initiiert Projekte, die eine Zusammenarbeit zwischen Museen, Zeitzeugen und Interessentengruppen zu historischen Fragen oder Zeitproblemen ermöglichen. Mit der Gründung sollte Kontinuität für bewährte Projekte, die durch die Kooperation mit dem Heimatmuseum Neukölln entstanden waren, erreicht werden. Die Projekte sollen auf andere Bezirke und Institutionen übertragbar sein. Der Name des Vereins ist vom Anacostia Neighbourhood Museum in Washington D.C. entlehnt, sein Selbstverständnis ist im Kontext soziokultureller Arbeit zu sehen.Google Scholar
  4. 4.
    Mit der Einrichtung des Projekts Erfahrungswissen im Heimatmuseum Neukölln im Jahr 1987, das anteilig von der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales (Land) und dem Bezirksamt Neukölln finanziert wird, wurde die Zusammenarbeit mit Zeitzeugen zum eigenständigen museumspädagogischen Bereich. Als Teil des Modellprojekts Ein Haus in Europa erfuhr es eine zweijährige Mitfinanzierung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nach dem Bundesaltenplan. Im Rahmen des Projekts Erfahrungswissen älterer Menschen nutzen arbeite ich überregional mit anderen Bildungs-und Kultureinrichtungen zusammen. Die Trägerschaft übernahm 1991 der Verein Nachbarschaftsmuseum e.V. — Die teren lerne ich als Museumsbesucher, als Vertreter von Institutionen (z.B. Vereinen, Gewerkschaften) oder auch bei Recherchen kennen. Voraussetzung, sich über „Erinnerungsstücke“ im Museum mitzuteilen und sich darüber auszutauschen, ist die Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, das Interesse, sich anderen mitzuteilen, und Offenheit im Umgang mit Menschen. Eine ausführlichere Beschreibung bei Klages in Glaser/Röbke 1992.Google Scholar
  5. 5.
    Neben meinen Projekten der intergenerativen Seniorenkulturarbeit sind im Heimatmuseum Neukölln außerdem zwei Museumslehrer tätig, die für die Zusammenarbeit mit den Neuköllner Schulen zuständig sind.Google Scholar
  6. 6.
    hierzu Oelschlägel in Rundbrief des Verbandes für sozial-kulturelle Arbeit. Im Sinne der soziokulturellen Arbeit bezeichnet er ein „Feld, wo sich Kulturpädagogik und Kulturarbeit, die sich als eine (Wieder-)Belebung kultureller Öffentlichkeit und als Förderung historischer Identität verstehen, einerseits und Sozialarbeit, die auf Aktivierung und Autonomisierung individueller und sozialräumlicher Milieus zielt, andererseits verzweigen.“.Google Scholar
  7. 7.
    Erleichternd für weitere Kontakte war z.B. die Kooperation mit einer aktiven evang. Kirchengemeinde, die den Interkulturellen Arbeitskreis koordiniert (vgl. Kolland in diesem Band), eine Kiez-AG für Kinder-und Jugendarbeit, die Mieterinitiative und das Vorort-Büro, das für Sanierungs-und Modernisierungsfragen zuständig ist.Google Scholar
  8. 8.
    Die biographisch orientierten Stadtrundgänge wurden von Mathias Kinzel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Heimatmuseum Neukölln, konzipiert und durchgeführt.Google Scholar
  9. 9.
    Der Gruppenprozeß entwickelt sich in folgenden drei Phasen: — die kritische Bestandsaufnahme zum Thema, — „Phantasie an die Macht“, — erste Planschritte zur Machbarkeit. Eine Zukunftswerkstatt geht i. d. R. über ein Wochenende, also zwei bis drei Tage. Entscheidendes Erlebnis ist die Kooperation in Kleingruppen und das Arbeiten mit kreativen Mitteln.Google Scholar
  10. 10.
    In Berlin besteht lt. Tagesspiegel vom 27.7.97 eine Arbeitslosigkeit von 15,5%, 20,4% sind berufsunfähige Rentner. Die Hälfte aller Türken über 50, so informierte uns EM-DER 1996, ist arbeitslos oder im Vorruhestand.Google Scholar

Literatur

  1. Amelung, U., Schemm, J.V.: Standbein Spielbein. April 1996.Google Scholar
  2. Bezirksamt Neukölln Von Berlin (Hrsg.): Fluchtpunkt Neukölln. Berlin 1992.Google Scholar
  3. Flügel, K., Vogt, A.: 40 Jahre Museologen-Ausbildung. In: Deutschland. Beiträge zu deutsch-deutschen Kulturdialogen. Bonn/Leipzig 1993.Google Scholar
  4. Gesché-Koning, N.: ICOM-Study. 1996. Series Oct.Google Scholar
  5. Glaser, H., Röbke, T.: Dem Alter einen Sinn geben. Heidelberg, 1992.Google Scholar
  6. Gösswald, U., Thamm, L. (Hrsg.): Erinnerungsstücke. Das Museum als soziales Gedächtnis. Berlin 1992.Google Scholar
  7. Gösswald, U.: In Europa angekommem. In: Bezirksamt Neukölln/Humboldt-UniversitäT (Hrsg.): 12049 Berlin — Schillerpromenade 27 — Ein Haus in Europa. Zum Wandel der Großstadtkultur am Beispiel eines Berliner Mietshauses. Opladen 1996.Google Scholar
  8. Hagedorn, F. U.A.: Anders arbeiten in Bildung und Kultur. Weinheim 1994.Google Scholar
  9. Historisches Museum Frankfurt (Hrsg.): Die Zukunft beginnt mit der Vergangenheit. Museumsgeschichte und Geschichtsmuseum. Frankfurt a.M. 1982.Google Scholar
  10. Klages, R.: MUSEUM. Basel 1991. Aug. Nr. 15.Google Scholar
  11. Klages, R.: „Mein Feld, das ich beackert habe“. Gebietsbindung im Kiez. In: Bezirksamt Neukölln/Humboldt-UniversitäT. (Hrsg.): 12049 Berlin — Schillerpromenade 27 — Ein Haus in Europa. Zum Wandel der Großstadtkultur am Beispiel eines Berliner Mietshauses. Opladen 1996.Google Scholar
  12. Korff, G., Roth, M.: Das historische Museum. Frankfurt a.M./New York 1990.Google Scholar
  13. Oelschlägel, D.: Rundbrief des Verbandes für sozial-kulturelle Arbeit. 1990. Nr.1.Google Scholar
  14. Vieregg, H. (Hrsg.): Museumspädagogik in neuer Sicht. Hohengehren 1994.Google Scholar
  15. Weschenfelder, K., Zacharias, W.: Handbuch der Museumspädagogik. Düsseldorf 1981.Google Scholar
  16. Zacharias, W.: Zeitphänomen Musealisierung. Essen 1990.Google Scholar

Copyright information

© Verlag Leske + Budrich, Leverkusen 1996

Authors and Affiliations

  • Rita Klages

There are no affiliations available

Personalised recommendations