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Sozialistische Rituale und kulturelle Überlagerung in der DDR

  • Detlev Kraa

Zusammenfassung

Wenn heute bei der Untersuchung von Kulturmustern1 in der DDR nach der kulturellen Eigenart, der Gesamtprägung oder mit Werner Rossade nach dem Stil2 der DDR-Gesellschaft gefragt wird, so erscheint die Antwort plausibel: „die ... DDR zeigt sich ... im Stil einer Übergangsgesellschaft, aber nicht mehr vom Kapitalismus zum Sozialismus, sondern vom Sozialismus zu einer ‚modernen Industriegesellschaft’ “.3 Eine derartige Charakterisierung stützt sich darauf, daß Erscheinungen und Probleme moderner Industriegesellschaften die alten — ideologisch behaupteten — Antagonismen der Systeme überlagern. Solcherart Konvergenzen lassen sich in Bereichen beobachten, die für das Alltagsleben von Bedeutung sind und Massencharakter tragen. Jeder kennt beispielsweise das Stichwort vom „Weltniveau”, dem sich die DDR nicht nur im Zeichen der augenblicklichen CAD/CAM-Seuche verschreibt. Sie gelten nicht allein im ökonomischen Bereich. Wichtige Leitbilder, Formen der Lebensgestaltung, der Mode und der Unterhaltungskunst kennen keine Grenzen. Bisher ist es in der Regel ein west-östliches Kulturgefalle, das insbesondere die Jugend der DDR in seinen Bann zieht.4 Die Rücknahme allzu strikter staatlicher Kontrolle in weiten Bereichen ist unverkennbar: Beispiele liefern etwa die Geschichte des Jazz, besonders des Free Jazz in der DDR.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Kulturmuster sind zu definieren als „mehr oder minder generelle und relativ beständige Strukturen soziokultureller Gesamtheiten”; „Komplex von Kulturmerkmalen”; oder nach Ruth Benedict „ ‚Muster’(pattern) als Organisationsprinzip, das gewissen Kulturmerkmalen bestimmte Positionen im kulturellen Gesamtzusammenhang einräumt und andere, die nicht in das Schema passen, ausschließt” so W. Rossade, Kulturelle Muster in der DDR, in: PVS Sonderheft 18 (1987) S. 229;Google Scholar
  2. 2.
    zum Stü s. W. Rossade (1987) S. 229 ffGoogle Scholar
  3. 3.
    W. Rossade (1987) S. 236 fGoogle Scholar
  4. 4.
    s.a. W. Rossade, Gesellschaft und Kultur in der DDR. Politik, Kulturtheorie und Kulturmuster im Realsozialismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 40–41/87 (3. 10. 1987) S. 30Google Scholar
  5. 5.
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  6. 6.
    bezogen auf die zaristische Gesellschaft s. D. Geyer, „Gesellschaft” als staatliche Veranstaltung, in: Wirtschaft und Gesellschaft im vorrevolutionären Rußland, hg. D. Geyer, Köln 1975 S. 20–52Google Scholar
  7. 7.
    Die Zeit Nr. 50 vom 4. 12. 1987 S. 58; vgl. Rosa Luxemburg: „Das öffentliche Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit ist eben deshalb so dürftig, so armselig, so schematisch, so unfruchtbar, weil es sich durch Ausschließung der Demokratie die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts absperrt”, Zur russischen Revolution, in: Gesammelte Werke Bd.4 Berlin/O 4. Aufl. 1987 S. 360 Hervorheb.v.Verf.Google Scholar
  8. 8.
    R. Rytlewski/D. Kraa, Politische Rituale in der Sowjetunion und der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 3/87 (17.1.1987) S. 34Google Scholar
  9. 9.
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  10. 10.
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  11. 11.
    so Michael Hofmann, Vom Schwung der Massenfeste (I), Zur Gestaltung und Organisation der politischen Festkultur der siegreichen Arbeiterklasse; Vom Schwung der Massenfeste (II), Überlegungen zur wirksameren Gestaltung traditioneller und neuer Feiertage, in: Kultur und Freizeit 11(1986) S. 25 und 12(1986) S. 27Google Scholar
  12. 12.
    I. M. Greverus, Stichwort: „Kultur” in: Kulturpolitisches Wörterbuch (1983)Google Scholar
  13. 13.
    W. Rossade (1987, Anm. 1) S. 231Google Scholar
  14. 14.
    W. Rossade (1987, Anm. 4) S. 33 spricht allgemein von der „politisch durchgesetzten Dominanz der sowjetischen Soziokultur”, die großrussisch bestimmt sei.Google Scholar
  15. 15.
    Die SED und das kulturelle Erbe, Akademie für Gesellschaftswissenschaften, Autorenkollektiv Ltg.: H. Haase, Berlin/O 1986 S. 80fGoogle Scholar
  16. 16.
    M. Jäger, Kultur und Politik in der DDR, Köln 1982, S. 4 ffGoogle Scholar
  17. 17.
    S.J. Tjulpanow, Vom schweren Anfang, in: Weimarer Beiträge (1967) H.5, S. 725 zitiert in: Die SED und das kulturelle Erbe, (1986) S. 83Google Scholar
  18. 18.
    W. Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, Köln/Berlin 1955Google Scholar
  19. 19.
    Der stellvertretende Direktor des Instituts für die Wirtschaft des sozialistischen Weltsystems der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Leonid Jagodovskij, spricht heute beispielsweise von „Elementen blinder Nachahmung** und auch davon, daß vor allem in den 50er Jahren die Nachahmung des sowjetischen Modells dominierte, s. Kriterien der Effektivität in: Neue Zeit 37(1987) S. 18Google Scholar
  20. 20.
    Zitiert bei W van der Will/R. Burns, Arbeiterkulturbewegung in der Weimarer Republik, Frankfurt, Berlin, Wien 1982 S.242ff auch für das ffGoogle Scholar
  21. 21.
    W. van der Will/R. Burns (1982) S.152 ff, vgl. auch die S.153 f angeführte Kritik Ernst Blochs, Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt/M. 1973 S.16f und 146 ff an der Vernachlässigung der Gefühlspotentiale durch die KPD im Gegensatz zu ihrer vollendeten Nutzung durch die NationalsozialistenGoogle Scholar
  22. 22.
    W. van der Will/Burns (1982) S. 149Google Scholar
  23. 23.
    Die Maifeier, in: Gesammelte Werke Bd. 2 Berlin/O 4. Aufl. 1986 S. 201, auch zitiert in U. Achten/M. Reichelt/R. Schultz, Mein Vaterland ist international, Illustrierte Geschichte des 1. Mai 1886 bis heute, Oberhausen 1986 S. 62; vgl. a. Ernst Thälmanns Aussage: „nicht leere Gedenktage, sondern Richtlinie für den Klassenkampf, Leitfaden für die Aktion‟ zit.bei A.Hinze, Aufmarschieren und Abtransportieren, Süddeutsche Zeitung 19. 1. 87Google Scholar
  24. 24.
    U. Achten, u.a.(1986) S.52fGoogle Scholar
  25. 25.
    s. H. Weber, Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1969Google Scholar
  26. 26.
    so der Leitartikel des ND 28. 4. 1946Google Scholar
  27. 27.
    D. Fricke, Kleine Geschichte des Ersten Mai, Berlin/O 1980, S. 260Google Scholar
  28. 28.
    Die Darstellung entnimmt einige Beispiele dem Vortrag von B. Sauer/U.Treziak, „DDR: Loyalität im Ritual’* auf dem 16. Kongreß der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft vom 7. 10. -10. 10. 1985, als Artikel in revidierter Form s. Anm. 37Google Scholar
  29. 29.
    Leitartikel ND 28. 4. 1946Google Scholar
  30. 30.
    ND 25. 4. 1948Google Scholar
  31. 31.
    ND 1. 5. 1948Google Scholar
  32. 32.
    ND 2. 5. 1957Google Scholar
  33. 33.
    Einige Beispiele byzantinischer Tradition vermittelt über die russische Orthodoxie bis zur formalen Übernahme durch die SED vgl. H. Hunger, Reich der neuen Mitte. Der christliche Geist der byzantinischen Kultur. Graz, Wien, Köln. 1965 S. 376–380; zur Bedeutung der Ikonenverehrung s. F. Heiler, Die Ostkirche. München, Basel 1971 S.192–195; vgl. a. R. Rytlewski/D. Kraa (1987, Anm. 8) S.40 und 47; vgl. a. den Hinweis auf die ersatzreligiösen Züge von Massenritualen s. Anm. 44Google Scholar
  34. 34.
    ND 2. 5. 1972Google Scholar
  35. 35.
    ND 2. 5. 1975Google Scholar
  36. 36.
    Die Fortführung der Militärparade deutet m.E. eher auf die Weiterführung vormals übernommener stalinistischer Tradition durch DDR-Kader sowie auf Legitimationsschwächen als auf eine Abkehr vom großen Vorbild; s.a. die Vermutung Ralf Rytlews-kis, daß der preußisch-deutsche Militarismus dem sowjetischen Platz gemacht habe, Soziale Kultur als politische Kultur, in: PVS Sonderheft 18(1987) S. 241 fGoogle Scholar
  37. 37.
    Vgl. a. R. Rytlewski/B. Sauer/U. Treziak, Politische und soziale Rituale in der DDR, in: PVS Sonderheft 18(1987) S. 255 fGoogle Scholar
  38. 38.
    ND 2. 5. 1984Google Scholar
  39. 39.
    Vgl. ND 2. 5. 1987Google Scholar
  40. 40.
    ND 8. 4. 1987; s.a. P. Danylow, Revolutionäre Umgestaltung und revolutionäre Selbstge-wißheit. KPdSU und SED zum Maifeiertag 1987, in: Deutschland Archiv 6(1987) S. 563 ffGoogle Scholar
  41. 41.
    nach Angaben Hermann von Bergs (am 19. 1. 1987 vor dem „Arbeitskreis für Politik und Zeitgeschichte Osteuropas”, Freie Universität Berlin) hat das ideologische Vorbild Sowjetunion unter leitenden DDR-Kadern spätestens seit Gorbatschow ausgespielt. Anerkannt wird seine lediglich historische Rolle als des Landes der ersten sozialistischen Revolution. Die Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur der Sowjetunion wird als zweitklassig empfunden.Google Scholar
  42. 42.
    zu nennen wären: — Mitte Januar die Kampfdemonstration zu Ehren und zur Erinnerung an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. — der 23. Februar als „Jahrestag der Sowjetarmee‟ mit der sich anschließenden „Woche der Waffenbrüderschaft”. — der 8. März als Internationaler Frauentag, der auf die Initiative von Clara Zetkin zurückgeht. — die Festveranstaltung zum Revolutionsjahr 1848. — der Internationale Tag für die Beseitigung der Rassendiskriminierung. — der Erste Mai — der 8. Mai als Jahrestag der „Befreiung vom Faschismus” — am 1. September der Weltfriedenstag — am 2. Sonntag im September der Internationale Gedenktag für die Opfer des des faschistischen Terrors und Kampftag gegen den Faschismus — der 7. Oktober als Gründungstag der DDR — der 7. November als „Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution” eingebettet in den Monat der „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft”.Google Scholar
  43. 43.
    wenn es eines Beweises dazu bedurft hätte, so lieferten ihn die Ereignisse des 17. 1. 1988, als DDR-Bürger auf der „Kampfdemonstration zu Ehren und zur Erinnerung an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht” den Versuch unternahmen, der symbolischen Vereinnahmung von Rosa Luxemburg durch Partei- und Staatsführung Rosa Luxemburgs berühmtes Diktum von der „Freiheit der Andersdenkenden” auf selbstgefertigten Plakaten entgegenzuhalten, s. A. Hinze, Aufmarschieren und abtransportieren, Süddeutsche Zeitung 19. 1. 88 S.3Google Scholar
  44. 44.
    so Prof. Dr. Heinz Kamnitzer, Präsident des PEN-Zentrums der DDR, in seiner Reaktion auf die Störung der „Totenfeier für die Märtyrer der Kommunistischen Partei” (s.Anm.43), in der er schreibt: „Was da geschah, ist verwerflich wie eine Gotteslästerung. Keine Kirche könnte hinnehmen, wenn man eine Prozession zur Erinnerung an einen katholischen Kardinal oder protestantischen Bischof entwürdigt. Ebensowenig kann man uns zumuten, sich damit abzufinden, wenn jemand das Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht absichtlich stört und schändet.” ND 28. 1. 88Google Scholar
  45. 45.
    s. R. Rytlewski/D. Kraa (1987) S.36f, 47Google Scholar
  46. 46.
    mit der Wirkung von Massenfesten unzufrieden zeigt sich offensichtlich auch M. Hofmann (1986, Anm. 11); vgl. dagegen den Versuch, ihre Wirkung — Erzeugung loyaler Mentalitätsstrukturen — mittels einer strukturellen Analyse zu belegen, s. R. Ryt-lewski, B. Sauer, U. Treziak (1987, Anm. 28 und 37)Google Scholar
  47. 47.
    heute bezeichnet Otto Reinhold, ZK, diese Vorstellungen als „primitiv” s. das Gespräch mit Günter Gaus, Frankfurter Rundschau 3. 6. 86 S. 10Google Scholar
  48. 48.
    vgl. die Stadien dieser Entwicklung bei Ch. Lemke, Persönlichkeit und Geschichte. Zur Theorie der Persönlichkeit in der DDR, Opladen 1980, u.a. die Seiten 13, 15 ff, 38fGoogle Scholar
  49. 49.
    wobei zwar der Ritualbegriff in der DDR auf Ablehnung stößt und nicht verwandt wird, vgl. R. Rytlewski/D. Kraa (1987) S.36ff jedoch beispielsweise M. Hofmann (1986, Anm. 11) den erstarrten — und das heißt als „bloßes Ritual” empfundenen, — Massenfesten neues Leben einhauchen willGoogle Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1989

Authors and Affiliations

  • Detlev Kraa

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