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Literaturtheoretische Fragestellungen

  • Oliver Sill
Chapter

Zusammenfassung

In Kapitel II hat sich erwiesen, dass weder Luhmann selbst noch die systemtheoretischen Ansätze in der Literaturwissenschaft in der Lage sind, die durch die Systemtheorie neu aufgeworfenen, jedoch alten Fragen der Literatursoziologie zu beantworten: Worin besteht die genuine Qualität von Literatur und welche Funktion (oder Funktionen) besitzt sie innerhalb der Gesellschaft? Systemtheoretisch formuliert: Wodurch zeichnet sich literarische Kommunikation gegenüber Kommunikationen anderer gesellschaftlicher Teilsysteme aus und welche Funktion erfüllt sie in der funktional differenzierten Gesellschaft der Moderne?

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References

  1. 1.
    Die Frage, welche Kommunikationen unter welchen ästhetischen und literaturtheoretischen Prämissen in der modernen Gesellschaft als Literatur verstanden werden, rückt erst in Kapitel IV in den Mittelpunkt meiner Ausführungen.Google Scholar
  2. 2.
    Für den Einbezug der literaturtheoretischen Reflexionen Wolfgang Isers in die systemtheoretische Debatte habe ich bereits an anderer Stelle plädiert. Vgl. Sill 1997a.Google Scholar
  3. 3.
    1983 erschien der von Wolfgang Iser und Dieter Henrich herausgegebene Band X der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik. Bereits der Einladungstext zum Kolloquium (914) und erst recht Isers Vorlage unter dem Titel „Akte des Fingierens. Oder: Was ist das Fiktive im fiktionalen Text?“ (121-151) lassen die Grundzüge dessen bereits deutlich erkennen, was in der Studie von 1991 dann systematisch entfaltet worden ist. Über Isers Beiträge hinaus bietet der Band noch immer eine Fülle von Implikationen zum Thema „Funktionen des Fiktiven“, die zu berücksichtigen auch im Horizont systemtheoretischer Fragestellungen durchaus lohnenswert erscheint.Google Scholar
  4. 4.
    Mit `stummem Wissen’, einer der Wissenssoziologie entlehnten Bezeichnung, sei, so Iser, „jener Vorrat an Gewißheit gemeint, der so gesichert erscheint, daß er als selbstverständlich gelten darf“ (1991: 18). Eher problematisch wäre es, darin konsensuell akzeptierte Hintergrundüberzeugungen (im Sinne von Habermas) zu erblicken. Die Bezeichnung `stummes Wissen’ deckt sich wohl eher mit dem, was Luhmann „relativ stabile Orientierungen“ in der modernen Gesellschaft genannt hat, bei denen es sich um kommunikativ erzeugte Objekte handele, „die in der weiteren Kommunikation vorausgesetzt werden können“, ohne dass damit ein „Verbot des Gegenteils“ (Luhmann 1996a: 177f.) ausgesprochen wäre. Isers kritische Beobachtung des ’stummen Wissens’ über den vermeintlichen Gegensatz von Fiktion und Wirklichkeit nimmt ja die Möglichkeit des Widerspruchs ganz offenkundig wahr. Und wir werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch sehen, dass auch andere die Gelegenheit zum Einspruch nutzen - sei es im Rahmen literarischer oder literaturbezogener Kommunikation.Google Scholar
  5. 5.
    Zumindest am Rande sei darauf hingewiesen, dass auch Bernd Scheffer in seiner konstruktivistischen Literaturtheorie einen Terminus an zentraler Stelle einführt, der dem des Imaginären bei Iser zumindest nahe kommt. Auf der Grundlage bzw. in den methodologischen Engpässen des `radikalen’ Konstruktivismus sieht Scheffer sozialen und kulturellen Wandel vornehmlich als Resultat neuer, kreativer, (noch) nicht durch gesellschaftlichen Konsens gedeckter Wirklichkeits-Konstruktionen, wie sie im Kopf Einzelner entworfen und in künstlerischen bzw. literarischen Phänomenen manifestiert, versprachlicht worden sind. Solch kreativ-abweichende Konstruktionen von Welt belegt Scheffer nun mit dem Begriff der Halluzinatorik: „’Halluzinatorik’ meint das Hervorbringen einer Welt-Wahrnehmung, einer Welt-Interpretation, die nicht sogleich schon durch andere Menschen `ratifiziert’ erscheint, die zunächst `unbegründet’ erscheint aus dem Blickwinkel der vorherrschenden, der gängigen sozialen Wirklichkeits-Konstruktionen. Grundlegende Impulse kulturellen und gesellschaftlichen Wandels entstammen der halluzinatorischen Sonder-Beobachtung, besonders der in Sprache hervorgebrachten und damit potentiell allgemein verfügbaren halluzinatorischen Sonder-Beobachtung (…).“ (1992: 75) Falsch wäre es jedoch, Isers Imaginäres und Scheffers Halluzinatorik kurzerhand in eins zu setzen. Denn das jeweilige Theoriedesign beider Ansätze ist doch zu verschieden. Überdies erscheint mir Isers Fiktionstheorie sehr viel präziser ausformuliert als Scheffers Rede von der halluzinatorischen Weltwahrnehmung. Denn letztlich meint er mit Halluzinatorik nichts anderes als die menschliche Fähigkeit zur „Erfindung innerer und äußerer Vorgänge“ (1992: 45). Die lässt sich konzedieren, ohne dass damit allerdings schon viel gewonnen wäre.Google Scholar
  6. 6.
    Vor 35 Jahren erschien Hans-Jürgen Krysmanskis Studie „Die utopische Methode. Eine literatur-und wissenssoziologische Untersuchung deutscher utopischer Romane des 20. Jahrhunderts“ (1963). Vornehmlich in Anlehung an Karl Mannheims „Ideologie und Utopie’ (1929) und Hans Vaihingers “Die Philosophie des Als Ob„ (191 1) ist Krysmanski darum bemüht, literarische Utopien als Konsequenz eines “verunsicherten Denkens„ (1963: 4) in der Moderne zu interpretieren. “`Schöpferisches’, erfinderisches Denken„, so Krysmanski, diene dazu, “das Vertraute und Gewußte„ spielerisch zu überschreiten, “so daß Neues Raum gewinnt und vorgedacht werden kann„ (ebd.: 6). Insofern müsse der utopische Roman “letzten Endes alle Faktizität (übergreifen), ohne jedoch auf die Basis der Faktizität zu verzichten: die Fakten dienen als das Material, von dem aus gedacht wird. Die utopische Methode verschließt in ihrem Modell Elemente gemeinsamer sozialer Vorstellungen, Tatsachenbruchstücke, wissenschaftliche Grenzhypothesen etc. und mischt sie mit Unmöglichkeiten.„ (ebd.: 135f.) Vor diesem Hintergrund bestimmt Krysmanski die `Methode’ und die `Intention’ fiktionaler Weltentwürfe in Form utopischer Romane folgendermaßen: “Was bleibt, ist erstens die `Methode’ der Utopie: sich in einer Denkkammer von der sozialen Wirklichkeit zu lösen und deren Elemente zu neuen Mustern zu kombinieren; und zweitens ihre Intention: die verschlossene spielerische Kombination in die soziale Wirklichkeit zu entlassen, wo sie den Einzelnen die denkerische Befreiung aus Handlungs-und Sachzwängen verschaff und den Ausblick auf die `unendliche Möglichkeit’ erlaubt.„ (ebd.: 132) Auch wenn Krysmanski den Blickwinkel auf utopische Romane einschränkt, so zeigt seine Bestimmung der Form und Funktionsweise fiktionaler Weltentwürfe doch bereits eine erstaunliche Nähe zu Isers dreistelligem Fiktionsbegriff. Dieser wiederum wurde entwickelt ohne Rückgriff, vermutlich auch: ohne Kenntnis der mittlerweile nahezu vollständig vergessenen Arbeit Hans-Jürgen Krysmanskis. Ihm jedoch ging am Beispiel literarischer Utopien damals bereits auf, dass Fiktionen keinen Gegensatz zur Realität bilden, sondern dezidiert Reales einbeziehen, um es zu überschreiten und unter neue Perspektiven zu stellen. Über Krysmanski hinaus muss mit Iser allerdings festgehalten werden: Dies gilt für alle literarischen Fiktionen - unabhängig davon, ob sie mit Hilfe des Imaginären Reales in retrospektiver oder prospektiver Dimension überschreiten: als gegenwärtige Vergangenheit oder gegenwärtige Zukunft.Google Scholar
  7. 7.
    Unter „Umweltsystemen„ versteht Iser jede andere, zeitlich vorausliegende Form schriftlich fixierter Weltzuwendung, kurz: die „formulierte Welt“ (Iser 1991: 23).Google Scholar
  8. 8.
    Ähnlich Helmut Arntzen: „Das Sprechen der Medien als Tatsachenübermittlung ist bewußtlos dem gegenüber, daß gesprochen wird.“ (Arntzen 1983: 43)Google Scholar
  9. 9.
    Die Parallelen zum Literaturbegriff von Plumpe und Werber sind nicht zu übersehen. Auch sie sprechen von der Selektion (Systemreferenz und Fremdreferenz) und der spezifischen Kombination der selegierten Elemente im literarischen Text (vgl. Plumpe/Werber 1993: 25ff.). Was sie freilich nicht sehen, und dies markiert die entscheidende Differenz zu Iser, ist die konstitutive Bedeutung des Imaginären als einer Komponente des Fiktiven; ein Imaginäres, dessen Vergegenständlichung im Text dafür sorgt, dass die im Text anwesend abwesenden Bezugsrealitäten überschritten, das heißt: irrealisiert werden.Google Scholar
  10. 10.
    Die ETL läuft Gefahr, Literatur letztlich auf diesen dritten Akt des Fingierens zu reduzieren, ist sie doch der Auffassung, dass Literatur nur zur Literatur werde aufgrund einer historisch variablen, konventionalisierten Übereinkunft darüber, was als Literatur zu gelten habe (Makro-Konventionen). Was ihr damit alles entgeht bzw. was sie aufgrund definitorischer Festlegungen nicht zur Kenntnis nehmen will, braucht vor dem Hintergrund von Isers Ausführungen nicht eigens aufgeführt zu werden.Google Scholar
  11. l Dieser Sachverhalt dürfte es sein, der Luhmann zu der Annahme verleitet, Literatur, seiner Ansicht nach allerdings erst die Literatur seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, erfordere eine Kunstkritik, die „Mitarbeit an der Gestaltung von Kunst“ (Luhmann 1995a: 377) zu leisten habe.Google Scholar
  12. 12.
    Es ist klar, dass damit noch längst nicht alle Implikationen des Literaturbegriffs von Iser zur Sprache gekommen sind. Doch wird von ihnen im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch hinlänglich die Rede sein.Google Scholar
  13. 13.
    Sie wurden in Abschnitt II.1.2 (Psychische Systeme) bereits austúhrlich erörtert, so dass an dieser Stelle eine kurze Erinnerung genügt.Google Scholar
  14. 14.
    Denn wenn man auch dann „ins Wirtschaftssystem inkludiert [ist], wenn man nicht zahlen kann“ (Nassehi 19976: 142), dann setzt diese Inklusionsform womöglich imaginäre Potenziale frei, in denen der Wunsch nach einer anderen Inklusionsform Gestalt gewinnt: `Wenn ich einmal reich wär’…’Google Scholar
  15. 15.
    Mit der Theorie und Praxis autobiographischen Schreibens habe ich mich bereits in einer Reihe von Arbeiten beschäftigt. Vgl. Sill 1991, 1995b, 19976.Google Scholar
  16. 16.
    Dass eine solche Sicht autobiographischen oder biographischen Schreibens auch heute noch keineswegs üblich ist, wird in Kapitel IV dieser Arbeit noch Gegenstand der Erörterung sein.Google Scholar
  17. 17.
    Erinnert sei nur an das berühmt gewordene ’Madeleine-Beispiel’ in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (1913/27).Google Scholar
  18. 18.
    Detaillierte Analysen unter anderem von Peter Härtlings „Zwettl“, Helga M. Novaks „Die Eisheiligen“ und Elias Canettis „Die gerettete Zunge“ habe ich an anderer Stelle vorgelegt. Vgl. Sill 1991. Und nochmals zu Canetti: Sill 1992b. 19 So der Titel eines aufschlussreichen Aufsatzes von Dieter Wellershoff (1992), der auch am Beispiel eigener Werke diese Begriffe als graduell unterschiedliche Entwürfe, man könnte auch sagen: Modellierungen des Autor-Ichs erläutert.Google Scholar
  19. 20.
    Genauer gesagt: noch immer gewöhnungsbedürftig sind, obwohl bereits verschiedene Beiträge existieren, die die Frage nach dem Fiktiven auch in alltäglicher Kommunikation stellen. Zu ihnen gehört Wolf-Dieter Stempels „Fiktion in konversationellen Erzählungen“. Wie manifestiert sich, so Stempels Ausgangsfrage, das Fiktive in mündlichen Erzählungen, die sich „gerade nicht von vornherein der Suspendierung der Wahrheitsmaxime verdanken“, sondern von der Aufforderung des Erzählers an den Hörer gelenkt werden, „dem Erzählten Glauben zu schenken“ (Stempel 1983: 333). Vgl. dazu auch den Beitrag von Johannes Anderegg im selben Band (1983).Google Scholar
  20. 21.
    Bei diesem Kapitel handelt es sich um die - beträchtlich erweiterte - Fassung eines 1997 erschienenen Aufsatzes mit dem Titel „Literatur als Beobachtung zweiter Ordnung“. Vgl. Sill 1997b.Google Scholar
  21. 22.
    Und dies gilt auch, so wäre zu ergänzen, für all jene literarischen Kommunikationen, die Luhmann - als Formen der Unterhaltung - auf Information bzw. vorenthaltene Information zu reduzieren versucht. Vgl. dazu Abschnitt 11.3.4.Google Scholar
  22. 23.
    Damit steht Luhmann im Kontext kultursoziologischer Ansätze der Gegenwart im Übrigen keineswegs allein da. Mögen die beiden derzeit wohl noch immer meistdiskutierten kultursoziologischen Gegenwartsdiagnosen, Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ (1979) und Gerhard Schulzes „Die Erlebnisgesellschaft“ (1992), auch noch so sehr als Antipoden kontrovers geführter Debatten erscheinen, dort, wo beide auf ästhetische und literatur-bzw. kunsttheoretische Prämissen zurückgreifen, um die klassen-bzw. milieuspezifische Funktion von Kunst und Literatur zu verdeutlichen, herrscht - fragwürdige - Übereinstimmung. Die falsche Antithesis von Form und Inhalt, von „Darstellungsweise“ und „Dargestelltem“ (Bourdieu 1982: 59), findet sich in Bourdieus Behauptung, moderne Kunst intendiere „das absolute Primat der Form über die Funktion“ (ebd.: 63); sie erzwinge den „reinen Blick“ (ebd.: 62) für ein „zum Selbstzweck erhobenes künstlerisches Streben“ (ebd.: 60), eine ästhetische Einstellung des Betrachters, die vom „Inhaltlichen der Darstellung“ (ebd.: 63) gänzlich abzusehen habe. Darin zumindest stimmt Gerhard Schulze mit Bourdieu überein, wenn er sich moderner Kunst zuwendet, um sein „Hochkulturschema“ (Schulze 1996: 142ff.) zu erläutern: „Nicht auf den Inhalt der poetischen Mitteilung kommt es primär an, sondern auf die Form.“ (ebd.: 144) So gebe es viele Gedichte „mit gleichem Informationsgehalt“, die sich nur durch geringeres oder „größeres formales Raffinement“ (ebd.) unterscheiden würden. Wie in Luhmanns Modell steht bei Schulze und Bourdieu die Information’ (das Was der Darstellung) der `Mitteilung’ (dem Wie der Darstellung) gegenüber; eine Unterscheidung, die die Formgebundenheit literarischer Sinnvermittlung nicht zur Kenntnis nimmt. Im Gegensatz zu Bourdieu und Schulze muss Luhmann allerdings zugute gehalten werden: Sein Modell zielt auf pragmatische Kommunikation, nicht literarische. Sie nimmt er gar nicht als Kommunikation zur Kenntnis, weil ihm Literatur als Kunst durch NichtSprachlichkeit gekennzeichnet zu sein scheint. Dazu wurde weiter oben (II.3.3) bereits das Notwendige gesagt.Google Scholar
  23. 24.
    Als Beispiel mag mein Versuch gelten, Textbeziehungen zwischen Werken von W.G. Sebald, Franz Kafka und Vladimir Nabokov zu beschreiben und zu interpretieren. Vgl. Sill 1997c.Google Scholar
  24. 25.
    Mit Blick auf die Bildwahrnehmung, eines Photos etwa oder eines Gemäldes, müssen Isers Hinweise korrigiert werden. Neuere empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass schon „nach einem ersten Blick auf ein stehendes Bild (nach ca. drei Zehntel Sekunden) (…) in der Regel eine globale inhaltliche Orientierung [besteht], die dann die nachfolgende aktive Bildauswertung mit Blicksprüngen und Augenfixationen steuert“ (Schmidt 1994: 156). Insofern befindet sich auch der Betrachter eines Bildes nahezu von Beginn an `mitten drin’, kann allerdings, im Unterschied zum Leser eines Textes, „seinen `Blickpfad’ selbst wählen (…), während Texte die Reihenfolge der wahrzunehmenden Elemente rigide sequentiell vorgeben“ (ebd.: 158).Google Scholar
  25. 26.
    Angesprochen ist hiermit die zweifache Bedeutung des Begriffs `Person’ in der Theorie autopoietischer Systeme: `Personen’ sind die Adressaten von Kommunikation, also psychische Systeme; sie sind aber auch Gegenstand der Kommunikation, mithin eine kommunikationsinterne Größe. Vgl. dazu Abschnitt 1I.1.6. 27 Allerdings gilt dies nur für Literatur im spezifisch neuzeitlichen Sinne. Mit Recht hat David Roberts auf den Sachverhalt hingewiesen, dass `Literatur „als Sammelbegriff und Terminus in bezug auf vormodeme Gesellschaften anachronistisch wirkt. Literatur im modernen Sinn i t des nd unterscheidet sich grundlegend vom Gattungssystem in Kulturen ohne Buchdruck, die trotz Schrift primär mündliche Kulturen geblieben sind. (…) Gattungen in stratifizierten Gesellschaften werden erst literarisch’ (und in diesem Sinne Teil der Literaturgeschichte), wenn sie zu Gedrucktem reduziert werden, das heißt vom gesungenen oder vorgetragenen Wort, von Musik, Gestus und Tanz, kurz gesagt: vom unmittelbaren gesellschaftlichen Aufführungskontext getrennt werden.„ (Roberts 1996: 293f.) Auch Luhmann weist in unterschiedlichen Kontexten auf den entscheidenden evolutionären Einschnitt hin, der mit der Erfindung des Buchdrucks in der Mitte des 15. Jahrhunderts für die Entstehung autonomer gesellschaftlicher Teilsysteme gegeben gewesen ist: “Erst der Buchdruck multiplizierte das Schriftgut so stark, daß eine mündliche Interaktion aller an Kommunikation Beteiligten wirksam und sichtbar ausgeschlossen wird.„ (Luhmann 1996a: 33f.) Gerade für “die Ausdifferenzierung eines Systems der Massenmedien dürfte„, so Luhmann “die ausschlaggebende Errungenschaft in der Erfindung von Verbreitungstechnologien gelegen haben, die eine Interaktion unter Anwesenden nicht nur einsparen, sondern fur die eigenen Kommunikationen der Massenmedien wirksam ausschließen.„ (ebd.: 33) Wie bereits erläutert (II.3.4), berücksichtigt Luhmann im Rahmen seines Medienbuchs die erst mit dem Buchdruck möglich gewordene raum-zeitliche Trennung “zwischen Sender und Empfängern„ (ebd.: 11) an zentraler Stelle; mit Blick auf Literatur als Kunst spielen diese Zusammenhänge für Luhmann dagegen nur beiläufig eine Rolle; ein Sachverhalt, der angesichts jener Prämissen, unter denen Luhmann Kunst als System konzipiert, nicht weiter erstaunt.Google Scholar
  26. 28.
    Auf eine ausführliche Erläuterung dieser Modelle kann verzichtet werden. Vgl. dazu die Ausführungen von Kahrmann/Schluchter/Reiß 1986, 19-63 sowie Zerbst 1982. Vgl. auch Harth 1982.Google Scholar
  27. 29.
    Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Der ’reale Autor in seiner Rolle als Autor’ und `der reale Leser in seiner Rolle als Leser’ werden auf der textexternen Ebene 4 (S4 und E4) erfasst.Google Scholar
  28. 30.
    Mit Blick auf die Besonderheiten autobiographischer Literatur habe ich die einzelnen Kommunikationsebenen und die verschiedenen Sender-bzw. Empfänger-Instanzen anhand zahlreicher Beispieltexte in aller Ausführlichkeit erörtert. Vgl. dazu Sill I995b, insbesondere 455-469.Google Scholar
  29. 31.
    Selbst in seinem umfangreichen Werk 12/23/2013 11:11AMDie Kunst der Gesellschaft„ (1995) vermeidet es Niklas Luhmann weitgehend, sich auf einzelne Kunstwerke, hier literarische Texte, einzulassen. Eine Ausnahme bilden seine interpretierenden Hinweise zu Pasolinis Roman-Fragment „Petrolio“ (1994): „Eine anonym bleibende Gruppe entschließt sich, den Protagonisten des Textes, Carlo, überwachen zu lassen. Der dafür ausgewählte Spitzel fertigt ausführliche Protokolle über seine Beobachtungen an. Der damit gefüllte Koffer wird nachts gestohlen. Damit wird auch für den Autor des Romans selbst, für Pasolini, eine genaue Darstellung der Sachverhalte unmöglich. (`Dies schlägt sich natürlich in meiner Erzählung nieder.’)“ (Luhmann 1995a: 415) Eine solche Arglosigkeit, die umstandslos den fiktiven Ich-Erzähler (S2) mit dem Autor Pasolini (S4) identifiziert, ist schon verblüffend. Methodische Sorgfalt im Umgang mit Texten, die auch dem Soziologen zugemutet werden muss, wenn er sich denn auf Literatur einlässt, wird hier offenbar ersetzt durch das Vertrauen in die erste Person Singular als ’Identifikationspunkt der Kommunikation’. Und die Unhaltbarkeit seiner Vorgehensweise wird keineswegs gemildert durch Luhmanns Hinweis: „Wenn der Künstler sich selbst (…) in sein Werk einbringt, etwa als Autor, der sich selbst erwähnt (…), copiert er sich selbst in sein Werk hinein.“ (ebd.: 123) Das Pasolini-Beispiel zeigt ein weiteres Mal, warum Luhmanns Kommunikationsmodell auch nicht annähernd differenziert genug ist, um dem Gegenstand ’Literatur’ in seiner Komplexität gerecht werden zu können.Google Scholar
  30. 32.
    Um einem gravierenden Missverständnis vorzubeugen: ’Thematisierung’ des psychischen Systems des Autors meint nicht die autobiographische Thematisierung des eigenen Ichs bzw. der eigenen Lebensgeschichte, sondern die je individuelle Weltzuwendung eines Autors, wie sie in der bestimmten Gestalt eines literarischen Textes objektiviert ist. Mit dieser Form individueller Weltzuwendung ist der Leser konfrontiert, wenn er sich auf die besondere Gestalt eines literarischen Textes einlässt.Google Scholar
  31. 33.
    Vgl. dazu Kapitel II1.3.Google Scholar
  32. 34.
    Um eine systemtheoretische Beschreibung kommunikativer Prozesse im Falle von Lyrik bemüht sich Peter Huhn. Dabei dient auch ihm die Beobachtungstheorie als Grundlage seiner Ausführungen. Vgl. Huhn 1997, insbesondere 173-178.Google Scholar
  33. 35.
    Auch Fuchs und Luhmann registrieren am Beispiel moderner Lyrik den Oszillationseffekt, wie er durch die Simultanpräsenz sinntragender Elemente eines literarischen Textes erzeugt wird: „Der Schlüsselbegriff hier ist die Spiegelung. Jeder Augenblick ist ein Kreuzungspunkt zu simultaner Präsenz gebrachter Spiegelungen von Sprachelementen. Genau damit ist Verstehbarkeit ausgeschlossen, oder ist Verstehen nur möglich durch Analyse, durch geduldig und sequentiell verfahrendes Entspiegeln (…).“ (Fuchs/Luhmann 1989b: 169f.) Allerdings sehen Fuchs und Luhmann nicht, dass der von ihnen beobachtete Sachverhalt keineswegs nur für moderne Lyrik gilt. Anders gewendet: Sie sehen nicht die Konsequenzen, die aus ihrer Beobachtung für die Beschreibung von Literatur als autopoietischem System erwachsen.Google Scholar
  34. 36.
    Wohlgemerkt: dieses Wissen ist dem Text eingeschieben. Der Produzent und/oder der Rezipient können da ganz anderer Meinung sein, entschieden andere Intentionen verfolgen. Der Autor kann von der Überzeugung geleitet werden, die (einzig gültige) Wahrheit über eine Person, eine soziale Gruppe oder Klasse, über eine Gesellschaft oder eine Nation, über das eine oder das andere Geschlecht zum Ausdruck zu bringen, kurz: der Wirklichkeit, so wie er sie sieht, ’schonungslos den Spiegel vorzuhalten’. Und ein Leser kann ihm darin folgen - oder auch: solch schonungslos präsentierte `Wahrheit’ in einem Text erblicken, dessen Autor ganz anderes beabsichtigte. In all diesen Fällen soll der Text Wirklichkeit repräsentieren, so wie der Autor und/oder der Leser sie als gleichsam beobachterunabhängiges Objekt wahrnehmen - anders formuliert: als Beobachter erster Ordnung. Dazu später mehr!Google Scholar
  35. 37.
    In diesem Punkt berühren meine Überlegungen diejenigen Luhmanns. Er hebt hervor: „Die Herstellung eines Kunstwerks hat (…) den Sinn, spezifische Formen für ein Beobachten von Beobachtungen in die Welt zu setzen.“ (Luhmann 1995a: 115)Google Scholar
  36. 38.
    Zu dieser Klarstellung sieht sich Iser auch deshalb gezwungen, weil die Rezeptionsästhetik, wie er einräumt, „diese Probleme immer gebündelt und als einen Zusammenhang verstanden“ habe (Iser 1990: IV). Den Vorwurf einer mangelnden Trennschärfe muss sich auch Hans Robert Jauß gefallen lassen, in dessen weitläufigen Reflexionen über „Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik“ (1982) die kategoriale Verschiedenheit von Rezeptionsvorgabe im Text und dokumentierter Rezeption des Öfteren ignoriert wird.Google Scholar
  37. 39.
    Zur Erinnerung: Analog zur Kommunikation, die fir Luhmann immer Kommunikation über irgendetwas ist, ist der Gedanke im Falle psychischer Systeme immer Gedanke an etwas ( Fremdreferenz ). Werde dieser Gedanke nun seinerseits durch einen zeitlich nachfolgenden Gedanken beobachtet, so erscheine er „als atomisiert und zugleich als eingespannt in die Dimension Selbstreferenz/Fremdreferenz“ (Luhmann 1985: 407 ).Google Scholar
  38. 40.
    Niklas Luhmann: „Personen dienen der strukturellen Kopplung von psychischen und sozialen Systemen. Sie ermöglichen es den psychischen Systemen, am eigenen Selbst zu erfahren, mit welchen Einschränkungen im sozialen Verkehr gerechnet wird.“ (Luhmann 1991: 174)Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2001

Authors and Affiliations

  • Oliver Sill

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