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Systemtheorie und Literaturwissenschaft

  • Oliver Sill
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Zusammenfassung

Nach eigenem Bekunden besaß Niklas Luhmann bei seiner Aufnahme in die Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld 1969 bereits recht genaue Vorstellungen über seine zukünftige Forschungsarbeit: „Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine.“ (Luhmann 1997: 11) Gegen Ende der Laufzeit im Jahre 1997 ist Luhmann in der Lage, den ursprünglichen Plan und die mittlerweile realisierten Teilschritte vergleichend zu überschauen: „Für die Theorie der Gesellschaft war von Anfang an an eine Publikation gedacht gewesen, die aus drei Teilen bestehen sollte: einem systemtheoretischen Einleitungskapitel, einer Darstellung des Gesellschaftssystems und einem dritten Teil mit einer Darstellung der wichtigsten Funktionssysteme der Gesellschaft. Bei diesem Grundkonzept ist es geblieben, aber die Vorstellungen über den Umfang mußten mehrfach korrigiert werden. Im Jahre 1984 konnte ich das ‚Einleitungskapitel‘ in der Form eines Buches unter dem Titel ‚Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie‘ publizieren. (...) Seit den frühen 80er Jahren wurde zunehmend klar, welche Bedeutung die Vergleichbarkeit der Funktionssysteme für die Gesellschaftstheorie hat. (...) Diese Überlegung hat dazu geführt, daß die Ausarbeitung von Theorien für die einzelnen Funktionssysteme vorgezogen wurde. Publiziert sind inzwischen: Die Wirtschaft der Gesellschaft (1988), Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990), Das Recht der Gesellschaft (1993) und Die Kunst der Gesellschaft (1995). Weitere Texte dieser Art sollen folgen. Inzwischen waren aber auch die Arbeiten an der Theorie des Gesellschaftssystems fortgeschritten. Konvolute von mehreren tausend Manuskriptseiten waren, zum Teil als Begleittexte für Vorlesungen, entstanden, ohne eine publizierbare Form zu gewinnen. (...) Ich floh (...) mit dem Projekt und mit den Manuskripten nach Italien. (...) Der hier publizierte Text ist das Resultat dieser wechselvollen Geschichte.“ (ebd.: 11 ff.) Angesprochen ist die Studie „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, die, wie wir nun wissen, letzte große Arbeit des am 6. November 1998 verstorbenen Bielefelder Soziologen. Mit diesem dritten Teil fand das Projekt einer Theorie der Gesellschaft offenbar seinen Abschluss — ohne jedoch vollendet zu sein, sollten doch weitere gesellschaftliche Phänomenbereiche als Funktionssysteme in Einzeldarstellungen konzeptualisiert und beschrieben werden.

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Reference

  1. 1.
    Neben den Schriften Luhmanns erweist sich in diesem Zusammenhang auch die von Georg Kneer und Armin Nassehi verfasste Einführung in “Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme” (1993) als sehr hilfreich.Google Scholar
  2. 2.
    Luhmanns produktive Selbstzweifel an der einseitigen Hervorhebung des Denkens berühren womöglich ein Problem von grundsätzlicher Bedeutung: nämlich die Frage, ob ‘Bewusstsein’ und ‘Psyche’ als synonyme Begriffe verwendet werden können. Darauf wird zurückzukommen sein, wenn die Anschlussfähigkeit literaturtheoretischer Reflexionen an das Konzept der Autopoiesis zur Debatte steht.Google Scholar
  3. 3.
    Nur nebenbei bemerkt: Diese Definition von Gesellschaft hat gravierende Konsequenzen für die wissenschaftliche Beobachtung der Gesellschaft; gibt es doch keinen Ort außerhalb der Gesellschaft, von dem aus diese - in Form von Kommunikationen - beschrieben werden könnte: “Eine Gesellschaft, die sich selbst beschreibt, tut dies intern, aber so, als ob es von außen wäre.” (Luhmann 1997: 15) Geschieht die Beschreibung der Kunst oder des Rechts oder der Wirtschaft aus der systemexternen Perspektive wissenschaftlicher Beobachtung, so ist die Beschreibung der Wissenschaft aus wissenschaftlicher Sicht bereits eine Form der Selbstbeobachtung. Umso mehr gilt dies für die Gesellschaft: “Die Gesellschaft ist, mit anderen Worten, der Extremfall von polykontexturaler Selbstbeobachtung.” (ebd.: 88) Logisch zu Ende gedacht, bedeutet dies: Die Darstellung des Gegenstands ‘Gesellschaft’ ist Bestandteil des Vollzugs von Gesellschaft. Und um dies von vornherein zu verdeutlichen, nennt Luhmann seine Beschreibung von Gesellschaft “Die Gesellschaft der Gesellschaft”.Google Scholar
  4. 4.
    Der Unterschied ist: daß ein selbstreferentiell-geschlossenes System nicht auf die Spezifikation des Input durch die Umwelt angewiesen ist. Vielmehr werden Umweltgegebenheiten bzw. Umweltereignisse nur als Irritation, als Störung, als Rauschen eingeführt und dann intern nach Maßgabe eigener Strukturen selbst spezifiziert.“ (Luhmann 1985: 416f.)Google Scholar
  5. 5.
    Zur ‘strukturellen Koppelung als Zeitproblem’ vgl. Nassehi 1993: 172–183.Google Scholar
  6. 6.
    Nur hingewiesen sei an dieser Stelle auf die Nähe zwischen Luhmann und Peter V. Zima. Dessen Textsoziologie (vgl. 1.4) fasst die Differenz zwischen der Beobachtung erster und zweiter Ordnung allerdings mit Begriffen (Ideologie, Ideologiekritik, falsches Bewusstsein), die als gesellschaftstheoretisches Fundament seines Ansatzes die politische Ökonomie nach Marx bzw. die Kritische Theorie erkennen lassen.Google Scholar
  7. 7.
    Auch Georg Kneer und Armin Nassehi unterscheiden in ihrer Einführung lediglich zwi-schen der Beobachtung erster und zweiter Ordnung.Google Scholar
  8. 8.
    Eine knappe Skizze des dreistufigen evolutionären Prozesses bieten Kneer/Nassehi 1993: 122–141; ausführlicher: Nassehi 1993: 260–322.Google Scholar
  9. 9.
    Solche Formen wechselseitiger Einwirkung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen erfasst Luhmann ebenfalls mit dem Begriff der strukturellen Koppelung: “Faktisch sind alle Funktionssysteme durch strukturelle Kopplungen miteinander verbunden und in der Gesellschaft gehalten.” Dieser Begriff sei also “nicht nur auf die gesellschaftsexternen, sondern ebenso auf die gesellschaftsinternen Verhältnisse anwendbar” (Luhmann 1997: 779). So werde etwa die Koppelung zwischen Politik und Wirtschaft “durch Steuern und Abgaben erreicht” (ebd.: 781), zwischen dem Erziehungssystem und der Wirtschaft dagegen durch“Zeugnisse und Zertifikate” (ebd.: 786).Google Scholar
  10. 10.
    Während Nassehi das Wie der Inklusion betont, spricht Luhmann in diesem Zusammenhang von “Exklusionseffekten”, die die moderne Gesellschaft hervorbringe. In jedem Falle sei eine “Idealisierung des Postulats der Vollinklusion aller Menschen in die Gesellschaft” zu vermeiden, denn sie täusche nur “über gravierende Probleme” (Luhmann 1997: 630) der modernen Gesellschaft hinweg.Google Scholar
  11. 11.
    Allerdings mehren sich die Anzeichen für eine wachsende Resonanz der systemtheoreti-schen Debatte in der Literaturwissenschaft. So erschien 1998 ein ausführlicher Forschungsbericht zum Themenkomplex “Systemtheorie und Literatur” im Internationalen Archiv fuir die Sozialgeschichte der deutschen Literatur,verfasst von Oliver Jahraus und Benjamin Marius Schmidt.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. dazu die von Barsch, Rusch und Viehoff verfasste Einleitung zum Band “Empirische Literaturwissenschaft in der Diskussion” (1994b: 9–17).Google Scholar
  13. 13.
    Unter dem Titel “Was leistet der Radikale Konstruktivismus für die Literaturwissenschaft?” hatte Ralph Gehrke, der sich als Vertreter einer an Adorno orientierten historisch-kritischen Hermeneutik sieht, ein Beispiel dafür geliefert, wie der Dialog innerhalb des Faches misslingen muss. Vgl. Gehrke 1994.Google Scholar
  14. 14.
    Dass dem so ist, zeigt auch Bernd Scheffers 1992 erschienene Studie “Interpretation und Lebensroman. Zu einer konstruktivistischen Literaturtheorie”. Scheffer geht es darum, den vermeintlich strikten Gegensatz von Kunst und Wirklichkeit als unhaltbar zu erweisen. Ihm zufolge ist die Produktion wie Rezeption von Kunst bzw. Literatur Teilmoment einer “endlos autobiographischen Tätigkeit”, eines fortlaufenden Prozesses der Selbstbeschreibung psychischer Systeme, in dem sowohl kognitive wie emotionale Anteile eine gleichermaßen wichtige Rolle spielen. “Wir nehmen”, so Scheffers zentrale These, “die Welt und die Literatur wahr in einer endlos autobiographischen Tätigkeit (…): Wirklichkeits-Konstruktionen (und Textbedeutungen) werden in einem Prozeß der Selbstbeschreibung erzeugt und aufrechterhalten.” (Scheffer 1992: 24) Insofern betreibe Kunst und Literatur lediglich “auf herausgehobener Bühne” (ebd.: 33) jenes Spiel, das ohnehin überall und alle Zeit gespielt werde: die im besten Fall kreative Konstruktion von Wirklichkeit durch psychische Systeme. Scheffers Ansatz beruht auf einer Kombination soziologisch-systemtheoretischer, kognitionspsychologischer und literaturwissenschaftlicher Wissensbestände. Grundlegend jedoch ist die Anlehnung an konstruktivistische Überlegungen, wie sie auch Schmidt in seinen Arbeiten vertritt - für mich wiederum Grund genug, an dieser Stelle auf Bernd Scheffers interessante und lesenswerte Studie hinzuweisen. Wenn ich sie im weiteren nur am Rande berücksichtige, so deshalb, weil sie die Frage nach der Literatur als sozialem System nicht neu stellt, sondern im Verweis auf Schmidts Konzept für ausreichend beantwortet hält (vgl. ebd.: 18, 50).Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. dazu die von Schmidt formulierten Thesen zum gegenwärtigen Literatursystem 1989: 439–442.Google Scholar
  16. 16.
    Zur Kritik des radikalen Konstruktivismus aus Sicht der Theorie autopoietischer Systeme vgl. Nassehi 1993: 158ff.Google Scholar
  17. 17.
    schließlich ist von Leitdifferenzen und von den Makro-Konventionen überhaupt nicht mehr die Rede. Übrig geblieben ist allein noch die Versicherung, dass es “Konventionen” geben müsse, “die nur im Literatursystem gelten” (Schmidt 1997: 159).Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. dazu Kapitel I.3.Google Scholar
  19. 19.
    Peter Finke hält mit der ETL gar den Zeitpunkt einer erneuten ‘kopernikanische Wende’ für gekommen (vgl. Finke 1982: 20).Google Scholar
  20. 20.
    Dagegen hat allerdings Nassehi kritisch eingewendet: “Schmidt setzt (…) auf traditionelle Lösungswege: Konstruktivistische Modelle sind auf Kognitionen angewiesen, d.h. auf Beobachter, deren Eigenleistung das in der Beobachtung Konstruierte ist. Solche Beobachterstandpunkte verweisen ‘notwendig auf Bewußtsein’ (Schmidt 1989: 38). Letztlich ist diese theoretische Lösung (…) keine entscheidende Weiterentwicklung der Tradition, denn als Restontologie bleibt die Reifizierung des menschlichen Bewußtseins zum Weltzentrum, wodurch die Differenz SubjektlObjekt auf einer schwächeren Begründungsebene konserviert wird.” (Nassehi 1993: 158) Darum gelte es, “den konstruktivistischen Ansatz in der Weise zu radikalisieren, daß er soziologisch gewendet wird. Erkenntnistheorie stellt dann nicht mehr allein die Frage nach dem erkennenden Subjekt, sondern fragt zusätzlich, von welcher Art die erkennende, ihre Wirklichkeit konstruierende, in ihren Operationen geschlossene Einheit ist. Dies führt Luhmann zu der Unterscheidung bewußter und kommunikativer Systeme, die je für sich operativ geschlossen sind und damit auch je für sich diejenigen Qualitäten besitzen, die der Konstruktivismus exklusiv dem Bewußtsein zuschreibt. (…) Es sind nicht nur Menschen oder Bewußtseinssysteme, die erkennend und per Unterscheidung eine kontexturale Welt (Gotthard Günther) konstruieren, sondern auch soziale Systeme als eigenständige autopoietische, operativ geschlossene Einheiten.” (ebd.: 162) Gemeinsam mit Luhmann vertritt Nassehi - in Abgrenzung zum radikalen Konstruktivismus - die Position eines “operativen Konstruktivismus”, so jedenfalls der von Luhmann selbst gewählte Terminus. Vgl. etwa Luhmann 1996a: 17.Google Scholar
  21. 21.
    In diesem Punkt dem ‘radikalen’ Konstruktivismus voll und ganz verpflichtet, hebt auch Bernd Scheffer hervor: “Jemand, der über Literatur redet und schreibt, kann grundsätzlich nichts ‘über’ einen Text sagen, er kann auch nicht das (her-)auslegen, was ‘in dem Text selbst’ liegt, sondern er kann nur, sich selbst beschreiberid, einen phänomen-erzeugenden Mechanismus (eine Art ‘Rezept’) angeben, aufgrund dessen andere Hörer und Leser sich selber die betreffenden Phänomene gleichsam ein zweites Mal in einer parallelen Hervorbringung erzeugen könnten.” (Scheffer 1992: 42). Und an anderer Stelle betont Scheffer nochmals: “Da auch ‘Außenwelt’-Phänomene nur im Bereich systeminterner Beobachtung ‘existieren’, gibt es keinerlei Möglichkeit, Informationen direkt aus der ‘Umwelt’ (oder aus Texten) zu entnehmen.” (ebd.: 74)Google Scholar
  22. 22.
    Demgegenüber versteht Luhmann “unter Kommunikation eine stets faktisch stattfindende, empirisch beobachtbare Operation” (Luhmann 1990b: 14). Empirisch, so Luhmann an anderer Stelle, meint nicht “ein transzendentales Apriori im Sinne Kants”, sondern “eine Bedingung der Möglichkeit im Kantschen Sinne, und zwar eine Bedingung der Möglichkeit von Beobachtung” (Luhmann 1995b: 26, Anm. 30).Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. dazu Teil I, Kapitel I der vorliegenden Arbeit.Google Scholar
  24. 24.
    Insofern ist Luhmann - aus textwissenschaftlicher Perspektive - zuzustimmen, wenn er kritisch anmerkt, “daß der Begriff der Handlung, der nach allgemeinem Verständnis Handelnde voraussetzt, die Grenzen zwischen Systemen und Umwelten verwischt” (Luhmann 1997: 86, Anm. 118).Google Scholar
  25. 25.
    Solche Nähe zur geisteswissenschaftlichen Hermeneutik früherer Tage deutet sich auch an, wenn Achim Barsch gegen die textwissenschaftliche Rede von der Intertextualität einwenden zu müssen glaubt: “Dabei wird leider zu wenig daran gedacht, daß Aktanten notwendig sind, diese Intertextualität zu erzeugen (…).” (Barsch 1996a: 146, Anm. 28) Was, so wäre allerdings Achim Barsch zu fragen, hat sich der Autor dabei gedacht?Google Scholar
  26. 26.
    Zu den wenigen Versuchen, Textanalyse und (Sozial-)Systemtheorie einander anzunähern, zählt Ort die Arbeiten von Schwanitz und Werber (vgl. Ort 1993: 272). Dazu später!Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. insbesondere die Aufsätze von Matthias Prangel (9–31) sowie Henk de Berg (32–52). Ausführlicher noch erläutert de Berg den Leidener Ansatz in seiner Arbeit “Kontext und Kontingenz” (1995).Google Scholar
  28. 28.
    Kitty Zijlmans, dem Leidener Ansatz voll und ganz verpflichtet, schafft dann auch in diesem Punkt die notwendige ‘Klarheit’: Die “Funktionssysteme der Gesamtgesellschaft werden durch Kommunikation erzeugt. Für das System Kunst bedeutet das, daß dieses nicht durch die Summe aller Kunstwerke konstituiert wird, sondern durch die Summe aller Kommunikationen über Kunst.” (Zijlmans 1993: 55) Einen Anlass zur kritischen Überprüfung dieser These, die von Luhmann (1981) erstmalig aufgestellt worden ist, sieht auch Zijlmans nicht.Google Scholar
  29. 29.
    Ähnlich äußern sich Tannelie Blom und Ton Nijhuis (1995: 264f.) in ihrer Kritik des Leidener Ansatzes.Google Scholar
  30. 30.
    Brockhaus’ Konversationslexikon von 1894, zit. nach Scheuer 1979: 5.Google Scholar
  31. 31.
    Kramaschkis Kritik am Leidener Modell ist nicht nur die bei weitem umfangreichste, sie ist auch die weitaus polemischste. Wohl deshalb haben Henk de Berg und Matthias Prangel eine nicht minder ausführliche “Antwort auf Lutz Kramaschkis Kritik am ‘Leidener Modell (Untertitel) verfasst (vgl. de Berg/Prangel 1997b). Mit vielfach stichhaltigen Argumenten wenden sich beide gegen den radikal-konstruktivistischen Background Kramaschkis und argumentieren überzeugend auch gegen eine Empirische Literaturwissenschaft, die alle textwissenschaftlichen Bestrebungen unter Ontologieverdacht stellt und ihnen Wissenschaftlichkeit abspricht (vgl. insbesondere 135ff.). Allerdings, so meine ich, gelingt es de Berg und Prange) auch bei dieser Gelegenheit nicht, die eben auch von Kramaschki vorgebrachten Einwände gegen ein textanalytisches Verfahren zu entkräften, das sich zum Ziel setzt, die ‘historische Textidentität’ aufzudecken.Google Scholar
  32. 32.
    Eine knappe, mit kritischen Anmerkungen versehene Skizze der Dramentheorie bieten Dörner und Vogt 1994: 134–139.Google Scholar
  33. 33.
    Mit seinem “Don Quijote” führe Cervantes vor, “wie eine Figur, die sich an bloßen Erzählungen orientiert, den Bezug zur Wirklichkeit verliert” (Schwanitz 1987: 183).Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. dazu Abschnitt 1I.1.4.Google Scholar
  35. 35.
    Schwanitz vermeidet es konsequent, von personaler Erzählsituation zu sprechen: ein–wohl zu sehr - mit der ästhetischen Theorie Adornos verknüpfter Begriff!Google Scholar
  36. 36.
    Ähnlich verfuhr mitunter auch Adorno. Dort allerdings diente Beckett, um der “Dialektik der Aufklärung” zusätzliche Stringenz zu verleihen. “Thematisch”, so Adorno über Becketts “Endspiel”, “ist bei ihm, was Horkheimer und ich in der ‘Dialektik der Aufklärung’ die Konvergenz der total von der Kulturindustrie eingefangenen Gesellschaft mit den Reaktionsweisen der Lurche nannten” (Adorno 1981e: 263).Google Scholar
  37. 37.
    Gegen den Begriff’ literarisches Handeln’ und den Versuch der ETL, ‘Literatur’ als Handlungssystem zu beschreiben, wendet sich Schwanitz ausdrücklich: “Es stellt sich also die Frage, ob man durch die Aufgabe solcher zentralen Konzepte und Differenzierungen wie Kommunikation/Handeln, Kommunikation/Bewußtsein, (…) Autopoiesis etc. nicht mehr verliert als gewinnt.” (Schwanitz 1993: 78)Google Scholar
  38. 38.
    Entsprechend äußern sich auch Holger Dainat und Hans-Martin Kruckis in ihrer kritischen useinandersetzung mit Luhmanns Stil-Begriff. Vgl. Dainat/Kruckis 1996: 161.Google Scholar
  39. 39.
    Die “Polykontexturalität möglicher Kommunikationen aus Anlass von ‘Kunst”‘ hat Gerhard Plumpe in einem Schaubild verdeutlicht. Vgl. Plumpe 1993: Bd. 2, 302.Google Scholar
  40. 40.
    Mit ihren Ausführungen, die den literarischen Text über die Differenz von Medium und Form zu definieren versuchen, halten sich Plumpe und Werber exakt an die theoretischen Vorgaben Luhmanns. “Formen”, so Luhmann 1986, “entstehen (…) durch Verdichtung von Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Elementen, also durch Selektion aus Möglichkeiten, die ein Medium bietet.” (Luhmann 1986b: 7)Google Scholar
  41. 41.
    Darauf gehe ich später noch ausführlich ein. Vgl. 11.3.1.Google Scholar
  42. 42.
    Wie Luhmann völlig zutreffend anmerkt, entspringt ein Festhalten am Bewährten, nicht anders als der Versuch, ‘interessant zu sein sein’, einem Kalkül, das “aus der Orientierung am Absatzmarkt entsteht” (Luhmann I995a: 235).Google Scholar
  43. 43.
    In seiner Studie “Ästhetische Kommunikation der Moderne” unterscheidet Gerhard Plumpe den ästhetischen Diskurs vom poetologischen Diskurs der Künstler selbst, von der einzelwissenschaftlichen, empirischen Kunstforschung und vom Diskurs der Kunst-und Literaturkritik (vgl. Plumpe 1993: Bd. 1, 15–21).Google Scholar
  44. 44.
    Weniger pointiert, doch nicht weniger problematisch ist die folgende Formulierung Gerhard Plumpes: “An Kunstkommunikation nimmt (…) teil, wer sich durch ‘Werke’ nicht länger erbauen oder belehren, sondern auf interessante Weise unterhalten läßt (…).” (Plumpe 1993: Bd. 1, 22)Google Scholar
  45. 45.
    Kramaschki zählt auf: schön/hässlich (Luhmann); mit/ohne Geschmack (G. Jäger); literarisch/ nichtliterarisch (Schmidt); interessant/langweilig (Plumpe & Werber); passend (stimmig)/unpassend (unstimmig) (Hörisch). Vgl. Kramaschki 1993: 106.Google Scholar
  46. 46.
    Demgegenüber ist die vorliegende Arbeit, wie ihr Titel bereits verdeutlicht, sehr viel bescheidener. Diskutiert wird die Frage, ob Literatur als System konzipierbar ist; ob Literatur darüber hinaus als Teilsystem eines Systems ‘Kunst’ begriffen werden kann, ist eine weitere Frage, die in diesem Zusammenhang unerörtert bleiben muss.Google Scholar
  47. 47.
    Kaum anders äußern sich Holger Dainat und Hans-Martin Kruckis: “Wenn man aber die Autopoiesis der Kunst über Stil bzw. Werke laufen läßt, dann gehört - im strengen Sinne - die ästhetische Kommunikation, die auf Kunst referierende und am Kunst-Code sich ausrichtende Kommunikation, nicht dazu, wenn sie nicht selbst auf Grund eben dieser Elemente und Strukturen erzeugt wird, also nicht selbst wieder Kunst ist.” (Dainat/Kruckis 1996: 169f.)Google Scholar
  48. 48.
    Ein Widerspruch überdies, der auch dort noch zu beobachten ist, wo von literaturwissenschaftlicher Seite auf der Grundlage des Autopoiesiskonzepts gegen Luhmann andere Codierungsvorschläge unterbreitet worden sind, etwa von Gerhard Plumpe und Niels Werber. Vgl. Kp. I1.2.4 der vorliegenden Arbeit.Google Scholar
  49. 49.
    Wenn sich die weiteren Ausführungen nicht ausschließlich auf Luhmanns Studie von 1995 beziehen, so deshalb, weil es in unserem Zusammenhang interessant und aufschlussreich ist, die Entwicklung seiner kunsttheoretischen Reflexionen im Rekurs auf die früheren Aufsätze zu diesem Thema nachzuvollziehen.Google Scholar
  50. 50.
    Menninghaus zitiert hier Moses Mendelssohns 82. Literaturbrief. Vgl. Mendelssohn 1991: 132.Google Scholar
  51. 51.
    Luhmann paraphrasierend, spricht Elena Esposito von der “doppelten Existenz” der Kunstwerke: “als unmittelbare Objekte, die in der ‘realen’ Welt das sind, was sie sind (Leinwände, Laute, Texte), und als Kunstobjekte, die zur alternativen Welt der Fiktion gehören” (Esposito 1996: 66 ).Google Scholar
  52. 52.
    Dies zeigt sich etwa dort, wo Luhmann über den Gegensatz von alltäglicher und literarischer Sprachverwendung reflektiert. Weil die Alltagssprache der “Mitteilung von information” (Luhmann 1995a: 187) diene, sei sie darum bemüht, “möglichst eindeutige Denotationen herzustellen (…). Die dichterische Sprachverwendung operiert in Gegenrichtung (…). Sie benutzt nicht die Denotationen, sondern die Konnotationen der Worte und setzt damit die Worte als Medium voraus (…).” (ebd.: 200 )Google Scholar
  53. 53.
    Gemeinsam mit Peter Fuchs versucht Luhmann selbst, dem diese Problematik seiner Funktionsbestimmung nicht verborgen geblieben ist, einen anderen Weg einzuschlagen. Das Kontingentsetzen von Wirklichkeit in einer multizentrischen Welt würde, so Fuchs und Luhmann, nur noch “tautologisch und repetitorisch” die Einsicht bedienen: “Die kontingente Welt ist kontingent.” (Fuchs/Luhmann 1989b: 155) Es fragt sich, wie beide die eigene Funktionsbestimmung zu retten versuchen. Auf diesem Wege: “Wir nehmen an, daß im Falle der Literatur unter den angegebenen Bedingungen die Spezifikation der Funktion als deren Inversion zu begreifen ist.” (ebd.) Die dargestellte Welt gebe vor, “qua poetischem Genie”, inmitten der polykontexturalen Welt eine monokontexturale Welt zu erzeugen: “Der Realitätsindex haftet dann an der poetischen (…) Realität, der Illusionsindex hingegen an dem, was weithin und konventioneller Weise als Realität gilt.” (ebd.) Fuchs und Luhmann meinen, damit den “subtilen Umbau”, den “Trick” (ebd.) des Literatursystems selbst beobachtet zu haben, mit dem es auf die Paradoxie der eigenen Funktion reagiere. Ich sehe darin eher ‘Tricks’, um nicht zu sagen: Spitzfindigkeiten, zu denen sich Fuchs und Luhmann durch die Zirkularität ihrer eigenen Argumentation genötigt sehen.Google Scholar
  54. 54.
    Stets von neuem erörtert Luhmann in “Die Kunst der Gesellschaft” die eher skeptisch beurteilte Zukunft des gesellschaftlichen Funktionssystems ‘Kunst’. Vgl. Luhmann 1995a: 9, 77, 480f., 497 sowie 501f.Google Scholar
  55. 55.
    Diesen Aspekt seiner Besprechung beschließend, merkt Stanitzek zuletzt ironisch an: “Insofern ist Lektüre (oder Interpretation) (…) keineswegs aus dem Haushalt der ästhetischen Kommunikation zu entfernen. Sollte man daftr nicht in Kauf nehmen, daß die Rezeption der Schriften Luhmanns und Rainald Goetz’ unter einem einzigen Namen für eine doch zumindest ähnliche Operation erfolgt: Lesen?” (Stanitzek 1997: 22)Google Scholar
  56. 56.
    Elena Esposito konzediert: “Die Behauptung, daß die Kommunikation durch literarische Werke nicht primär sprachliche Kommunikation ist, ist wenigstens ungewöhnlich (…).” (Esposito 1996: 69) Espositos Versuch, sich selbst und anderen Luhmanns Entscheidung zu erklären, ist allerdings auch bemerkenswert. Während die Sprache im sozialen Verkehr als Zeichensystem fungiere, mithin stets auf “außersprachliche Referenten” (ebd.: 70) verweise, sei die Lage im Falle von (Sprach-) Kunstwerken eine andere: “Die Kunstwerke dienen nicht als Zeichen: Sie stehen für nichts anderes (weiteres), sondern sind direkt das, was sie sind.” (ebd.: 68) Nämlich: Fiktionale Welten, die einen “autonomen Repräsentationsraum ohne jeglichen Auf3enbezug” (ebd.: 73) konstituieren. Sieht man einmal ab von der Tatsache, dass literarische Sprachverwendung mitnichten denotative Elemente ausschließt, so ist es darüber hinaus schon befremdlich zu sehen, wie in modernisiertem, nun systemtheoretischen Gewand erneut jenes Literaturverständnis postuliert wird, auf das sich die Vertreter der werkimmanenten Schule (Staiger) und der positivistischen Literatursoziologie (Silbermann, Fügen, Escarpit) einigen konnten: Literatur - “vollkommen autonom von der realen Realität” (Esposito 1996: 73), eine “von der Welt unseres Handelns verschiedene zweite Welt” (Fügen 1964: 22).Google Scholar
  57. 57.
    In Kapitel 111.2 wird dieser Problemzusammenhang in den Vordergrund rücken.Google Scholar
  58. 58.
    Dieser Sachverhalt wird in Kapitel 111.1 austlihrlich zur Sprache kommen.Google Scholar
  59. 59.
    Die implizite Bezugnahme auf das eigene Kunstbuch ist offenkundig. Während sich Unterhaltung in der Befriedigung des selbsterzeugten Informationsbedarfs erschöpfe, konzediere die Kunst seit der Romantik ihre eigene Interpretationsbedürftigkeit, fordere gewissermaßen Kommunikation durch Kunst (vgl. Luhmann 1995a: 458 ).Google Scholar
  60. 60.
    Erinnert sei etwa an die Modellanalyse des Romans “Im Hause des Kommerzienrates” von Eugenie Marlitt, durchgeführt von Jochen Schulte-Sasse und Renate Werner im Rahmen ihrer “Einführung in die Literaturwissenschaft” (Schulte-Sasse/Werner 1990: 153ff.).Google Scholar

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  • Oliver Sill

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