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Literatursoziologie — ein offenes Projekt

  • Oliver Sill
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Zusammenfassung

Ende 1994 erschien der Band „Literatursoziologie“ von Andreas Dörner und Ludgera Vogt. Er spiegelt die Schwierigkeiten, die sich nahezu zwangsläufig ergeben, wenn in einführender Absicht das Problemfeld Literatursoziologie vorgestellt werden soll. Geordnet nach den Bereichen literarische Produktion, literarischer Text, literarische Rezeption und literarisches Feld, wird eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Ansätze aneinandergereiht und knapp erläutert, ohne dass eine einheitliche Perspektive erkennbar wird, aus der heraus die literatursoziologische Landschaft in den Blick genommen würde. Und so stellt sich beim Leser, der zweifellos bereichert ist durch eine Fülle von Namen, Titeln, Begriffen und Hypothesen, gleichwohl Ratlosigkeit ein. Trügerische Klarheit vermitteln dagegen früher erschienene Einführungen in die Literatursoziologie; trügerisch deshalb, weil Jürgen Link und Ursula Link-Heer (1980), Peter V. Zima (1980) und Alphons Silbermann (1981) die Gelegenheit nutzen, um vorzugsweise einen Ansatz in den Vordergrund zu stellen, nämlich ihren eigenen. Eine Ausnahme unter den älteren Einführungen bildet lediglich Jürgen Scharfschwerdts „Grundprobleme der Literatursoziologie“ (1977). Geschrieben in einer Zeit, in der die wissenschaftliche Kontroverse noch stark weltanschaulich geprägt war, tritt auch Scharfschwerdt nicht als Verfechter eines bestimmten Ansatzes auf, sondern setzt sich mit den damals aktuellen marxistischen bzw. empirisch-positivistischen Theorien gleichermaßen kritisch auseinander, ergänzt durch einen noch immer lesenswerten Rückblick auf die Geschichte dieser Wissenschaftsdisziplin. Freilich ist seither das Feld weit unübersichtlicher geworden; ein Sachverhalt, den die Einführung von Dörner und Vogt eindrucksvoll dokumentiert.

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. dazu das Literaturverzeichnis in DörnerNogt 1994: 272–291; zusätzliche Hinweise auf ältere, vor allem wissenschaftsgeschichtlich interessante Arbeiten finden sich bei Scharfschwerdt 1977: 234–255. Darüber hinaus bleibt anzumerken: Im Unterschied zur Einführung von Andreas Dörner und Ludgera Vogt erinnert Jürgen Scharfschwerdt auch an Traditionslinien der Literatursoziologie, die zu keinem Zeitpunkt eine angemessene Resonanz erfahren haben und mittlerweile nahezu völlig in Vergessenheit geraten sind. Zu nennen wäre etwa die Wissenssoziologie Karl Mannheims (vgl. Scharfschwerdt 1977: 5774). Dass Jürgen Scharfschwerdt mit seinem Plädoyer für die Wissenssoziologie letztlich nur wenig Erfolg gehabt hat, zeigt wiederum eine Anmerkung Claus-Michael Orts aus dem Jahre 1997: “Nach wie vor sind die Anregungen, die Karl Mannheim (…) für den Umgang mit Texten im Rahmen wissenssoziologischer Fragestellungen bereithält, von der Literaturwissenschaft nicht systematisch umgesetzt worden.” (Ort 1997: 144f, Anm. 5) Man darf gespannt sein, ob und wann diese erneute Anregung von der Literatursoziologie aufgegriffen wird.Google Scholar
  2. 3.
    Man glaube nicht, dieser Zustand sei mittlerweile gänzlich überwunden! Denn es lässt sich zeigen, dass die soziologische und die literaturwissenschaftliche ( Auto-)Biographieforschung auch heute noch mit ähnlich klingenden Argumenten wechselseitig kaum Notiz voneinander nehmen. Vgl. dazu Sill 1995a.Google Scholar
  3. 4.
    Bereits 1976 wurde vom Suhrkamp Verlag ein Sammelband publiziert, der ausschließlich kritische Stimmen zu Peter Bürgers “Theorie der Avantgarde” enthält. Vgl. Lüdke 1976.Google Scholar
  4. 5.
    Stellvertretend hervorgehoben seien die Arbeiten des Duisburger Sprach-und Sozialwissenschaftlers Siegfried Jäger, insbesondere seine 1993 erschienene Einführung in die “Kritische Diskursanalyse”, die mittlerweile in zweiter, überarbeiteter und erweiterter Auflage (1999) vorliegt. Wie schon auf dem Klappentext betont wird, ist Jägers Konzept angesiedelt zwischen traditionellen textwissenschaftlichen Verfahren und Methoden der qualitativen Sozialforschung; ein Konzept, mit dessen Hilfe sich Jäger und andere in den letzten Jahren vornehmlich dem Phänomen des Rassismus und Rechtsextremismus im Kontext moderner Gesellschaften gewidmet haben. Darüber hinaus bietet Siegfried Jägers Einführung zahlreiche Hinweise auf weitere Arbeiten im Umfeld einer explizit als kritisch sich begreifenden Diskursanalyse.Google Scholar
  5. 6.
    Unter `Kollektivsymbolik“, so Link 1997, ”verstehe ich die Gesamtheit der sogenannten `Bildlichkeit’ einer Kultur, die Gesamtheit ihrer am weitesten verbreiteten Allegorien und Embleme, Metaphern, Exempelfälle, anschaulichen Modelle und orientierenden Topiken, Vergleiche und Analogien“ (Link 1997: 25).Google Scholar
  6. 7.
    Link erläutert dies am Beispiel des Ballons, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts, je nach weltanschaulicher Ausrichtung, sowohl als Symbol des Fortschritts als auch als Symbol staatsgefährdender Radikalität in unterschiedlichen Diskursen Verwendung fand. Vgl. Link 1983: 48ff. Ein oft strapaziertes Kollektivsymbol heutiger politischer und wirtschaftlicher Diskurse wäre das `Boot’. Ob es nun `voll sein soll’ (Asyldebatte) oder ob wir vermeintlich `alle in einem Boot sitzen’ (Tarifauseinandersetzungen): stets sind solche Kollektivsymbole, darin ist Link sicherlich Recht zu geben, Ausdruck sozialer Interessen, die mit ihrer Hilfe freilich verschleiert werden sollen.Google Scholar
  7. 8.
    Hilfreich sind hier auch die Ausführungen von Andreas Dörner und Ludgera Vogt 1994: 53–61, 91–95 sowie 147–157. Allerdings, so meine ich, versäumen es die Autoren, bei aller angebrachten Wertschätzung auch einige kritische Fragen an Pierre Bourdieus Konzept zu richten.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2001

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  • Oliver Sill

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