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Zusammenfassung

In den letzten Jahren wurden zunehmend nichtlineare Modelle, hauptsächlich im Zusammenhang mit chaostheoretischen Fragestellungen, in der Wissenschaft eingesetzt; diese Modelle bieten die Möglichkeit, sowohl stabile Entwicklungen mit einer Annäherung an einen Grenzwert als auch zyklische oder chaotische Prozesse empirisch zu beschreiben. Durch die Verwendung eines nichtlinearen Modellansatzes mit endogenen Rückkoppelungen sollen im folgenden die Grenzen der Staatstätigkeit — ein Thema, das seit den achtziger Jahren in einigen Industrieländern erneut eine zentrale Rolle in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion einnimmt — sowie die dahinterstehenden Rückkoppelungsprozesse zwischen Individualinteressen und Staatstätigkeit einer genaueren Analyse unterzogen werden. Dabei interessiert zunächst, inwieweit derartige Modelle grundsätzlich zur Beschreibung der langfristigen Entwicklung der Staatsquote, als einem Mega-Indikator für das Ausmaß der Staatstätigkeit, geeignet sind. Sofern diese Frage positiv beantwortet werden kann, sollen zum einen die Faktoren herausgearbeitet werden, welche die Stabilität der langfristigen Entwicklung der Staatsquote determinieren, um darauf aufbauend der Frage nachzugehen, ob weiterhin mit einem Anstieg der Staatsquote zu rechnen ist oder ob und unter welchen Bedingungen eine diesbezügliche Sättigungsgrenze erreicht wird bzw. in einigen Industrieländern bereits erreicht ist. Zum anderen soll untersucht werden, welche Möglichkeiten eine nichtlineare Modellierung mit endogenen Rückkoppelungen zur Analyse sowie einem besseren Verständnis der wechselseitigen Beeinflussung von Staatstätigkeit und Individualinteressen bietet; dabei wird von der These ausgegangen, daß genau diese Rückkoppelungen im Normalfall für die Annäherung der Staatsquote an einen Sättigungswert bzw. für eventuelle Schwankungen um diesen Grenzwert und im Extremfall für den plötzlichen Übergang zu einem als völlig neu erscheinenden Entwicklungspfad verantwortlich sind.

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Literatur

  1. 1.
    Die im März 1993 im Rahmen des Solidarpaktes beschlossenen Maßnahmen beinhalten bspw. verstärkte Aktivitäten zur Vermeidung des Mißbrauchs von Sozialleistungen. Sozialwissenschaftliche empirische Analysen liefern Hinweise auf eine abnehmende Zufriedenheit mit den intendierten Folgen, der Intensität und der Finanzierung des Wohlfahrtsstaates, die allerdings nicht im Sinne einer generellen Ablehnung interpretiert werden dürfen; vgl. Roller, E. (1992), S. 128 ff. u. 199. Zur Diskussion der Auswirkungen von Akzeptanzproblemen auf der Einnahmenseite vgl. Koch, W.A.S. (1984).Google Scholar
  2. 2.
    Abgesehen von ersten Ansätzen in der Griechischen Philosophie [zu den diesbezüglichen Ausführungen bei Platon vgl. Mittelstraß, J. (1985), S. 49 ff. und bei Aristoteles vgl. Höffe, O. (1985), S. 84 ff.] und im 14. Jahrhundert bei dem arabischen Philosophen IBN Khalooun [vgl. Khaldoun, I. (1865), insbes 1 Teil] setzte eine intensive Auseinandersetzung spätestens bei Smith, A. (1776) im 5. Buch, bei der Analyse der Ausgaben und Einnahmen des Staates und bei Malthus, T.R. (1798) in Kap. 5 bei der Diskussion des Zusammenhangs zwischen den englischen Armengesetzen und dem Bevölkerungswachstum ein. Wegweisende Veröffentlichungen jüngeren Datums stellen u.a. die folgenden Arbeiten dar: Schumpeter, J. (1950), Hayek, F.A.v. (1960) und Friedman, M. (1962); einen Überblick über den Beitrag der Modernen Politischen Ökonomie bzw. Public Choice zu einem besseren Verständnis der Zusammenhänge zwischen Staatstätigkeit und Individualinteressen liefert Mueller, D.C. (1989); aus dem Bereich der Finanzpsychologie ist insbesondere der Beitrag von Schmölders, G./Strümpel, B. (1968) zu erwähnen. Die wohl bekanntesten Überlegungen jüngeren Datums zur wechselseitigen Beeinflussung von Staatstätigkeit und Individualinteressen gingen unter der Bezeichnung Laffer-Kurven-Diskussion in die Literatur ein; vgl. Buchanan, J.M./Lee, D.R. (1982).Google Scholar
  3. 3.
    Eine wegweisende Auseinandersetzung mit der Frage wirtschaftspolitischer Implikationen chaostheoretischer Erkentnisse findet sich bei Bullard, J./Butler, A. (1993).Google Scholar
  4. 4.
    Zu erwähnen sind hier insbesondere die Arbeiten von Frisch, R. (1933); Lundberg, E. (1937) und Samuelson, P.A. (1939).Google Scholar
  5. 5.
    Als wegweisende Veröffentlichungen gelten: Poincaré, H. (1914); Lorenz, E.N. (1963); Yorke, J./Tien-Yien, L. (1975); May, R. (1976); Mandelbrot, B. (1977); Feigenbaum, M.J. (1978) und Prigogine, I./Stengers, I. (1984). Eine Einführung zu den mathematischen Prinzipien bieten Stewart, B.H./Thompson, J.M. (1986). Eine Auswahl der einflußreichsten wissenschaftlichen Aufsätze ist in Bai-Lin, H. (1984) und Cvitanovic, P. (1984) zusammengestellt.Google Scholar
  6. 6.
    Hinweise auf chaotische Zusammenhänge in ökonomischen Zeitreihen finden sich bei May, R.M./Beddington, J.B. (1975); die erste wirtschaftswissenschaftliche Veröffentlichung muß wohl Rand, D. (1978) zugeschrieben werden. Frühe und wegweisende wirtschaftswissenschaftliche Auseinandersetzungen mit diesem Thema finden sich bei Day, R.H. (1982), Day, R.H. (1983), Brock, W.A. (1986). Verbindungen zwischen Chaostheorie und Selbstorganisation werden von Foster, J. (1993) aufgezeigt. Für einen Überblick über die Entwicklung und den Stand der wirtschaftswissenschaftlichen Beschäftigung mit der nichtlinearen dynamischen Theorie stehen das Sonderheft des Journal of Applied Econometrics (1992) zum Thema “Nonlinear Dynamics and Econometrics”; Baumol, W./Benhabib, J. (1989); Frank, M./Stengos, T. (1988); Lorenz, H.-W. (1989); Goodwin, R.M. (1990); Brock, W.A./Hsieh, D.A./LeBaron, B. (1991) sowie die Sonderausgabe des Journals der Royal Statistical Society (1992), “Meeting an Chaos”, zur Verfügung.Google Scholar
  7. 7.
    Zur Aussagefähigkeit der Staatsquote als Indikator zur Beschreibung der Staatstätigkeit und zur Abgrenzung des staatlichen Sektors vgl. Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Finanzen (1976).Google Scholar
  8. 8.
    Wesentliche Einzelbeiträge zu dieser Thematik bieten Hayek, F.A.v. (1960); Buchanan, J.M./Tullock, G. (1962); Downs, A. (1968); Niskanen, W.A. (1971); Buchanan, J.M./Tollison, R.D. (1972); Nordhaus, W.D. (1975); Frey, B.S. (1977); Hayek, F.A.v. (1981a); Hayek, F.A.v. (1981b); North, D.C. (1981); Olson, M. (1982) und Hayek, F.A.v. (1986). Einen umfassenden Überblick liefern Mueller, D.C. (1989) und Blankart, C.B. (1991). Der gegenwärtige Stand und die zukünftigen Forschungsschwerpunkte werden im Sonderheft von Public Choice (1993) diskutiert.Google Scholar
  9. 9.
    Exemplarisch für eine Vielzahl vorhandener Untersuchungen lassen sich anführen: Schumpeter, J. (1918); Mann, F.K. (1937); Schumpeter, J. (1950); Schmölders, G./Strümpel, B. (1968) und Koch, W.A.S. (1984) sowie die Arbeiten am Sonderforschungsbereich 3 im Teilprojekt “Politisierung und Depolitisierung von Wohlfahrtsansprüchen” unter der Leitung von Kaase, vgl. Kaase, M. u.a. (1987b) und Roller, E. (1992).Google Scholar
  10. 11.
    Diese Vorgehensweise orientiert sich an der von Granger vorgetragenen Kritik bezüglich der Kluft zwischen Empirie und Theorie und an der von Hansen aufgestellten Forderung nach einer Abkehr von einer ausschließlich an statistischen Kriterien hin zu einer an plausiblen Schätzwerten der strukturellen Koeffizienten orientierten Modellspezifikation; vgl. Granger, C.W.J. (1992), ins-bes. S. 3 und Hansen, G. (1992), insbes S 290 f.Google Scholar
  11. 12.
    Zu dieser Axiomatik vgl. Neumann, J.v./Morgenstern, O. (1947), wo die Axiome rationalen Verhaltens bei Unsicherheit im Anhang beschrieben werden. Zu den Schwächen dieses Konzepts vgl. Frey, B.S. (1993); North, D.C. (1993) und Ostrom, V. (1993). Zur Basis des methodologischen Individualismus vgl. Becker, G.S. (1976) und Blankart, C. B. (1991), S. 9f.Google Scholar
  12. 13.
    Zu erwähnen sind hier insbesondere die traditionellen, auf das lineare Regressionsmodell aufbauenden Analysen sowie sogenannte politometrische Modelle; zu ersteren vgl. Recktenwald, H.C. (1977), exemplarisch für letztere kann Frey, B.S. (1977), S. 183 ff. herangezogen werden.Google Scholar
  13. 14.
    Vgl. Baumol, W.J./Benhabib, J. (1989), S. 80 u. 94 f.Google Scholar

Copyright information

© Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler GmbH, Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Klaus Müller

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