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Was leistet der Implementationsansatz bei der Analyse des Vollzugs verwaltungsgerichtlicher Entscheidungen

  • Hubert Treiber
Chapter
Part of the Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie book series (JRR, volume 11)

Zusammenfassung

Der Implementationsansatz hat sich in solchen Untersuchungen bewährt, deren Erkenntnisinteresse darauf gerichtet ist, typische Erscheinungsformen (i. S. v. Regelmäßigkeiten) bei der Durchführung akzeptierter Entscheidungen durch komplexe Handlungssysteme zu erfassen und zu erklären (vgl. Bohne/Hucke 1978, S. 65) — wobei recht bald auch auf das Zusammenspiel von Entscheidungs- und Vollzugsprozeß geachtet wurde (Mayntz 1977). Vor allem wurden solche Programme untersucht, die einerseits innovativer Politik zuzurechnen sind, andererseits anwendungsorientiert „programmiert“ sind, d. h. über vollzugsfreundliche rechtliche „Eingriffsinstrumente“ verfügen. Das Merkmal „innovate Politik“ versprach Durchsetzungsschwierigkeiten, die Verfügbarkeit über angemessene rechtliche „Eingriffsinstrumente“ ließ angesichts der zu überwindenden Durchsetzungsprobleme ihre Anwendung erwarten. Die große Entdeckung der Implementationsstudien der „ersten Stunde“ bestand jedoch in dem Nachweis, daß der Anwendung formalen Rechts in der Regel informelle Vorverhandlungen vorgeschaltet sind, in denen die Programmadressaten zur Akzeptanz zentraler Programmforderungen unter Berücksichtigung der ihnen jeweils zur Verfügung stehenden „bargaining-Macht“ „gebracht“ werden. Der in solchen, im Schatten des gesatzten Rechts geführten informellen Vorverhandlungen erzielte Konsens wird dann „rechtsverbindlich“ gemacht, indem er dem formalen Genehmigungsverfahren, wie es z. B. vom BImSchG vorgeschrieben wird, als input eingegeben wird, so daß der formale Genehmigungsbescheid zu einem „notariellen Beurkundungsakt vorweggenommener Entscheidungen“ wird (Bohne 1980, S. 34).

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Authors and Affiliations

  • Hubert Treiber

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