Advertisement

Die Implementation des neuen Scheidungsrechts in erstinstanzlichen Gerichtsverfahren

  • Beatrice Caesar-Wolf
  • Dorothee Eidmann
Chapter
Part of the Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie book series (JRR, volume 11)

Zusammenfassung

Das Scheidungsreformgesetz erscheint als ein besonders geeigneter Kandidat für die Untersuchung von Implementationsprozessen. Denn insbesondere das neu gestaltete Scheidungsfolgenrecht trägt Züge eines „Zweckprogramms“, insofern es Regelungen eines ganzen Komplexes von ökonomischen und sozialen Folgen der Eheauflösung vorsieht, die von einschneidender und langfristiger Bedeutung für die Lebenssituation der Geschiedenen sein können. Zudem kommt Scheidungsprozessen schon quantitativ eine erhebliche Bedeutung zu, sowohl hinsichtlich des Umfangs ihrer,Klientel` als auch ihres Anteils am Geschäftsanfall erstinstanzlicher Gerichte1.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Der Anteil von Scheidungen an geschlossenen Ehen beträgt derzeit etwa 25%. Vgl. L Roussel: Modèles de manage et fréquences du divorce. Ms, Paris, 1984. Jährlich werden in der BRD ca. 120 000 Ehen geschieden. Damit beträgt der Anteil von Scheidungsverfahren am erstinstanzlichen Geschäftsanfall der Amtsgerichte etwa 13%. Vgl. Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, Reihe 2. 1981, S. 26 u. 74.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. B. Caesar-Wolf, D. Eidmann, B. Willenbacher: Die Praxis der gerichtlichen Ehelösung nach dem reformierten Scheidungsrecht — Normstruktur und Verfahrenspraxis. Zeitschrift für Rechtssoziologie Jg. 4 Heft 2, 1983, S. 202–246.Google Scholar
  3. 3.
    Einer der konsequentesten Vertreter dieses — in der empirischen Rechtssoziologie u. E. zu Unrecht vernachlässigten Ansatzes — ist Max Rheinstein. Vgl. M. Rheinstein, Marriage, Stability, Divorce and the Law. Chicago/London, 1972 ( The University of Chicago Press).Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. §§ 1587c, 1408, 1671 Abs. 3, 1634 Abs. 1 BGB sowie H. Göppinger: Vereinbarungen anläßlich der Ehescheidung, München, 1982, ( C. H. Beck ).Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. § 1587 o BGB; § 621 a Abs. 1 und 621 Abs. 1 Nr. 6 ZPO. Vereinbarungen über elterliche Sorge und Besuchsrecht haben daher „Vorschlagscharakter“.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. § 630 Abs. 1 Nr. 1–3 ZPOGoogle Scholar
  7. 7.
    Vgl. S 623 ZPOGoogle Scholar
  8. 8.
    R. H. Mnookin & L. Kornhauser: Bargaining in the Shadow of the Law: The Case of Divorce. The Yale Law Journal, Vol. 88, Nr. 5, 1979, S. 950–997.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. z. B. Eherechtskommission beim Bundesministerium für Justiz: Vorschläge zur Reform des Ehescheidunprechts und des Unterhaltsrechts nach der Scheidung. Bielefeld, 1971 (Gieseking). S. 21–31, S. 89. Lediglich Rheinstein hat auf die theoretische Bedeutung des Beitrags der Gerichte für,kollusive Praktiken hingewiesen. Auch aus den Daten von Meier-Reimer geht hervor, daß ein Großteil der Scheidungsvereinbarungen nach altem Recht erst während der Verfahren erzielt wurde. Vgl. M. Rheinstein: Divorce and the Law in Germany. A Review. American Journal of Sociology (AJS) Vol. 65 1959/60 S. 489498. H. Meier-Reimer: Gutachten A zu den Verhandlungen des 48. Deutschen Juristentages. München 1970 ( C. H. Bcck )Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. D. Schwab: Handbuch des Scheidungsrechts, München 1977 (Vahlen), S. 184–193; B. von Maydell: Dispositionsmöglichkeiten der Parteien über den Versorgungsausgleich. Zeitschrift für das gesamte Familienrecht (FamRZ) 1977, S. 172–184.Google Scholar
  11. 11.
    Ob alle diese Möglichkeiten rechtlich zulässig sind, ist in der juristischen Fachdiskussion allerdings kontrovers. Vgl. D. Schwab a. a. O., S. 10 und S. 55–59.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. S 630 Abs. 3 ZPOGoogle Scholar
  13. 13.
    Vgl. Eherechtskommission beim BMJ 1971, a. a. O., S. 112, 118, R. Künzel; Die Situation der geschiedenen Frau in der Bundesrepublik — tabellarische Obersicht über die Befragungsergebnisse, Köln/Hannover 1975; S. Behr: Familien „zweiter Klasse?“ In: E. Kühn & I. Toumeau (Hrsg.): Familienrechtsreform — Chancen einer besseren Wirklichkeit? Bielefeld 1978 (Gieseking), S. 251–263. EMNID-Institut: Sicherung des Unterhalts für Kinder alleinstehender Eltern, MS, Bielefeld, 1978. Identische Befunde aus dem Ausland werden referiert bei: J. Eekelaar; The Family and the Law, London 1978 (Weidenfeld & Nicolson), insbes. Kap. 9 sowie B. M. Hoggett & D. S. Pearl: The Family, Law and Society, Cases and Materials, London 1983 ( Butterworths) insbes. Kap. 7.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Gesetz zur vereinfachten Abänderung von Unterhaltsrenten vom 29.7. 1976 BGB L I S. 2029 ff. sowie die Begründung, Bundestagsdrucksache 7/5311 S. 3. Weiterhin zu den Neuerungen des 1. EheRG, die Durchsetzbarkeit des Kindesunterhaltes verbessern: W. Schlüter: Unterhaltsrecht — eine noch ungeklärte Aufgabe für den Gesetzgeber. In: Praxis des neuen Familienrechts — Referate und Berichte der großen Arbeitstagung der Berliner Stadtvormünder e. V. Berlin/New York (de Gruyter), S. 241–271.Google Scholar
  15. 15.
    Die von der VW-Stiftung finanzierte Untersuchung bezieht sich auf eine repräsentative Stichprobe von 1980 an einem großstädtischen Familiengericht erledigten Scheidungsverfahren unter Einbeziehung der Vor- Teil-und Nachverfahren. Eine ausführlichere Beschreibung des Untersuchungsansatzes findet sich in B. Caesar-Wolf, D. Eidmann & B. Willenbacher, 1983 a. a. O. Bei der Darstellung konzentrieren wir uns auf die wirtschaftlich bedeutsamen Scheidungsfolgen. Bezüglich der Regelung der elterlichen Sorge und des Besuchsrechts, vgl. die Beiträge von P. G. Hoefnagels & C. van Wamelen sowie R. Lempp in diesem Band.Google Scholar
  16. 16.
    Die Einhaltung der einjährigen Trennungsfrist wird in der Regel,ernst genommen. Dies geht aus den Beweisaufnahmen hervor und wurde in von uns durchgeführten Interviews mit Scheidungsanwälten bestätigt.Google Scholar
  17. 17.
    In 21% der Fälle lagen bei Antragstellung Vereinbarungen über alle der für die einverständliche Scheidung geforderten Folgen vor. In 30% lagen nur über einen Teil dieser Folgen und in 36% der Fälle überhaupt keine Vereinbarungen vor. In den restlichen Fällen waren nur über elterliche Sorge oder Versorgungsausgleich Vereinbarungen erzielt worden.Google Scholar
  18. 18.
    Diese lagen, allerdings variierend nach dem jeweils zu regelnden Gegenstand, in 40 bis 60% der Fälle vor. Vgl. Künzel, a. a. O. und H. Meier-Reimer, a. a. O.Google Scholar
  19. a Mnookin & Kornhauser a. a. O.Google Scholar
  20. 19.
    Dies entspricht der auch in anderen Rechtsbereichen festgestellten Tendenz, Rechtsnormen nicht für das Austragen von Verwandtschaftskonflikten zu „mobilisieren“ vgl. E. Blankenburg: Mobilisierung von Recht, Zeitschrift für Rechtssoziologie, Jg. 1, Heft 1, 1980 S. 33–64 ).Google Scholar
  21. 20.
    Vgl. M. Murch; The Role of Solicitors in Divorce Proceedings. The Modern Law Review Vol. 40 1977, S. 625–638 und Vol. 41, 1978 S. 25–37.Google Scholar
  22. 21.
    Vgl. U. Oevermann: Professionalisierung oder Deprofessionalisierung von Juristen? Ms. Frankfurt 1979; T. Parsons: Recht und soziale Kontrolle, in: Ernst E. Hirsch/ManfredGoogle Scholar
  23. Rehbinder (Hg.), Studien und Materialien zur Rechtssoziologie, Sonderheft 11/1967 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1971 (2. Aufl. ), S. 121–134.Google Scholar
  24. 22.
    Vgl. Künzel, 1975 a. a. O. EMNID, 1978, a. a. O. Meier-Reimer, 1970, a. a. O. mit Bezug auf Unterhaltsregelungen. Entsprechende Befunde zur relativen Bedeutungslosigkeit der normativen Anspruchsgrundlagen für die Regelung des nachehelichen Unterhalts liegen aus den USA vor. Vgl. L. J. Weitzmann & R. B. Dixon: The Alimony Myth: Does No-FaultDivorce make a Difference? Family Law Quarterly Vol. 14, 1980 S. 141–185.Google Scholar
  25. 23.
    Sie lag in unserer Stichprobe bei 0,5% bezüglich des Scheidungsurteils und 2,2% bezüglich der Scheidungsfolgen. Vgl. auch Statistisches Bundesamt, Fachserie 10, 1981, S. 78, wonach 97% der Scheidungsurteile noch im Jahr ihrer Erledigung rechtskräftig wurden.Google Scholar
  26. 24.
    Vgl. U. Diedrichsen: Bewährung und Nichtbewährung des 1. EheRG von 1977. In Justizministerium Baden-Württemberg (Hrsg.): Hat sich das 1. EheRG bewährt? Stuttgart 1981. S. 11–99, insbes. S. 12 und Anm 9 (S. 96).Google Scholar
  27. 25.
    Während in über der Hälfte der Fälle in denen bereits vor Scheidungsurteil eine Unterhaltsregelung getroffen wurde, nach Aktenlage Rückstände, unregelmäßige Zahlungen usw. bekannt waren, erfolgten in nur 20% (Kindesunterhalt) bzw. 30% (Ehegattenunterhalt) Durchsetzungsmaßnahmen. Auch dieser Befund entspricht den Befunden nach altem Recht. Vg. Künzel, 1975, a. a. O. S. Behr, 1978, a. a. O. und EMNID, 1978, a. a. O.Google Scholar
  28. 26.
    Hierfür gibt es bisher allerdings nur indirekte Hinweise aus der Jugend-und Sozialamtspraxis, vgl. W. Zarbock, Amtsvormundschaft nach den Reformen im Familien-und Kindschaftsrecht. In: Praxis des neuen Familienrechts, 1978, a. a. O. S. 16–49, insbes. S. 48. Vgl. auch die Befragungsergebnisse von EMNID, 1978, a. a. O. S. 42–45.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1987

Authors and Affiliations

  • Beatrice Caesar-Wolf
  • Dorothee Eidmann

There are no affiliations available

Personalised recommendations