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Nacktheit pp 11-24 | Cite as

Einführung

  • Oliver König

Zusammenfassung

In der Beschäftigung mit den Auseinandersetzungen um die Nacktheit begibt sich die Soziologie auf einen der wichtigsten Spielplätze der “Verleugnung des Sozialen”, um eine Wendung von Pierre Bourdieu zu paraphra-sieren. Diese Arbeit stellt den Versuch dar, in Anlehnung an seine Theorie über “Die feinen Unterschiede” (1982) 1 den Umgang mit Nacktheit und die Bewertung dieses Umgangs mit dem Spiel der sozialen Kräfte in Verbindung zu setzen, das diesen Umgang prägt und gleichzeitig die Klassifizierungen hervorbringt, mit denen dieser Umgang bewertet und gegenüber anderen möglichen Umgangsweisen und Klassifizierungen abgegrenzt wird. Um die Logik dieser Abgrenzungen in ihrem Gesamtaufbau erfassen zu können, bedurfte es eines Zugangs zu diesem Thema, der auch den “natürlichsten” mit dem “perversesten” Umgang in Verbindung zu setzen erlaubte, um die hinter diesen Differenzierungen liegende Gemeinsamkeit herauszuarbeiten, die in dem Versuch der sozialen Akteure zu sehen ist, ihre Klassifizierungen und damit den durch diese zur Norm erhobenen Lebensstil als das Klassifizierte zur allgemeinen Norm zu erheben.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. auch Bourdieu (1979) und (1987). Es fiel mir selber erst später auf, daß Bourdieu am Ende der Einleitung seiner “feinen Unterschiede” zur Illustration seines Themas auf zwei Theaterkritiken zurückgreift, “die zur Freude des Soziologen ersonnen zu sein scheinen” (S. 26). In ihnen geht es, wer hätte es gedacht, um die Nacktheit auf der Theaterbühne. “Was uns letzten Endes am stärksten frappiert: nichts auf unserer ersten Bühne vermag obzön zu wirken. Noch als Nackttänzerinnen, als schwebende Geister und Kobolde, als Bachantinnen bewahren die Balletteusen der Oper ihre unwandelbare Reinheit”; “Es gibt obzöne Stellungen, simulierte Geschlechtsakte, die das Auge schockieren. Hier soll gewiß keine Rede davon sein, derartiges zu billigen, wenn auch die Einführung solcher Momente in Ballette ihnen einen ästhetischen und symbolischen Aspekt verleiht, der jenen intimen Szenen abgeht, die der Film tagtäglich seinen Zuschauern vor Augen führt (…) Und die Nacktheit? Was sonst wäre zu sagen, als daß sie nur von kurzer Dauer und ohne jeden Bühneneffekt ist. Keineswegs möchte ich damit behaupten, sie sei rein und unschuldig; eine solche Qualifizierung trifft auf kein einziges kommerzielles Phänomen zu. Sagen wir schlicht, daß sie nicht schockiert und man ihr allenfalls den Vorwurf machen kann, als eine Art Lockvogel für den Erfolg des Stücks benutzt worden zu sein (…). Der Nacktheit von Hair fehlt die symbolische Dimen-sion”(1982, S. 26 f.). Die beiden Kritiken stammen aus der Zeitschrift “Le Monde” von 1965 bzw. 1970.Google Scholar
  2. 2.
    Es soll zumindest angesprochen werden, daß eine solche lapidar erscheinende Aussage eine Vielfalt von wissenschaftstheoretischen Problemen beinhaltet, die aber hier nicht weiter thematisiert werden sollen.Google Scholar
  3. 3.
    Es liegt ein gewisser Zynismus der Macht darin, dies in dem Moment kritisch festzustellen, in dem sich die “andere” (weibliche) Seite dieses Argumentes bemächtigt, doch wird diese Diskussion auch zwischen den verschiedenen feministischen Lagern geführt. Die “Gnade der weiblichen Geburt” steht hier der Auffassung gegenüber, “daß die Frau als Mitagierende am Geschlechterverhältnis an den ‘normalen’ Macht-Taten des Mannes beteiligt ist”, und dies gegenüber Männern wie Frauen (zitiert aus einem Bericht über eine Tagung an der TU Berlin zum Thema “Mittäterschaft von Frauen — ein Konzept feministischer Forschung und Ausbildung” im KStA v. 12.4.88). Vgl. auch Hagemann-White, Rerrich (1988), sowie die Auseinandersetzungen um einen darin erneut abgedruckten Artikel von Lerke Gravenhorst aus “Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis” (Heft 18/19, 1986/87) und die Antworten darauf in den folgenden Heften.Google Scholar
  4. 4.
    Auch Duerr hält den moralisierenden Aspekt der Berichte und Dokumente für ausschlaggebend, so daß es für jede Zeit solche und solche gäbe (1988, S. 65). So kritisiert er in diesem Sinne Elias, tendiert aber selber dazu, alle Dokumente in seinem Sinne zu benutzen. Dies läßt den “Streit” zwischen Elias und Duerr etwas zu einem Scheingefecht werden. Siehe hierzu die Besprechung von Duerrs Buch in der Zeit vom 19.5.88, seine Antwort in der folgenden Woche, und den Beitrag von Elias am 2.6.88.Google Scholar
  5. 5.
    Einer der zur Zeit intensiv genutzten Ort für solche Teilobjektivierungen scheint mir die therapeutische Literatur zur Geschlechterproblematik zu sein, z.B. Bücher wie “Wenn Frauen zu sehr lieben” von Robin Norwood (1986) oder “Männer lassen lieben” von Wilfried Wieck (1987). Vgl. die Sammelbesprechung im Spiegel v. 28.3.88.Google Scholar
  6. 6.
    Bei Bourdieu wird diese Forderung nicht nur zu einer neben anderen, wie es das Kriterium der Reflexivität noch ist, sondern das “sich selbst mitdenken” wird zur grundsätzlichen wissenschaftstheoretischen Forderung erhoben und entsprechend ausformuliert.Google Scholar
  7. Eine seiner letzten größeren Veröffentlichungen (1987) ist zentral diesem Problem gewidmet.Google Scholar
  8. 7.
    Vgl. Hans Christian Andersen, Des Kaisers neue Kleider. “Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf hübsche, neue Kleider hielt, daß er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. … In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter zu. Jeden Tag kamen viele Fremde, eines Tages kamen auch zwei Betrüger. Sie gaben sich für Weber aus und sagten, sie könnten den schönsten Stoff weben, der sich denken ließe. Nicht allein Farben und Muster wären ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die aus dem Stoff genäht würden, besäßen auch die wunderbare Eigenschaft, daß sie jedem Menschen unsichtbar wären, der nicht für sein Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei. ‘Das wären ja prächtige Kleider’, dachte der Kaiser. ‘Wenn ich die anhätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reich zu dem Amt, das sie haben, nicht taugen; ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, der Stoff muß sogleich für mich gewebt werden!’ Und er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen mögen. … So ging der Kaiser in der Prozession unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern riefen: ‘Gott, wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich; welch herrliche Schleppe hat er am Rock, wie schön das sitzt!’ Keiner wollte sich merken lassen, daß er nichts sah, denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine von des Kaisers Kleidern hatten solches Glück gebracht wie diese. ‘Aber er hat ja gar nichts an!’ sagte ein kleines Kind. ‘Herrgott, hört die Stimme der Unschuld!’ sagte der Vater, und der eine flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte. ‘Aber er hat ja nichts an!’ rief zuletzt das ganze Volk. Und der Kaiser bekam eine Gänsehaut, denn es schien ihm, sie hätten recht, aber er dachte bei sich:’ Nun muß ich die Prozession aushalten’. Und so hielt er sich noch stolzer, und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war” (zit. n. Sämtliche Märchen und Geschichten, Leipzig und Weimar, 1986, Bd. 1, S. 90 ff.). Vgl. zur Frage der “pompösen Selbstinszenierung” der (wissenschaftlichen) Bedeutung, auch wenn der Kaiser eigentlich nackt ist: Barbara Sichtermann, Die Frau beim Grübeln auf eigene Faust, in: Dies. 1987.Google Scholar
  9. 8.
    Diesen Utopiecharakter hat Elias jüngst, ohne ihn als solchen zu benennen, vorsichtig zu relativieren versucht, indem er uns als die “späten Barbaren” bezeichnet hat. Vgl. Spiegel-Interview v. 23.5.88.Google Scholar
  10. 9.
    So z.B., daß alle Kritik an diesem Ansatz als Widerstand interpretiert werden kann, wodurch er sich nicht nur gegen diese Kritik immunisiert, sondern sich auch als nicht falsifizierbar erweist. Vgl. Ferry; Renault, 1987, besonders S. 160 ff..Google Scholar
  11. 10.
    Worauf auch Robert K. Merton (1980) hinweist, der diesen Ausspruch (Ein Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht, kann weiter sehen als der Riese selbst), bzw. seine verschiedenen Ausdifferenzierungen zum Ausgangspunkt einer Geschichte wissenschaftlicher Praxis und ihre Abgrenzungsrituale macht.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Oliver König

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