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Tönnies’ Kritik des Sozialdarwinismus: Immunität durch Philosophie

Die Auseinandersetzung mit der Krupp-Preisfrage von 1900
  • Cornelius Bickel
Chapter
Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 85)

Zusammenfassung

Im Jahre 1900 eröffnete die Firma Krupp das neue Saeculum mit einer Preisfrage: “Was lernen wir aus den Prinzipien der Descendenztheorie in Beziehung auf die innerpolitische Entwicklung und Gesetzgebung der Staaten ?” Die Preisschriften wurden in einer Schriftenreihe gesammelt und veröffentlicht.Der erste Preis ging an Schallmayer für seine Schrift “Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker”.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Natur und Staat. Beiträge zur naturwissenschaftlichen Gesellschaftslehren, hg.von.E. Ziegler in Verbindung mit J. Conrad u. E. Haeckel, Jena 1903ff. Die Preisfrage wurde am 1. Januar 1900 von den Professoren Haeckel (Jena), Conrad (Halle) u. Fraas (Stuttgart) veröffentlicht. Die Preisgelder waren von der Firma Krupp gestiftet worden (30 000 Mark für den Gewinner). Unter 60 Einsendungen wurden 8 Abhandlungen ausgezeichnet und zusammen mit drei weiteren veröffentlicht, Vgl. dazu: H.E. Zieglers Einleitung zur Reihe (“Das Preisausschreiben und die Entstehung des Sammelwerkes”) in: Natur und Staat, a.a.O., Bd. 1 Einleitung und H. Matzat, Philosophie der Anpassung, Jena 1903, S. 1–25.Bei den 11 erwähnten Schriften handelt es sich um die folgenden Titel: Heinrich Matzat, Philosophie der Anpassung/Arthur Ruppin, Darwinismus und Sozialwissenschaft/Wilhelm Schallmayer, Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker/Albert Hesse, Natur und Gesellschaft. Eine kritische Untersuchung über die Bedeutung der Deszendenztheorie für das soziale Leben/Curt Michaelis, Die Prinzipien der natürlichen und sozialen Entwicklung der Menschheit. Anthropologisch-ethnologische Studien/Eleuteropulos, Soziologie/Hermann Friedemann, Der natürliche Staat und sein Recht/Emil Schalk, Der Wettlauf der Völker mit besonderer Bezugnahme auf Deutschland und die Vereinigten Staaten von Nordamerika/Alfred Methner, Organismen und Staaten. Eine Untersuchung über die biologischen Grundlagen des Gesellschaftslebens/Walter Häcker, Die ererbten Anlagen und die Vermessung ihres Wertes für das politische Leben/.Google Scholar
  2. 2.
    Teil der Reihe, Jena 1903Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Hans Günther Zmarzlik, Der Sozialdarwinismus in Deutschland als geschichtliches Problem, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 11 (1963), S. 246ff.Google Scholar
  4. 4.
    Otto Ammon, Der Darwinismus gegen die Sozialdemokratie, Hamburg 1891; Ders., Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen Grundlagen, Jena 1895. Tönnies’ Rez. von Ammon, Die Gesellschaftslehre und ihre natürlichen Grundlagen, a.a.O. in Soziologische Studien und Kritiken Bd. 3, Jena 1929, S. 253 ff. (zuerst: Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, 6, 1894)Rez. der 3. Aufl. von Ammons Buch unter dem Sammeltitel “Probleme der sozialen Frage” ebenda, S. 372 ff. (zuerst in Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 19 H. 3, 1904) Die 3 Bände “Soziologische Studien und Kritiken”, Jena 1925, 1926 und 1929 werden fortan als SStuKr I, II, III zitiert.Google Scholar
  5. 5.
    SStuKr III 380. Tönnies resümiert Ammon: “… im großen und ganzen bekommt jeder das Einkommen, auf das er nach seiner Begabung Anspruch hat.” — und kommentiert denselben: “Die Dreistigkeit und die Absurdität verlaufen auch in parallelen Kurven” (SStuKr III, 390) Das “Absurdeste findet Beifall und Glauben, wenn es gewissen mächtigen Interessen dient”, wie es für diesen “wissenschaftlichen Unfug” leider gelte (ebenda, S. 389).Google Scholar
  6. 6.
    Die Tatsache des Wollens (1899) hg. u. eingel. v. Jürgen Zander, Beiträge zur Sozialforschung Bd. 1, Berlin 1982.Google Scholar
  7. 7.
    Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Ansicht, Leipzig 1906 (zuerst als “Philosophical Terminology” in: Mind 8, 1899, pp 289–332 u. 467–491, u. 9, 1900, pp 46–61Google Scholar
  8. 8.
    Tönnies-Nachlaß in der Schleswig-Holsteinischen Landes- bibliothek Kiel (=TN) Cb 34:63 (MS-Fragment, 11 Seiten) und Cb 34:64 (MS - verschiedene Handschriften - 31 Seiten, datiert vom 1. December 1902 zu Eutin); dazu Tönnies in seiner Selbstdarstellung (in dem Sammelwerk “Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, hg.v. Raymund Schmidt, Bd. 3, Leipzig 1922, S 199–235), S. 222: ”Obwohl mich die Fassung des Themas und vollends die unklaren Erläuterungen auf eine Denkungsart hinwiesen, die der meinigen durchaus entgegen war, so ließ mir die Frage selber doch keine Ruhe. Mit der Abstammungslehre hatte ich seit früher Jugend mich beschäftigt und auch sonst den Naturwissenschaften so viele Aufmerksamkeit gewidmet, wie mein philosophisches Interesse forderte.“ Vgl. zu dem Ganzen auch: E.G. Jacoby, Die moderne Gesellschaft im sozialwissenschaftlichen Denken von Ferdinand Tönnies, Stuttgart 1971, S. 141 ff.Google Scholar
  9. 9.
    Die Anwendung der Deszendenztheorie auf Probleme der sozialen Entwicklung (in 6 Teilen) in: SStuKr I 133–330 (zuerst unter dem Sammeltitel “Zur naturwissenschaftlichen Gesellschaftslehre” in Schmollers Jahrbuch 29, 1905, S. 27-. 1 01, S. 1283–1322; 30, 1906, S. 121–145; 31, 1907, S 487–552; 33, 1909, S. 879–894; 35, 1 91 1, S. 375–396.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. dazu Alfred Bellebaum, Das soziologische System von Ferdinand Tönnies unter besonderer Berücksichtigung seiner soziographischen Untersuchungen, Meisenheim 1966; sowie Michael Terwey, Theorie und Empirie bei Tönnies. Am Beispiel von Arbeiten über Selbstmord und Kriminalität, in Lars Clausen u. Franz Urban Pappi (Hrsg.), Ankunft bei Tönnies. Soziologische Beiträge zum 125. Geburtstag von Tönnies. Kiel 1 981, S. 140–172.Google Scholar
  11. 11.
    Thomas Hobbes. Leben und Lehre, Stuttgart 1896. Studien zur Philosophie und Gesellschaftslehre im 17. Jahrhundert, hg.v. E.G. Jacoby, Stuttgart 1975.Google Scholar
  12. 12.
    Das Wesen der Soziologie (1907), in SStuKr I 350–368.Google Scholar
  13. 13.
    American Journal of Sociology 10 no. 5, March 1905, pp 569–588, vgl. Jacoby, a.a.O., S. 112.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. dazu vom Verf., Ferdinand Tönnies. Soziologie zwischen geschichtsphilosophischem “Pessimismus”, wissenschaftlicher Ratio und sozialethischem “Optimismus”, in: Sven Papcke (Hrsg.), Ordnung und Theorie. Beiträge zur Geschichte der Soziologie in Deutschland, Darmstadt 1986, S. 307–334; u. früher ders.: Tönnies und Rickert, in Lars Clausen, Franz Urban Pappi (Hrsg.), Ankunft bei Tönnies, Kiel 1981, S. 95–132, ders., Repräsentativität und Aktualität von Tönnies in: L. Clausen et alii (Hrsg.), Tönnies Heute, Kiel 1985, S. 97115.Google Scholar
  15. 15.
    The Principles of Sociology, Vo.. 1,2,3, London, Edingburgh, Oxford, 1885, 1892, 1897. F. Tönnies, Herbert Spencers soziologisches Werk (1899) in: SStuKr I 75–105.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. dazu Gemeinschaft und Gesellschaft a.a.O.Google Scholar
  17. 17.
    Zu Tönnies’ Programm einer Synthese von Historismus und Rationalismus bzw. Positivismus vgl. z.B. die Vorrede zur 2. Aufl. von “Gemeinschaft und Gesellschaft”, a.a.O., S. XXIII: “Die gegenwärtige Theorie versucht sie (die rationale und die historische Betrachtungsweise) in sich aufzunehmen und von sich abhängig zu erhalten”; ferner: Historismus und Rationalismus I (1894), in: SStuKr I 108.Google Scholar
  18. 18.
    Wilhelm Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883), Ges. Schriften Bd. 1, 4. Aufl. Stuttgart/Göttingen 1959.Google Scholar
  19. 19.
    Das Wesen der Soziologie (1907), in: SStuKr I 350–368; später: Wege und Ziele der Soziologie (1910), in: SStuKr II 125–143 u. Einteilung der Soziologie (1924), in: SStuKr III 430–443; schließlich kulminierend in der “Einführung in die Soziologie”, Stuttgart 1931. Tönnies erweitert in den folgenden Jahren diese verschiedenen Komponenten zu speziellen Forschungszweigen, die er dann als “reine” (begriffskonstruktive), “angewandte” (historische) und “soziographische” (empirisch beschreibende) Soziologie gegeneinander abgrenzt und zu einem System der “speziellen Soziologie”–im engeren Sinne zusammenfügt. Er meint damit die Soziologie, sofern sie die wechselseitig bewußt intendierten sozialen Verhältnisse anvisiert. Die “allgemeine Soziologie” dagegen soll alle Aspekte des Zusammenlebens der Menschen behandeln, die nicht auf der im spezifisch soziologischen Sinn relevanten Interaktion der Menschen beruhen. Sie enthält die biologische und die psychologische Seite des menschlichen Lebens, also auch die Sozialbiologie und -psychologie. Aus beiden soll sich dann die spezielle soziologische Fragestellung entwickeln. Zur Bestimmung der “Sozialen” bei der Abgrenzung des Gegenstandsbereiches der Soziologie vgl. Alexander Deichsel, Das Soziale bei Ferdinand Tönnies. Begriff und Gegenstand einer strengeren Soziologie, in: Lars Clausen et alii (Hrsg.), Tön-nies heute. Zur Aktualität von Ferdinand Tönnies, Kiel 1985, S. 49–67.Google Scholar
  20. 20.
    Vgl. z.B. “Über Anlagen und Anpassung (1907), in: SStuKr II, Jena 1926, S. 155, 165f. Zu grundsätzlichen Fragen von Tönnies’ philosophischer Orientierung vgl. Jürgen Zander, Pole der Soziologie; Ferdinand Tönnies und Max Weber, in Sven Papcke (Hrsg.), Ordnung und Theorie, a.a.O., S. 335–351.Google Scholar
  21. 21.
    SStuKr I 166: Natur sei “nicht durch menschliche Vorkehrungen zu beeinflussen, auch diese menschlichen Vorkehrungen gehören ihr an; sie sind in ihrem Plan vorgezeichnet.” Ebenda S. 165: “Eine seltsame Anwendung der Descendenztheorie, die uns lehren will, daß ihr Hauptgesetz in der menschlichen Kulturwelt nicht gelte, ja durch ihre Bedingungen aufgehoben werde.”Google Scholar
  22. 22.
    Ebenda S. 214Google Scholar
  23. 23.
    Ebenda S? 199: “In Wirklichkeit ist alles, was geschieht, schlechthin notwendig, alles was nicht geschieht, schlechthin unmöglich.”Google Scholar
  24. 24.
    Ebenda S. 202: “Die Idee der Kausalität bezieht sich auf moralische Vorgänge nicht anders als auf physische.”Google Scholar
  25. 25.
    Ebenda S. 204Google Scholar
  26. 26.
    vgl. dazu z.B. die folgende Stelle aus Tönnies’ bereits erwähntem Manuskript für das Krupp-Preisausschreiben. (TN Cb 34:64, S. II): “Es versteht sich aber daß unser Denken und Wollen nach seinen Ursachen und Wirkungen gesetzmäßig bestimmt ist, daher auch der modificierende Einfluß auf die Entwicklung als ein fest begrenzter gedacht werden muß, wenn wir auch seine Grenzen nicht genau kennen. Vom absoluten und objectiven Standpunkte aus betrachtet, steht unser Denken, Wollen und Tun selber im Strome der Entwicklung und müßte, um eine vollkommene Einsicht in deren Fortgang zu gewinnen, nach seiner Stärke und Wirkungskraft erkannt oder hoch abgeschätzt werden.” Ferner z.B. SStuKr I 166.Google Scholar
  27. 27.
    z.B. SSuKr I 149.Google Scholar
  28. 28.
    Ebenda, S. 152: man müsse in diesem Zusammenahng davon ausgehen, daß “...berhaupt aber die Solidarisierung unseres Lebens... nicht durch Strafgesetze, wohl aber durch energische sozialpolitische Operationen als erreichbar gedacht werden kann.” Vgl. dazu früher auch schon Tönnies’ Rez. von Alfred Plötz, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen, Berlin 1895, in: SStuKr III 257.Google Scholar
  29. 29.
    Eheverbote“ erklärt Tönnies für ”durch und durch verfehlt und utopisch“ (SStuKr I 150), ”d.h. ich habe sie unbedingt verworfen.“ (ebenda, S. 295)Google Scholar
  30. 30.
    Heute ist der Staat auch sittlich die überwiegende Macht; er ist es aber nicht immer und nicht seinem Wesen nach (von mir hervorgehoben). Gegen ein durch starke Bedürfnisse unterstütztes Gewissen werden äußere Mächte immer vergebens kämpfen“. (ebenda S. 150)Google Scholar
  31. 31.
    Im erkenntnistheoretischen Sinne; der forschungspsychologische, -soziologische und -politische Aspekt der Wahl einzelner Forschungsthemen ist mit dem Hinweis auf diese grundsätzliche Ebene der Gegenstandskonstitution und der wissenschaftstheoretischen Festlegungen noch gar nicht berührt worden.Google Scholar
  32. 32.
    An den Vorstand der DGS, Eutin, den 19. März 1914 und noch einmal am 4. April 1914; Der Briefwechsel befindet sich in den Akten der DGS im TN Cb 54.61: 1.1. Vgl. dazu auch E.G. Jacoby, Die moderne Gesellschaft im sozialwissenschaftlichen Denken von Ferdinand Tönnies, a.a.O., S. 167ff.Google Scholar
  33. 33.
    Verhandlungen des 1. Deutschen Soziologentages, Tübingen 1 91 1, S. 148f.Google Scholar
  34. 34.
    Alfred Plötz, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen, Berlin 1895, Tönnies’ Rez. in: SStuKr III 256–259.Google Scholar
  35. 35.
    SStuKr I 288 Anm. 1 als Reminiszenz an seine Beteiligung an der Gründung der Gesellschaft für ethische Kultur im Jahre 1892.Google Scholar
  36. 36.
    SStuKr I 245: “... von diesen Vorstellungen (der Darwinschen Selektionstheorie im engeren Sinne) getrennt, werden jene Begriffe zu leeren Redensarten, die keinen tieferen Sinn haben als die Redensart hätte, daß von den 130 Tragödien des Sophokles sich 7 durch Zuchtwahl erhalten haben.” (Der Begriff “Leerformel” in dieser ideologiekritischen und sprachkritischen Bedeutung ist mir zum ersten Mal begegnet bei Hans Kelsen, Reine Rechtslehre, 2. vollst. neu bearb. u. erw. Aufl., Wien 1960, S. 366ff.) “Blindlingsvermutungen” (SStuKr I 280), “Halb-und Viertelsirrtümer” (ebenda S. 178) und “Truismen” (SStuKr III 255) müßten sich dann häufen. Man werde “doch immer wieder zu dem Ergebnis kommen, daß alle diese Züchtungserwägungen das wirkliche Verständnis der menschlichen Entwicklung so gut wie gar nicht fördern... Vielleicht ist die Geburtenrate die eigentlich entscheidende Waffe im Kampfe ums Dasein, den die Völker führen...” (SStuKr I 304).Google Scholar
  37. 37.
    Vgl. SStuKr I 154ff. u. 252ff.Google Scholar
  38. 38.
    Es sei eine “Blindlingsvermutung, daß es eine sich schwächer vermehrende Hälfte mit besserer intellektueller Begabung gebe. Vollends aber wird diese Blindlingsannahme zu einer vollkommenen Fabelei, wenn ohne einen Schimmer von Grund gelehrt wird, diese angeblich sich schwächer vermehrende, intellektuell besser begabte ”Hälfte“ sei schlechthin die ”generativ wertvollere“ Hälfte, also - nach des Verfassers eigenen Unterscheidungen - auch in ethischer und außerdem auch in körperlicher Vortrefflichkeit die bessere!” (SStuKr I 280).Google Scholar
  39. 39.
    “Gerade die heute (mehr als je zuvor) erforderliche und erfolgreiche Art der Intelligenz und des Wollens - jene Art, die ich “Kürwillen” nenne - entwickelt sich mit fabelhafter Geschwindigkeit aus der Seele eines noch jugendlich-frischen, barbarischen Volkes, wenn es einmal in die Arena gestellt ist; man vergleiche auch Japan“ (wie Tönnies in mißverständlicher Verkürzung hinzufügt, als wolle er Japan zu den gerade erst auf der Bühne der Geschichte erschienenen Völkern zählen ohne Rücksicht auf den Sonderstatus der japanischen Kombination aus alter Kultur und expandierender wissenschaftlich-technischer Zivilisation.). ”Ob die so “getriebenen” Völker lange blühen und gedeihen werden, ist eine andere Frage“. (SStuKr I 155).Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. dazu Tönnies’ Kritik an Schäffle, SStuKr I 145ff.Google Scholar
  41. 41.
    Diese Konstellation findet hier einen Beleg in Tönnies’ expliciter Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Gesellschaftstheorien. Sie läßt sich aber auch aus seinen wissenschaftsphilosophischen Grundannahmen heraus nachvollziehen (vgl. Anm. 14) Diesen Zentralpunkt von Tönnies richtig zu fassen und sich nicht von gelegentlichen Anleihen an das für die Zeit typische organologische Vokabular täuschen zu lassen, ist wesentlich für eine zutreffende Tönnies-Deutung.Google Scholar
  42. 42.
    vgl. H. Walter Schmitz, Tönnies’ Zeichentheorie zwischen Signifik und Wiener Kreis, in: Lars Clausen et alii ( Hg. ), Tönnies heute a.a.O., S. 73–97.Google Scholar
  43. 43.
    Wilhelm Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883), a.a.O..Google Scholar
  44. 44.
    Heinrich Rickert, Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, vollständige Ausgabe, Tübingen u. Leipzig 1902 (Bd. 1: 1896 )Google Scholar
  45. 45.
    “Ich hätte mir die Kraft gewünscht, seine ganze Ansicht der sozialen Entwicklung durch eine besser begründete, richtigere zu ersetzen.“ Spencer war Tönnies ”durch den Ernst seiner Menschenfreundlichkeit und seines energischen Denkens tief sympathisch“ ungeachtet des Umstandes, ”daß ihm infolge seiner überwiegend naturwissenschaftlichen Vorbildung und seiner liberal-progressistischen Vorurteile zum intimeren Verständnis der Kulturgeschichte sehr wesentliche Elemente fehlten.“ Über Spencers Soziologie (1899), in SStuKr I 238.Google Scholar
  46. 46.
    SStuK I 282, 309 und 324 gegen Weismann, dessen Grundgedanke in seinen Konsequenzen zum “Mystizismus”(!) tendieren müsse, weil er der individuellen und sozialen Praxis keinen Einfluß auf die vererbbaren Anlagen offen lasse (ebenda, S. 282).Google Scholar
  47. 47.
    Oswald Spengler, Pessimismus? (1921) in: Reden und Aufsätze, München 1937, S. 63.Google Scholar
  48. 48.
    Vgl. dazu den Briefwechsel mit dem dänischen Philosophen Harald Höffding (TN Cb 54:51), besonders den Auftakt der Korrespondenz: Höffding an Tönnies, 2.7.1888 und Tönnies an Höffding, 1 4. u. 19.10.1888.Google Scholar
  49. 49.
    SStuKr I 165.Google Scholar
  50. 50.
    Damit findet sich bei Schallmayer eine - naturwissenschaftlich verkleidete - Variante eines Topos der konservativen Zivilisationskritik, wie er im späteren Neukonservativismus der Weimarer Zeit verwendet wurde, besonders z.B. in Oswald Spenglers universaler Entgegensetzung von Form und Formlosigkeit (Untergang des Abendlandes Bd. 1 u. 2 Wien 1918 u. München 1922).Google Scholar
  51. 51.
    SStuKr I 179ff, über Heinrich Matzat, Philosophie der Anpassung, Jena 1903. Zu Rudolf von Ihering als dem “unfreiwilligen Erneuerer des Naturrechts” ebenda, S. 188.Google Scholar
  52. 52.
    Gemeinschaft und Gesellschaft, a.a.O., 3. Buch: “Soziologische Gründe des Naturrechts”, S. 169ff, bes. S. 214f, später in der Einführung in die Soziologie, Stuttgart 1931, S. 217ff; vgl. dazu die rechtsphilosophischen Erwägungen von Sibylle Tönnies, “Gemeinschaft oder Gesellschaft - ein Werturteil?” in: Lars Clausen u. F.U. Pappi (Hrsg.), Ankunft bei Tönnies, a.a.O., S. 172ff; zur Kritik an der Anwendung biologischer Kategorien auf soziale Systeme vgl. auch ihre Untersuchung “Ist das Recht ein Biotop ? ” (MS 1985 ).Google Scholar
  53. 53.
    Die Deszendenztheorie “verrät uns, wie der völkermordenden Kultur der Giftzahn auszuziehen ist. Das kann ... geschehen, ohne unsere sittlichen Gefühle zu verletzen. Letzteres ist von entscheidender Bedeutung;...”(Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker, a.a.O., S. 380.)Google Scholar
  54. 54.
    “übrigens anerkenne und teile ich durchaus, was der Verfasser das “generative” Interesse nennt; ich halte es für eine sehr bedeutende sittliche Aufgabe, es zu fördern, und glaube auch, daß die Erörterung der delikaten Fragen, die damit verknüpft sind, überwiegend nützlich ist; in diesem Sinne heiße ich die Schrift des Verfassers willkommen.” Aber: “Den spezifischen Ansichten des Verfassers, insbesondere seinem Eintreten für zwingende Gesetze zugunsten jenes Interesses, setzte ich den schärfsten Widerspruch entgegen” (SStuKr I 149). In diesem Sinne an anderer Stelle: “Die Deszendenztheorie und die Frage nach einem veredelten Menschentyp” sei für ihn (Tönnies) — in Übereinstimmung mit Herbert Spencer — immer wichtig gewesen (ebenda, S. 238).Google Scholar
  55. 55.
    Eugenik (1906) SStuKR I 334–349. Tönnies rühmt die “reinen wissenschaftlichen Absichten Galtons ” SStuKr 1385.Google Scholar
  56. 56.
    Zur Soziologie in der NS-Diktatur vgl. Carsten Klingemann, Heimatsoziologie oder Ordnungsinstrument? Fachgeschichtliche Aspekte der Soziologie in Deutschland zwischen 1933 und 1945, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 23, 1981, Soziologie in Deutschland und Osterreich 1918–1945, hrg. von Mario Rainer Lepsius, S. 287ff. und jüngst: Vergangenheitsbewältigung oder Geschichtsschreibung? Unerwünschte Traditionsbestände deutscher Soziologie zwischen 1933 und 1945. in: Sven Papcke (Hrsg.), Ordnung und Theorie, a.a.O., S. 223ff.Google Scholar
  57. 57.
    z.B. Schallmayer a.a.O., S. 199Google Scholar
  58. 58.
    Vgl. z.B. an systematischer Stelle die Einbeziehung von Rasse ebenso wie Volk und Stamm in die Kategorie der natürlichen “Samtschaften”, die zugleich “seelische” sind. “Samtschaft” ist eine vermittelnde Kategorie in Tönnies’ Typologie der sozialen Verbundenheiten oder “Wesenheiten” zwischen “sozialen Verhältnissen” und “sozialen Körperschaften” (Einteilung der Soziologie (1924), in: SStuKr II 436f.) Ironisierung der Verwendung von Rassetheorien am Ende seiner Ammon-Rezension, SStuKr III 393.Google Scholar
  59. 59.
    Dieser Kongreß wurde 1911 in der Absicht abgehalten, einer weltweiten Völkrerverständigung zu dienen. Tönnies nahm in der Eigenschaft eines Kongreßsekretärs für das Deutsche Reich daran teil. Vgl. TN Cb 54.65:01–05 (Briefe und Materialien an ihn; briefliche Äußerungen von ihm zu diesem Komplex sind darin nicht enthalten) und E.G. Jacoby, Die moderne Gesellschaft im sozialwissenschaftlichen Denken von Ferdinand Tönnies, a.a.O., S. 163ff.Google Scholar
  60. 60.
    Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker, a.a.O., S. 199ff (weitere Seitenangaben aus diesem Buch von nun an im Text).Google Scholar
  61. 61.
    Einsicht heute — praktische Folgerungen morgen; so sah Schallmayer die Lage: “Unserer Zeit war es vorbehalten, Einsicht in die Entwicklungsbedingungen der organischen Welt zu erlangen und der nächsten Zukunft dürfte es vorbehalten sein, die praktischen Folgerungen daraus für den Menschen zu ziehen” (a.a.O., S. 250), sagt er, ohne die unfreiwillige und finstere Prophetie dieser Worte zu ahnen.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1987

Authors and Affiliations

  • Cornelius Bickel

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