Advertisement

Das Bild des Judentums in der frühen deutschen Soziologie

„Fremdheit“ und „Rationalität“ als Typusmerkmale bei Werner Sombart, Max Weber und Georg Simmel
  • Karl-Siegbert Rehberg
Chapter
Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 85)

Zusammenfassung

Die Beziehungen zwischen Judentum und Soziologie — das ist ein Thema mit mehreren Dimensionen. Zuerst wäre zu denken an den bedeutenden Beitrag, den jüdische — wenigstens aus jüdischen Familien stammende — Gelehrte zur Entwicklung der Soziologie geleistet haben, für Deutschland sei an Georg Simmel, Max Scheler, Franz Oppenheimer, Karl Mannheim, Norbert Elias und Helmuth Plessner erinnert, des weiteren auch an die Vertreter der “Frankfurter Schule”. Damit ist man zugleich bei der Vernichtung der Existenz der Juden durch das Nazi-Regime, im engeren Sinne dann auch bei der dadurch bedingten fast völligen “Ausschaltung” der Soziologie, soweit sie an Universitäten gelehrt wurde. Zwar wurden auch “nichtjüdische” Soziologen amtsenthoben oder mußten Deutschland verlassen, aber der durch die rassistische Verfolgung vertriebene Anteil an den Hochschullehrern der Soziologie und insbesondere deren Bedeutung für das Fach waren derart, daß es in der soziologischen Theoriebildung zu einem fast völligen Stillstand kam. Das hat viele Vertreter des Faches nach dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft dazu verleitet, nachträglich gewissermaßen ein professionell reines Gewissen zu entwickeln — als sei man vor der Faszination durch faschistische Ideen schon gefeit gewesen, wenn man nur Soziologe war. Demgegenüber haben gerade neuere Forschungen deutlich gemacht, daß dieses Bild verzerrt ist, daß im “Dritten Reich” Sozialwissenschaftler sehr wohl an Universitäten forschten (sich sogar für das Fach “Soziologie” habilitieren konnten) und vor allem, daß in zahlreichen NS- und Staatsorganisationen der damaligen Zeit Soziologen (als solche) “anwendungsorientierte Forschung” betrieben, z.B. auch im Zusammenhang mit den aberwitzigen Planungen zur Auslese, zur Umsiedlung und zur Vernichtung ganzer Volksgruppen in den besetzten Gebieten des Ostens. Auch waren viele Forschungsarbeiten, mit denen nach dem Kriege der “Neubeginn” bestritten wurde, bereits zwischen 1933 und 1945 durchgeführt worden.1 Und schließlich fehlte es nichtan einer — wenn auch kleinen — Gruppe von Soziologen, die theoretisch eine völkische, eine “Deutsche Soziologie”, durch-setzen wollten.2 Wenn es mit der Selbst-Exkulpation des ganzen Faches auch nicht so gut steht, wie manche hofften, ist dennoch wahr, daß die theoretische Soziologie, von der radikalen Rechten zumeist als “bürgerlich”, “liberal”, “marxistisch” und eben auch als “jüdisch” verfemt, durch den Exodus so vieler ihrer besten Vertreter einen Substanzverlust ohnegleichen erlitt.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 2.
    vgl. z.B. Karl-Siegbert Rehberg: Deutungswissen der Moderne oder “administrative Hilfswissenschaft”? Konservative Schwierigkeiten mit der Soziologie. In: Papcke: Ordnung (Anm. 1), S. 7–47, bes. S. 42 ff.Google Scholar
  2. 3.
    Max Weber, “Über die sog. Lehrfreiheit…”, zit. nach Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild. Tübingen 1926, S. 361 f.Google Scholar
  3. 5.
    Fritz K. Ringer: Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890–1933. Stuttgart 1983 (engl. zuerst 1969), bes. S. 126 ff.Google Scholar
  4. 6.
    der Privatdozenten an deutschen Hoch-schulen jüdischen Glaubens und weitere 7% getaufte Juden, hingegen zur gleichen Zeit weniger als 3% der ordentlichen Professoren jüdischen Glaubens und weitere 4% getaufte Juden; vgl. Ringer, Die Gelehrten (Anm. 5 ), S. 127.Google Scholar
  5. 8.
    René König: Die Juden und die Soziologie (zuerst 1961). In: ders.: Studien zur Soziologie. Thema mit Variationen. Frankfurt a.M. 1971, S. 123–136, hier: S. 131 - anders Henri Peyre, der berichtet, daß Durkheim (unter dem Einfluß einer Lehrerin) für kurze Zeit von einem “mystischen Katholizismus” angezogen, jedoch früh zum Agnostiker wurde; vgl. Henri Peyre: Durkheim. The Man, His Time, and His Intellectual Background. In: Kurt H. Wolff (ed.): Emile Durkheim 18581917. A Collection of Essays. Columbus, Ohio 1960, S. 3–31, hier: S. 8. Vgl. auch Lukes: Durkheim (Anm. 7), bes. S. 40 ffGoogle Scholar
  6. 10.
    König: Juden (Anm. 8), S. 127.Google Scholar
  7. 11.
    König: Juden (Anm. 8), S. 133.Google Scholar
  8. 12.
    Ralf Dahrendorf: Soziologie und Nationalsozialismus. In: Andreas Flitner (Hrsg.): Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus. Tübingen 1965, S. 108–124, hier: 114 f.; vgl. zu demselben Topos des Soziologen als des strukturell “Fremden” auch Alfred Schütz: Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch. In: ders.: Gesammelte Aufsätze. Bd. 2: Studien zur soziologischen Theorie. Hrsg. v. Arvid Brodersen. Den Haag 1972 (engl. zuerst 1944 ).Google Scholar
  9. 14.
    Werner Sombart: Der moderne Kapitalismus. Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. 6 Bde. 6. Aufl. München/Leipzig 1924–1927 (teilw. zuerst 1916); ders.: Bourgeois; ders.: Liebe, Luxus und Kapitalismus. München 1967 (zuerst 1913 ).Google Scholar
  10. 15.
    Sombart: Juden - vgl. auch die Rezension von Julius Guttmann in: Archiv für Sozialpolitik 36 (1913), S. 149–212 sowie Anm. 19 dieses Aufsatzes. Vgl. des weiteren zu Sombarts These über den Einfluß der Juden auf die Entstehung des Kapitalismus: ders.: Bourgeois, bes. S. 337 ff. u. 383 ff. und ders.: Kapitalismus (Anm. 14). Bd. 1.2, bes. S. 635 ff. u. 896 ff.Google Scholar
  11. 18.
    Vgl. z.B. Sombart: Kapitalismus (Anm. 14). Bd. 1.2, bes. 5. Abschn. (S. 581 ff.) und ders.: Bourgeois, bes. S. 11 ff., 29 ff., 70 ff., 77 ff. u. 86 ff.Google Scholar
  12. 20.
    Sombart: Juden, S. 16; Sombart nennt für die deutschen Judenvertreibungen: Köln 1424/25; Augsburg 1439/40; Straßburg 1438, Erfurt 1458, Nürnberg 1498/99; Ulm 1499; Regens-burg 1519 und für Italien: Sizilien 1492; Neapel 1540/41; Genua und Venedig 1550.Google Scholar
  13. 21.
    Sombart gibt Hinweise auf die Urteile einiger Zeitgenossen, welche den jüdischen Einfluß auf den ökonomischen Aufschwung sehr günstig beurteilt bzw. den Zusammenhang zwischen Judenvertreibung und dem ökonomischen Niedergang der Städte gesehen hätten, nämlich Jos. F. Richter, Cromwell und Colbert - vgl. Sombart: Juden, S. 20 f.Google Scholar
  14. 23.
    Vgl. Sombart: Juden, S. 51 ff., woraus sich die Stellung der “Hofjuden” - lt. Sombart, der sich auf Graetz bezieht, während des Dreißigjährigen Krieges am Wiener Hof erfunden - in Deutschland und Österreich ableiten lasse. Zu Beispielen von “Hofjuden” vgl. ebd., S. 56 ff.Google Scholar
  15. 25.
    Vgl. zum “wirtschaftlichen Antisemitismus” z.B. Alphons Silbermann: Der ungeliebte Jude. Zur Soziologie des Antise-mitismus. Zürich 1981, bes. S. 20 ff. und ders.: Sind wir Antisemiten? Ausmaß und Wirkung eines sozialen Vorurteils in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 1982, bes. S. 53 ff.Google Scholar
  16. 26.
    Sombart referiert und zitiert zahlreiche Darstellungen von “Handelsjuden” (Sombart: Juden, S. 156 ff.).Google Scholar
  17. 27.
    Weber kritisierte aber, daß Sombart die “rationale Arbeitsorganisation”als “das Spezifische des Okzidentes” zugunsten von Entwicklungsfaktoren vernachlässigt habe - vgl. Weber: GARS I, S. 5 Anm.Google Scholar
  18. 40.
    Vgl. Weber: GARS III. Bei der Arbeit über “Das antike Judentum” handelt es sich um die nur wenig veränderte Fassung der Studie, die zuerst erschienen war in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 44 (1917/18), S.52–138, 349–443, 601–626 und 46 (1918/19), S. 40–113, 311366 und 541–604. Als komplementäre Arbeit zum gleichen Thema vgl. die Religionssoziologie in “Wirtschaft und Gesellschaft” (bes. Kap. V).Google Scholar
  19. 43.
    Im Hinblick auf den Grundbesitz zeigt sich eine Theologisierung des Rechts z.B. im “Bundesbuch”; vgl. Ex. 21, 2022.Google Scholar
  20. 44.
    Für Weber typische Priester mit astvolkstatus sind die Leviten; vgl. bes. Weber: GARS III, S. 181–200 u. 258 ff.Google Scholar
  21. 49.
    So gab es Kritik an Paulus, vor allem wegen seiner Predigt in Synagogen, also der Missionierung von Juden - vgl. Weber: GARS III, S. 430 ff.Google Scholar
  22. 51.
    Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Erste Abhandlung: “Gut und Böse, Gut und Schlecht”, bes. Abschnitte 10 ff. In: ders.: Werke in drei Bänden. Bd. 2 Hrsg. v. Karl Schlechta. München: Hanser 1973, bes. S. 782 ff.Google Scholar
  23. 52.
    Max Scheler: Das Ressentiment im Aufbau der Moralen (zuerst 1912). In: ders.: Gesammelte Werke. Bd. 3: Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze. Hrsg. v. Maria Scheler. 5. Aufl. Bern 1972, S. 33–147, hier bes.: S. 43.Google Scholar
  24. 55.
    Max Weber: Wissenschaft als Beruf (Vortrag von 1917, gedr. zuerst 1919). In: ders.: WL, S. 582–613, hier: S. 613 (lt. Schluchter soll Weber diesen 1919 gedruckten Vortrag am 7.11.1917 gehalten haben - vgl. Wolfgang Schluchter: Wertfreiheit und Verantwortungsethik. In: ders.: Rationalismus der Weltbeherrschung. Studien zu Max Weber. Frankfurt a.M. 1980, S. 236 ff., Anm. 2 u. 3); auf die Bedeutung dieser Stelle wies auch schon Jacob Taubes in seinem Referat beim Heidelberger Soziologentag hin, in: 15. Soziologentag, S. 227.Google Scholar
  25. 62.
    Brief Simmels an Husserl vom 11. 2. 1907, in BdD, S. 84.Google Scholar
  26. 63.
    So schrieb Simmel am 12.3.1907 an Husserl: “Florenz ist’mein Land’, die Heimat meiner Seele, soweit unser einer überhaupt eine Heimat hat”; in BdD, S. 85 - Unterstr. Re.Google Scholar
  27. 64.
    Simmel: Soziologie, S. 509–512.Google Scholar
  28. 65.
    Schütz: Der Fremde (Anm. 12), S. 53 ff.Google Scholar
  29. 66.
    Das “Moment der Ferne ist ihnen (den Fremden - Re) gegen-über nicht weniger generell als das der Nähe”; das drückt sich z.B. in Besteuerungsformen, etwa der mittelalterlichen Judensteuer, aus, denn die Juden wurden nicht nach wechselndem Vermögen, sondern als Jude besteuert (Simmel: Soziologie, S. 512).Google Scholar
  30. 67.
    Auffällig ist es, daß Simmel in seinem Essay über die Religion seine Beispiele allein aus dem Christentum bezog: Georg Simmel: Die Religion. Bd. 2 der Reihe “Die Gesellschaft. Sammlung sozialpsychologischer Monographien”. Hrgs. v. Martin Buber. Frankfurt a.M. 1906.Google Scholar
  31. 68.
    Allerdings hat Simmel - auch mit ausdrücklichem Hinweis auf antisemitische Benachteiligungen - manchen durch seine Vermittlung zu helfen versucht, vgl. z.B. seine Verwendung für Dr. Julius Bab, für den er wegen einer Direktorenstelle am Freiburger Theater am 9. 7. 1910 an Rickert schrieb, in BdD, S. 107.Google Scholar
  32. 69.
    S. Lozinskij: Simmels Briefe zur jüdischen Frage. In: Hannes Böhringer und Karlfried Gründer (Hrsg.): Ästhetik und Soziologie um die Jahrhundertwende: Georg Simmel. Frankfurt a.M. 1976, S. 240–243; die Briefe wurden 1924 mit kommentierenden Bemerkungen von Lozinskij veröffentlicht und ins Deutsche zurückübersetzt.Google Scholar
  33. 71.
    Vgl. dazu insbes. Eduard Baumgarten: Max Weber. Werk und Person. Dokumente. Tübingen 1964, S. 610 ff. Baumgarten teilt mit, daß man zur Zeit der russischen Revolution über Weber ähnlich wie über Simmel gesagt habe, “er ist ‘der Mittelpunkt von Russen, Polen, Juden’”; Windelband habe geäußert: “Weber lädt diesen Russen nur ein, weil er schon im Gefängnis gesessen hat”, und man habe einen Schwur Max Webers kolportiert: “Wenn ich wieder gesund bin, werde ich nur noch Russen, Polen, Juden in mein Seminar zulassen, keine Deutschen” (S. 610 ).Google Scholar
  34. 72.
    Vgl. Anm. 33 sowie zu Max Webers USA-Reise im Jahr 1904 und zu dessen Eindrücken von der “Negerfrage” (auf die er sich in seinem Diskussionsbeitrag beim 1. Deutschen Soziologentag ausrücklich bezog): Marianne Weber: Weber (Anm. 3), bes. S. 302 ff.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1987

Authors and Affiliations

  • Karl-Siegbert Rehberg

There are no affiliations available

Personalised recommendations