Advertisement

Integrationskonzepte und -modelle

  • Kai-Uwe Beger
Chapter
Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 51)

Zusammenfassung

Das vorliegende Kapitel möchte einige in Europa und den U.S.A. vorfindliche Integrationskonzepte und -modelle vorstellen, ihre Möglichkeiten und Risiken analysieren und zuletzt ihre Eignung für den deutschen Migrationskontext -vor dem Hintergrund der europäischen Einigung- diskutieren. „Integration“ ist ein komplexer, mehrdimensionaler Prozeß (strukturelle, soziale, kulturelle, identifikatorische Integration, vgl. 1.2). Da es vor allem kulturelle Aspekte der Integration sind, wie z.B. Fragen nach der „Identität“ von Zugewanderten und Ansässigen76, die sowohl in der Bundesrepublik als auch in anderen europäischen Ländern im Zentrum der öffentlichen Diskussion stehen, werden diese Aspekte vorrangig behandelt. Für die Situation in Deutschland besteht darüber hinaus Klärungsbedarf an der Stelle, wo sich kulturelle und politische Integration überschneiden, vor allem auf der Ebene der politischen Integration und der Staatsbürgerschaft, da hier bis heute noch eine „genealogische Begründung“ (vgl. Joppke 1999) der Staatsangehörigkeit erfolgt, die in ihrer Ausschließlichkeit sonst nur noch von Österreich und Griechenland ebenso rigide eingefordert wird. Im Mittelpunkt der internationalen Erfahrungen stehen die U.S.A. als „klassisches Einwanderungsland“ und Frankreich, daß als wichtigster europäischer Nachbarstaat eine Art „Gegenmodell“ verwirklicht.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 76.
    Sichtbarer Ausdruck dafür sind beispielsweise die öffentlichen Debatten um die Errichtung von Moscheen in Deutschland; die Frage, ob der Ruf des Muezzins vom Minarett ertönen darf, oder nicht; Fragen nach der “Überfremdung” Deutschlands durch Zuwanderung und Diskussionen um sog. “ethnische Kolonien”, in denen sich die Zuwanderung besonders sichtbar manifestiert (wie z.B. in Berlin-Kreuzberg, Duisburg-Marxloh oder Köln-Keuppstraße).Google Scholar
  2. 77.
    So ist z.B. nach der Wiedervereinigung in der Bundesrepublik die Stellung der Religion wieder zum Gegenstand intensiver, öffentlicher Auseinandersetzungen geworden, wie die Debatten um den “LER”-Unterricht an ostdeutschen Schulen zeigen. Auch die Diskussionen um das sog. “Kruzifix-Urteil” in Bayern legen nahe, daß die deutsche Gesellschaft auf religiös-weltanschaulicher Ebene in sich keinesfalls homogen ist.Google Scholar
  3. 78.
    Einen konkreten Vorschlag zur Ausarbeitung eines politischen Grundkonsenses in Hinsicht auf die deutschen Verhältnisse hat Günter Apel vorgelegt (Apel 1992, 99–107). Er beinhaltet als verbindliche Mindestforderung für Einheimische und Zuwanderer die Achtung vor der Menschenwürde; die Freiheit der Persönlichkeit, die Gleichheit aller vor dem Gesetz, die Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit, den Schutz der Familie, der Kinder und das Elternrecht; die staatliche Verantwortung für das Schulwesen und die demokratischen Grundlagen der staatlichen Ordnung.Google Scholar
  4. 79.
    Also auf einer Art Verfassungspatriotismus: „Im freiheitlichen Verfassungsstaat ist deshalb nicht die kulturelle Homogenität, sondern der Wille zur gemeinsamen demokratischen Ordnung das zentrale Moment politischer Integration.“ Vgl. Sutor 1995, 6.Google Scholar
  5. 80.
    Die Politisierung von „race“ in emanzipatorischer Absicht seit den 60er Jahren führte dort allerdings zu einer starken Betonung „ethnischer Identität“, die in darauf basierenden Gruppenforderungen (affirmative action) mündete. In den 90er Jahren ist zwar eine steigende öffentliche Ablehnung gegenüber ethnischen Präferenzen und Privilegien, auch in den Minderheitengruppen selbst, erkennbar, so daß dieFederal Commission for Immigration Reform in ihrem Abschlußbericht zu einer Reform der Einwanderungspolitik die Bundesregierung auffordert, Einwanderer gezielt zu „amerikanisieren“, was aber nicht bedeutet, den weißen Nativismus der Jahrhundertwende wiederzubeleben, sondern vielmehr, daß Einwanderer lernen sollen, „andere Kulturen und ethnische Gruppen zu respektieren “ (vgl. Joppke 1999, 39).Google Scholar
  6. 81.
    Einen Überblick über die Situation chinesischer Migranten bietet die Ausgabe “The Chinese Diaspora in Western Countries” der Zeitschrift “Revue Européenne des Migrations Internationales”, Band 8, Nr. 3, 1992 und darin insbesondere der Artikel von Kwok Bun Chan über “Ethnic Resources, Opportunity Structure and Coping Strategies: Chinese Business in Canada”, ebd., S. 117–135.Google Scholar
  7. 82.
    „ (...) die niedergelassene Einwanderungsbevölkerung [baut] transnationale Netze auf, vor allem privilegierte Wege des Verkehrs und des Handels mit dem Herkunftsraum” (vgl. Angenendt/Fischer/Morokvasic 1994, 81).Google Scholar
  8. 83.
    Heckmann betont anhand historischer Beispiele (dänische Minderheit und “Ruhrpolen” zu Beginn des Jahrhunderts), daß ein übermäßiger Assimilationsdruck ohnehin wenig Aussicht auf Erfolg hat, sondern vielmehr eine verstärkte “ethnische” Abwehrhaltung provoziert (vgl. Heckmann 1995, 51).Google Scholar
  9. 84.
    Vgl. Perotti/Toulat 1990. Interessant an dieser Stelle ist, daß sich Diskussionen um das Tragen des islamischen Schleiers in staatlichen Schulen nicht allein auf europäische Einwanderungsländer beschränken, sondern in einer recht ähnlichen Weise auch in manchen islamischen Ländern stattfinden: so war z.B. auch in Ägypten Gegenstand der Debatte, ob Mädchen eine bestimmte islamische Kopf- und Gesichtsbedeckung (den niqâb) in der Schule tragen dürfen oder nicht (vgl. Bälz, 229–240); in der „laizistischen“ Türkei ist es selbst gewählten Volksvertreterinnen der islamistischen Partei nicht gestattet, mit Kopftuch an einer Parlamentssitzung teilzunehmen. Die Frage nach der Rolle der Religion im Hinblick auf die Trennlinie zwischen öffentlicher und privater Sphäre ist also nicht migrationsspezifisch, sondern eine allgemeine und grundlegende in einer jeden Republik.Google Scholar
  10. 85.
    Nach Auskunft der jeweiligen Parteien im Jahr 1998.Google Scholar
  11. 86.
    Vgl. hierzu auch die klassische Studie von Thomas/Znaniecki, die feststellten, daß ethnische Gruppenbildung den Aufprall der Migranten in der neuen Gesellschaft abfedern konnte. Es werden dort wichtige materielle und symbolische Ressourcen bereitgestellt. Im Kontext einer unideologischen Politik wirkte sie letztlich assimilatorisch, die Ethnizität der Migranten schrumpfte schließlich zu bloß „symbolischer Ethnizität“, welche sich mit ethnisch anonymen politischen Konzepten von Nation und Staatsbürgerschaft ergänzt (vgl. Joppke 1999, 40).Google Scholar
  12. 87.
    Vgl. Stellungnahmen zur Anhörung, in: Enquete-Kommission Demographischer Wandel (1997)Google Scholar
  13. 88.
    Vgl. Brubaker(1994, 24).Google Scholar
  14. 89.
    Birnbaum erläutert vor diesem Hintergrund, daß: “As bearers of another culture, immigrants are believed to be incapable of integrating into German culture which is transmitted more or less biologically” (Birnbaum 1992, 382). In der empirischen Praxis deutlich wurde dieses Phänomen in einer international-vergleichenden der Befragung von eingebürgerten Migranten aus dem sub-saharischen Afrika: während sie sich in Frankreich gern und häufig als “Franzosen” bezeichneten, waren vergleichbare Aussagen von in der Bundesrepublik eingebürgerten Migranten kaum anzutreffen gewesen. Letztere wiesen vielmehr auf die verbreitete Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft hin: für manche Migranten war diese Ablehnung ein wesentlicher Grund dafür, von einer Einbürgerung sogar in den Fällen abzusehen, in denen ein Rechtsanspruch auf sie besteht (vgl. Nebel 1998).Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2000

Authors and Affiliations

  • Kai-Uwe Beger

There are no affiliations available

Personalised recommendations