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Ängste und Träume — Erwachsenwerden im Kondomzeitalter

  • Renate-Berenike Schmidt
  • Michael Schetsche
Part of the Reihe Schule und Gesellschaft book series (SUGES, volume 17)

Zusammenfassung

Als wir dieses Buch konzipierten, haben wir lange darüber nachgedacht, welchen Stellenwert die Bedrohung Jugendlicher durch Aids darin haben sollte. Dieses Thema erschien uns angesichts der Entwicklung der sexualpädagogischen Diskussionen in den neunziger Jahren zunächst (fast) obsolet. Wenn wir der Aidsprävention und den psycho-sozialen Auswirkungen der Krankheit letztlich doch ein eigenes Kapitel gewidmet haben, so liegt dies nicht so sehr daran, daß das Projekt, über dessen Ergebnisse wir hier berichten, dem Kontext sozialwissenschaftlicher Aids-Forschung entstammt (ein Hintergrund, der weder verheimlicht werden kann noch soll), vielmehr sind es die Ausführungen der befragten Schüler und Schülerinnen selbst, die uns zu einem umfangreicheren Bericht motiviert haben. Sie zeigen — wir nehmen dies einmal vorweg -, daß die schulische Aids-Aufklärung zwar bei weitem nicht alle Interessen der Jugendlichen bedient, aber von erheblicher Bedeutung für ihr Wissen und ihre Einstellungen ist — das heißt: ihre sexuelle Sozialisation in hohem Maße mitbestimmt.1

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Literatur

  1. 1.
    Unsere Ergebnisse stehen damit in deutlichem Widerspruch zu denen von Kleiber u. a. (1990: 51–54), wonach die befragten Jugendlichen der schulischen Aufklärung nur geringe Bedeutung zusprechen, sie auch gar kein Interesse an weitergehender schulischer Information haben.Google Scholar
  2. 2.
    So Kluge 1990 in einer Zusammenschau.Google Scholar
  3. 3.
    1995/1996 wurden knapp 62 Prozent der Aids-Erkrankungen in Deutschland auf Infektion durch Geschlechtsverkehr zurtickgeführt (AIDS-Forschung 11: 275).Google Scholar
  4. 4.
    In diesem Sinne schon Paulich 1987: 111f. — vgl. dazu die Vorschläge bei Müller-Doohm/ Belschner 1993: 203f.Google Scholar
  5. 5.
    So wird in der Untersuchung von Gunter Schmidt u. a. (1993) auf die Rolle der Schule bei der Aids-Prävention mit keinem Wort eingegangen, obwohl die Rekrutierung der Interviewpartnerinnen dort fast ausschließlich in Schulen stattfand. Ähnlich sieht es bei der Untersuchung von Peter Schmidt u. a. (1994) aus: Obwohl mehr als 40 Prozent der Befragten zum Zeitpunkt beider Interviews SchülerInnen waren, wurde die Frage der schulischen Aufklärung schlicht ausgeklammert.Google Scholar
  6. 6.
    In Fünf-Jahres-Kohorten aufgeteilt, ist der Anteil der Altersgruppe der 15– 19jährigen an den HIV-Positiven (mit ca. 2,2 Prozent im Jahr 1996) geringer als bei allen anderen Kohorten der unter 60jährigen (Daten nach: AIDS-Forschung 11: 277, Quartalsbericht 1/1996).Google Scholar
  7. 7.
    Einer von uns — der Autor — konnte dies bereits 1987/88 aus den Reaktionen auf den Antrag für ein Forschungsstipendium folgern, in dessen Rahmen er die sexualpolitische Dimension der damaligen Aids-,Aufklärung ‘ untersuchen wollte.Google Scholar
  8. 8.
    Gleiches gilt offenbar für junge Erwachsene (Studierende): vgl. Bardeleben u. a. 1988; Böhm/Rohner 1988.Google Scholar
  9. 9.
    Auch in der parallel durchgeführten Gießener Untersuchung (Jugendliche und junge Er-wachsene bis 24) meinten die Befragten mehrheitlich, daß Aids sie zu Verhaltensänderungen motivieren würde (vgl. Schmidt u. a. 1994: 125).Google Scholar
  10. 10.
    Offensichtlich ist es die Ausnahme, wenn über Kondome ausführlich informiert wird oder wenn gar,praktische Übungen‘ (z. B. am Holzmodell) durchgeführt werden. „Siebzig Prozent der Leute, die sich zum ersten Mal einen überziehen, die wissen das gar nicht. Die würden das garantiert falsch machen.“ (Jo, 17, Gymnasium).Google Scholar
  11. 11.
    Anders sehen hier die Ergebnisse des Berliner Schoolworker-Programms aus: Ganz eindeutig sprachen sich die SchülerInnen für den Unterricht durch Externe aus (Oswald u. a. 1991: 106). Die große Akzeptanz der Schoolworker wurde darauf zurückgeführt, daß diese im Gegensatz zu den Lehrkräften nicht über Sanktionsmöglichkeiten verfügen würden (ebd.: 85). Im Gegensatz zu den Berliner Jugendlichen waren die von uns Befragten allerdings sehr skeptisch, ob sie Fremden gegenüber mit der notwendigen Offenheit begegnen könnten.Google Scholar
  12. 12.
    Ängste haben stets einen hohen emotionalen Anteil, sie als,realistisch‘ bzw. als,Realängste‘ einzuordnen, meint hier nichts anderes, als daß es auf Basis des (angenommenen) Wissensstandes des betreffenden Individuums auch gute Gründe für sie gibt. Als,irreal‘ bezeichnen wir hingegen Ängste, die verstandesmäßig betrachtet unsinnig sind. Diese Unterscheidung wird dabei rein analytisch von außen (nämlich von uns) gesetzt, im Empfinden der Subjekte können beide Arten von Ängsten identisch sein.Google Scholar
  13. 13.
    Zu bedenken ist auch, daß die Befragten ihre ersten partnerschaftlichen Erfahrungen erst gemacht haben, als in der Öffentlichkeit bereits heftig über Aids diskutiert wurde. Daher können Präventionskampagnen sich bei ihnen nicht in Form individueller Verhaltensänderungen niederschlagen.Google Scholar
  14. 14.
    Hierbei ist grundsätzlich zu unterscheiden, ob die Jugendlichen zu dieser Einschätzung gekommen sind, nachdem sie sich in irgendeiner Form mit der Problematik auseinandergesetzt haben, oder ob sie sich mit Aids noch gar nicht beschäftigt haben. Diese Position bleibt unberücksichtigt. Bei aller Vorsicht, die aufgrund unserer geringen Fallzahl angebracht ist, handelt es sich wohl nur um eine Minderheit von Jugendlichen, die das Problem Aids überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hat.Google Scholar
  15. 15.
    Wir verzichten auf eine exakte Quantifizierung der Verteilung der vier Grundmuster nicht nur aufgrund der eher geringen Zahl der von uns Befragten, sondern auch, weil es sich um idealtypische Muster handelt, die den einzelnen Jugendlichen nicht in jedem Fall eindeutig zugeordnet werden können. Die Argumentation mancher Befragten enthält Bestandteile mehrerer dieser Muster, einige andere lassen sich hier auch gar nicht einordnen. Daß eine Sichtweise dominiert, heißt nichts anderes, als daß wir sie in der Mehrheit der Interviews vorgefunden haben.Google Scholar
  16. 16.
    Diese Feststellung wurde durch die quantitative Hamburger Untersuchung (Klusmann u. a. 1993) bestätigt.Google Scholar
  17. 17.
    Siehe dazu: Kleiber u. a. 1990: 57–80; Oswald/Pforr 1991; Riegraf 1992; Belschner/MüllerDoohm 1993: 31–32, 110–118; Schmidt u. a. 1994: 114–115.Google Scholar
  18. 18.
    Daß Kondome bei Jugendlichen als Verhütungsmittel eine wichtige Rolle spielen, zeigen auch die Ergebnisse quantitativer Untersuchungen — vgl. Knopf/Lange 1993 und Schmidt u. a. 1994.Google Scholar
  19. 19.
    Zur Bedeutung von Einstellungen und Verhalten in der Peergroup vgl. auch Kleiber u. a. 1990: 46; Schmidt u. a. 1994: 107.Google Scholar
  20. 20.
    Daß sie damit nicht allein steht, zeigen Belschner und Müller-Doohm 1993 112f.Google Scholar
  21. 21.
    Dieses Problem wurde jedoch nur von weiblichen, nicht von männlichen Befragten geschildert. Daß der Erektionsverlust bei Männern extrem negativ besetzt ist, könnte der Grund dafür sein, daß diese realen Schwierigkeiten in der Forschung wie bei der Planung von Präventionskampagnen oftmals,vergessen‘ werden. Dieser Zusammenhang relativiert unseres Erachtens auch einige Aussagen der jungen Männer über die relativ problemlose Benutzung — wir können nicht ausschließen, daß dies einer der Punkte ist, an denen die Aussagen mancher der männlichen Befragten bewußt,geschönt‘ waren.Google Scholar
  22. 22.
    Wie die Hamburger Untersuchung zeigen konnte, hängt dies wohl auch damit zusammen, daß Kondome als Mittel der Empfängnisverhütung an Ansehen gewonnen haben (Knopf und Lange 1993). In unseren Interviews berichten die Jugendlichen am seltensten über Probleme der Kondombenutzung, die sie primär zur Empfängnisverhütung einsetzten. Schwierigkeiten treten demgegenüber verstärkt dann auf, wenn Präservative nur als Schutz vor Aids angesehen werden.Google Scholar
  23. 23.
    Möglicherweise argumentiert Olivia hier nicht ganz offen. Sie weiß, daß sie zu der Minderheit der jungen Frauen ihrer Alterskohorte gehört, die noch,Jungfrau` sind. Obwohl sie da.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1998

Authors and Affiliations

  • Renate-Berenike Schmidt
    • 1
  • Michael Schetsche
    • 1
  1. 1.BremenDeutschland

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