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Erwartungen und Enttäuschungen — Sexualerziehung aus Sicht der SchülerInnen

  • Renate-Berenike Schmidt
  • Michael Schetsche
Part of the Reihe Schule und Gesellschaft book series (SUGES, volume 17)

Zusammenfassung

Forderungen nach einer systematischen Sexualerziehung in der Schule sind im deutschsprachigen Raum nicht erst in den sechziger Jahren im Rahmen der Veränderungen erhoben worden, die gemeinhin als ‚sexuelle Revolution‘ bezeichnet werden, sondern haben eine Vorgeschichte schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik1. In der Bundesrepublik setzte sich die Auffassung, daß der Schule ein eigenständiger sexualpädagogischer Erziehungsauftrag zuzusprechen sei, dennoch nur sehr allmählich durch (Ockel 1961, Schliebe-Lippert 1961, Schwartz 1962, Rünger 1967). Erst die Akzeptanz dieses Gedankens — sowohl in der pädagogischen Diskussion als auch in der Bildungspolitik — ermöglichte schließlich die Einführung einer systematischen Sexualerziehung in allgemeinbildenden Schulen. Eine offizielle Richtlinie für schulische Sexualerziehung gab es im Land Berlin bereits seit 1959, aber erst ein knappes Jahrzehnt später — im Oktober 1968 — einigten sich die Kultusminister der Bundesrepublik auf eine gemeinsame Empfehlung. In den darauffolgenden Jahren wurden für die einzelnen Bundesländer entsprechende Bestimmungen vorgelegt.

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Literatur

  1. 1.
    Über diese Vorgeschichte w berichten, ist hier nicht der Ort — ein Überblick findet sich bei Schmidt 1994: 31–43.Google Scholar
  2. 2.
    Verbunden insbesondere mit den Namen Tobias Brocher und Horst Scarbath.Google Scholar
  3. 3.
    Die zusammenfassende Darstellung bei Janssen gibt jedoch keine Auskunft darüber, ob derGoogle Scholar
  4. 4.
    Näheres zum Urteil und den Folgediskussionen findet sich bei Schmidt 1994: 79–90.Google Scholar
  5. 5.
    Die,eigentliche Sexualerziehung` war von der Wissensvermittlung abgekoppelt. Während letztere im Unterricht nicht von der Zustimmung der Eltern abhängt, konnten (bis 1994) Eltern, die in einer darüber hinausgehenden Sexualerziehung ihr elterliches Erziehungsrecht und ihre Wertvorstellungen tangiert sahen, ihre Kinder vom Unterricht befreien lassen (vgl. Schulgesetz zur Sexualerziehung von 1983 und die entsprechende Richtlinie 1984). Inzwischen sind die Bestimmungen formal an die in den anderen Bundesländern angepaßt worden.Google Scholar
  6. 6.
    Allerdings gibt es aktuell wieder verstärkt Bestrebungen konservativer Pädagoginnen und Jugendschützerinnen, Abbildungen nackter Menschen aus der Sexualpädagogik zu verbannen. Einen Überblick über diese Bestrebungen — und die erschreckend geringe Gegenwehr — gibt das Heft 1–2/1997 der DGG-Informationen.Google Scholar
  7. 7.
    Glück zeigt allerdings auf, daß die Eltern mehrheitlich der Schule eigentlich nur eine bio- logisch orientierte Sexualerziehung zusprechen mögen (1990: 139–141).Google Scholar
  8. 8.
    Wir meinen aber auch, daß dies wohl eher der Vergangenheit angehört. Es ist immerhin schon mehr als 10 Jahre her, daß Rudolf Müller (1984) sich mit diesen Allmachtsphantasien — auf ironische Art und überaus lesenswert — auseinandergesetzt hat. Und unseres Wissens hängt die Mehrzahl der Sexualpädagoginnen und Sexualpädagogen heute solchen Vorstellungen nicht mehr an.Google Scholar
  9. 9.
    Mit ihm hat der Senator für Bildung, Wissenschaft und Kunst eine inhaltlich geschlossene Konzeption von Sexualerziehung vorgelegt, die Ober die meist recht unverbindlichen Richtlinien der anderen Bundesländer deutlich hinausgeht. Sexualerziehung wird darin als fächerübergreifendes und Ober die gesamte Schulzeit verteiltes Unterrichtsthema festgeschrieben. Die Thematisierung der Sexualität soll bereits in der ersten Klasse beginnen. Bis zum Ende der Sekundarstufe I sind für jedes Schuljahr Themenkomplexe benannt, die Ober die Vermittlung,biologischer Fakten’ hinausreichen. Der Leitfaden geht davon aus, „daß die menschliche Sexualität als wichtiger Teilbereich der Persönlichkeit weniger biologisch als vorrangig sozial gedeutet werden muß“ (Senator für Bildung, Wissenschaft und Kunst 1987: 3). Konsequenterweise erscheinen bereits in den Vorgaben für die Grundschule Fra-Google Scholar
  10. 10.
    Wenn wir auch davon ausgehen, daß die Behandlung bestimmter Themen im Unterricht von Schülern und Schülerinnen durchaus in relativ kurzer Zeit,vergessen` werden kann, halten wir es doch für eher unwahrscheinlich, daß dies einen ganzen Themenkomplex betreffen sollte — noch dazu einen, der (wie die Sexualerziehung) stark emotional besetzt ist. Wir halten diese,Fehlanzeigen` deshalb für tendenziell realitätsgerecht.Google Scholar
  11. 11.
    Die Evaluation des Berliner Schoolworker-Programms erbrachte ein ähnliches Ergebnis (Oswald u. a. 1991: 69f.).Google Scholar
  12. 12.
    Es scheint, daB auch heute noch in den Familien (und zwar von den Müttern) eher mit den Töchtern als mit den Söhnen Gespräche über Sexualität geführt werden. Auch reden Jungen mit Freunden seltener über Sexualität als Freundinnen untereinander. Wir haben dies im vorigen Kapitel ausführlich behandelt.Google Scholar
  13. 13.
    Inzwischen — 1997 — gestrichen, teilweise aber durch die Neufassung des § 182 StGB ersetzt.Google Scholar
  14. 14.
    An anderer Stelle konnte die Autorin sogar nachweisen, daß die Thematisierung der Homosexualität in den zentralen Medien fair die Sexualerziehung, den Biologiebüchern, abnimmt (Schmidt 1994: insbesondere 235f.).Google Scholar
  15. 15.
    Auch der neutrale Ton beim Nachfragen —,Habt Ihr dieses oder jenes im Unterricht behandelt? — ändert natürlich nichts daran, daß das genannte Thema im Gespräch als von der Interviewerin für wichtig gehalten markiert wird. In solchen Fällen der Themensetzung ist es sehr schwierig zu unterscheiden, in welchem Umfang es sich um eigenes oder interviewinduziertes Interesse am Thema handelt. Die Bereitschaft der Interviewten zur Anpassung an die Interessenschwerpunkte der Forschenden darf auf keinen Fall unterschätzt werden.Google Scholar
  16. 16.
    Unser Bericht kann und muß deshalb entsprechend kurz ausfallen.Google Scholar
  17. 17.
    Außengeleiteter Sozialcharakter’ nennt man das seit David Riesman.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1998

Authors and Affiliations

  • Renate-Berenike Schmidt
    • 1
  • Michael Schetsche
    • 1
  1. 1.BremenDeutschland

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