Advertisement

Zur Typologie von Parteiorganisationen. Rahmen-, Massenintegrations-, Volkspartei — und retour?

  • Karsten Grabow
Chapter
Part of the Sozialwissenschaft book series (SozWi)

Zusammenfassung

Die Bildung von Idealtypen ist in den empirischen Wissenschaften von großer Bedeutung. Angesichts der Vielfalt der beobachteten Erscheinungen stellt sich allein des reinen Erkenntnisinteresses wegen die Frage, ob sie nicht ein Minimum gemeinsamer Merkmale aufweisen, die es erlauben, sie einer Klasse oder einem Typ zuzuordnen. Ohne dieses Ordnungsproblem blieben Beobachtungen immer genau das, was sie zunächst sind, nämlich Einzelfälle mit all ihren Eigenarten. Ein weiterer Grund liegt in der Notwendigkeit, klar definierte Begriffe zu bilden, so daß Leser wissenschaftlicher Arbeiten wissen, wovon die Rede ist.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Manfred Hättich (1967) beispielsweise orientiert sich in einer möglichen Typologie an drei Aspekten: Erstens der Stellung der Parteien innerhalb der politischen Ordnung („verfestigte Regierungspartei“vs. „verfestigte Oppositionspartei“), was allerdings wenig hilfreich ist, da über die beiden möglichen Vergleichsebenen (Raum, z.B. einzelne [Bundes-]Länder oder Zeit) kaum eine Partei unter den Bedingungen der parlamentarischen Demokratie auf eine dieser Stellungen auf Dauer „gebucht“ist, zweitens der Zielsetzung (Klientel- oder Interessen- vs. Volks- oder gemeinwohlorientierten Partei) und drittens der Struktur politischer Parteien, wobei er diesbezüglich den Darlegungen Duvergers (s. u.) folgt. Andere Vorschläge zur Typenbildung (z.B. Wiesendahl 1980) orientieren sich ebenfalls an der Zielstellung sowie an der Ideologie der Parteien, wenngleich dies oftmals weniger mit empirischen Parteiorgamsationstypen, sondern mit einer normativen Akzentuierung in der Forschung zu tun hat, ob man von Parteien neben dem für alle Parteien geltenden Aspekt der Stimmenmaximierung auch Integrations- oder inhaltliche Transmissionsaufgaben erwartet. Für die folgende Beschreibung der wesentlichen Merkmale der Organisationstypen, ihrer Erscheinungsformen und die Bedingungen für den Übergang von einem Typ auf den nächsten beziehe ich mich ausdrücklich auf solche Typen, die in westeuropäischen Staaten erschienen sind und lege, im Anschluß an Duverger (1959), Kirchheimer (1965) sowie Katz und Mair (1990, 1995) eine historischen Herangehensweise zugrunde. Dabei orientiere ich mich an Duvergers Argument (1959: XI), daß sich Parteitypen hauptsächlich nach der Art ihrer (lokalen) Organisation, weniger durch ihre Programme oder ideologische Bekenntnisse bestimmen ließen.Google Scholar
  2. 2.
    Innerhalb der folgenden Darstellung beschränke ich mich auf den auch in der Literatur häufig anzutreffenden strukturfunktionalistischen Ansatz. Dieser benennt zwar die Bedingungen für die Entstehung einer Parteiorganisation und deren Wandel, doch es mangelt ihm an sogenannten „Mikrogrundlagen“, welche deutlich machen, wie Parteiaktivisten auf die strukturellen Bedingungen reagieren und die Organisation ggf. verändern (dazu s. Kitschelt 1989a: 43–8, Müller 1997, ‘sowie Kap. 2,4.5 und 7.4 dieser Arbeit).Google Scholar
  3. 3.
    Auf die Organisation kommunistischer Parteien, namentlich die der KPD, gehe ich hier nicht näher ein, da sie erst später nach Abspaltung von der SPD entstand (s. z.B. Schorske 1981). Allgemeine Ausführungen finden sich bei Duverger (1959: 46–54 und 209–14). Interessant sind jedoch mit Blick auf die Organisation der Blockparteien in der ehemaligen DDR, auf die ich in Kapitel 3 eingehen werde, zwei Strukturmerkmale. Erstens, die Betriebszelle als Grundelement der Parteiorganisation, zweitens die elitäre Komponente der Parteiführung durch Berufsrevolutionäre“, die auf Parteischulen ausgebildet wurden.Google Scholar
  4. 4.
    Für eine ausführliche Darstellung zu den Bedingungen der Organisationsbildung der Sozialdemokratie in Deutschland siehe z.B. Detlef Lehnert (1983: 67–77). Der Weg des Zentrums zur Massen-partei einschließlich der politischen Bedingungen ist beispielsweise sehr detailliert von Stathis Ka-lyvas (1996: 204–15) analysiert und dargestellt worden.Google Scholar
  5. 5.
    Der Einwand, daß auch eine kleine, unter Umständen sogar diskontinuierlich aktive Parteiorganisation Massenpartei sein kann, wenn sie aufgrund ihrer Programmatik versucht, potentiell alle Wählerinnen und Wähler zu erreichen, ist mir bekannt. Dies ist jedoch eine primär strategische Frage und sollte auch als solche behandelt werden. Beim Versuch verschiedene Parteitypen voneinander zu unterscheiden halte ich es um der Klarheit der Begriffsbildung halber jedoch für sinnvoll, sie in erster Linie nach der Art ihrer Organisation zu definieren (s. Duverger 1959: XI) und nicht danach, an wen sie sich wendet.Google Scholar
  6. 6.
    Nach Kirchheimer (1965: 30) ist eine strukturelle Voraussetzung für den Wandel zur Aller-weltspartei, daß es sich um eine große (Mitgliedschaft und Wähleranteil) und landesweit aktive Partei mit nationalem Regierungspotential und nicht um eine Klientel- oder Regionalpartei handelt. Wenn von deutschen Volksparteien die Rede ist, dann meistens mit Blick auf SPD und CDU. Die CSU zählen zwar einige hinzu (z.B. Mintzel 1975, 1984), die Partei bleibt aufgrund ihrer Begrenzung auf Bayern jedoch ein Sonderfall. Hier zeigt sie allerdings angesichts der Sozialstruktur ihrer Anhängerschaft, ihres ‘electoral appeals’ und der Art ihrer lokalen Organisation unbestritten Merkmale einer Volkspartei.Google Scholar
  7. 7.
    Die kursiv gesetzten Merkmale gelten für beide Typen: Massenintegrations- und Volksparteien.Google Scholar
  8. 8.
    Unbestritten ist, daß die Wahlorientierung primäres Ziel jeder Partei ist, die sich zur Teilnahme am politischen Wettbewerb entschließt, unabhängig davon, ob es sich um eine klassische Honoratiorenvereinigung, eine Massenpartei mit Klassenbasis oder eine für alle Bevölkerungsgruppen offen stehende Volkspartei handelt (s. Schlesiner 1984, Przeworski 1985). Worauf die Unterscheidung letztlich hinausläuft, sind die Relationen in den Parteien für den weiteren Ausbau bzw. den Erhalt der Mitgliederorganisation und der Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel für Öffentlichkeitsarbeit und Wahlkampfführung, d. h. welche Organisationsstrategien Priorität haben (s. u. sowie 7.4).Google Scholar
  9. 9.
    Wolfgang Müller (1997) hat dies am Beispiel der österreichischen Sozialdemokratie (SPÖ) gezeigt und in seiner Arbeit den sogenannten ‘environmentalist’- mit dem ‘purposive-action’-Ansatz verbunden. Er argumentiert, daß sich angesichts veränderter Umweltbedingungen (z.B. steigende Wählervolatilität, s. 4.5, 7.1 und 7.7) Organisationsschwerpunkte nicht „von allein“ändern, sondern der Wechsel der die Partei kontrollierende Gruppen (z.B. Traditionalisten, Organisationsbefürworter vs. Modernisierer, Marketingbefürworter) und der Austausch der Parteiführung Faktoren sind, die innerparteilichen Wandel erklären.Google Scholar
  10. 10.
    Robert Michels’ wenig schmeichelhafte Ausführungen über das „Verehrungsbedürfnis der Massen“die ihrerseits „weltlicher Götter“bedürfen oder seine Bemerkung, daß in die Arbeiterwohnstuben neben die Luther- auch Bebelporträts gehängt wurden, mögen das illustrieren (s. Michels 1989:46ff.).Google Scholar
  11. 11.
    Katz und Mair verwenden zwar mit der „Kartell-Partei“einen anderen Begriff als Panebianco mit der wahl-professionellen Partei, doch liegt auch hier das Argument zugrunde, daß sich Parteien nicht nur von der Unterstützung einer aktiven lokalen Basis unabhängig machen, sondern zunehmend auch vom Ausgang der Wahlen, da die Vertreter während ihrer Amtszeit langfristig irreversible Fakten schaffen (Zuteilung öffentlicher Posten an die Parteien über Jahre, z.B. die Ernennung von politischen Beamten auf Bundes- und Landesebene sowie in kommunalen Behörden, Rundfunkräten usw.) und sich so den Zugang zu Machtpositionen auf Dauer sichern (siehe z.B. Scheuch 1992, Der Spiegel, 26,1998). Richard Katz und Peter Mair haben dieses Argument in einem Artikel veröffentlicht (1995), der eine überarbeitete Fassung des 1992er Papiers ist. Das o.g. Zitat ist in dem Artikel zwar nicht mehr enthalten, sinngemäß blieb die Aussage aber bestehen (1995: 20–1).Google Scholar
  12. 12.
    Die Frage, um welche Organisationstypen es sich bei den westdeutschen SPD- und CDU- Verbänden heute handelt, steht im Mittelpunkt der folgenden Kapitel (s. dazu Kapitel 2,5, 6 und 9).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2000

Authors and Affiliations

  • Karsten Grabow

There are no affiliations available

Personalised recommendations