Roth, Clémentine: Why Narratives of History Matter. Serbian and Croatian Political Discourses on European Integration, 372 S., Nomos, Baden-Baden 2018.

Dass Sprache eine eigene Macht hat, gilt in den Geisteswissenschaften mittlerweile als intellektuelles Allgemeingut. In den Sozialwissenschaften scheint das noch nicht überall so zu sein. Clémentine Roth nimmt sich daher in dieser 2017 an der Universität Bremen angenommenen Dissertation vor, das Studium von Narrativen und ihren Wirkungen stärker in der Politikwissenschaft zu etablieren. Sie möchte erfahren, wie Geschichtserzählungen dazu dienen, den Weg Kroatiens und Serbiens in die Europäische Union zu (de)legitimieren.

Ihre Quellen sind recht breit gestreut, Roth sucht nach historischen Bezügen in juristischen und politischen Dokumenten beider Länder, in Parteiprogrammen, Parlamentsdebatten und schulischen Geschichtsbüchern. Außerdem hat sie 19 Experteninterviews in Belgrad und Zagreb geführt. Um das Material übersichtlich zu halten, konzentriert sie sich auf bestimmte politische Ereignisse: Etwa die Grundsatzentscheidung, einen EU-Beitritt anzustreben, die Unterzeichnung und Ratifizierung von Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAP), oder den Nexus von EU-Beitritt und offenen Territorialfragen. Weitgehend ausgeschlossen aus ihrem Fokus bleiben Wertedebatten über die Rolle von Religion, Tradition, Familie, über Geopolitik, die wirtschaftlichen Folgen eines EU-Beitritts und anderes mehr.

Man kann der Autorin nicht vorwerfen, sich zu wenige theoretische Gedanken gemacht zu haben, im Gegenteil. Bis Seite 101 geht es ausschließlich um Theorie und Methode, die eigentliche Untersuchung der Quellen beginnt erst auf Seite 197 und macht damit weniger als die Hälfte des Buchs aus. Das ist etwas frustrierend für Leser, die möglichst schnell an den ‚Stoff‘ kommen wollen, aber immerhin – in Roths Forschungsdesign scheint alles seinen Platz zu haben. Sie definiert ein Narrativ als „cognitive shortcut“, mit dem eine Fülle von Informationen in geordnete, mit Bedeutung versehene Daten transformiert wird, die schnell und effizient verstanden werden können (S. 65). Roth formuliert idealtypische Rollen, die in einer Erzählung über den EU-Beitritt verteilt werden können – jene des Helden, des Opponenten oder des Helfers, der den Helden unterstützt (S. 69). Besonders wichtig ist ihr der Begriff des „Topos“, den sie anstelle von „Mythos“ verwendet. Mit beiden sind kulturell stabilisierte, identitätsstiftende Elemente von Erzählungen gemeint, aber der Begriff des Mythos werde alltagssprachlich mit Unwahrheiten oder ideologischen Verengungen verbunden, wogegen der Topos-Begriff weniger belastet sei und neutraler daherkomme (S. 74).

Beispiele für Topoi sind etwa das Thema der Entfremdung von Europa oder das eigene Opfersein; diese Topoi können, so zeigt Roth, sehr flexibel in Narrative eingebaut werden, müssen also nicht im Namen der EU-Integration als solche bekämpft werden – entscheidend ist eher ihre narrative Rahmung. Dies macht sie später an serbischen Parteien wie der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS) und der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) klar, die ihre Gesellschaften an die EU heranführen und dabei den Opfertopos so bedienen, dass der EU-Beitritt als mögliche Überwindung der Opferrolle erscheint, indem man dadurch im ‚Club‘ mitsprechen könne, anstatt dass dieser über das eigene Land (und womöglich zu dessen Schaden) entscheide (S. 318).

Roth stellt fest, dass sich Kroatien seine EU-Integration als „Heimkehr in ein Haus“ erzählt, zu dem es eigentlich schon immer gehörte und aus dem es nur durch das missglückte jugoslawische Experiment zeitweilig ausgeschlossen war (S. 207–210). In Serbien geht dagegen ein tiefer Riss durch die politische Elite hindurch, wenn es um die Frage der EU-Integration geht (S. 149). In der jüngsten Vergangenheit, das heißt seit den Jugoslawienkriegen, wird die EU in Kroatien überwiegend als Helferin gesehen, in Serbien dagegen oft als Gegnerin, etwa als treibende Kraft hinter der Abtrennung des Kosovo. Die Vorteile eines EU-Beitrittes werden gegen diese Erfahrungen abgewogen, wobei die Schlussfolgerungen von Lager zu Lager unterschiedlich, überwiegend aber ambivalent ausfallen. Diejenigen, die sich in Serbien am eindeutigsten für den EU-Beitritt aussprechen, argumentieren am wenigsten mit Geschichte – wohl, weil sie davon ausgehen, dass die kollektive Erinnerung der Nation zu vergiftet sei, um im EU-Beitrittsprozess positiv abgerufen werden zu können.

Aufmerksame Beobachter werden von diesen Befunden nur wenig überrascht sein, spiegeln sie doch weitgehend die Beziehungen Serbiens und Kroatiens zum ‚Westen‘ seit 1991. Interessanter sind da schon die Beobachtungen, die Roth zum Topos „EU als Imperium“ gemacht hat. Die EU versteht sich bekanntlich nicht als ein solches und man könnte leicht auf die Idee kommen, dass Vergleiche mit einem Imperium auf eine Schmähung der Union hinausliefen. Dem ist allerdings nicht immer so. In beiden Ländern gibt es Stimmen, die Ähnlichkeiten zwischen der EU und einem Imperium sehen. In Kroatien ist das oft positiv konnotiert, man zieht Parallelen zu den eigenen Jahrhunderten in der Habsburgermonarchie, welche – ähnlich wie heute die EU – als eine dem Land kulturell angemessene ‚Westbindung‘ und als Brandmauer gegen den Balkan gedeutet werden. Kroatische Stimmen betonen, dass Kroatien niemals in der Geschichte unfreiwillig in andere Reiche integriert wurde, stattdessen sei es der kroatische Adel gewesen, der aus freien Stücken 1102 einen Ungarn und 1527 einen Habsburger als Oberhaupt anerkannt habe. So verliert der Topos „EU als Imperium“ seinen Schrecken – ganz im Gegensatz zur Sichtweise Serbiens, wo Imperien stets als Feinde gedacht werden, sei es in Gestalt ‚brutaler Osmanen‘, ‚listig-egoistischer Habsburger‘, ‚blutrünstiger deutscher NS-Besatzer‘ oder ‚globalistisch-gleichmacherischer Euro-Amerikaner‘.

Das Buch liefert durchaus interessante Ergebnisse, leidet aber darunter, dass hinter den Narrativen die Geschichte selbst weitgehend verschwindet beziehungsweise nicht ernst genommen wird. Geschichte wirkt ja nicht nur über Narrative, sondern auch über Strukturen, die historisch entstehen und über ihren Entstehungszeitraum hinaus wirken. Wenn serbische EU-Kritiker die Union als ‚Club‘ darstellen, zu dem man nicht ontologisch dazugehört, in den man hingegen voluntaristisch eintreten kann oder nicht, hat das auch damit zu tun, dass bestimmte Züge der EU, insbesondere ihr verrechtlichter Charakter, stark aus der westlichen Geschichte entspringen und im orthodox geprägten Europa nicht so tief verinnerlicht sind. Die Gründe der serbischen Ambivalenz sind daher eventuell nicht nur in konkret abgerufenen Topoi zu suchen, sondern auch in tiefergehenden Schichten, die das Verhältnis zur EU auch dann beeinflussen, wenn sie überhaupt nicht konkret ins Gedächtnis gerufen werden. Will man wirklich Geschichte als Faktor in die Politikwissenschaften einbringen, so wäre ein breiterer Ansatz wünschenswert, der nicht allein auf Narrative abzielt.

An dieser Stelle ließe sich mit Recht einwenden, dass Dissertationen machbar bleiben und nicht mit zu breiten Forschungsprogrammen überfrachtet werden dürfen. Was dann noch zu kritisieren bliebe, wären gelegentliche Patzer in Roths eigenem Geschichtsnarrativ. Kroatien habe bis 1918 „zur Habsburgermonarchie“ gehört, wobei sie die lange venezianische Geschichte der Küstenregionen unerwähnt lässt. Wo sie vom Zweiten Weltkrieg spricht, scheint sie die Nedić-Regierung im besetzten Serbien mit der Ustascha-Regierung im „Unabhängigen Staat Kroatien“ moralisch gleichzusetzen, weil beide brutal gegen Minderheiten vorgingen. Dabei scheint ihr nicht bewusst zu sein, dass die kroatische politische Führung ungleich mehr Spielraum hatte, den sie für systematische Genozide in Eigenregie nutzte. Die serbische Nedić-Regierung war dagegen ein klassisches Marionettenregime mit Handlangerfunktion für die deutschen Besatzer. Ähnlich pauschal verfährt Roth auch mit der jüngeren Geschichte des Kosovo, die sehr kurz und auch einseitig pro-albanisch dargestellt ist, sodass die serbischen EU-kritischen Diskurse merkwürdig in der Luft hängen, als hätten sie kein Konnotat, kein echtes Anliegen, sondern bestünden nur aus reinem ‚Beleidigtsein‘ um seiner selbst willen. Mit diesem Ansatz, der ja selbst einer bekannten westlichen Meistererzählung folgt, dürfte es schwer sein, zu einem nachhaltigen „narrativen Frieden“ in Südosteuropa zu kommen.

Bedenklich ist schließlich der Umgang der Autorin mit Sprache. Diskursanalysen müssen sprachlich sensibel sein; auch Roth bekennt sich zu einem besonderen Interesse für sprachliche Formen, Metaphern und so weiter. Daraus sollte sich ergeben, dass die Forschenden sich maximal auf die Quellensprache einlassen, um daraus Erkenntnisse zu generieren. Roth aber verfügt, wie sie selbst eingesteht, nur über mäßige Sprachkenntnisse des Serbischen und Kroatischen. Ihre Originalquellen wie Parteiprogramme oder Parlamentsdebatten hat sie sich durch Google-Übersetzer erschlossen. Sie rechtfertigt dieses Verfahren mit dem Hinweis, sie beherrsche die Quellensprachen ausreichend, um Fehler des Übersetzungsprogramms zu erkennen. Ähnlich geht es weiter bei den Interviews und in der Sekundärliteratur: Hier dominiert das Englische fast vollkommen. Die dem muttersprachlichen Ausdruck inhärenten Weltsichten und Feinheiten hat sie damit schon bei der Datenerhebung weitgehend ausgeblendet und damit einiges Erkenntnispotenzial verschenkt.

Unter dem Strich ist Roths Dissertation ein interessanter, auch aus interdisziplinärer Sicht begrüßenswerter Ansatz, dessen Erträge aber durch die nicht immer tiefgreifende Beschäftigung mit der Region selbst etwas geschmälert werden.

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Buchenau, K. Roth, Clémentine: Why Narratives of History Matter. Serbian and Croatian Political Discourses on European Integration, 372 S., Nomos, Baden-Baden 2018.. Neue Polit. Lit. 65, 429–432 (2020). https://doi.org/10.1007/s42520-020-00238-x

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