16. Jahreskongress der Ärzte für Akupunktur (ÄfA) vom 20.–22.11.2020

16th Annual Congress of Doctors for Acupuncture (ÄfA) from 20.–22.11.2020

Seit Mitte März 2020 herrschen unter Corona andere Rahmenbedingungen für alle. Der für März geplante und auf November verschobene Kongress zum Thema „Gesund Mitte – Akupunktur und TCM für Darm und Mikrobiom“ wurde online gehalten (Abb. 1). Eine gesunde Mitte, ein gesunder Darm sind essenzielle Voraussetzungen für ein gut funktionierendes Immunsystem!

Abb. 1
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Dr. Elisabeth Preschitz moderiert den Kongress. (Mit freundlicher Genehmigung, alle Rechte vorbehalten)

Fr. Roth und Fr. Thurner verwandelten unseren Seminarraum in ein Tonstudio und die meisten Vortragenden waren bereit, ihre Vorträge online zu halten.

Im ersten Beitrag von Dr. Henning Sartor ging es bereits tief in die Materie im wortwörtlichen Sinn. Dr. Sartor ist F. X.-Mayr-Arzt und wies die Teilnehmer auf die Wichtigkeit einer ausführlichen Stuhldiagnostik sowie des richtigen pH-Wertes im Stuhl und dessen optimaler Konsistenz, des optimalen Milieus im Darm und einer ausreichend vorhandenen und vielfältigen Darmflora hin. Er gab auch einige Hinweise darauf, wie all dies wiederherzustellen ist.

Zur Sanierung eines gestörten Darmmilieus und einer sogenannten Dysbiose empfahl er eine F. X.-Mayr-Kur, die heutzutage nicht mehr mit Milch und Semmeln durchgeführt wird, da diese von den meisten Menschen nicht mehr vertragen werden, sondern zum Beispiel mit hefefreiem Dinkelbrot und Gemüse-Basen-Suppe. Dabei wird der Darm gereinigt und entlastet und gutes und langes Kauen gelernt, was ganz wesentlich für gute Verhältnisse im Darm ist. Es fördert auch die Bildung von Akkermansia muciniphila, ohne die es keine gesunde Darmwand gibt. Sie sind wichtig für die Bildung der Schleimschichte.

Hr. Dr. Sartor wies auch mehrmals auf die Wichtigkeit der täglichen Zufuhr von fermentiertem Gemüse hin, welches nicht pasteurisiert wurde. Es regt die Bildung von Laktobazillen an, die wichtig für ein optimales Darmmilieu sind und dadurch Faecalibacterium prausnitzii fördern, den stärksten Butyratbildner.

Butyrat ist eine kurzkettige Fettsäure und die wichtigste Energiequelle der Kolonozyten. Es wirkt antientzündlich und schützt vor der Entstehung von Zellatypien.

Mag. Peter Arthur Straubinger, vielen als Filmkritiker, Filmemacher und Journalist bekannt, beschäftigt sich seit Jahren auch mit dem Thema Intervallfasten, welches er den Teilnehmern näherbrachte. Tägliches Fasten über 16 h aktiviert die Autophagie und befreit den Körper von alten Zellkomponenten.

Es unterstützt das Darmmikrobiom, die Gewichtsabnahme und über die Abnahme des Bauchfettes werden Entzündungsprozesse reduziert.

Nach einem kurzen Ausflug zum Thema Lichtnahrung, über das er auch den Dokumentarfilm Am Anfang war das Licht drehte, gab P. A. Straubinger auch praktische Tipps, wie das Intervallfasten umzusetzen ist, und empfahl zur Unterstützung Meditation und Kräutertees, um sowohl die Wirkung des Intervallfastens zu unterstützen als auch den Stress durch das Fasten zu minimieren und Suchtverhalten entgegenzuwirken.

Der erste Redner des Symposiums am Samstagvormittag Univ. Prof. Dr. Ludwig Kramer, Vorstand an der 1. Medizinischen Abteilung der Klinik Hietzing und nach eigenen Angaben sehr offen und interessiert an komplementären Heilmethoden, referierte über die Evidenz zum Mikrobiom und brachte einige sehr interessante Studien unter anderem zu Zusammenhängen zwischen dem Vorliegen einer Dysbiose und einer Vielzahl von funktionellen und auch malignen Erkrankungen, wie degenerativen Erkrankungen, Depressionen, Autoimmunerkrankungen wie Zöliakie und Typ-1-Diabetes, Reizdarm und Darmkrebs, aber auch KHK (koronare Herzkrankheit), Hypertonie und Herzinsuffizienz.

Den größten Einfluss auf das Mikrobiom hat demnach die Ernährung. Ungünstig wirke sich ballaststoffarme und ultraprozessierte Ernährung, Antibiotikagaben, Stress und das Leben in Seniorenheimen aus, wo das Essen sehr „keimarm“ ist.

Weiters sprach er über Veränderungen im Mikrobiom bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, v. a. einen Mangel an Faecalibacterium prausnitzii und den Zusammenhang mit Tumorerkrankungen. Eine Dysbiose im Gastrointestinaltrakt begünstigt die Entstehung von Karzinomen in bestimmten Organen, andererseits gibt es Berichte über die Heilung von Karzinomen mit Bakterien, ein Gebiet, auf dem noch viel Forschung nötig ist. Darmbakterien können sogar die Wirkung von Krebstherapien verändern.

Zuletzt brachte er auch eine Studie, die eine positive Veränderung des Mikrobioms durch Elektroakupunktur zeigte.

Fr. Karin Wallnöfer wurde anschließend live aus Südtirol zugeschaltet. Sie hat sich intensiv mit der inneren Uhr beschäftigt und erzählte über zirkadiane Ernährung in der TCM. So gibt es anscheinend nicht nur eine innere Uhr, die einem zirkadianen Rhythmus folgt, sondern auch dezentrale innere Uhren in den einzelnen Organen, deren Rhythmus oft durch falsche Gewohnheiten abweicht. Als Beispiel führte sie das nächtliche Essen an, für das unser Darm nicht vorgesehen ist und welches den Schlaf stören kann.

Der zirkadiane Rhythmus spielt, wie wir alle wissen, auch in der TCM eine große Rolle, darauf weist schon das Huang Di Nei Jing hin.

Bezugnehmend auf unser Kongressthema ergibt sich aus dem zirkadianen Rhythmus von Yin und Yang und der Organuhr eine ganz klare Anleitung in welchem Zeitraum gegessen werden sollte, das ist v. a. die erste Tageshälfte zwischen 7 und 15 Uhr. Zumindest sollte darauf geachtet werden, nur zwischen 7 und 19 Uhr zu essen. Die sogenannte Qi-Flut des Funktionskreises Magen besteht zwischen 7 und 9 Uhr, der Magen benötigt zur Verdauung viel Yang und regeneriert sich zwischen den Mahlzeiten, aber vor allem in der Nacht. Das bedeutet, dass morgens ein kräftigendes Frühstück gegessen werden sollte, um das Magen-Qi zu stützen, abends ist die Verdauung im Dünndarm langsam, dadurch die Verweildauer im Magen länger, was in der Folge ein Risiko für Nahrungsmittelstagnation im Magen verursachen kann. Eine mögliche Folge von einer erzwungenen Yang-Phase des Magens spätabends oder in der Nacht durch spätes Essen könnte auch die Entwicklung einer Leere-Hitze sein, was sich in einer verstärkten Magen-Hitze äußern kann.

Anschließend an den Magen hat die Milz ihre Hochzeit von 9–11 Uhr, somit findet hier die optimale Resorption von Nährstoffen statt.

Zeitlich begrenztes Essen mit einem frühen, leichten oder sogar gar keinem Abendessen führt zu einer Stärkung des Milz-Qi, dies entspricht einer höheren Diversität der Darmflora. Es führt, selbst wenn sehr kalorienreich gegessen wird, kaum zu Übergewicht und zu mehr Muskelmasse.

Nachts finden viele wichtige Yin-Prozesse statt – Regeneration, Entgiftung, Autophagie. Es sollte geschlafen werden und keine Yang-Prozesse erzwungen werden, die diese Yin-Prozesse stören.

Fasten kann Yin-Prozesse unterstützen und übermäßiges Yang klären, problematische Aspekte sind ein Mangel an Substanz und eine mögliche Schwächung des Yin. Nächtliches Intervallfasten bringt die positiven Wirkungen ohne die problematischen.

Intervallfasten ohne Frühstück ist nicht zu empfehlen. Es löst in Kombination mit der Yang-Phase eine Stressreaktion aus. Das führt zwar zu weniger Hunger und mehr Aktivität, allerdings auf Kosten des Nieren-Yang. Bei vorbestehender Nieren-Yang-Schwäche kommt es zu Müdigkeit und verminderter Konzentration. Außerdem ist sehr fraglich, ob im Zuge dieser Stressreaktion wirklich Autophagie stattfinden kann.

Fr. Wallnöfer stellt auch die interessante Theorie auf, dass die Ursache dafür, dass es sogenannte Nachtmenschen gibt, ein gestörter zirkadianer Rhythmus sein könnte und man eventuell versuchen sollte, diesem entgegenzuwirken.

Univ. Prof. Dr. Herbert Auer beschäftigt sich schon sehr lange mit dem Thema Parasiten und hielt einen sehr spannenden Vortrag zum Thema Epidemiologie und Diagnostik parasitärer Infektionen in Mitteleuropa. Er brachte erstaunliche Einblicke in dieses oft vernachlässigte und seiner Meinung nach unterschätzte Thema.

Sein Referat beschäftigte sich in erster Linie mit den Würmern, die beim Menschen auftreten können, und reichte vom relativ harmlosen Befall mit Madenwürmern (Oxyuren) über den Befall mit dem Fuchsbandwurm, der infiltrativ in der Leber wächst, zu den Erkrankungen durch Spulwürmer.

Besonderes Augenmerk richtete er auf Letztere, in erster Linie den Hundespulwurm Toxocara canis und den Schweinespulwurm Ascaris suum. Vor allem die Ascariose durch den Schweinebandwurm wird häufig nicht oder erst spät erkannt und kann zu einer heftigen Erkrankung führen. Eine Übertragung kann auch in der Nähe von Feldern stattfinden, die mit Schweinegülle gedüngt wurden, die Eier des Schweinebandwurmes können laut Prof. Auerbach sogar mit dem Wind weitergetragen werden.

Am Samstagnachmittag hielt Dr. Kurt König, Oberarzt an der 1. Medizinischen Abteilung der Klinik Hietzing, einen Workshop über Akupunktur bei gastrointestinalen Erkrankungen (Abb. 2).

Abb. 2
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Dr. Kurt König bei seinem Onlinevortrag. (Mit freundlicher Genehmigung, alle Rechte vorbehalten)

Besonders gute Indikationen für die Akupunktur sind das Reizdarmsyndrom, bei dem die Schulmedizin komplett überfordert ist, und der Reizmagen. Bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ist Akupunktur eine gute und sinnvolle Therapieergänzung.

Das Programm des Sonntagvormittags bestritten Dr. Alexandra Knauer, Dozentin der ÄfA, Spezialistin für Ernährungsmedizin nach der TCM und der funktionellen Myodiagnostik (FMD), und Dr. Michaela Walter (Abb. 3). Diese ist F. X.-Mayr-Ärztin und arbeitet ebenfalls mit der FMD. Beide fanden erstaunliche Parallelen in der Diagnostik der TCM und der F. X.-Mayr-Medizin. So gibt es große Ähnlichkeiten zwischen dem Milz-Qi-Mangel und der Sämannshaltung mit Kotbauch oder dem sogenannten entzündlichen Gas-Kot-Bauch und dem TCM-Bild Leber attackiert Magen oder Milz. Daraus ergeben sich auch sehr spannende Möglichkeiten, beide Methoden ergänzend einzusetzen. Wichtig war es Fr. Dr. Walter zu betonen, dass auch in der modernen Mayr-Medizin individuell auf den jeweiligen Zustand des Patienten eingegangen wird.

Abb. 3
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Dr. Alexandra Knauer und Dr. Michaela Walter vergleichen TCM und F. X.-Mayr-Medizin. (Mit freundlicher Genehmigung, alle Rechte vorbehalten)

Sonntagmittag ging ein spannender Kongress zu Ende, der nächste Kongress der Ärzte für Akupunktur findet im März 2022 statt. Der genaue Termin und das Thema werden noch rechtzeitig bekannt gegeben.

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Lazar, C. 16. Jahreskongress der Ärzte für Akupunktur (ÄfA) vom 20.–22.11.2020. Dtsch Z Akupunkt 64, 95–97 (2021). https://doi.org/10.1007/s42212-021-00358-9

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