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Orthopädie und Unfallchirurgie

, Volume 8, Issue 2, pp 71–71 | Cite as

Metapher von versteinerter Schuld

  • Hans Zwipp
Aus den Verbänden DGU
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Kurz nach dem Tod von Prof. Jürgen Probst († 10.10.2016) beschlossen die DGU-Senatoren im Oktober 2016, neben dem Stolperstein-Projekt in Leipzig ein zweites sichtbares Mahnmal in Berlin am Haus der Chirurgie zu setzen. Aus der Idee von Prof. Lothar Kinzl, Ulm, eine Stele mit 36 Täfelchen als Mahnmal der DGU zu schaffen, wurde in einem einjährigen Diskurs ein Projekt gemeinsam mit der DGCH, zuletzt aller zehn mit ihr verbundenen chirurgischen Fachgesellschaften.

Die Idee erfuhr eine Metamorphose, das Ergebnis war ein unbehauener Findling. Ein „Menhir“ diente früher als Orientierung für Flurnamen. Neben dem Menhir sollte eine Gedenktafel angebracht werden und zusätzlich eine zweite Tafel auf dem Balkon, von welchem aus man den Stein gut sehen kann. Sie sollte dem Betrachter den Sinn des Mahnmals, das Erinnern und Würdigen aller früherer jüdischen Mitglieder chirurgischer Gesellschaften vermitteln. Eingeschlossen sind dabei auch die jüdischen Mitglieder, deren Name bisher nicht gefunden wurden, kriegsbedingt verloren gingen oder nie auffindbar wären.

Die zweite Metamorphose betrifft die Entstehung des Schiefersteins und seinen Weg von der Bretagne in das Langenbeck-Virchow-Haus. Als Sedimentstein ist er vor etwa 350 Millionen Jahren im Devon entstanden und erfüllt nach der Definition des Arztes und Archäologen Marcel Baudoin (1860 – 1941) die Kriterien eines Menhirs, eines länglichen unbearbeiteten Einzelsteins, der aufrecht gestellt wurde (bretonisch ist maen = Stein, hir = lang). Er fand seinen Weg über Belgien nach Berlin, um ein Menhir des Gedenkens zu werden.

Tafel in Sandstein neben der Stele

© S.Meier / DGU

Die dritte Metamorphose betrifft die Verwandlung Mensch zu Stein bei Ovid. So wie Battos wegen Meineids, Lichas als Überbringer des vergifteten Hemdes für Herakles und Niobe ob ihrer Hybris schuldig und zu Stein wurden, so kann uns heute analog zur Metapher von versteinerter Schuld ein Menhir als Mahnmal an das Unrecht an unseren früheren Mitgliedern in der Zeit des Nationalsozialismus dienen. Zu diesen Mitgliedern bekennen wir uns heute sichtbar und nehmen sie damit in unsere Gesellschaft, Gemeinschaft, in unsere Herzen wieder auf.

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Hans Zwipp
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  1. 1.

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