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Religion im Wohlfahrtsstaat: Konzeptionen und Begründungen von Lebensmittelhilfe für Bedürftige in Großbritannien und Irland

  • Kornelia Sammet
  • Franz Erhard
Artikel
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Zusammenfassung

Fürsorge für Bedürftige ist ein historisch weit zurückreichendes Phänomen, das meist von religiösen Institutionen organisiert und durch religiöse Semantiken gestützt wurde. Unser Beitrag untersucht anhand unterschiedlichen Materials diesen Zusammenhang von Wohlfahrt und Religion. Vergleichend nehmen wir dafür zwei Länder in den Fokus, in denen Armut historisch gesehen einen unterschiedlichen Stellenwert hatte und Armenfürsorge mithilfe religiöser Semantiken verschieden begründet wurde: Großbritannien und Irland. Anhand eines dreistufigen, qualitativ angelegten Vergleichs zeigen wir, dass a) die jeweiligen nationalen Wohlfahrtstraditionen und -regime einen Kontext darstellen, innerhalb dessen b) religiöse Dachorganisationen Prinzipien für Essensspenden formulieren, die wiederum c) in lokal organisierten Foodbanks von MitarbeiterInnen, Freiwilligen und NutzerInnen angeeignet, umgedeutet und um eigene Vorstellungen erweitert werden. So tragen wir zum breiteren Diskurs um die semantischen Hintergründe verschiedener Wohlfahrtsregime bei und zeigen zudem, dass und wie religiöse Vorstellungen auf den unterschiedlichen Ebenen organisierte Fürsorge anleiten.

Schlüsselwörter

Wohlfahrtsstaat Religion Foodbank Großbritannien Irland Qualitativer Ländervergleich 

Religion in the welfare state: food provision for people in need in Great Britain and Ireland

Abstract

Poor relief dates far back in history where it was organised und supported by religious institutions and notions. Consulting various data, our paper examines this nexus of welfare and religion. Therefore, we compare two countries where poverty was historically of differing importance and poor relief grounded in different religious ideas: Great Britain and the Republic of Ireland. Drawing a three-stage comparison that follows a qualitative design, we show that a) each national welfare tradition and –regime constitutes a larger context in which b) religious umbrella organisations formulate their principles for food provision which again c) are appropriated, reinterpreted and complemented by staff, volunteers and users in local foodbanks. Our analyses contribute to a larger discourse about semantic backdrops of different welfare regimes and demonstrate that and how religious ideas guide notions of organised welfare on various levels.

Keywords

Welfare State Religion Food Bank Great Britain Ireland Qualitative Comparison 

Fürsorge für Bedürftige ist ein historisch weit zurückreichendes Phänomen, das meist von religiösen Institutionen organisiert und über religiöse Semantiken gestützt wurde. So wird es in den großen Weltreligionen als eine wichtige Pflicht angesehen, die Armen, insbesondere Witwen und Waisen sowie Alte, Kranke und Behinderte, zu unterstützen. Das christliche Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ist ein Ausdruck dieser Tradition der Hilfe in Not durch einen Fremden. In Deutschland spielen die konfessionellen Sozialverbände Diakonie und Caritas bis heute eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung sozialer Dienstleistungen (Schroeder 2017). Jedoch wird nicht nur im Christentum die Sorge für die Armen ethisch hoch bewertet (allerdings je nach konfessioneller Tradition in unterschiedlicher Weise). Das Almosen ist als ein Akt von Barmherzigkeit und Fürsorge auch eine der fünf Säulen des Islam. Und das Judentum kennt mit Zedaka ein eigenes spezifisches Konzept der Armenhilfe (Gray 2015).

Seinen Ursprung hat dieses Prinzip vermutlich im unmittelbaren Nahkontakt. Max Weber wies an verschiedenen Stellen in „Wirtschaft und Gesellschaft“ (Weber 1980, S. 216, 350, 710 f.) darauf hin, dass praktische Hilfe für Menschen in Not (historisch und systematisch betrachtet) zunächst im Nachbarschaftsverband geleistet werde: „Der Nachbar ist der typische Nothelfer, und ‚Nachbarschaft‘ daher Trägerin der ‚Brüderlichkeit‘ in einem freilich durchaus nüchternen und unpathetischen, vorwiegend wirtschaftsethischen Sinne des Wortes“ (Weber 1980, S. 216). Weber zeigt darüber hinaus, dass in bestimmten Kontexten die Idee der Nachbarschaftshilfe von religiösen AkteurInnen angeeignet und religiös aufgeladen (Tyrell 2017, S. 365 ff.), auf den „Glaubensbruder“ übertragen und schließlich sogar als Fremden- und Feindesliebe universalisiert wurde (Weber 1980, S. 355, 380; Tyrell 2017). Aufgrund dieser Prozesse wurde die Pflicht, Bedürftigen zu helfen, ein wichtiger Bestandteil religiöser Ethiken, vor allem in christlichen Gesellschaften. Bis heute halten sich Vorstellungen der Verteilung von Wohlstand als Sedimente auch in säkularisierten Formen von Fürsorge und Wohlfahrt.

In diesem Beitrag untersuchen wir aktuelle Konzeptionen und Begründungen der Unterstützung von Bedürftigen in Großbritannien und der Republik Irland und zielen damit auf die Bedeutung von Religion für (staatlich oder nicht-staatlich) organisierte Unterstützungsleistungen. Wie sich zeigt, bestehen in diesen an unterschiedliche Wohlfahrtstraditionen anschließenden Ländern ähnliche Probleme. Aufgrund „neoliberaler“ Verschiebungen am Arbeitsmarkt und in den Sozialpolitiken wird es für Menschen, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind, regelmäßig zur Herausforderung, sich mit den Grundlagen des täglichen Lebens – insbesondere Nahrung – zu versorgen. Seit geraumer Zeit sind um diese Problemlage herum Einrichtungen entstanden, die als nachgelagerte Institutionen staatlicher Wohlfahrt den Ressourcenmangel der betreffenden Personen auffangen und durch das Aushändigen von Lebensmittelspenden (in gewissem Umfang) kompensieren. Dass diese in sogenannten „foodbanks“ in Großbritannien und Irland angebotenen Unterstützungsleistungen immer wichtiger werden, zeigen die Ausweitung ihrer Aktivitäten und die seit Jahren steigende Zahl der Nutzerinnen (Dowler und O’Connor 2012, S. 48; Garthwaite et al. 2016, S. 7 ff.; Loopstra und Lalor 2017, S. 2 ff.). In vielen Fällen werden diese Einrichtungen von religiösen Akteuren und Organisationen – also „faith-based organisations“ (FBOs) – getragen, bei denen die Arbeit von Freiwilligen eine wichtige Rolle spielt.

Diese Institutionen, die Lebensmittel sammeln und an Bedürftige abgeben, bilden den Ansatzpunkt für unsere Untersuchung. Wir analysieren, wie die geleisteten Hilfen durch darin involvierte AkteurInnen auf verschiedenen Ebenen ausgestaltet und legitimiert werden. Untersucht werden jeweils:
  1. a)

    die gesamtgesellschaftliche Ebene des Wohlfahrtsstaats der beiden fokussierten Länder, dessen Regulierungen und Beschränkungen den Kontext liefern für

     
  2. b)

    die Ebene von karitativen Hilfsorganisationen, die auftauchende Problemlagen in Organisationsstrukturen, Prinzipien, Verfahrensweisen und Voraussetzungen der Hilfe übersetzen, und

     
  3. c)

    die lokale Ebene der vor Ort agierenden Einrichtungen, freiwillige MitarbeiterInnen sowie der individuellen NutzerInnen von Unterstützungsleistungen.

     

Unsere Analysen sind von den folgenden Fragen geleitet: Wie wird die Hilfe auf den verschiedenen Ebenen verstanden, und wie wird das zu lösende Problem bestimmt? Welche Regeln werden für das Empfangen von Unterstützungsleistungen gesetzt, und mit welchen Begründungen? Konkret interessieren wir uns also dafür, wie auf den verschiedenen Ebenen Unterstützungskonzepte formuliert, angeeignet und re-interpretiert werden.

Durch diesen Ebenen- und Ländervergleich zeigt sich, dass zum Teil miteinander inkongruente Vorstellungen und Logiken im Feld der organisierten Fürsorge für Bedürftige aufeinandertreffen, die oft kaum ineinander übersetzbar sind. Religiöse Deutungen und Semantiken spielen dabei insofern eine Rolle, als sie an verschiedenen Stellen und unterschiedlich explizit argumentative Folien für die Begründung von und den Anspruch auf Hilfeleistungen liefern. Dabei wird deutlich, dass beispielsweise auch karitative Einrichtungen restriktive Vorstellungen von Verteilungsgerechtigkeit pflegen und ihre Unterstützung an moralisch aufgeladene und religiös begründete Bedingungen knüpfen. Neben diesen auf bereits abstrahierten Ideen von religiöser Pflicht und Wohltätigkeit beruhenden Perspektiven bringen auch die HelferInnen vor Ort und die NutzerInnen der Foodbanks Vorstellungen von Leistungs- und Verteilungsgerechtigkeit sowie von kollektiver und individueller Verantwortung mit ins Feld ein. Sie formulieren eigene, stark an subjektive Erfahrungen aus der alltäglichen Praxis der Foodbanks gebundene Sichtweisen, aus denen sie Eigentheorien zu den Ursachen von Bedürftigkeit und ihrer Überwindung ableiten. Als Kontext für diese Positionierungen und Auseinandersetzungen sind dabei aber immer die staatlichen Wohlfahrtsregulierungen und damit verbundene Folgeprobleme zu berücksichtigen, mit denen sich die Institutionen und damit befassten AkteurInnen auseinandersetzen müssen.

Der Beitrag ist folgendermaßen aufgebaut: Im ersten Abschnitt geben wir einen knappen Überblick über aktuelle Forschungsstränge zum Verhältnis von Religion und Wohlfahrtsstaat und ordnen unsere Fragestellung darin ein (1.). Danach stellen wir das den Analysen zugrundeliegende Forschungsprojekt, die darin verwendeten Erhebungs- und Auswertungsmethoden sowie die Sampling-Strategien vor und gehen insbesondere auf Herausforderungen des qualitativ angelegten Ländervergleichs ein (2.). Im ersten empirischen Abschn. 3 stellen wir zunächst den Forschungskontext des britischen Wohlfahrtsstaates und den Trussell Trust als Dachverband religiöser Foodbanks in Großbritannien vor. Daran anschließend rekonstruieren wir die Aneignungsprozesse des Foodbank-Konzepts auf lokaler Ebene durch Volunteers und NutzerInnen in einer Foodbank in Südwales. Abschn. 4 präsentiert vergleichende Analysen aus Irland, wobei wir dort nicht mehr auf alle Ebenen der Aneignung eingehen, sondern gezielte Kontraste setzen wollen, durch die die Kontingenz des britischen Falls an verschiedenen Punkten offenbar wird. Ein vergleichendes Resümee schließt den Beitrag ab (5.).

1 Religion und Wohlfahrtsstaat

1.1 Religion und Wohlfahrtsstaat: ein Forschungsüberblick

In den letzten Jahren wurde das Verhältnis von Religion und Wohlfahrtsstaat mit vielfältigen Fragestellungen zum Gegenstand soziologischer Forschung. Dabei lassen sich hauptsächlich drei Perspektiven unterscheiden:
  1. 1.

    zumeist auf Survey-Daten basierende Analysen, die die Auswirkungen wohlfahrtsstaatlicher Sicherung auf die subjektive Religiosität und Kirchenbindung untersuchen,

     
  2. 2.

    eine sozialhistorisch orientierte makrosoziologische Perspektive, die sich für die religiösen Wurzeln von Wohlfahrtsstaatsregimen interessiert, und

     
  3. 3.

    Analysen der Rolle religiöser AkteurInnen und Organisationen, die wohlfahrtsstaatliche Leistungen erbringen.

     

In der erstgenannten Perspektive geht es um den Zusammenhang zwischen Einstellungen zu subjektiven und institutionellen Dimensionen von Religion einerseits sowie dem gesellschaftlichen Wohlstand und dem Grad des Ausbaus des Wohlfahrtstaats (gemessen am Anteil wohlfahrtstaatlicher Leistungen am Bruttosozialprodukt) andererseits (Norris und Inglehart 2004; Höllinger et al. 2007).1 Ausgangspunkt der Argumentation ist das „Security Axiom“ (Norris und Inglehart 2004: 13 ff.), nach dem reiche Staaten ihren Bewohnern weiter reichenden Schutz vor Risiken und Gefahren alltäglicher, aber auch existenzieller Natur und daher größere Sicherheit bieten können als arme Staaten, was zum Rückgang der Religion in den reichen Ländern beitrage. Der Wohlfahrtsstaat wird dabei als ein Faktor betrachtet, der diesen Rückgang von Risiken und Gefahren für die Bevölkerung des betreffenden Landes maßgeblich mit beeinflusst. Religion und Wohlfahrtsstaat werden in dieser Hypothese in Hinblick auf die Funktion der Kontingenzbewältigung, aber auch als Organisation, die soziale Unterstützungsleistungen bereit hält, als Äquivalente verstanden. Folgerichtig wird Religion dann auch im Zuge des Ausbaus von Wohlfahrtsstaatlichkeit überflüssig.

Mit der sozialhistorischen zweiten Perspektive hat das „Security Axiom“ die Annahme gemeinsam, dass der Wohlfahrtsstaat Sicherheit vermittle und insofern diese Funktion der Religion übernimmt, weshalb besonders für europäische Länder Säkularisierung vor allem als funktionale Ausdifferenzierung von starken Wohlfahrtsregimen verstanden wurde (Berger et al. 2008, S. 90 f.). In den letzten Jahren wurde ein anderer Akzent gesetzt und die Rolle der Religion im Wohlfahrtstaat in verschiedenen Ländern neu in den Blick genommen. Dies geschah zum einen in Forschungsprojekten zur Bedeutung von religiösen AkteurInnen und Organisationen im aktuellen Wohlfahrtsstaat (Bäckström und Davie 2010; Bäckström et al. 2011; Molokotos-Liederman et al. 2018). Zum anderen gerieten in Anschluss an und in kritischer Auseinandersetzung mit Esping-Andersens (1993) sehr einflussreicher Typologie von Wohlfahrtsstaatsregimen deren religiöse Wurzeln ins Blickfeld von Forschungen (Manow 2008; van Kersbergen und Manow 2009).2

So rekonstruiert Kahl (2005, 2009) die Bedeutung der kirchlichen Soziallehren für die Entwicklung unterschiedlicher Wohlfahrtstaatsregime in Europa. In der mittelalterlichen Kirche, die sie als Ausgangspunkt ihrer Analyse nimmt, war das Almosengeben eine gottgefällige Tat. Arbeiten mussten die Armen, genauer: Wer für sein Überleben arbeiten musste, war arm. Die Reichen bedurften der Armen als Adressaten ihrer Almosen und als für ihr Seelenheil Betende. Ein Leben in Armut galt als Nachfolge Jesu und daher besonders gottgefällig. Durch die Reformation veränderte sich dieses Arrangement und damit die gesellschaftliche Position der Armen. In der lutherischen Berufsethik galt Arbeit nun als gottgefällige Tätigkeit und trug zur Verherrlichung Gottes bei. Erlösung war allerdings nicht mehr durch gute Werke, sondern allein durch den Glauben und die göttliche Gnade zu finden. Diese Ablehnung von „Werkgerechtigkeit“ hatte zur Folge, dass nicht mehr das Almosengeben den Weg ins Paradies öffnete, sondern Berufsarbeit. Armut wurde dagegen immer mehr mit Untätigkeit und Faulheit gleichgesetzt. Die Armenfürsorge, die auf diejenigen, die nicht arbeiten können, zielte, wurde eine öffentliche Aufgabe.

Das jeweils konfessionell geprägte Verständnis von Armenfürsorge trug zu unterschiedlichen Ausgestaltungen des Wohlfahrtsstaats in den europäischen Gesellschaften bei. Während die katholische Kirche ebenso wie der calvinistische und freikirchliche Protestantismus dem Staat die Verantwortung für die Armenfürsorge absprachen und insofern eine anti-etatistische Position einnahmen, konnten sich die lutherischen Staatskirchen in Skandinavien nicht gegen die staatliche Einmischung durchsetzen.3

Für den Calvinismus waren Almosengeben und Ablass ein Ausdruck der Korruptheit der Kirche. Zugleich wurde in einer spezifischen Interpretation der Prädestinationslehre ökonomischer Erfolg als Zeichen von Auserwähltheit angesehen. Das hatte zur Folge, dass alle arbeiten mussten, wobei es zwei Klassen von Arbeit gab: „work as a calling for the elect, and work as punishment for the poor“ (Kahl 2009, S. 278). Für die letztgenannten wurden Armenhäuser eingerichtet, in denen vor allem Strafarbeiten geleistet werden mussten. In calvinistisch geprägten Ländern setzte sich dadurch und durch die staatsskeptische Haltung eine Armenfürsorge durch, die v. a. durch freiwillige Spenden getragen wurde. Für die katholische Armenunterstützung blieb dagegen der Gedanke der Subsidarität leitend (ebd., S. 279 ff.). Zudem war für die katholische Soziallehre das Abgeben vom eigenen Wohlstand eine moralische Pflicht. In katholischen Ländern wird die Armenunterstützung deshalb auch bis heute in großem Umfang von kirchlichen Institutionen getragen, was oft mit einer moralischen Kontrolle der Armen verbunden ist.

Zusammenfassend kann mit Bezug auf die Analysen Kahls grob festgehalten werden: Katholisch und calvinistisch geprägte Länder zeichnen sich durch einen „rudimentären“ Wohlfahrtsstaat aus, der „fragmented and ungenerous“ (ebd., S. 283) ist; lutherisch geprägte Länder dagegen weisen eine soziale Absicherung auf, die als „generous and unitary“ (ebd.) bezeichnet werden kann. Diese Kategorisierung ist gleichwohl nicht als ein Determinismus zu verstehen. Vielmehr können damit Pfadabhängigkeiten und ideelle Einflussfaktoren auf sozialpolitische Entwicklungen eingeordnet werden – so unsere These. Denn kulturelle Wissensvorräte und Leitbilder von Solidarität, Karität und Nächstenliebe in Gestalt von unterschiedlichen religiösen Soziallehren begünstigen und legitimieren bestimmte institutionelle Ausgestaltungen von sozialer Unterstützung. Zugleich erschweren und kritisieren sie Modelle, die in anderen Kontexten umgesetzt werden.

1.2 Foodbanks: Aneignung und Umdeutung von Unterstützungskonzepten

In diesem Beitrag nehmen wir nicht-staatliche religiöse AkteurInnen in den Blick, die Bedürftige mit Naturalien versorgen: Foodbanks. Diese institutionelle Form von Hilfe ist in westlichen Gesellschaften seit den 1990er-Jahren entstanden und hat in den letzten 10 bis 15 Jahren im Gefolge von sozialpolitischen Reformen, ökonomischen Krisen und staatlichen Austeritätspolitiken zunehmend Verbreitung gefunden.

Uns interessieren diese Institutionen aus verschiedenen Gründen. Da sie als Lebensmittelhilfe für Bedürftige in allen unseren Untersuchungsländern anzutreffen sind, eignen sie sich zum Entwurf unseres Vergleichsdesigns, das top-down angelegt ist. Wir gehen davon aus, dass sie als Institutionen in den jeweiligen sozialstaatlichen und allgemein-gesellschaftlichen Kontext eingebettet sind, vor dessen Hintergrund sie jeweils spezifische Problemdefinitionen und darauf bezogene Lösungen entwerfen. Das heißt, wir nehmen an, dass jeweils bestimmt werden muss, welche Bedürfnisse und Notlagen in der Hilfebeziehung zwischen der Foodbank und ihren NutzerInnen in den Fokus geraten und wie diese vor Ort bearbeitet werden. Dabei sind wiederum verschiedene Ebenen zu berücksichtigen. Es existieren Dachverbände, die auf übergeordneter (nationaler oder regionaler) Ebene Ziele, Prinzipien und Regeln formulieren. Auf lokaler Ebene werden diese Konzepte angeeignet und angepasst an die lokalen Gegebenheiten und Träger(gruppen) umgedeutet. In der konkreten praktischen Umsetzung gibt es zwangsläufig Gestaltungsspielräume, die jeweils unterschiedlich genutzt und ausgefüllt werden. Von den Absichten und Deutungen der lokalen Trägerorganisationen und ehrenamtlichen HelferInnen unterscheiden sich wiederum die Sichtweisen der Bedürftigen, die die Hilfen in Anspruch nehmen. Auf jeder dieser Ebenen der Aneignung von Unterstützungskonzepten finden also jeweils Selektionen, Akzentuierungen und Umdeutungen statt. Diese kontingenten und zugleich motivierten Aneignungen insbesondere von religiösen AkteurInnen wollen wir in diesem Beitrag rekonstruieren.

Unserer analytische Perspektive ist inspiriert von arbeitsmarktpolitischen Implementationsstudien von Bauer und Jung (2016; Bauer et al. 2016), die anhand von verschiedenen sozialpolitischen Gesetzen und Maßnahmen untersuchten, wie diese im Implementationsprozess von den beteiligten AkteurInnen umgedeutet wurden: vom Gesetzgeber über die Arbeitsagenturen bzw. Jobcenter hin zu den Maßnahmeträgern und den Teilnehmerinnen. Sie zeigen am Beispiel des Projekts „Stadtteilmütter in Nordrhein-Westfalen“, bei dem schon im Titel mit dem Begriff „Stadtteilmütter“ auf andere Projekte Bezug genommen wird, dass deren Anliegen bei der Übertragung in einen anderen Kontext re-interpretiert wurden. So wird die im Programm eigentlich vorgesehene Tätigkeit, nämlich die Durchführung einer Informationskampagne zu verschiedenen Themen (Arbeitsmarkt, Erziehung, Gesundheit) durch Haushaltsbesuche, von den Teilnehmerinnen latent umdefiniert zu einem „Konzept von Alltags- und Laienhilfe in der ethnischen Community“ (Bauer und Jung 2016, S. 154). Eine Folge dieser Umdeutung ist, dass das Ziel einer stärkeren Nähe zum ersten Arbeitsmarkt unterlaufen wird. Diese Perspektive auf Aneignungen und Re-interpretationen schärft u. E. den Blick für Inkongruenzen und Widersprüchlichkeiten bei der Implementation und Nutzung sozialpolitischer Angebote, in unserem Fall: von Unterstützungsleistungen in Form von Naturalien.

2 Methodisches Vorgehen und Vergleichsdesign

2.1 Erhebungs- und Auswertungsmethoden

Die den Analysen zugrunde liegenden Daten wurden im Rahmen von zwei Forschungsprojekten erhoben.4 In einem früheren, von 2008 bis 2012 laufenden Projekt wurden Welt- und Lebensdeutungen von ALG-II-EmpfängerInnen (Arbeitslosen und working poor) in Deutschland rekonstruiert (Sammet 2014, 2017; Sammet et al. 2016). Die Diskussion der Forschungsergebnisse hat zu der Vermutung geführt, dass die Welt- und Lebensdeutungen von Menschen, die in Armut leben, vom jeweiligen übergeordneten Wohlfahrtskontext abhängig sind, dass also Armut und Abhängigkeit von Unterstützungsleistungen in verschiedenen kulturellen bzw. gesellschaftlichen Kontexten (mit unterschiedlichen Wohlfahrtstraditionen) unterschiedlich erlebt und bearbeitet werden. Deshalb werden im aktuellen Projekt Erhebungen in Großbritannien und der Republik Irland durchgeführt.5

In beiden Projekten wurden biographisch-narrativen Interviews (Schütze 1983; Przyborski und Wohlrab-Sahr 2008, S. 92 ff.) und Gruppendiskussionen (Bohnsack 2000; Przyborski und Wohlrab-Sahr 2008, S. 101 ff.) als Erhebungsinstrumente genutzt. Auf dieser Basis werden die Sinnsetzungen von „negativ Privilegierten“6 in vergleichender Perspektive untersucht. Dabei werden vor allem folgende Fragestellungen verfolgt: Wie werden die Welt und die eigene soziale Lage gedeutet? Auf welche religiösen oder nicht-religiösen Semantiken wird dabei zurückgegriffen, und wie werden diese Sinnstiftungsangebote auf das eigene Leben und die biographischen Erfahrungen bezogen?

Zudem wurden jeweils ExpertInnen-Interviews (Meuser und Nagel 1994, 2009; Przyborski und Wohlrab-Sahr 2008, S. 131 ff.) mit den „GatekeeperInnen“, die uns bei der Rekrutierung von Interviewees unterstützten (z. B. SozialarbeiterInnen in Maßnahmen und Projekten der Arbeitsförderung, ehrenamtliche MitarbeiterInnen in Foodbanks usw.) durchgeführt. Damit sollten vertiefte Einblicke in das Feld ermöglicht werden, aber auch die Situationsdeutungen und Zuschreibungen der Professionellen und Freiwilligen, mit denen die Arbeitslosen und Hilfesuchenden zu tun haben, erfasst werden. Auf die biographischen Interviews mit Foodbank-BesucherInnen sowie auf die ExpertInnen-Interviews greifen wir hier in diesem Beitrag im Wesentlichen zurück.7 Das Material wurde orientiert an den Prinzipien der Objektiven Hermeneutik sequenzanalytisch (Oevermann 2000; Sammet und Erhard 2018a) ausgewertet.

2.2 Methodologische Begründung des qualitativ-rekonstruktiven Ländervergleichs

Auf eine methodologische Herausforderung, die sich in unserer Forschungsarbeit stellt, wollen wir an dieser Stelle näher eingehen: die Frage, wie basierend auf qualitativen Einzelinterviews und Gruppendiskussionen ein Ländervergleich angelegt werden kann. Zum einen können die Besonderheiten der hier porträtierten Fälle nicht schlicht auf das Land zurückgeführt werden, in denen sie angetroffen wurden. Mit diesem Vorgehen würden wir unser Material unter vorher festgelegte Thesen subsumieren und einem „methodologischen Nationalismus“ (Weiß 2010, S. 295 f.) aufsitzen, was unserer ansonsten offenen, rekonstruktiven Grundhaltung dem Forschungsgegenstand gegenüber zuwiderlaufen würde. Vielmehr muss man damit rechnen, einerseits innerhalb eines Landes auf den verschiedenen Ebenen vielfältige Ausprägungen und semantische Überformungen von Bedürftigkeit und organisierten Hilfebeziehungen zu finden. Andererseits sind aber auch länderübergreifend Ähnlichkeiten und Angleichungen zu vermuten, die z. B. auf internationalisierte Austeritäts- oder Aktivierungspolitiken reagieren. Deutlich wird daran, dass sich Phänomene organisierter Wohlfahrt nur bedingt über den Nationalstaat erklären lassen. Zu divers sind Herleitungen und Begründungen für die Hilfe von Bedürftigen nach innen und zu wenig eigen sind die heute organisierten staatlichen Wohlfahrtsregime.

Damit hängt zusammen, dass wir die Länder nicht als Gesellschaften vergleichen. Vielmehr stellen sie für uns unterschiedliche Kontexte der (religionshistorisch geprägten) Deutung und Ausgestaltung von Armut dar, in denen die betreffenden Organisationen und AkteurInnen ihre konkreten Unterstützungsangebote entwickeln. Die Annahme ist, dass Armut unter verschiedenen Rahmenbedingungen auch ganz andere Formen annehmen kann. Darin klingt mit an, dass „Armut“ für uns ein relationales Konzept bezeichnet, das eine gesellschaftlich etablierte Unterstützungsbeziehung benennt, die historisch und räumlich in Gesellschaften jeweils verschieden – mitunter als Problem (Groenemeyer und Ratzka 2012) – interpretiert wird und also nicht als Wesenszuschreibung gemeint ist (Simmel 1992; Lessenich 2003, S. 216). Dementsprechend werden abhängig vom übergreifenden Kontext Unterstützungsbeziehungen in unterschiedlicher Weise ausgestaltet und legitimiert. Dies ist einerseits bedeutsam bei unserer Länderauswahl und dient andererseits als sensibilisierende Heuristik bei unseren Analysen.

Bei der Auswahl unserer Untersuchungsländer, deren Zahl wir – schon aus pragmatischen Gründen – sehr klein halten mussten, haben wir uns zunächst an den bereits erwähnten Sozialstaatstypologien und damit in gewisser Weise an den etablierten Auswahlmethoden der Methoden der vergleichenden Politikwissenschaften (Lauth et al. 2015) orientiert. In Anlehnung an Esping-Andersen (1993) und die historischen Forschungsstränge, die im Anschluss an seine Typologie entstanden sind, wollen wir ein breites Spektrum an wohlfahrtsstaatlichen Problematisierungen, Semantiken und institutionellen Umsetzungen einfangen. Besonders die religiöse Prägung des Landes erschien uns dabei von herausragender Relevanz. Wir entschieden uns aufgrund dieser Überlegungen einerseits für Irland, das als wohlfahrtsstaatlicher Spätentwickler und als Land mit stark vom Katholizismus geprägter nationaler Identität hervorsticht, und andererseits für Großbritannien, das nach Esping-Andersen durch seine starke Marktorientierung und vergleichsweise schwache staatliche Interventionen auffällt. Er bezeichnet das britische System deshalb als „liberal“. Zu betonen ist, dass diese Zurechnungen sehr schematisch sind. Wohlfahrtsstaatsforschung ist dementsprechend vor allem damit befasst, die etwas holzschnittartigen Typisierungen aufzuweichen und auf die Besonderheiten der jeweiligen nationalen Sozialstaatsausprägungen hinzuweisen.8 Uns dienen diese Relativierungen ebenfalls als heuristisch zu verstehende Hinweise, um Vorabfestlegungen auf bestimmte typisierende Schemata zu vermeiden und so offene Fragen an das empirische Material heranzutragen.

3 Foodbanks in Südwales: Rekonstruktion der Aneignung und Umdeutung von Unterstützungskonzepten

Am Beispiel von Foodbanks in Südwales wollen wir im Folgenden die Formulierung, Aneignung und Umdeutung von Unterstützungskonzepten rekonstruieren. Dazu werden wir in einem ersten Schritt den britischen Wohlfahrtsstaat als gesellschaftlichen und sozialpolitischen Kontext der Hilfeleistung skizzieren, um dann im zweiten Schritt das Foodbank-Modell des Trussell Trusts vorzustellen. Daran anschließend rekonstruieren wir die selektiven Umsetzungen und Re-interpretationen durch lokale Freiwillige und Nutzerinnen der Foodbank.

3.1 Der Wohlfahrtsstaat im Vereinigten Königreich

Großbritannien wird üblicherweise als ein typisches Beispiel für einen liberalen Wohlfahrtsstaat angesehen. Das Vereinigte Königreich gilt als Keimland moderner Industrie und Arbeitermobilisierung und war als erstes mit den Folgen dieser Entwicklungen für die sozialen Verhältnisse und die Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung konfrontiert. Bereits früh im 19. Jahrhundert bildeten sich Gewerkschaften und verfestigte sich das Prinzip der Selbsthilfe im Umgang mit den neuen Problemlagen. Die starke Gewerkschaftsbewegung, deren Macht erst Thatcher entscheidend beschnitt, beförderte zudem einen Anti-Etatismus der Arbeiterschaft, der auf dem Kontinent, wo vor allem Parteien sich für die Arbeiter einsetzten, nicht bekannt ist (Kaufmann 2003, S. 132 f.).

In Hinblick auf die religiöse Prägung war der britische Sozialstaat durch unterschiedliche Einflüsse bestimmt, die die religiöse Pluralität in Großbritannien widerspiegeln.9 Die religiöse Landschaft im Vereinigten Königreich umfasst verschiedene Kirchen und Freikirchen, außerdem viele nicht-christliche Religionen und Glaubensgemeinschaften. Am meisten Einfluss nahm jedoch die Anglikanische Kirche. Als Staatskirche wurde ihr eine Verantwortung für die gesamte Bevölkerung zugeschrieben. Sie sollte flächendeckend in allen lokalen Gemeinden präsent sein und ihre Dienstleistungen anbieten. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren jedoch die meisten Aufgaben der Pfarrer an den Staat übergegangen. Die Church of England blieb zwar ein Hauptakteur im Bereich wohlfahrtsstaatlicher Leistungen, im Bildungsbereich und im Gesundheitssystem, aber nun in Partnerschaft mit dem Staat (Brown 2013, S. 443).

Weitere Veränderungen des britischen Wohlfahrtsstaates wurden vorangetrieben, als eine liberale und modernistische Theologie innerhalb der Anglikanischen Kirche vorherrschend wurde (ebd., S. 446 f.). William Temple, Erzbischof und einer der einflussreichsten Theologen in den 1930er und 1940er-Jahren, setzte sich vehement für soziale Reformen ein und propagierte den universalen Wohlfahrtsstaat als dasjenige Staatsmodell, „zu dem Christen guten Gewissens ihre Zustimmung geben“ (ebd., S. 449) und dem sie Loyalität entgegenbringen konnten. Auf der Grundlage dieser Theologie unterstützte die Anglikanische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg die Entwicklung eines universalen Wohlfahrtsstaats in Großbritannien, den William Beveridge, ein Freund Temples, in seinem berühmten Report im Jahr 1942 entworfen hatte. Teil dieses Reports war u. a. der universelle National Health Service (NHS), der immer noch ein zentrales Element des britischen Wohlfahrtsstaates ist. Brown (ebd., S. 439) weist jedoch darauf hin, dass bei allem universellen Anspruch an staatliche Organe oft übersehen werde, dass der Report auch dem freiwilligen Engagement auf lokaler Ebene große Bedeutung zuschreibt.

Im Rückblick erscheint der universelle Wohlfahrtsstaat von Beveridge allerdings als eine Episode der britischen Sozialpolitik, die hauptsächlich durch Erfahrungen der Nivellierung sozialer Unterschiede und der Stärkung der nationalen Identität während des Krieges befördert wurde (ebd.). Seit den 1970er-Jahren nahm die gesellschaftliche Solidarität immer mehr ab, zugleich gewannen Klassenunterschiede und Individualisierungsprozesse an Relevanz. Die Orientierung an den USA verstärkte sich, und in der religiösen Landschaft breitete sich der Evangelikalismus innerhalb und außerhalb der Anglikanischen Kirche aus (ebd., S. 451). Neoliberale Politiken setzten sich mit der Wahl Margret Thatchers als Premierministerin durch, und der Wohlfahrtsstaat musste harte Einschnitte hinnehmen. Diese allgemeinen Veränderungen führten zu einem fundamentalen Wandel von Vorstellungen einer guten Gesellschaft und Solidarität, mit dem Ergebnis, dass Individualismus und Konsumorientierung Vorrang vor dem Kollektiven bekamen (ebd., S. 452).

Dazu kommt, dass in den letzten Jahrzehnten in Großbritannien wie in vielen europäischen Ländern grundlegende Umbauten des Wohlfahrtsstaates vorgenommen wurden. Begründet mit der Notwendigkeit von Einsparungen in den staatlichen Haushalten folgten sie der Leitlinie einer „Aktivierung“ arbeitsloser Bezieher von Sozialleistungen. Die Einschnitte waren so massiv, dass Beobachter mittlerweile von einem „‚workfare‘ regime“ anstelle eines „welfare regimes“ sprechen (Deeming 2015, S. 863 ff.). Der im Frühjahr 2012 in Großbritannien durch die Koalitions-Regierung unter Premierminister Cameron verabschiedete und 2013 in Kraft getretene „Welfare Reform Act“ zielt genau in diese Richtung (ebd.: S. 864). Dieses Gesetz ist zum einen ein Bestandteil einer verstärkten Austeritätspolitik, die auch andere gesellschaftliche Bereiche betrifft (wie z. B. die Wissenschaft) und massive Einsparungen erzielen sollte. Zum anderen wurde damit die Aktivierungspolitik der Vorgängerregierungen weitergeführt und noch einmal verschärft. Im Zentrum des Welfare Reform Act steht die Einführung des Universal Credit (Gov.uk 2018), durch den verschiedene Sozialleistungen ersetzt werden (Dwyer und Wright 2014). Darüber hinaus kann der Leistungsbezug mit Geldbußen (etwa bei festgestelltem Fehlverhalten) belegt und durch Sanktionen bei als nicht ausreichend bewertetem Engagement bei der Arbeitssuche gekürzt bzw. ausgesetzt werden. Diese Sanktionen können in einer vollständigen Streichung der Leistung von vier Wochen bis zu drei Jahren bestehen (ebd., S. 32).

Als Folge des Welfare Reform Act und seiner Umsetzung sind in Großbritannien für Menschen, die nur über geringe Ressourcen verfügen, verstärkt Notlagen entstanden. Durch Sanktionen, Kürzungen und Verzögerungen bei den Sozialleistungen, aber auch durch weitere Gesetze, die auf die Einsparung öffentlicher Mittel zielen, haben immer mehr Bedürftige nicht genug Geld für ihren alltäglichen Lebensunterhalt und leiden buchstäblich Hunger (Garthwaite et al. 2016, S. 7 ff.; Loopstra und Lalor 2017, S. 2 ff.). Zugleich wurde seit Ende der 1990er-Jahre von den Regierungen eine stärkere, auf freiwilligem Engagement basierende Bereitstellung von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen auf lokaler Ebene durch nicht-staatliche Akteure des Dritten Sektors gefordert (Power et al. 2017, S. 448). Wichtige nicht-staatliche Akteure, die durch die „food insecurity“ entstehende Lücken füllen, sind Foodbanks (Bazerghi et al. 2016; Dowler und O’Connor 2012; Garthwaite et al. 2015). Viele, aber nicht alle Träger der Foodbanks sind religiöse Organisationen. Die größte Reichweite und eine hohe mediale Präsenz haben die Foodbanks des Trussell Trusts. Auf dieses Netzwerk wollen wir uns in unseren Analysen konzentrieren. Wir interessieren uns dafür, wie auf unterschiedlichen Ebenen das zu bearbeitende Problem der Bedürftigkeit definiert wird und welche Lösungen dafür entworfen werden. Davon hängt auch ab, wie die daraus resultierende Unterstützungsbeziehung gedacht wird. Dabei müssen die beteiligten Akteure, die die Hilfe leisten, und diejenigen, die die Unterstützung bekommen, sich jeweils ins Verhältnis zur anderen Seite, aber auch zu staatlichen Regulierungen und den Vorgaben des Dachverbandes setzen.

3.2 Der Dachverband von Foodbanks im Vereinigten Königreich: Trussell Trust

Der Trussell Trust ist die Dachorganisation eines „400-strong network of foodbanks“ (Trussell Trust 2018d) in Großbritannien. Die von dieser Stiftung formulierten Prinzipien und Regeln werden von den zum Foodbank-Netz gehörenden lokalen Institutionen übernommen und umgesetzt. Der Trussell Trust verfolgt nach eigener Aussage das Ziel „Stop UK hunger“ (Trussell Trust 2018a). Wie andere karitative Organisationen möchte er dazu beitragen, die durch die staatlichen Einschnitte entstehenden Lücken mit einer Notfallversorgung zu schließen. Dabei bezieht man sich explizit auf religiöse Semantiken:

The Trussell Trust is a poverty charity founded on Christian principles. We work with people of all faiths and none, but are inspired to do what we do by Jesus’ words: „For I was hungry and you gave me something to eat, I was thirsty and you gave me something to drink, I was a stranger and you invited me in, I needed clothes and you clothed me, I was sick and you looked after me, I was in prison and you came to visit me.“ – Matthew 25:35–36 (Trussell Trust 2018a).

In dieser Selbstdarstellung verortet der Trussell Trust seine Arbeit in der Armenfürsorge („poverty charity“) und stellt sie in einen christlichen Kontext. Der Bezug auf das Christentum ist einerseits spezifisch, da die Stiftung dadurch mit einer Religion identifiziert wird. Andererseits ist er inhaltlich offen, denn unter „Christian principles“ können verschiedene Konfessionen und Denominationen subsumiert werden. Im Fortgang wird das Moment der Öffnung verstärkt, indem alle Glaubensrichtungen in die Arbeit integriert werden und schließlich auch Nicht-Gläubige, wobei sich das „work“ sowohl auf MitarbeiterInnen als auch auf die Zielpersonen der Charity beziehen kann. Der folgende Bezug auf ein Bibelzitat aus dem Matthäus-Evangelium reproduziert dieses Muster: Es wird auf eine christliche Lehre verwiesen, die jedoch nicht als Glaubensüberzeugung gekennzeichnet ist, sondern als Inspiration für die Arbeit.

Das Matthäus-Zitat ist an dieser Stelle aufschlussreich. Es wird Jesus zugeschrieben und berichtet von empfangenen Hilfeleistungen in verschiedenen Nöten: Hunger, Durst, Fremdheit, Nacktheit, Krankheit und Gefangenschaft. Auffällig ist dabei, dass die Hilfe ohne eine Thematisierung von Ursachen der Not oder einer Schuld und damit bedingungslos geleistet wird. In der Bibel steht diese Feststellung einer individuellen Hilfeleistung durch ein Gegenüber in einem ganz spezifischen Zusammenhang: Sie liefert im „Weltgericht“ die Begründung für die Zuordnung einer Person zu den Gerechten oder den Verfluchten. Jede einzelne karitative Handlung gegenüber irgendeiner individuellen Person in Not wird dabei in den Kontext der Beziehung zum Weltenrichter und zugleich allgemeingültiger Handlungsmaximen gestellt: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Das Ich, das Hilfe erfahren hat, ist damit ein konkretes Individuum und repräsentiert zugleich das Allgemein-Menschliche wie auch die Beziehung zu Gott. Die karitative Handlung wird dadurch zum praktischen Ausdruck des (christlichen) Glaubens.

Eine zentrale Rolle spielt für den Trussell Trust der Begriff der „Krise“. Die Unterstellung einer unmittelbaren, kurzfristig eingetroffenen Notsituation ist der Grund dafür, dass Lebensmittelpakete ausgegeben werden. Es wird zugestanden, dass die Krise durch „a range of reasons, from benefit delays to receiving an unexpected bill on a low income“ (Trussell Trust 2018d) verursacht sein kann. Diesem Ansatz entsprechend wird die Hilfe der Foodbank allerdings auch nur kurzfristig bereit gestellt, nämlich als „three days’ emergency food“, und zudem auf die dreimalige Nutzung innerhalb von sechs Monaten beschränkt (Trussell Trust 2018d). Die Notfallpakete werden gemäß einer standardisierten Liste zusammengestellt, die festlegt, welche exakten Mengen welcher Lebensmittel einem Ein‑, Zwei- oder Mehrpersonen-Haushalt zusteht (Trussell Trust 2018b).

Alle diese Regeln und Beschränkungen betonen das Grundprinzip, dass die Hilfe nicht als selbstverständlich und als eine ständige kostenlose Versorgung mit Lebensmitteln begriffen werden sollte. Stattdessen wird eine offizielle Bestätigung der Notlage durch „care professionals“ (Trussell Trust 2018d) verlangt. Dahinter steht die Überzeugung, dass die NutzerInnen sich nicht daran gewöhnen sollen, kostenloses Essen zu bekommen. Stattdessen sollen sie die der Krise zugrundeliegenden Probleme bearbeiten. Diese Moralisierung und Individualisierung der Gründe für die persönliche Not prägen somit die Unterstützungsbeziehung und zeigen sich auch darin, dass die ehrenamtlichen Foodbank-MitarbeiterInnen ergänzend „solutions to help identify and resolve the underlying causes of the crisis“ (Trussell Trust 2018b) anbieten sollen.

Zugleich zeigen die Veröffentlichungen des Trussell Trust, dass sich die Stiftung mit ihren Regeln auch gegenüber dem Staat positioniert. Es werden Forschungen zu den Ursachen der Lebensmittelunsicherheit in Großbritannien finanziert und daraus sozialpolitische Forderungen (z. B. zur Reform des Sanktionsregimes und zur Arbeit der Jobcentres) abgeleitet (Trussell Trust 2018c). Im Verhältnis zum Staat wird damit signalisiert, dass die Unterstützungsleistungen der Foodbanks die staatlichen Leistungen nicht dauerhaft ersetzen oder ergänzen sollen und der Staat seiner Verantwortung für die Bedürftigen gerecht werden sollte.

Diese Regeln und Prinzipien der Foodbanks formuliert der Trussell Trust als Dachverband im Kontext des britischen Wohlfahrtsregimes auf der nationalen Ebene. Umgesetzt werden sie jedoch auf der lokalen Ebene durch die Institutionen und Akteure, die die Foodbanks vor Ort betreiben. Das bedeutet, die Implementation der Prinzipien und Vorgehensweisen wird nicht schlicht top-down durchgesetzt. Vielmehr gehen wir davon aus, dass die auf der übergeordneten Ebene zentral formulierten Konzepte auf der lokalen Ebene an den jeweiligen Vor-Ort-Kontext angepasst werden müssen. Dabei haben die AkteurInnen im Feld Gestaltungsspielräume in der Aneignung und Umdeutung der Richtlinien. Das heißt, die Konzepte des Dachverbandes, die ihrerseits spezifische Menschenbilder, Zielstellungen und Adressierungen enthalten, werden angesichts konkreter Probleme und örtlicher Besonderheiten rekontextualisiert.

3.3 Foodbanks in Südwales

Im nächsten Schritt rekonstruieren wir, wie die Prinzipien und Regeln des Trussell Trusts in einer Foodbank in Südwales angeeignet und umgesetzt werden. In zwei Standorten dieser Foodbank führten wir für unser Forschungsprojekt offene, Leitfaden gestützte biographisch-narrative Interviews mit NutzerInnen und ExpertInnen-Interviews mit freiwilligen MitarbeiterInnen durch.10 Außerdem sammelten wir vor Ort verschiedene Dokumente wie z. B. auf den Tischen ausliegende Informationsblätter. In diesem Beitrag greifen wir auf die Interviews zurück.

Die Foodbanks, in denen wir unsere Erhebungen durchgeführt haben, liegen in der südwalisischen Mittelgebirgslandschaft. Einst stark im Kohlebergbau nahmen hier seit den 1980er-Jahren, als die Minen nach und nach geschlossen wurden, Arbeitslosigkeit und Mangel stark zu. Die Gegend gehört heute zu den Regionen mit der höchsten Deprivationsrate in Wales (StatsWales 2018; UK onlinecentres 2018). Die religiöse Landschaft in Wales unterscheidet sich sehr von anderen Teilen des Vereinigten Königreichs. Zum einen ist die anglikanische Church of Wales – im Gegensatz zur Church of England – keine Staatskirche; zum anderen gab es in Wales schon immer eine große Vielfalt freikirchlicher Gemeinden, wie z. B. Methodisten, Evangelikale, Baptisten und Pfingst-Gemeinden.

Die Foodbanks in unserem Untersuchungsfeld sammeln, verwalten und lagern die gespendeten Lebensmittel in einem lokalen Zentrum. Von dort aus werden die Lebensmittel in verschiedene Orte in der Umgebung verteilt. In diesen Satelliten, die sich in kirchlichen oder kommunalen Räumen befinden und an einem Tag in der Woche öffnen, werden die Notfallpakete von Volunteers in Tüten zusammengestellt und an BesucherInnen mit einer Berechtigungskarte ausgegeben. Die meisten (aber – wie betont wird – nicht alle) Freiwilligen sind Mitglieder der örtlichen freikirchlichen Gemeinden. Diese religiösen Gemeinschaften haben gemeinsam einen Flyer mit der Selbstbeschreibung der Foodbank und einer Einladung zu den Gottesdiensten formuliert, der auf den Tischen ausliegt und in die Lebensmitteltaschen gelegt wird. Auf diesem Flyer werden bereits wichtige Leitprinzipien und Zielstellungen der lokalen Gruppe formuliert, wie sich durch eine sequentielle Analyse des Faltblatts zeigte (Sammet und Erhard 2018b). Außerdem liegen Informationsblätter zu Budgeting-Kursen aus, in denen ein besserer Umgang mit Geld vermittelt werden soll.

In den beiden Foodbank-Satelliten haben wir ergänzend zu den Interviews mit den NutzerInnen auch Gespräche mit den Volunteers geführt. Das Interview mit Stacey11 in der ersten Foodbank fand in einem Büro statt, in dem die Akten der Foodbank verwaltet werden. In der zweiten Foodbank wurde das Gespräch mit Rhonda in der kleinen Teeküche geführt. Dort spülte Sian, eine weitere Freiwillige, gerade Geschirr ab und wurde ins Gespräch miteinbezogen. Rhonda beschreibt gleich zu Beginn des Gesprächs die Spezifika des Ortes und die vorherrschenden Problemlagen:

Rhonda: well, the problem is it_s a low income area
        with no employment. So everybody_s on low
        income. And you_ve got those that can manage
        their money and those that can_t. So yeah.
        When they come really (unstuck),
        maybe they_ve had (a big bill) as well then
        they (.) haven_t got enough money left to buy
        food on top.
I:      And then they come here.

Zunächst stellt Rhonda hier als generelles Problem fest, dass es in der Region keine Beschäftigung und als Folge davon geringe Einkommen gebe. Bezogen auf dieses geteilte Problem nimmt sie daran anschließend eine Differenzierung vor: Die einen könnten mit ihrem (wenigen) Geld umgehen und die anderen nicht. Die zuletzt genannte Gruppe habe aufgrund der fehlenden Kompetenz in bestimmten Situationen – wie z. B. im Falle einer höheren Rechnung – kein Geld mehr für den Kauf von Lebensmitteln zur Verfügung. Was daraus folgt, nämlich der Foodbank-Besuch, benennt Rhonda nicht, aber die Interviewerin. In dieser Logik resultiert die Notwendigkeit, in der Foodbank um Lebensmittel zu bitten, aus mangelnder Kompetenz im Umgang mit Geld. Das bedeutet, die Notsituation wird der Person zugerechnet. Als nähere Umstände nennt Rhonda in den folgenden Passagen noch den Konsum von Alkohol und Drogen sowie psychische Krankheiten. Im anderen Interview führt Stacey zudem verzögerte Zahlungen der Sozialleistungen (insbesondere im Zuge der Umstellung auf universal credit) und Obdachlosigkeit an. Hier handelt es sich also um eine externe Zurechnung der Ursachen auf wohlfahrtsstaatliche Verwaltungsvorgänge.

Bei Rhonda dagegen wiederholt sich später im Interview die personale Zurechnung:

I:      Who do you think should help the poor people
        or support poor people?
Rhonda: Well, (.) I actually think they should help
        themselves, first and foremost.
        They_re in a situation like this. (.)
        It is up to them, unfortunately, to want
        to change and to get off their (‑--) backside
        and improve their self somehow.

Die Individualisierung der Verantwortung bezieht sich an dieser Stelle nicht nur auf die Ursachen der Not, sondern auch auf ihre Bewältigung und wird noch verstärkt durch die Betonung des Wollens („want“). Eine Verbesserung der Situation sei demnach schon durch eine Entscheidung zur Selbstverbesserung zu erreichen. Der Wille dazu wird den Betroffenen allerdings implizit abgesprochen. Diese eindeutige Verantwortungszuschreibung auf die Person wird an anderer Stelle etwas relativiert, wie die folgende Gesprächspassage zeigt:

Sian:   Well, the circumstances make them so,
        don_t they?
Rhonda: Yes, yeah.
I:      Mm_hm. Yeah. (.) Uh, the_the circumstances
        of having no job and having low income.
Sian:   Yes.
I:      Yeah, yeah.
Sian:   Yes. Oh, yeah.
I:      Uh_huh. (.)
Rhonda: And I_I know it_s easy to say, (.) you know,
        it is up to them. But basically nobody can (.)
        wave a magic wand for anybody, can they?
        First basic principle of social work is
        that you you know, you empower people
        to help change themselves.

Zwischen Sian und der Interviewerin wird hier eine Einigkeit über den Einfluss der äußeren Umstände hergestellt, der auch Rhonda zunächst zustimmt. Sie vermittelt dies anschließend mit der zuvor betonten Selbstverantwortung durch den Hinweis auf eine Unmöglichkeit stellvertretenden Handelns und den Rekurs auf das Sozialarbeitsprinzip des Empowerments: Die Menschen müssten darin unterstützt werden, sich selbst zu helfen. Das bedeutet, sie verknüpft die Anerkennung widriger äußerer Umstände und der Notwendigkeit von externer Hilfe mit einer individualisierten Zurechnung.

Die Interviews mit den Volunteers – ebenso wie die sequentielle Analyse des Foodbank-Flyers (Sammet und Erhard 2018b) – zeigen darüber hinaus, dass die Volunteers neben der materiellen auch eine geistliche Hilfe leisten wollen:

Sian:   And we do try uh,
        and_and bring round, (.) if possible the_the
        chat (.) to (.) Christian things. And, uh and
        to point them to Jesus. Yes.
        […]
Rhonda: That_s it because,
        uhm, the this little principle is
        that you don_t (.) force it but
        you can intro_ you can introduce it.

Wie wir vor Ort beobachten konnten, überprüfen die Volunteers in den Foodbanks nicht nur die Berechtigungsnachweise der BesucherInnen und packen die Lebensmitteltüten für sie, sondern bieten ihnen während der Wartezeit auch Tee, Kekse und Gespräche an. Die Situation wird zudem für religiöse Kommunikation genutzt. Dieser Vorgang dokumentiert sich auch hier im Interviewauszug. Wie er abläuft und worum es den Volunteers dabei geht, wird von Sian sehr vage und offen formuliert. Die Benennung bleibt einerseits sehr diffus („Christian things“) und ist andererseits personalisiert („Jesus“). Diese vorsichtige, zurückhaltende Formulierung spiegelt möglicherweise die Art und Weise der Thematisierung religiöser Fragen im Gespräch mit BesucherInnen selbst wider: Man tastet sich langsam vor. Darin kommt die generelle Problematik religiöser Kommunikation zum Ausdruck. Sie kann durchaus als Zudringlichkeit und Übergriff in die Privatsphäre wahrgenommen werden (Sammet 2006, S. 357), da Religion im Zuge gesellschaftlicher Differenzierung auf bestimmte Kontexte beschränkt wurde und deshalb in einem nicht explizit religiös markierten Kontext wie der Foodbank nicht erwartet werden muss. Im Gespräch muss daher vorsichtig eruiert werden, ob sich das Gegenüber darauf einlassen möchte.

Dies korrespondiert mit dem Selbstverständnis der Freikirchen als „Bekenntnisgemeinden heiliger Christen“ (Troeltsch 1994), aus denen die Volunteers stammen. Für sie ist der religiöse Glaube eine Frage der persönlichen Entscheidung und nicht des Zwangs oder der Konvention. Daher betont Rhonda kurz darauf, dass religiöse Themen nicht aufgezwungen werden dürften, sondern nur darauf hingewiesen werden könne. Zugleich sehen sie sich jedoch als gläubige Christinnen damit beauftragt, das Evangelium zu verbreiten, d. h. zu missionieren. Diese Aufgabe setzen sie um, indem sie Gelegenheiten schaffen und nutzen, anderen Menschen von ihrem Glauben zu erzählen. Dass dies funktioniert, wird in den Interviews mit Erfolgsgeschichten illustriert:

Rhonda: That_s right because, uhm, in my previous job
        I_I had, uh, (.) a phone call
        about six weeks ago. And (.) a man
        had gone into (.) the charity shop
        run by my [Name der Organisation] in Q‑Town
        and spoken to the manager. And he said,
        if it hadn_t been for the [Name der
        Organisation], which is where I used to work
        he would_ve not got a flat.
        And he now goes to church regularly.
        But we didn_t (.) push it on the ground floor.
        But you hope that by your (.) helping and
        by your (.) he_uh, you know, your talk
        and everything else people come to church
        in their own way. You know?
        You_you hope that you sowed the seed and
        they think why did the people (.) help me?
        And what is it about Christianity that makes
        them people help me? So they go to find out
        hopefully.

Diese Geschichte stammt nicht aus dem Kontext der Foodbank, sondern einer früheren Arbeitsstelle Rhondas. Rhonda kann jedoch von dort Prozesse berichten, die derselben Logik folgen wie das Engagement in der Foodbank und die als Erfolgsmodell skizziert werden: Die Gespräche wecken ein Interesse der Gegenüber oder hinterlassen bei ihnen zumindest einen Eindruck, der in Erinnerung bleibt und irgendwann wieder aktualisiert wird. Die freikirchlichen Volunteers belassen es also bei Einladungen und Angeboten und hoffen auf einen eigendynamischen Prozess, der sich zu irgendeinem Zeitpunkt entfalten könnte. Nicht zufällig wird das eigene Handeln mit dem Aussäen eines Samenkorns verglichen. Diese biblische Referenz (Mk 4) wird häufig von kirchlichen AkteurInnen herangezogen, um Entwicklungen zu beschreiben, die man zwar anstoßen, jedoch nicht steuern und vorherbestimmen kann, sondern auf die man nur hoffen kann (Sammet 2005, S. 319 ff.). Soziologisch formuliert zeigen sich darin vielschichtige Zurechnungsprozesse: Man kann sich selbst einerseits ein eigenes Handeln attestieren (die Einladungen und Angebote bzw. das Aussäen) und andererseits in Hinblick auf den Erfolg entlasten. Erfolg wie Misserfolg werden anderen, externen Instanzen zugerechnet: zum einen der Entscheidung der eingeladenen Person, zum anderen den Mächten, die das Keimen und Wachsen des Saatkorns begünstigen, nämlich Umgebungsfaktoren (metaphorisch: Wetter und Boden) und andere, unbestimmte Einflüsse. Letztere können religiös chiffriert werden, als Schicksal oder Gott. Ob das Angebot die erhoffte Wirkung erzielt, können die Volunteers nicht überprüfen, sie können nur auf Rückmeldungen hoffen. Aus diesem Grund erfüllen die Erfolgsgeschichten eine wichtige Funktion, denn sie belegen nicht nur nach außen (wie hier im Interview), sondern auch nach innen die Wirksamkeit der Angebote.

Dieses Verständnis von Mission durch Einladungen und Impulse im Rahmen von Charity ist vereinbar mit dem religiösen Individualismus der freikirchlichen Gemeinden und der Zielstellung des Trussell Trust, den Menschen auch in Fragen der allgemeinen Lebensführung zur Seite zu stehen. Die Hilfe, die die BesucherInnen erhalten, hat dadurch für die Volunteers einen doppelten Sinn. Sie ist nicht nur eine materielle Hilfe in der Not, sondern sagt darüber hinaus etwas über die Hilfe leistenden Personen aus. Sie repräsentieren in ihrer Unterstützung das Christentum, das für die Hilfesuchenden an Attraktivität gewinnen soll.

3.4 Deutungen der NutzerInnen der Foodbank

Die lokalen Foodbanks machen durch ihre Volunteers also ein doppeltes Angebot in Gestalt von Lebensmittelhilfe und Mission.12 Im Folgenden wollen wir nun untersuchen, wie NutzerInnen dieses Angebot wahrnehmen und welche Unterstützung sie in ihrer Notsituation erwarten. Dazu ziehen wir Material aus zwei Interviews, die wir mit Foodbank-Besucherinnen durchgeführt haben, heran.

Das erste Interview wurde mit Oona, einer ca. 60 Jahre alten Frau, geführt, die mit ihrer Enkelin in die Foodbank gekommen war. Sie erklärte sich sofort dazu bereit und begann, ohne einen Stimulus abzuwarten, mit großer Empörung und offenbar unter großem Leidensdruck die Gründe für ihre aktuelle Lage und ihren Besuch in der Foodbank zu erläutern. Ihre etwas zusammenhanglos erscheinenden Schilderungen schloss sie ab mit einer allgemeinen Klage über die schlimmen Zustände (z. B. die zunehmende Obdachlosigkeit) im Land und der Beteuerung, sie habe sich nie vorstellen können, zu einer Foodbank zu gehen. Daran schließt die Interviewerin die Frage nach der Verantwortung dafür an, worauf Oona nach einer kurzen Rückfrage mit einer externen Zurechnung antwortet:

I:      Yeah (.) and who or what do you think
        is re_responsible for that?
        […]
Oona:   It_s the government, innit?
I:      The government, uh_huh.
Oona:   Got to be. (.) The Queen, she could help,
        step in. She could help us.
        She_s quick enough sending our men to war,
        (.) getting it maybe killed. There_s
        nobody (.) who seems to care. Just these people.
        Whoever_s giving us food to help us.
        And they got a (xxx xxx) to make you vote.
        Why should we vote when nobody does nothing
        for us?

In ihrer Antwort stellt Oona eine Mutmaßung an, auf die die Interviewerin bestätigend reagiert. Dass die Regierung verantwortlich sei, erscheint für Oona als einzig mögliche Antwort. Zugleich kommt darin zum Ausdruck, dass die Regierung Verantwortung übernehmen solle, was im Anschluss auch personalisiert der Königin zugeschrieben wird. Die Queen verkörpert in Oonas Antwort einen Staat, der nur nimmt, aber nichts dafür gibt. Diese Ausführungen erscheinen auf den ersten Blick als recht naiv, sie bringen aber u. E. sehr pointiert ein bestimmtes Staats- bzw. Gesellschaftsverständnis zum Ausdruck. In der britischen Gesellschaft gibt es demnach – mit Ausnahme der Foodbank-MitarbeiterInnen – niemanden, der sich um die Bedürftigen kümmert. Zugleich werden vom Staat und seinen Repräsentanten (Regierung, Queen) Einsatz und Loyalitätsbekundungen eingefordert: als Soldaten13 oder WählerInnen. Diese Erwartung kehrt Oona hier um: Sie ist nur bereit, ihre Stimme abzugeben, wenn sie etwas dafür bekommt, nämlich Fürsorge. Das erinnert an Temples Vorschlag, dass nur ein auf das Gemeinwohl verpflichteter Staat die Loyalität seiner BürgerInnen verlangen dürfe (Brown 2013, S. 449). In Oonas Darstellung kommt der Staat dem jedoch nicht nach; er ist kein Gemeinwesen, sondern ein einseitig forderndes Gegenüber.

Auch Iona, die zweite Befragte, die wir hier heranziehen möchten, erklärte sich ohne Nachfrage zum Interview bereit und begann sofort über ihre Erfahrung mit der Foodbank zu reden. Ein immer wieder im Interview auftauchendes Thema waren „Limitations“, durch die sie sich selbst im Sinne von körperlichen und psychischen Einschränkungen (u. a. Venenthrombosen und Depressionen) oder ihren Sohn aufgrund seines Asperger-Syndroms klassifiziert. Vor allem und schon in ihren ersten Äußerungen zur Foodbank geht es ihr jedoch um Einschränkungen, die sie von außen erfährt:

Iona:   I mean, do th_do they have
        like you know, like we can have food bag
        and we can go, but they limit us.
        We_re only allowed three in six months.
        //In six months.// And it_s not a lot.
        It_s not a lot. If you_re not working on
        benefits and like, even though I_m not claiming
        for my children, I have children. Uhm, uhm,
        but I get to see them in the week as well.
        So when they come up, I still I provide
        them with food. But because I don_t claim (.)
        benefit for them. I can_t get extra food
        for them. // Oh, okay.// So it_s difficult
        you know? // Yeah.// Especially when, uh,
        (.) it_s like one adult then. They_ll_they_ll
        give me food for one adult.

Die Hilfe, die die Foodbank bereithält, ist für Iona durch zwei Aspekte definiert: Erstens besteht sie aus einer Tasche mit Lebensmitteln, d. h. sie wird in Form von Naturalien geleistet, und zweitens ist sie mit einer Begrenzung verbunden, die von anderen („they“) den Bedürftigen („us“) auferlegt wird. Dies wird im folgenden Satz noch einmal verstärkt als Erlaubnis bzw. Zugeständnis („We’re only allowed“). Im Weiteren wird der quantitative14 Aspekt dieser Begrenzung problematisiert, zunächst als Begrenzung auf drei Notfälle in sechs Monaten und anschließend als Nicht-Berücksichtigung ihrer Kinder, die zwar nicht bei ihr leben, für die sie jedoch manchmal koche. Iona nimmt die Regeln und Standardisierungen der Foodbank als Verfahren wahr, die ihrer besonderen Situation als nicht arbeitsfähige Leistungsempfängerin mit Kindern nicht gerecht werden. Das bedeutet, die Foodbank-Prinzipien bringen mit sich, dass ihre spezifische Notlage systematisch nicht berücksichtigt wird. Die Charity folgt in ihrer Darstellung insofern einer Verwaltungslogik und stellt keine individuelle Zuwendung zu einer bedürftigen Person dar.

Ihre Notlage ist für Iona vor allem in ihren körperlichen Einschränkungen begründet, die dazu führen, dass sie nicht arbeiten könne, obwohl sie es – wie sie betont – gerne würde. Diese gesundheitlichen Probleme rechnet sie sich persönlich zu:

Iona:   I can_t blame anybody else for my
        lifestyle choices. But (.) I sort of made
        my choices. But, (uh, I_ve) (all that I) got
        through em. But this is now where I am.
        I_m sort of stuck in this rut because
        of the bad decisions I made.

Die Ursache der Gesundheitsprobleme liegt demzufolge in der Vergangenheit und geht auf frühere falsche Entscheidungen zurück. Was sie damit meint, schildert Iona in einigen Stichworten: Drogenkonsum ab dem 21. Lebensjahr mit einem Einstieg über „recreatioal drugs“ hin zu härteren Drogen (Heroin), Sucht, vier Gefängnisaufenthalte und schließlich Substitution mit Methadon.15 Die aufgezählten Krankheiten sind als Auswirkungen des Drogenkonsums Folge ihrer früheren Entscheidungen und beschränken heute ihre Entscheidungsfreiheit. Anders als die Volunteers in der Foodbank unterstellen, ist demnach eine „Selbstverbesserung“ allein qua Willenskraft für Iona kaum mehr möglich.

Fasst man die Analysen nun zusammen, wird deutlich, dass im Feld nicht-staatlich organisierter Unterstützungsleistungen in Großbritannien verschiedene Erklärungsmuster, Aufladungen und Zuschreibungen aufeinander prallen. So zeigen sich in den Schilderungen der beiden Nutzerinnen deutliche Diskrepanzen dazu, wie von den freiwilligen Foodbank-Mitarbeiterinnen die Unterstützungsleistungen legitimiert und allgemeiner die Ursachen von Armut erklärt werden. Dies lässt sich nicht zuletzt auf die ungleichen Möglichkeiten und Erfahrungen gesellschaftlicher Teilhabe und biographischer Gestaltungsmöglichkeiten zurückführen. Gleichwohl lassen sich darin auch Spuren des übergreifenden Wohlfahrtsregimes finden, besonders was die personalisierte Zurechnung von Armut betrifft. Die religiösen Referenzen der Dachorganisation werden bei der Vor-Ort-Hilfe wiederum in eine missionarische Grundhaltung übersetzt, die die Arbeit ebenfalls begleitet. Für die Nutzerinnen stehen dagegen die Abhängigkeiten im Vordergrund der Unterstützungsbeziehungen in der Foodbank, woraus sie Forderungen an den Staat bzw. mehr Verständnis für individuelle Notlagen ableiten.

4 Vergleich: Irland

Die bisher erarbeiteten Ergebnisse stellen nur eine Zwischenetappe dar. Im Folgenden sollen sie durch einen Vergleich mit einer Foodbank, die im Wohlfahrtskontext der Republik Irland angesiedelt ist, eingeordnet und erweitert werden. Zum Vorschein kommen dabei sowohl die jeweiligen kontingenten Besonderheiten in der Referenz auf christliche Werte und Prinzipien, aber auch tradierte Formen der Nachbarschaftshilfe, die wiederum der je spezifisch ausformulierten Sicht auf Armut zugrunde liegen. Andererseits werden auch Ähnlichkeiten deutlich, die sich vor allem an der Konditionalisierung der Unterstützung durch den Träger der Foodbank zeigen. In der Darstellung beschränken wir uns auf die Entstehung und Profilierung des irischen Wohlfahrtsstaates sowie auf die Vorstellung eines irischen Foodbank-Modells, das in der katholischen Kirche verortet ist, und seine Bewertung durch eine kirchliche Mitarbeiterin.

4.1 Der irische Wohlfahrtsstaat

Das irische Wohlfahrtssystem ist verhältnismäßig jung. In den ersten Dekaden nach der Gründung des Irish Free-State 1921 von Seiten des Staates und im Parteienstreit nur rudimentär ausgeformt, bildete es sich erst im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs ab den frühen 1960er-Jahren heraus (Daly 1999, S. 124). Diese Zeit war gekennzeichnet durch hohe Wachstumsraten, eine nachholende Industrialisierung und Verstädterung sowie eine Vielzahl an Sozialprogrammen für beispielsweise soziale Sicherung, Bildung, Beschäftigung und Gesundheit. Dieser Trend hielt an, bis in den 1980er-Jahren die erste Finanzkrise die irische Wirtschaft erschütterte und die Arbeitslosenrate wieder bis auf 18 % (1985) anstieg (McCashin und O’Shea 2008, S. 356 f.). Die Antworten, die auf diesen Einschnitt gefunden wurden, prägen die irische Wohlfahrtspolitik bis heute und lassen die charakteristischen Grundzüge des Wohlfahrtssystems erkennen. Besonders zwei wichtige Referenzpunkte lassen sich benennen:
  1. a)

    Da Irland bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Kolonie Großbritanniens war, standen erste sozialstaatliche Interventionen – noch im frühen 20. Jahrhundert – in unmittelbarem Zusammenhang mit diesem Abhängigkeitsverhältnis (ebd.), von dem die Kolonie nach der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem profitierte (Powell 2017, S. 4 f.). Aber auch spätere, souveräne Reformen orientierten sich immer wieder am britisch-liberalen Vorbild und folgen der ideologischen Tradition, die sich bis heute in einer bedürfnisorientierten, liberal interpretierten Wohlfahrtspolitik ausdrückt (Daly 1999, S. 126).

     
  2. b)

    Der andere zu beachtende Einflussfaktor ist die starke katholische Prägung des Landes (Fahey 1992). Nach dem Ende des irischen Bürgerkriegs 1923 wurden die noch jungen sozialstaatlichen Errungenschaften einkassiert und in der Verfassung von 1937 durch eine sogenannte „Church-State alliance“ ersetzt, was die Rolle der Kirche in Politik und Zivilgesellschaft betont – festgehalten in der Verfassung gilt dieses Arrangement faktisch bis heute (Powell 2017, S. 5). Folgt man den Census-Erhebungen von 2011, identifizieren sich in Irland immer noch 84 % mit der römisch-katholischen Kirche.16 Das hat auch Einfluss auf die Wohlfahrtspolitik des Landes, in dem Sinne, dass lange Zeit keine gezielten staatlichen Interventionen zugelassen wurden. Dieser kirchliche Anti-Etatismus gründet in einer konservativen Interpretation von Subsidiarität bzw. kirchlicher „charity“. Die Dominanz der Kirche auf diesem Gebiet zeigt sich heute noch im Bildungs- und im Gesundheitswesen – viele Schulen und Krankenhäuser sind kirchliche Einrichtungen (Daly 1999, S. 121 f.).

     

Beide Strömungen lassen sich in den korporationistischen Strategien wiedererkennen, mit denen der irische Staat seit Ende der 1980er-Jahre wiederholt zum sozialpolitischen Hauptakteur wurde und dabei Kooperationen mit Interessensverbänden der Wirtschaft suchte, um die nationale Wirtschaft und damit auch das System sozialer Absicherung zu stärken (McCashin und O’Shea 2008, S. 357). Diese an Produktivität und Wachstum gebundene Form organisierter Wohlfahrt bestimmte die gesamte Zeit des „Celtic Tiger“ bis heute und wird auch als „welfare productivism“ bezeichnet (Powell 2017, S. 25). Hier vermengten sich nun allerdings auf eine säkularisierte Weise sowohl liberale (britische) Ansätze der marktförmigen Vermittlung von privatwirtschaftlichen Interessen und Sozialleistungen als auch anti-etatistische, katholische Prinzipien (McCashin und O’Shea 2008, S. 359).17 Und auch Arbeitsmarktmaßnahmen der 1990er-Jahre (Community Employment), die Schünemann und Boyle (2011, S. 193) als „Aktivierung ohne Konditionalität“ bezeichnet haben, verdeutlichen den liberalistischen, auf Selbsthilfe bauenden Charakter des irischen Wohlfahrtssystems.18

Dieses System der „marketisation of the welfare state“ (Powell 2017, S. 225 ff.) hatte Erfolg, und vom Ende der 1990er- bis Mitte der 2000er-Jahre entwickelte sich der irische Wohlfahrtsstaat innerhalb eines beachtlichen wirtschaftlichen Wachstums. Seit 2008 jedoch die weltweite Finanzkrise ausbrach, fand diese Entwicklung ein jähes Ende:

During the post-2008 economic crisis, austerity policies involved a descent into high levels of unemployment and emigration, sharp cuts in public services, declining living standards and a wideninig poverty gap (Powell 2017, S. 6).

Der Census 2011 dokumentiert auch das. Der wirtschaftliche Einbruch traf sowohl die nachwachsende Generation, die auf der Suche nach ihrer ersten Beschäftigung war, als auch diejenigen, die bereits einer Beschäftigung nachgingen. Der prozentuale Gesamtarbeitslosendurchschnitt schnellte mithin in nur wenigen Jahren von Vollbeschäftigung auf 19 % im Jahr 2011, in manchen Regionen sogar noch höher.

4.2 Eine lokale Dachorganisation: Crosscare

Ein Pendant zum Trussell Trust, wenn auch regional beschränkter, ist in Irland Crosscare. Als katholische Charity-Organisation beschreibt sie sich selbst als „Social Support Agency“ (Crosscare 2014a), die innerhalb der Erzdiözese Dublin eine Reihe sozialer Hilfs- und Unterstützungsangebote bereit stellt. Die Organisation existiert seit 1941, als sie als Reaktion auf die „dreadful poverty in Dublin“ (Crosscare 2014b) während der Kriegsjahre ins Leben gerufen wurde. Das damalige Kernanliegen, bedürftige Menschen mit Nahrung und Kleidung zu versorgen, steht bis heute im Zentrum – auch wenn das Angebot mittlerweile auf die Bereiche Gemeinde- und Jugendarbeit ausgeweitet wurde (Crosscare 2014b). Ähnlich wie der Trussell Trust beruft sich auch Crosscare bei dieser Arbeit explizit auf christliche Grundprinzipien:

Crosscare’s ethos is based on the principle that every person is created in the image and likeness of God. This places responsibility on us all to work to the highest possible standards while treating every person who uses our services and who works for and with us, with the utmost respect, courtesy and love (Crosscare 2014a).

In diesem Auszug aus der Selbstbeschreibung der Organisation kommen ein spezifisches Menschenbild und ein davon abgeleiteter sozialer Auftrag zum Ausdruck. Da alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen seien, sind sie auch nach Absehen von historisch und biographisch kontingenten Festlegungen gleich. Die soziale Verantwortung, die daraus für die (Freiwilligen‑)Arbeit innerhalb von Crosscare abgeleitet wird, speist sich aus diesem ontologischen Egalitarismus und einer darauf basierenden universellen Menschenliebe. Das heißt, auch wenn es soziale Unterschiede gibt, die gerade in der Beziehung zwischen MitarbeiterInnen und Hilfsbedürftigen virulent werden dürften, fordert das christliche Ethos einen respekt- und liebevollen Umgang („the utmost respect, courtesy and love“). Soziale Unterschiede sollen also nicht das Verhalten anderen gegenüber bestimmen, sie werden jedoch auch nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Für die NutzerInnen der Foodbank bedeutet das, dass ihnen ebenso wie den MitarbeiterInnen Respekt und Zuneigung entgegengebracht wird. Die soziale Ordnung als solche wird jedoch nicht angezweifelt. Zugleich wird auf Seiten der Organisation die Orientierung an fachlichen Standards als religiöse Pflicht gerahmt.

Konkrete Umsetzung erfährt diese Programmatik in „Food Banks“.19 Dieses Modell ist prinzipiell nicht neu in Irland und wurde von Crosscare selbst bereits 1989 etabliert (Crosscare Food Bank 2018c). Mit ihrer ersten Foodbank wollte die Organisation einerseits Lebensmittelverschwendung20 bekämpfen und zum anderen eine Anlaufstelle sein für „those marginalised, excluded and/or living in poverty“ (Crosscare Food Bank 2018c). Seit der Wirtschaftskrise und der anschließenden Rezession im Jahr 2008 nahm man zudem einen gestiegenen Bedarf an Armenunterstützung wahr (Crosscare Food Bank 2018d) und entschloss sich, ergänzend zu den bereits existierenden zentral zugänglichen Ausgabestellen das „Community Food Bank Model“ (Crosscare Food Bank 2018c) einzuführen. Dabei handelt es sich um von Freiwilligen organisierte Ausgabestellen, die an eine konkrete Kirchengemeinde angeschlossen sind und sich lokal an die Menschen, die im Einzugsgebiet dieser Gemeinde leben, richten (Crosscare Food Bank 2018c). Wie schon bei der Selbstpositionierung der Dachorganisation werden auch in Bezug auf diese neueren Formen der Essensausgabe „Exzellenz“ in der Fürsorge sowie sich aus dem katholischen Menschenbild ergebende Verantwortlichkeiten in Bezug auf die persönliche Integrität der Bedürftigen aufgerufen:

Our goal is to always provide an excellent service for those in need while maintaining each individual’s dignity and respect (Crosscare Food Bank 2018b).

Auch hier ist die Basis der Arbeit also die Universalität der Menschenwürde. Neu ist gleichwohl, dass die geleistete Hilfe an eine Konditionalität gebunden wird. Um Lebensmittelspenden zu erhalten, müsse man als „in need“ identifiziert werden und also den eigenen Bedarf nachweisen können (Crosscare Food Bank 2018b) – auch wenn offengelassen wird, wie diese Bedingung konkret umgesetzt wird, d. h. wie eng beispielsweise die Zusammenarbeit mit Institutionen des Sozialstaats gedacht ist. In der Foodbank, die wir besuchten, wird die Konditionalität über Gutscheine realisiert, die die betreffende Kirchenleitung nach eigenem Bemessen aushändigt.

4.3 Eine gemeindegebundene Foodbank in Dublin

Analog zum Trussell Trust im Vereinigten Königreich betreibt Crosscare Foodbanks in Dublin in Kooperation mit einzelnen Kirchengemeinden. Den dort eingesetzten MitarbeiterInnen obliegt es, die spezifischen (sozialstaatlichen) Vorgaben und strukturellen Umstände in konkretes Handeln zu übersetzen. Dabei kommen auch eigene Sichtweisen und Überzeugungen zum Tragen. Eine dieser Foodbanks wird von einer Gemeinde im Norden Dublins, die wir zunächst zur Orientierung im Feld und zur Vermittlung weiterer Kontakte aufgesucht hatten, wöchentlich organisiert. Wir ergriffen die Gelegenheit und führten auch dort einzelne Interviews – vor allem mit Angestellten der Kirche. Im Gespräch kam eine von ihnen, Sinead, auch auf die Foodbank zu sprechen. Wie sich herausstellte, eröffneten ihre Äußerungen eine kritische Sichtweise auf das Foodbank-Prinzip. Das begründet sie mit einem die Vergangenheit idealisierenden Verweis:

Sinead: […] I think that the_the good thing
        was then, we_we are neighbours.
        We always stuck together. And then one of
        the things that was great that everyone shared.
        If I got something, (.) I shared something
        with you. If something fell off the back
        of a lorry, it was de_it was shared
        to everybody. ((laughs)) //Yeah, yeah,
        yeah. ((laughs))// Like what do you say,
        what_what fell off the back of a lorry?
        //((laughs))// Soap powder here today.
        ((laughs)) //Right.// You know what I mean?

Sinead entwirft hier das Bild einer niedrigschwelligen Solidarität, die in der Vergangenheit eingeübt und unhinterfragt praktiziert worden sei und sich auf basale Dinge der Alltagsbewältigung respektive Haushaltsführung („soap powder“) bezogen habe. Diese Nachbarschaftshilfe basierte auf einem starken Zusammenhalt und einer tendenziell libertären, anti-autoritären Haltung, die wenig von Staat und Kirche erwartete. In diesem Sinne kann sich die Äußerung „if something fell off the back of a lorry“ zwar auf tatsächliche Zufallsfunde beziehen, die untereinander verteilt wurden. Gleichzeitig handelt es sich aber auch um ein geflügeltes Wort, das eine Grauzone zwischen legalem Erwerb und Diebstahl bezeichnet und zur Anwendung kommt bei Erwerbungen, deren Hintergrund man nicht hinterfragen will (Oxford Dictionaries 2018). Die dubiosen Umstände der Beschaffung verschleiernd teilt man die betreffenden Güter, anstatt rechtlich oder gar moralisch korrekte Maßstäbe anzulegen, und trägt so kollektiv zur nachbarschaftlichen Subsidiarität bei. Dieses autoritätsunabhängige Verlassen auf die Selbsthilfe untereinander in Bezug auf Bedarfe des täglichen Lebens, das klassischerweise katholischen und besonders der irischen Gesellschaft zugeschrieben wird (Daly 1999, S. 121 f.; Höllinger et al. 2007, S. 148), kommt auch im folgenden Abschnitt zum Tragen.

Sinead: […] If I had potatoes,
        I_d be giving my potatoes.
        That_s the way we were in them days
        as well. I got a sack of potatoes
        I_d give you.

Neben diese romantisierenden Entwürfe einer solidarischen Gemeinschaft, die aus dem wenigen, das ihr zu Verfügung stand, das Beste machte – ein Muster, das man auch in Bezug auf die ehemalige DDR und das vermeintliche Leben in ihr häufig findet –, stellt Sinead jedoch auch eine aktuelle Betrachtung dieser Gemeinschaft, die weniger positiv ausfällt. Eingeleitet von der Interviewerin entwirft Sinead eine Verfallsthese, in der die Etablierung der lokalen Foodbank und der Umgang der lokalen Bevölkerung mit ihr wesentliche Aspekte sind:

I:      Do you think that_s changed
        around here now?
Sinead: It has changed now, yeah.
        There_s a lot of it here.
I:      How come? What_what_what (changed)?
Sinead: It_s the kind of I think people_s
        pride, too. They didn_t want to be seen
        as, (.) you know and then, uh, uh,
        for instance now we have, uh, a Crosscare,
        we set up at [Name der Kirche]. And we (.)
        That_s the foodbank where food comes in.
        And on a Friday, you get a docket (.)
        (uh, filled with food) sometimes.
        And there is (xxx xxx xxx) sometimes.
        Some of it_s good, and some of it_s not.
I:      Really?
Sinead: But the (.) some of the kids (.)
        today, w_you wouldn_t eat some of the
        stuff that_s coming in.
        (And so many saying that they would eat).
        […]
I:      (so you_re saying that it_s)
        because they_ve got the foodbank now.
        In some ways, that_s you know,
        that_s kind of stopped the sharing.
        Is that what you_re saying?
Sinead: No, it_s_it_s (more) (xxx)
        but what you have to do (is you go)
        <whispered <(xxx xxx xxx xxx xxx)>>
        You have to ask them for it
I:      Oh, I see.
Sinead: where you shouldn_t.
        (They be needy) should be able to come up.

Sineads Beschwerde zielt in zwei Richtungen, die es auseinander zu halten gilt.21 Von der Interviewerin auf einen möglichen Wandel („change“) im Solidarverhältnis der Nachbarschaft gestoßen, kommt sie auf den Stolz („pride“) zu sprechen, den die Leute empfinden würden. Gemeint sei damit, dass sie nicht „als etwas“ gesehen werden möchten („to be seen as“). Offen bleibt, was genau hier Scheu erwecken soll. Jedoch gibt es der Kontext her zu vermuten, dass die stigmatisierende Praxis „negativer Klassifikationen“ (Neckel und Sutterlüty 2008) angesprochen ist, mit der sich sozial besser gestellte Milieus durch moralisierende Urteile mitunter über sozial schlechter gestellte Milieus erheben. Diese Praxis ist auch innerhalb von durch Prekarität und Arbeitslosigkeit betroffenen Gruppen zu beobachten, was vor allem zeigt, wie nachhaltig moralisierende und individualisierende Disziplin- und Leistungssemantiken in die Gesellschaft diffundiert sind (Hirseland 2016, S. 370). Damit geht laut Sinead einher, dass besonders junge Menschen in der Nachbarschaft („some of the kids“) Hilfe nicht mehr einfach annehmen können, da sie sich dem Risiko der stigmatisierenden Abwertung ausgesetzt sehen. Zwar räumt sie ein, dass nicht alle Lebensmittel, die ausgegeben werden, ihrem eigenen Standard an Nahrung genügen würden („Some of it’s good, and some of it’s not“). Das Problem liegt gleichwohl woanders. Durch die eingeführte Praxis der Foodbank wird die prekäre Versorgung mit Lebensmitteln der informellen Nachbarschaftshilfe entrissen und damit als solche sichtbar – was im Kontext einer auf Leistung und Disziplin orientierten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Distinktions- und damit Marginalisierungspotenziale birgt.

Dementsprechend weist Sinead auch die thesenhafte Verdichtung der Interviewerin, ob es (allein) an der Foodbank liege, dass die Nachbarschaftshilfe nicht mehr funktioniere, zurück. Ihrer Ansicht nach liegen die Veränderungen tiefer in semantischen Zuspitzungen begründet. Das Modell, das Crosscare anbietet, passe nicht in die Nachbarschaft, weil es Armut offensichtlich und damit stigmatisierbar mache. Wo es einst zur geteilten Erfahrung und Praxis gehörte, wenig zu haben und sich gemeinsam durchzuschlagen, müsse man sich nun für die Annahme einer Hilfeleistung schämen. Deshalb müsse man den Betroffenen die eigenen Hilfeleistungen fast schon aufdrängen, was gegen Sineads normative Überzeugungen geht („you have to ask them for it, where you shouldn’t“). Ihre Meinung ist, dass Hilfsbedürftigkeit ohne Nachdenken und Scheu mit einem Hilfsangebot beantwortet werden müsste („They be needy should be able to come up.“). Dass sie diese Punkte in Frage stellt, zeigt, dass nachbarschaftliche Solidarität und Subsistenz, wie Sinead sie für die Vergangenheit idealisiert, innerhalb des von ihr erlebten heutigen Arbeits- und Wohlfahrtskontext nicht mehr möglich ist.

5 Resümee

In diesem Beitrag haben wir die Bedeutung von Religion im Wohlfahrtsstaat in verschiedenen Hinsichten vergleichend analysiert. Ein erster Vergleichshorizont in der Analyse ist der zwischen dem Vereinigten Königreich und der Republik Irland. Dabei haben wir die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates in den beiden Untersuchungsländern betrachtet und sowohl die Bedeutung religiöser Soziallehren und als auch von religiösen Akteuren in den Blick genommen. Jedoch ist dieser Vergleich nicht als ein „klassischer“ Ländervergleich zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um ein kontrastierendes Verfahren, das dazu beiträgt, Besonderheiten und Ähnlichkeiten fallübergreifend und typisierend zu erfassen.

Darauf aufbauend haben wir in den Untersuchungsländern Konzeptionen von Unterstützungsbeziehungen auf unterschiedlichen Ebenen untersucht und rekonstruiert, wie auf der nationalen Ebene verfestigte und auf der organisationalen Ebene formulierte Konzepte auf der lokalen Ebene angeeignet und re-interpretiert werden. Die in ihrer Spezifität skizzierten Wohlfahrtskontexte bildeten den Hintergrund für unsere Analyse von Nahrungsmittelhilfen für Bedürftige in Foodbanks religiöser Träger in beiden Ländern.

Dabei kamen deutliche Inkongruenzen und Diskrepanzen zwischen Dachverband, Helferinnen und Nutzerinnen zum Vorschein, die auf spezifische religiöse Interessen, unterschiedliche Gesellschafts- und Gemeinwohlverständnisse sowie davon abgeleitete Vorstellungen der durch die Foodbanks aufgebauten Unterstützungsbeziehung zurückzuführen sind. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen sind wiederum auf jeweils ganz eigene Weise in den Vorgaben und Agenden der Dachorganisationen sowie dem allgemeineren Wohlfahrtskontext mit seinen Traditionen begründet. Während die Helferinnen in Wales ihre wohltätige Arbeit auch als Instrument christlicher Mission verstehen, die sie aus dem Selbstverständnis des Trussell Trust als christlicher Organisation ableiten, ruft die Kirchenmitarbeiterin aus Dublin tradierte Bilder einer libertären Subsidiarität als wechselseitiger Solidarität von gleichermaßen Armen im nachbarschaftlichen Kontext in Erinnerung. Dementsprechend färbt sich das Problem der Bedürftigkeit, um das die von uns konsultierten Quellen kreisen, jeweils anders. Für die einen ist es mit geistlicher bzw. religiöser Not assoziiert. Für die andere rührt das Problem der Armut daher, dass Bedürftigkeit nicht mehr gemeinschaftlich durch Teilen in der Nachbarschaft, sondern durch die Etablierung der sozialen Rolle als Bedürftige (und komplementär dazu die der Spenderin) bearbeitet wird. Soziale Ungleichheit wird damit in spezifischer Weise institutionalisiert und sichtbar gemacht, was mit Marginalisierungen und persönlichen Beschämungserfahrungen verbunden ist.

Diese Befunde zeigen, dass die Aneignung und Umdeutung von Unterstützungskonzepten keineswegs deterministisch zu verstehen sind. Worauf sich die Äußerungen beziehen und in welchem Licht das jeweils erscheint, hängt immer vom zu konstruierenden Bezugsproblem ab. An dieser Stelle ist auch die Positionierung der eigenen SprecherInnenrolle innerhalb der Unterstützungsdyade relevant. So wird beispielsweise Kritik am Unterstützungssystem auf den verschiedenen Seiten dieser Beziehung jeweils in anderer Weise geäußert und erscheint auch in unterschiedlichem Maße legitim. Die die Armenunterstützung organisierenden Institutionen können problematisieren, dass durch ihre Hilfsleistung der Staat aus seiner Fürsorgepflicht entlassen oder die Betroffenen dauerhaft in ihrer Abhängigkeit von Unterstützung verbleiben, wie dies in den Verlautbarungen des Trussell Trust oder den Äußerungen von Freiwilligen in Wales zum Ausdruck kommt. Beides kann als Kritik daran gelesen werden, dass durch Lebensmittelhilfe Ungleichheiten bzw. Bedürftigkeit nicht bekämpft, sondern letztlich zementiert würden. Für die Nutzerin der Waliser Foodbank ist hingegen eher problematisch, dass sie nicht genug bekommt, was sie auf die unterstellte Verwaltungslogik der besuchten Foodbank zurückführt.

Unsere Analysen zeigen auch, dass die organisierte Unterstützung von Armen immer noch als religiös begründete Pflicht wahrgenommen wird bzw. man sich aus einem religiösen Pflichtempfinden heraus in der Armenunterstützung engagiert. Sowohl Trussell Trust als auch Crosscare rufen Bilder und Gleichnisse der Armenfürsorge aus der Bibel auf und gründen darauf ihre eigene Unterstützungspraxis. Indes nimmt die institutionelle Ausgestaltung und Ausdeutung der religiösen Ideen ganz verschiedene Formen an. So kann aus der Gottesebenbildlichkeit der Menschen zwar ein empathischer und respektvoller Umgang abgeleitet werden, der aber nicht zwangsläufig zu einer Bekämpfung der Ursachen der Armut, sondern tendenziell zu einer Stabilisierung sozialer Ordnungen führt bzw. diese zumindest nicht hinterfragt. Wenn der Hilfe empfangende Arme als Repräsentant Christi wahrgenommen wird, dann geht es weniger um eine Veränderung seiner sozialen Lage (die der persönlichen Entscheidung des Betroffenen zugerechnet wird) oder um eine Milderung seiner Not, sondern die karitative Tat wird zum Ausdruck einer vorbildhaften christlichen Lebensführung und damit einer persönlichen Auszeichnung. Religiös kann die Hilfeleistung damit als Ausdruck der eigenen Erwähltheit oder als eine Voraussetzung der Erwählung im Jüngsten Gericht verstanden werden. Schließlich kann die Sammlung und Weitergabe von Lebensmittelspenden auch dem Vermeiden von Lebensmittelverschwendung und damit ökologischen Zielen dienen und ist auch in dieser (hier nur nachrangig bearbeiteten) Akzentuierung anschlussfähig an religiöse Semantiken (z. B. im Sinne einer „Bewahrung der Schöpfung“).

Mit unseren vergleichenden Analysen können wir solche diskursiven Aneignungen und Umdeutungen von religiösen Angeboten in ihrer spezifischen Sinnhaftigkeit herausarbeiten. Wir haben uns hier auf die wohlfahrtsstaatlichen und institutionellen Kontexte der Lebensmittelunterstützung und die Selbstverortung unterschiedlicher Akteure darin konzentriert. Um noch genauer diesen Konnex von gesellschaftlicher Struktur und stützender (religiöser) Semantik im Zusammenhang mit der organisierten Bereitstellung von Wohlfahrtsleistungen zu beleuchten, würde es sich daran anschließend anbieten, eingehender die Welt- und Gesellschaftsbilder sowie die auf die Lebensführung und die Unterstützungsbeziehungen bezogenen Ethiken der Beteiligten zu analysieren und dabei insbesondere in Anschluss an Weber (1980, S. 285–314) ihre Gebundenheit an soziale Lagen in den Blick zu nehmen.

Fußnoten

  1. 1.

    In der umgekehrten Richtung untersucht Schnabel (2017) den Einfluss von Religion auf Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat.

  2. 2.

    Sehr früh in einer ähnlichen Perspektive Kaufmann (1988). Esping-Anderson (1993) wurde aber auch verschiedentlich als nicht trennscharf, normativ aufgeladen oder als zu wenig ausdifferenziert kritisiert (Manow 2008, S. 27–31). Bäckström und Davie (2010, S. 193 f.) versprechen sich viel davon, die Analyse der Entwicklung des Sozialstaats in vergleichender Perspektive mit Martins Untersuchungen der unterschiedlichen Pfade des Säkularisierungsprozesses Martin (1978) zu verbinden.

  3. 3.

    In Schweden beförderte der Anfang des 20. Jahrhunderts geschlossene Kompromiss der traditionelle lutherische und freikirchliche Werte vertretenden Bauernbewegung mit der säkularistischen Arbeiterbewegung die Entstehung eines aktiven Wohlfahrtsstaats mit einem sozialdemokratischen Regime, in dem die Absicherung gegen soziale Risiken vom Staat übernommen wird (Jochem 2013).

  4. 4.

    Beide Projekte waren bzw. sind von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und an der Universität Leipzig angesiedelt.

  5. 5.

    Im aktuellen Projekt, das eine Laufzeit von 2016 bis 2019 hat, arbeiten Kornelia Sammet als Projektleiterin, Franz Erhard als wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie Johanna Häring und Almuth Richter als wissenschaftliche bzw. studentische Hilfskräfte mit.

  6. 6.

    Diese Bezeichnung für benachteiligte soziale Lagen verwendet Weber (1980, S. 295) in seinen Analysen zum Zusammenhang von sozialen Schichten und Religion.

  7. 7.

    Die Transkription erfolgte gemäß den Konventionen des „Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2“ (GAT 2) (Selting et al. 2009).

  8. 8.

    Vor allem in Bezug auf den irischen Wohlfahrtsstaat sind diese Sonderwegstheorien zu beobachten (Leibfried 1991; O’Connell und Rottman 1992; Fahey 1992; Cousins 1997). Das Hauptargument ist dabei, dass Irland als postkoloniales, von einem ländlichen Agrarmilieu und nicht einem städtischen Industriemilieu geprägtes Land mit einem speziellen Katholizismus an der Peripherie Europas und den Zentren des (globalisierten) Kapitalismus nicht in Esping-Andersens Schema der „three worlds of capitalism“ passe. Es handele sich um ein „komplexes“ und „hybrides“ Wohlfahrtssystem, das durch seine Geschichte von einem einzigartigen Sozialpolitikmix geprägt sei (Powell 2017).

  9. 9.

    Für diesen Abschnitt beziehen wir uns hauptsächlich auf Brown (2013).

  10. 10.

    In den von uns besuchten Foodbanks sprachen wir wartende BesucherInnen sowie Volunteers an, von denen sich fast alle zum Interview bereit erklärten.

  11. 11.

    Alle Namen sind Pseudonyme. Den Konventionen im anglophonen Raum entsprechend beschränken wir uns auf Vornamen.

  12. 12.

    Dazu kommt noch eine Lebenshilfe, z. B. in Form von Budgeting-Kursen, weiterer Beratung zu Hilfsangeboten usw.

  13. 13.

    Dass Männer in den Krieg geschickt werden, erscheint hier als etwas unvermittelt. Allerdings erzählt Oona an anderer Stelle, dass ihr früherer Mann bei den „Forces“ war.

  14. 14.

    An anderer Stelle geht es um die qualitative Seite als eine standardisierte Zuteilung, die nicht auf die besonderen Bedürfnisse des Sohnes eingeht: „But my son only eats chips“.

  15. 15.

    Ihre biographische Erzählung enthält hier wie an anderen Stellen Rückgriffe auf die Sprache psychosozialer ExpertInnen. Dies zeigt sich z. B. auch in der Beschreibung der Ehe ihrer Eltern: „she [ihre Mutter] was in a domestic violent relationship with, uhm my father“. Das heißt, es deutet vieles darauf hin, dass Iona in therapeutischen Kontexten eine spezifische Form der biographischen Selbstdarstellung gelernt hat.

  16. 16.

    Alle Daten, die sich hier auf die Censuserhebung 2011 beziehen, sind Publikationen der irischen Central Statistics Office (CSO) (2012a, 2012b), besonders aber ihrem interaktiven Webauftritt (CSO 2016) entnommen. Vgl. zum schleichenden Verlust des Einflusses der katholischen Kirche in Irland aufgrund von Missbrauchsskandalen, aber vor allem allgemeiner Liberalisierung und Säkularisierung Powell (2017).

  17. 17.

    Daly (1999, S. 105) beschreibt den irischen Wohlfahrtsstaat aus letzterem Grund auch als von einem „traditionalist Catholicism“ geprägt, was der starken katholischen Hegemonie besonders in Bezug auf säkulare Belange Rechnung tragen soll.

  18. 18.

    Im Unterschied zur ausgeprägten Konditionalität der Aktivierungspolitik im Vereinigten Königreich (Dwyer und Wright 2014).

  19. 19.

    Anders als der Trussell Trust nutzt Crosscare die (orthographisch richtigere) getrennte Schreibweise. Wir haben uns aus Gründen der besseren Lesbarkeit für die Zusammenschreibung entschieden.

  20. 20.

    Zudem verstehen sie ihre Arbeit auch als Beitrag zur CO2-Reduktion (Crosscare Food Bank 2018a). Damit stehen die Foodbanks ähnlich wie die deutschen Tafeln und anders als die Foodbanks des Trussell Trusts auch in einem ökologischen Kontext.

  21. 21.

    Das Gesagte ist aufgrund des Flüstertons und des starken lokalen Dialekts teilweise nur schwer verstehbar und muss daher zurückhaltend interpretiert werden.

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Authors and Affiliations

  1. 1.DFG-Projekt „Weltsicht von Arbeitslosen im internationalen Vergleich“, Institut für KulturwissenschaftenUniversität LeipzigLeipzigDeutschland

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