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»Markt der Lebensweisen« oder Diätetik und Reklame in Peter Altenbergs Pròdrŏmŏs

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Zusammenfassung

Der Beitrag untersucht zwei leitmotivische Diskurse in Pròdrŏmŏs von Peter Altenberg: die Aussagen zur Diätetik und zur Reklame. Ausgehend vom Wahrsprechen der antiken Philosophie, werden Altenbergs diätetische Regeln als Gegenprogramm zur zeitgenössischen (Rassen-)Hygiene gelesen. Das 1905 erschienene Werk greift die neuesten Techniken der Reklame auf, um einen »Zukunftsmenschen« zu entwerfen, der seine Lüste steigert und sich bewusst mit Markenprodukten erweitert.

»Lifestyles Market« or dietetics and advertising in Peter Altenberg’s Pròdrŏmŏs

Abstract

This article explores two leitmotif discourses in Pròdrŏmŏs by Peter Altenberg: its statements on dietetics and on advertising. Taking the truth-telling of ancient philosophy as a starting point, Altenberg’s dietetic rules are read as a counter-program to the (racial) hygiene of his time. Published in 1905, the work uses the latest advertising techniques to model a »man of the future« who increments his pleasures and consciously expands himself by means of branded products.

I.

Wer das Café Central in der Wiener Herrengasse betritt, geht an einer Figur aus Pappmaschee vorbei, die an einem Tisch rechts neben dem Eingang sitzt. Ein Mann im Anzug, blauäugig, mit Halbglatze und nietzscheanischem Schnurrbart, scheinbar bereit, den nächstbesten Gast um ein paar Euro anzuhauen: So sieht man Peter Altenberg, den Poeten des Kaffeehauses, ein schnorrender Bohemien. Die touristische Fassade entstand nicht unbegründet, denn es war dem Sohn eines Kaufmanns tatsächlich misslungen, ein bürgerliches Leben zu führen. 1859 in Wien geboren, unternahm er mehrere Anläufe, einen Beruf zu ergreifen, bis ihm von einem Arzt attestiert wurde, nervlich zu schwach für den Broterwerb zu sein.1 Der junge Mann namens Richard Engländer verbrachte die Nächte im Varieté und die Sommer auf Kosten der Familie am Land. Er fing an, literarische Texte zu schreiben, und nannte sich als Schriftsteller Peter Altenberg. Seine flüchtigen Arbeiten kamen, als er schon Ende dreißig war, im Verlag S. Fischer in Sammlungen heraus, die ihn als impressionistischen Dichter bekannt machten – 1896 erschien Wie ich es sehe, 1897 Ashantee und 1900 Was der Tag mir zuträgt.

Als 1905 Pròdrŏmŏs veröffentlicht wurde, waren viele Leser befremdet. Das Buch enthielt zwar wieder Geschichten und Gedichte, jedoch auch Speisepläne und Markennamen, deren Mischung sich in kein Genre einordnen lässt. Eine radikale Schrift, die alles enthält, was das Werk von Peter Altenberg bietet, aber wenig geschätzt wurde. In den Augen von Thomas Mann war »Altenbergs neuer Adel […] ein fürchterlicher Unsinn«2, und in einer germanistischen Studie über Das Prosagedicht im Wien der Jahrhundertwende wurde »diese eigentlich nurmehr als Kuriosität erwähnenswerte Veröffentlichung« kurz abgefertigt.3 Für Stefan Nienhaus, den Autor der Untersuchung, verkamen die Verse des Dichters aufgrund seiner privaten Probleme zur »Diäthetik [sic]«, ja zum direkten »Reklametext«, der nicht »logisch argumentierend« überzeuge, sondern »als Befehl formuliert« sei, was zu »fürchterlichen Entgleisungen« führe.4 Während es im Original heißt, man müsse immer wieder betonen, »dass 2 und 3 5 ergebe«,5 verbesserte Nienhaus im Zitat auf »6« und fügte den Tadel hinzu: »(Nur tut man dies eben nicht in simpler Wiederholung der gleichen Form und nicht in ein und demselben Buch).«6

Auch Karl Kraus, der eng mit Altenberg befreundet war, räumte 1906 in seiner Zeitschrift Die Fackel ein, dass man »gegen Altenberg’s neuestes Gebräu einer seelisch-ökonomischen Weltanschauung und gegen seine Heilslehre, die den Ankauf einer Zahnpasta unter Leugnung von Sexualempfindungen predigt, satirisch gestimmt werden« könne.7 Er verwarf die »Altenbergsche Gastrologie« und den »Spiritualismus der Materialwaren« zugunsten der literarischen Skizzen, die sich in Pròdrŏmŏs ebenfalls finden. »Ich gebe für die paar Zeilen seiner ›Maus‹ oder seines ›Lift‹, seines ›Spazierstock‹ oder seines ›Gesprächs mit dem Gutsherrn‹ sämtliche Romane einer Leihbibliothek her«, bekannte Kraus zum fünfzigsten Geburtstag des Freundes: »Dazu aber auch jenen P. A., der die Distanz zu seiner Welt durch Lärm ausgleichen möchte.«8 Nach diesem Prinzip stellte er posthum eine Auswahl aus Altenbergs Büchern zusammen, in die aus Pròdrŏmŏs selbstverständlich die »Maus« und der »Lift« eingingen, jedoch kein Speiseplan und kein Markenname.9 2009 erschien schließlich – statt einer überfälligen Gesamtausgabe – Das Buch der Bücher von Peter Altenberg, zusammengestellt nach Plänen von Karl Kraus, in dessen Nachwort »die weitgehend selbstlose und uneitle Großherzigkeit« gerühmt wird, mit der jener Spiritus Rector bemüht gewesen sei, »für ein möglichst positives Bild des ›Narren von Wien‹, wie Altenberg auch genannt wurde, zu sorgen«.10

Pròdrŏmŏs liegt also nicht in einer sorgfältigen Edition vor. Die Erstausgabe wurde allerdings von der Österreichischen Nationalbibliothek eingescannt und im Internet zur Verfügung gestellt.11 Es handelt sich um eine wüste Mischung aus Aphorismen, Szenen, Lesefrüchten, Gedichten, Slogans, Rezepten, Parabeln, Geschichten, Skizzen, Kritiken, Märchen, Gedankensplitter. Dieser Aufsatz untersucht zwei leitmotivische Diskurse des Werks: die Aussagen zur Diätetik und zur Reklame. Ausgehend vom Wahrsprechen der antiken Philosophie, wie es Michel Foucault beschrieben hat, werden Altenbergs diätetische Regeln als Gegenprogramm zur zeitgenössischen (Rassen-)Hygiene gelesen. Dem geforderten Triebverzicht und der Einordnung in die Gemeinschaft stellt Pròdrŏmŏs einen dekadenten Zukunftsmenschen entgegen, der seine Lüste steigert und bewusst über sich selbst hinausgeht. Dabei entstehen Ensembles aus natürlichen und künstlichen Elementen – aus Körperteilen, Gefühlen, Gedanken, technischen Geräten sowie Handelswaren, die Namen tragen. Als prodromos, als Vorläufer erprobt Altenberg Lebensweisen, die um Markenartikel herum gebildet sind, und lässt die Verfahren der aufkommenden Reklame in sein Schreiben einfließen. Er übt Lehrsätze ein, aber nur versuchsweise, ohne sich auf eine bestimmte Haltung festzulegen.

II.

Lukians Dialog Bion prasis stellt, wie der griechische Titel besagt, einen »Markt der Lebensweisen« dar. Der Satiriker beschreibt in dem vermutlich in den sechziger Jahren des 2. Jahrhunderts entstandenen Text, wie Zeus die führenden Philosophien der Antike an die Meistbietenden versteigert. Hermes tritt als Verkäufer auf und bietet etwa Diogenes ironisch als einen »edeln freyen Mann« aus.12 Auf die Frage nach seinem Beruf antwortet der legendäre Kyniker: »Ich bin ein Befreyer der Menschheit und ein Arzt ihrer Leidenschaften; überhaupt aber mache ich Profession, ein Prophet der Wahrheit und Freymüthigkeit zu seyn«.13 Die Karikatur lässt erahnen, weshalb Peter Altenberg als »Diogenes in Wien« bezeichnet wurde.14 Beide verkünden ihre Lehren im Pathos der Befreiung, als ethische Pioniere, beide wollen die Menschen von seelischen Krankheiten heilen, beide führen ein öffentliches, heimatloses Dasein. Von diesen anekdotischen Gemeinsamkeiten abgesehen, sind Diogenes und Altenberg insofern philosophisch verwandt, als sie einen Begriff von Wahrheit teilen, die sich in einer Lebensform verwirklichen soll.

Im griechischen Original lautet der Schluss der zitierten Passage: »aletheias kai parrhesias prophetes«15. Dass Lukian die Kyniker als Propheten des Wahrsprechens präsentiert, ist Michel Foucault zufolge kein Zufall. In den Vorlesungen, die er 1982 bis 1984 in Frankreich und den USA hielt, befasste sich Foucault wiederholt mit dem Konzept der parrhesia, die sich etymologisch aus pan und rhema herleitet, also wörtlich übersetzt »alles Gesagte« bedeutet.16 Es handelt sich um ein freimütiges Sprechen, eine bewusste Öffnung des Herzens, die nach Foucault den philosophischen Diskurs der Antike kennzeichnet. Im Gegensatz zu den rhetorischen Verfahren, die auf Überredung zielen, muss das Subjekt der Parrhesie mit der Aussage übereinstimmen, um selbst als Beispiel der Wahrheit zu dienen.17 Dieser Zusammenhang von alethes logos und alethes bios, von wahrer Rede und wahrem Leben, erfährt in der kynischen Philosophie eine Theatralisierung: Der Kyniker dramatisiert den Freimut zur Schamlosigkeit, tritt als Bettler, Tier und König auf, um das Wesen der Wahrheit zu offenbaren.18 »Die Lebensweise gilt als die Bedingung der Möglichkeit für die Ausübung dieser parrhesia«,19 führte Foucault 1984 am Collège de France aus. Der Kynismus mache »aus dem Leben, aus der Existenz, aus dem bios das, was man eine Alethurgie, eine Manifestation der Wahrheit nennen« könne.20

Gemeint ist kein Rollenspiel, sondern eine tatsächliche »Einübung der Wahrheit«21, bis die Lehrsätze Teil des Selbst geworden sind. Der antike Philosoph, wie ihn Foucault im Anschluss an Pierre Hadot begreift,22 rüstet sich mit gehörten oder gelesenen Wahrheiten aus, die durch Wiederholung, tägliche Übung, durch Memorieren und Aufschreiben buchstäblich einverleibt werden. Das Ziel war, die logoi, die als wahr erkannten Sätze, in ein ethos, eine Lebenshaltung zu verwandeln. Der ideale Kyniker, Stoiker oder Epikureer hat die Kluft zwischen Erkennen und Handeln überbrückt, lebt seine Lehre vor, ist im wörtlichen Sinn wahrhaftig. Das Ethos zeigt sich nicht nur in den Aussagen und den Beziehungen zu anderen Menschen, sondern auch »in seiner Kleidung, seiner Bewegung, seiner Art zu gehen« usw.23 Die Rede von der »Ästhetik der Existenz«24 bezieht sich auf den Versuch, das Leben als ein Werk zu gestalten, das über die Verhaltensregeln hinaus einen bewussten Stil ausdrückt. Als wesentliche Praxis dieser Selbstbildung versteht Foucault die antike Diätetik, die mehr als ein »Ensemble von Vorsichtsmaßregeln zur Vermeidung von Krankheiten und zu ihrer Heilung« gewesen sei, nämlich eine ganze Lebenskunst, »wie man sich als ein Subjekt konstituiert, das um seinen Körper die rechte, notwendige und ausreichende Sorge trägt.«25 Während die Moral Normen festlegt, die auf höhere Werte zurückgehen, soll die Technik der díaita, der rechten Lebensweise, eine individuelle Ethik, eine Subjektivierung nach fakultativen Regeln ermöglichen.

III.

»Die Diätetik liegt eingesargt in Büchern«, heißt es in Pròdrŏmŏs. »Sie muss wieder auferstehen in Gehirnen!« (PS 8) Altenberg tritt jedoch nicht für eine Übernahme antiker Prinzipien ein, wie sie etwa Hippokrates aufgestellt hatte, sondern versucht Übungen, Speisen und Getränke, erotische Praktiken zu finden, die für das Leben in Wien um 1900 angemessen sind. Seine Lebenskunst folgt zwar dem galenischen Schema der sex res non naturales, allerdings in einer modernen Fassung. Denn die sogenannte Hygiene gehörte nicht weniger zum Projekt der Aufklärung als die Forderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen: Die Menschen sollten nicht nur geistig, sondern auch körperlich unabhängig sein, sich von ihren Vormunden befreien, seien es Priester oder Ärzte.26 Als Raster der Gesundheitspflege führt der Artikel zur hygiène, der 1765 in der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert erschien, jene sechs nicht-natürlichen Bereiche an, die nach Galen das Gebiet der Diätetik bilden.27 Es handelt sich um Licht und Luft, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Wachen und Schlafen, Ausscheidungen sowie Gemütsregungen. Philipp Sarasin weist in Reizbare Maschinen nach, dass sich dieses Schema wie ein roter Faden durch die hygienische Literatur des 19. Jahrhunderts zieht.28 Den sex res folgend, wurde Krankheit als ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt aufgefasst, das den ganzen Organismus betrifft. Die Vorstellung der gesunden Balance äußerte sich nach zwei Mustern: Während zunächst ein reiztheoretisches Modell im Vordergrund stand, das sich auf den Zusammenhang von Bedürfnis und Befriedigung bezog, kam seit den 1850er-Jahren die Lehre des Stoffwechsels auf, die den Körper als thermodynamische Maschine beschrieb.

Im Gegensatz zu den modernen Hygienikern will Altenberg keine Homöostase, also kein physiologisches Gleichgewicht herstellen, sondern einen Überschuss an Lebenskraft erzielen. Wer seinen »Organismus als ein lebendig gewordenes edles Kunstwerk behandel[t]« (PS 43), ist laut Pròdrŏmŏs zu kulturellen Höchstleistungen fähig. Diese Ästhetik der Existenz mag antiken Vorbildern nacheifern, erinnert aber vor allem an den Ecce homo. In der 1888 verfassten Autobiografie, die erst 1908 posthum erschien, begründet Nietzsche die Tatsache, dass er so klug geworden sei, mit seinem diätetischen Regime. Was die Speisen und Getränke betrifft, heißt die entscheidende Frage: »wie hast gerade du dich zu ernähren, um zu deinem Maximum von Kraft, von Virtù im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?«29 Nietzsche setzt der christlichen Moral, die er als lebensfeindlich erachtet, eine Ethik entgegen, die dem antiken Ideal des virilen Mannes entspricht. Seine Einsichten zur Ernährung und Bewegung, zum Klima und Stoffwechsel, die er in der Folge entfaltet, sind keine allgemeinen Gebote. Er teilt dem Leser mit, dass ihm die italienische Küche guttut, dass der Alkohol nichts für ihn ist, dass er beim Wandern am besten Denken kann usw. Eine »Casuistik der Selbstsucht«30, die in seinen Augen wichtiger ist als metaphysische Spekulation. Für Nietzsche wie für Altenberg stellt Diätetik weniger ein Heilmittel als eine Technik zur Erhöhung des Selbst dar. So lautet eine Zusammenfassung in Pròdrŏmŏs, die dem Schema der sex res non naturales folgt:

Anhäufung von Lebens-Energieen durch Einführung kolossal leichtverdaulicher nahrhafter Speisen, sogenannter Rekonvaleszenten-Kost, Wöchnerinnen-Kost, durch Atmen in ganz reiner Luft bei Tag und Nacht, durch Freiturnen, durch Hautpflege, Abführmittel etc. etc. und Benützung der angehäuften Spannkräfte zu seelisch-geistigen Betätigungen, ist der Entwicklungsweg der künftigen Menschen! (PS 22)

Nach Altenberg zeichnen sich ethische Pioniere durch die Fähigkeit aus, ihre Reize zu beherrschen. »Auf Reizungen unmittelbar reagieren müssen, ist ungenial«, lehrt Pròdrŏmŏs. »Es ist, sein immanentes Künstlertum im Keime ertöten!« (PS 48) Er will die Verkettung von Trieb und Verhalten aufbrechen, die Lust des Körpers hinausziehen, um sie als Wunsch fühlen zu können. »Der Kulturmensch hat mit der Nahrungs-Aufnahme solange zu warten, bis eine ungeheure Sehnsucht nach Speise eingetreten ist, fast eine Speise-Liebe!« (PS 32) Es handelt sich um eine Grundregel, die für alle Bedürfnisse gilt. Wenn man sich bewegt, ist die Aufmerksamkeit auf die folgende Ruhepause zu legen, deren Erlebnis durch das erzeugte Verlangen vertieft wird: »Bewegung ist ein Hilfsmittel, um die Rast zu ersehnen und in derselben zu gedeihen!« (PS 26) Umgekehrt soll man erst aus dem Bett steigen, nachdem ein »Ekel vor dem Liegen« entstanden ist. (PS 60 f.) Beim Sexualtrieb geht es ebenfalls darum, die Lust zu kontrollieren und das seelische Begehren zu verstärken. »Die Sehnsucht muss dich krank machen, noch kranker und noch kranker; und dann fast irrsinnig«, schreibt Altenberg. »Dann, dann erst öffne die Schleusen, erlöse und begatte dich!« (PS 30) Im Mittelpunkt steht nicht das Genießen des Geschlechtsakts, sondern die erwartungsvolle Leidenschaft, die eine »Akkumulation von ungeheuren Lebens-Energieen« bewirkt. (PS 31) Selbst das Wechseln der Wäsche darf nicht selbstverständlich sein; bewusst vollzogen, stellt es eine »Häutung«, eine Art Neugeburt dar. (PS 68 f.) Gewohnheiten lehnt Altenberg grundsätzlich ab: Es zeuge von »geistiger Schwäche«, sich an eine »dem Organismus wertvolle Sache« zu gewöhnen – sei es ein Regenschirm oder eine Frau. (PS 131) Das heißt nicht, dass der Alltag keine festen Abläufe enthalten sollte; die eingeübten Handlungen müssen aber rituellen Charakter haben. In Pròdrŏmŏs findet sich folgender Text über das Teetrinken: »Punkt sechs Uhr trinke ich Tee, ein feierliches Geniessen ohne Enttäuschungen in diesem belasteten Dasein. Etwas, was man sicher hat, man hat seine friedevolle Glückseligkeit in seiner eigenen Macht.« (PS 153) Das Hochquellwasser wird in einem Nickelgefäß zum Sieden gebracht und über die Teemischung aus dem »Café Central« gegossen, die wie eine Almwiese duftet. Das Porzellan stammt von »Wedgewood«, die begleitende Zigarette von »Chelmis«. Der Tee dient als goldgelbes Nervenbad: »Ich sehne mich ihm täglich in gleicher Weise entgegen und liebevoll vermähle ich ihn meinem Organismus.« (PS 154)

Das Thema der Reizkontrolle ist seit der Antike mit der Diätetik verknüpft. Den griechischen und römischen Philosophen ging es jedoch um eine Entwertung der körperlichen Bedürfnisse. Wer sich die Tugend der Mäßigung aneignen wollte, musste den Lüsten gegenüber standhaft bleiben, also die Haltung der enkráteia, der Selbstbeherrschung einnehmen.31 Zur Erreichung dieses Ziels wandte Marc Aurel eine geistige Übung an, die Pierre Hadot »physikalische Definition« nennt.32 Mit ihrer Hilfe soll jeder Gegenstand oder Sachverhalt, der ins Bewusstsein tritt, auf seinen objektiven Gehalt hin geprüft werden. Indem zwischen den Dingen selbst und den willkürlichen Bewertungen unterschieden wird, setzt das Reiz-Reaktions-Schema aus, das den Menschen zum Sklaven seiner Triebe macht. In den Selbstbetrachtungen des Stoikers heißt es beispielsweise, dass man sich beim Festmahl die zugrunde liegenden Tierkadaver und beim Geschlechtsakt »ein Reiben des Gliedes und eine Absonderung von Schleim verbunden mit gewissen Zuckungen« vor Augen führen müsse.33 Die Passage ist kein Beleg für den Pessimismus Marc Aurels, sondern stellt den Versuch dar, den körperlichen Bedürfnissen mit Gleichmut zu begegnen. Der Leib mag erhalten, was er braucht – Essen, Trinken, Gewand, Begattung. Man soll diese Lebensnotwendigkeiten aber nicht überhöhen, denn gründen lässt sich das Selbst im Sinn der Stoa nur auf der göttlichen Vernunft, die in jedem Menschen gegenwärtig ist.

Ungeachtet dessen, dass Nietzsche die irdischen Freuden aufwerten will, spielt die Technik der Reizkontrolle in seiner Diätetik eine wichtige Rolle. Sie steht im Mittelpunkt der Frage nach der geistigen Diät. In Ecce homo wird ein »wohlgerathner Mensch« so beschrieben: »Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm angezüchtet haben, – er prüft den Reiz, der herankommt, er ist fern davon, ihm entgegenzugehn.«34 Beständig über die Sinneseindrücke zu wachen, ist für Nietzsche ein Gebot der Physiologie. Wer etwa Nächstenliebe empfindet, interpretiert seine Umwelt nach einer Konvention, die weder dem anderen noch einem selbst nützt, sondern Energie verschwendet. Karitative Reaktionen soll man ebenso unterbinden wie das Aufkommen kräfteraubender Ressentiments, gegen die Buddhas Lehre hilft, Feinden freundschaftlich gesinnt zu sein. Eine Abwehrhaltung ist vor allem in produktiven Phasen angebracht, wo fremdes Denken den eigenen Gedankenfluss stören würde: »Man muss dem Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als möglich aus dem Wege gehn; eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheiten der geistigen Schwangerschaft.«35 Den Willen, die Reizflut zu dämmen, teilt Nietzsche mit den zeitgenössischen Hygienikern. Wie Sarasin hervorhebt, galt Reizbarkeit seit der Aufklärung als Kennzeichen des Lebendigen. Die Gesundheit pflegen, hieß im 19. Jahrhundert, den Reiz kontrollieren: »Auf ihn richteten sich die dieses Denken prägenden Ängste vor dem Verlust des Gleichgewichts und vor dem Exzess, auf ihn bezogen sich alle Vorstellungen der Mäßigung und der Selbstbeherrschung.«36 Dem Unbehagen an den Lüsten, das den diätetischen Diskurs der Antike wie der Aufklärung prägt, liegt keine Moral zugrunde, die körperliche Genüsse an sich missbilligen würde. Es gehört vielmehr zu den Tugenden des freien Mannes, ein Gleichgewicht zwischen Mangel und Exzess zu halten.

Nach Adornos Lesart versucht Altenberg weniger, »die positive Fülle der Reize zu verarbeiten, als negativ alle die fernzuhalten, die nicht mit genauen Bedürfnissen korrespondieren«37. Dieser Befund trifft eher auf Nietzsche zu, der die kritische Auswahl in den Vordergrund stellt. Verglichen mit den antiken Philosophen und den modernen Hygienikern, legt Altenberg geringeren Wert auf das Maßhalten. Für ihn ist die Selektion nur der Ausgangspunkt einer Verwandlung des körperlichen Reizes in ein emotionales Begehren, das den ganzen Leib erfasst und also intensiver erlebt wird. Während die anderen Männer der Varieté-Sängerin den Rücken zukehren, um keine »Tantalus-Qualen« zu erleiden, setzt er sich »zehntausend Augen« ein, »um sie damit ganz in mich einzusaugen«. (PS 100) Der lüsterne Blick ist kein Surrogat für den ersehnten Geschlechtsakt, sondern dessen kräftesteigernde Stilisierung. Im Gegensatz zum erschöpfenden Orgasmus ist die Energiebilanz der Schaulust positiv. Daher rührt Altenbergs Leidenschaft für Fotografie und Film, die »Welten-Schönheit aus erster Hand« wiedergeben (PS 42/51): Die Kamera erweitert den Gesichtskreis, liefert den Augen zusätzliches Material, Lustobjekte, die den Stoffwechsel erhöhen.38 So liegt seiner Forderung nach Theatern für »Kinematograph-Vorstellungen« ein Vitalismus zugrunde. (PS 50) Denn die frühen Filme bieten ihm »vita ipsa« dar – ein Lebendiges im Sinn des Organischen, das im biologischen Diskurs des 19. Jahrhunderts mit Wachstum und Bewegung gleichgesetzt wurde.39 Die bewegten Bilder greifen das Leben aus dem Lebendigem: »La vie prise sur le vif«40, hieß eine Reklame für den Kinematographen der Brüder Lumière, der 1895 in Paris vorgestellt wurde.

Die Lebenskraft steigert sich aber nicht nur im Kino, sondern laut Pròdrŏmŏs in allen Momenten der Sehnsucht oder Vorfreude: »Beim Anziehen zum ersten Balle; beim ersten Berühren einer geliebten Hand; Fahrt zum Theater; Wir verreisen morgen früh; Er kommt, Er kommt; Verlobung; unerwartetes Geld; Der Tod geliebter Menschen.« (PS 21 f.) Wer seinen Energiespeicher aufladen will, muss diese Spannung aushalten können. Das Begehren wächst, wenn man den Druck nicht löst, dem inneren Drang nicht nachgibt. Der Grundsatz, aus Leidenschaft Kraft zu schöpfen, steht über allen moralischen Normen. »Was dich rosig macht, mit frischen blinkenden Augen, was dein Herz höher schlagen macht, deinen Appetit fördert, deine Bedrücktheiten bannt, deine Beweglichkeiten steigert, deine Lebens-Frohheit weckt, ohne fascheuse Reaktionen, das, das kann nicht ›pervers‹ sein«, stellt Altenberg fest. »Es gibt nur eine Perversität – – – sein Lebens-Kapital schwächen, verringern!« (PS 175) Als Vorbild für die Ökonomie der Kräfte dient nicht der Greißler von nebenan, der so viel einnimmt, wie er ausgibt; man soll ein »Milliardär an Lebens-Energieen«, ein »Welten-Bankhaus seiner selbst« werden. (PS 40/167)

Aber was bringt das erworbene Vermögen, die Fülle an seelischem Begehren? Nachdem sich die Lust zur Sehnsucht, der Impuls zur Leidenschaft entwickelt hat, wächst das Kapital an Lebenskraft und trägt Zinsen in Form von kulturellen Werken: »Erregungen in sich sich anhäufen lassen können, ohne der drängenden Erlösung nachzugeben, gehört zum Wesen der genialen Naturen. Sie repräsentieren Naturkraft-Speicher, riesige Etablissements, aus denen man dann unerhörte Symphonieen, Dramen, Gemälde, Wahrheits-Bücher etc. beziehen kann!« (PS 48) Altenberg ist nicht der einzige Wiener Autor, der im Jahr 1905 von der Möglichkeit spricht, Triebenergie künstlerisch umzusetzen. »Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme«, schreibt Freud in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, »daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den Namen Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen werden«.41 Trotz der gleichen Grundidee unterscheiden sich die Vorstellungen, wie die Umwandlung de facto abläuft. Während Freud davon ausgeht, dass die Sublimierung die Objekte der Geschlechtstriebe verschiebt, handelt es sich bei Altenberg um eine Veränderung der körperlichen Bedürfnisse selbst. In seinen Augen kann die Lust zu essen, zu trinken, aufzustehen oder sich auszuruhen ebenso wie das sexuelle Verlangen verseelt und vergeistigt werden. Es ist eine Selbsttechnik, eine Operation, die man an sich verrichtet, und kein unbewusst entstandener »Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage […], bei welchen den überstarken Erregungen aus einzelnen Sexualitätsquellen Abfluß und Verwendung auf andere Gebiete eröffnet wird, so daß eine nicht unerhebliche Steigerung der psychischen Leistungsfähigkeit aus der an sich gefährlichen Veranlagung resultiert«42. Psychoanalytisch gesehen, bringen kindliche Perversionen je nach dem folgenden Reifungsprozess Künstler, Neurotiker oder Triebtäter hervor. Wenn die Entwicklung zur genitalen Sexualität gelingt, können die perversen oder überschüssigen Regungen sublimiert, das heißt auf kulturelle Objekte abgelenkt werden. Der Begriff der Sublimierung entfaltet die volle Wirkung erst in der Freud´schen Kulturtheorie; seine Kehrseite, auf der Entsagung steht, lässt aber schon die individualpsychologische Einführung von 1905 erkennen: Die Zivilisation fordert Triebverzicht, und die sozialen Formen der Abfuhr ersetzen die Lustbefriedigung mehr schlecht als recht.43 »Nichts«, findet hingegen Altenberg, »nichts geht verloren von den Herzens-Kräften«, wenn die Sehnsucht – der als Begehren stilisierte Reiz – zum Gedicht umgewertet wird. (PS 59) Seine lyrischen Kinder sind, mit anderen Worten, keine Surrogate für die leiblichen, sondern Ausdruck eines Lebens, das vor Leidenschaft brennt.

IV.

Altenbergs Lebenskunst, die von der Reizkontrolle über die Steigerung der Lüste zur Sublimierung führt, knüpft an diätetische Praktiken der Antike wie der Aufklärung an. Sie steht allerdings im Widerspruch mit dem zeitgenössischen Diskurs der Hygiene, der sich um 1900 grundlegend veränderte. Im deutschsprachigen Raum verschob sich die Aufmerksamkeit vom individuellen Körper auf den »Volkskörper« – ein Umbruch, der in der Bibliothek der Gesundheitspflege beispielhaft zum Ausdruck kommt.44 Am Ende des ersten Bandes, der 1904 erschien, wurde mit folgenden Worten Arthur von Posadowskys, damals Vizekanzler in Deutschland, für die Schriftenreihe geworben: »Die Zukunft wird schliesslich dem Volke gehören, welches sich körperlich am widerstandsfähigsten und damit am wehrfähigsten erhält. Wer deshalb dafür kämpft den Massen Leben und Gesundheit zu erhalten, der kämpft für die Stärke und die Zukunft unseres Vaterlandes.«45 Verfasst wurden die zwanzig Bücher der Bibliothek nicht von obskuren Militaristen, sondern von anerkannten Experten. Der Eröffnungsband stammte von dem Berliner Pathologen Johannes Orth, der den persönlichen »Kampf ums Dasein innerhalb der Gesamtheit« mit den Auseinandersetzungen der »einzelnen Völker innerhalb der Völkergemeinschaft« vergleicht.46 Wenn der friedliche Wettstreit in einen kriegerischen Konflikt umschlage, werde jene Nation siegen, deren Mitglieder »die höchste Leistungsfähigkeit« besäßen.47 Daher sei es heute mehr denn je notwendig, für sein geistiges und körperliches Wohl zu sorgen. Die Gesundheitspflege erfordere eine »genaue Kenntnis des normalen Körpers« wie seiner krankhaften Veränderungen.48 Dieses Wissen könnten ausschließlich Mediziner mit naturwissenschaftlicher Ausbildung bieten, vor Kurpfuschern und sogenannten Naturheilern müsse hingegen gewarnt werden.

Orths Einführung lässt den Wandel des Hygiene-Diskurses um 1900 klar erkennen. Zum einen diente die Gesundheitspflege nicht mehr der Idee des autonomen Bürgers, der seine kognitiven und physischen Prozesse eigenständig steuert, sondern dem Konzept der Volksgemeinschaft. Zum anderen führte das thermodynamische Körperbild, das sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte, zu einer Verwissenschaftlichung der Hygiene.49 Was man vorher als individuellen Umgang mit inneren und äußeren Reizen verhandelt hatte, konnte nun präzise festgelegt werden. Die Gesundheit war keine fragile Balance mehr, sondern ein exaktes Gleichgewicht, eine berechenbare Norm, die für allgemein verbindlich erklärt wurde.50 So beschreibt Max Rubner die Ernährung und Verdauung im zwanzigsten Band der Bibliothek als eine Aufnahme und Abgabe von Wärme. Dem Professor für Hygiene der Universität Berlin zufolge »stecken in den Nahrungsmitteln Kräfte, die dann, wenn der Organismus den Nahrungsstoff angreift, frei werden.«51 Im Gegensatz zu Wasser und Salz würden Eiweiße, Fette und Kohlenhydrate vom Körper verbrannt, der für die Lebenserhaltung »eine gewisse Menge von chemischer Spannkraft« benötige.52 Um menschliche Arbeit im Wert von einer Kalorie zu leisten, seien vier Kalorien an Spannkraft erforderlich, da der Rest als Abwärme verloren gehe. Wie viel Wärmeeinheiten man aufnehmen muss, hänge vom Alter, Gewicht, von der Tätigkeit und vielen anderen Faktoren ab. Ein Erwachsener, der 70 Kilogramm wiegt und leichte Arbeit verrichtet, habe einen Bedarf von 2631 Kalorien pro Tag, die aus 123 Gramm Eiweiß, 46 Gramm Fett und 327 Gramm Kohlenhydraten stammen sollen.53 Ähnlich exakt legte Paul Jaerschky die Proportionen des gesundes Körpers in einem Schaubild fest, das am Schluss seines Buchs zur Gymnastik abgedruckt war, Band siebzehn der Bibliothek. Der »Proportionsschlüssel« endet mit dem Hinweis, dass es für den Leser nun ein Leichtes sei, im »Vergleich mit der ›normal-idealen‹ Gestalt die Abweichungen des eigenen Körpers festzustellen« und diese Schwachstellen durch Leibesübungen auszugleichen.54

Gymnastik im Freien, das gemeinsame Turnen ohne Kleidung, erhöht laut Jaerschky das »Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Volksgenossen« sowie die »Wehrfähigkeit des deutschen Volkes«, da es Moral und Gesundheit stärke: »Ein abgehärtetes, seuchenfestes Volk, das seine Freude in natürlichen Genüssen sucht, den Luft- und Naturgenuß eintauscht gegen die so zweischneidigen Freuden des Alkohols, Nikotins, der geschlechtlichen Exzesse und anderer Genüsse, ist der Gefahr der Rasseentartung erheblich weniger ausgesetzt als eine immer mehr und mehr verweichlichende, genußsüchtige Bevölkerung.«55 Zum selben Schluss gelangte die Gesundheitspflege Max von Grubers, der für die Bibliothek den Band zur Hygiene des Geschlechtslebens beisteuerte.56 Der ehemalige Leiter des hygienischen Instituts der Universität Wien, der 1902 für den gleichen Posten nach München berufen wurde, warnte seine Studenten in einer Rede über Die Pflicht gesund zu sein vor Alkoholismus und Geschlechtskrankheiten. Neben den körperlichen Versuchungen würden sich »psychische Gifte in unserem Volkskörper« verbreiten, die noch schädlicher wirkten.57 Entgegen der Irrlehre des Individualismus, wonach man sich ungehemmt ausleben solle, gebe es keine »Entfaltung der ›Persönlichkeit‹« ohne »Knechtschaft der Sinnlichkeit« und das »Wesen wahrer Kultur« liege in der »Entwicklung dieses Hemmungsapparates«.58 Fern davon, als soziale Wesen auf die Welt zu kommen, seien die Menschen »durch Drill und Erziehung, durch Auslese und Zuchtwahl« gemeinschaftlich zu formen, und zwar im Sinn »eines treuen Zusammenarbeitens auf Vervollkommnung«, ohne mitleidig zu empfinden: »Jeder muß in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft tätig sein; nicht als willenloses Werkzeug sondern in bewusster Einordnung und Unterordnung.«59

Dass die »Zuchtwahl« der vernünftigen Regelung bedarf, war in der Bibliothek der Gesundheitspflege eine Tatsache. Vernünftig hieß jedoch nicht, nur den kräftigsten, schönsten und klügsten Exemplaren die Fortpflanzung zu erlauben. Für August Forel, der den Band zur Hygiene der Nerven und des Geistes verfasste, zeichnet den Homo sapiens die Fähigkeit aus, »sich allen Umständen des Lebens am besten anzupassen«: Er stellt »keine zu großen Anforderungen«, hält »in allen guten Dingen Maß«, meidet Gefahren und nutzt »Vorteile zu seinen Gunsten« aus.60 Der Schweizer Psychiater betonte, dass es nicht um die Bildung eines Übermenschen gehe, sondern um die Verhinderung von »geistigen und körperlichen Krüppeln« einerseits und die Förderung »tüchtiger Menschen« anderseits.61 Man könne die Menschheit in zwei Hälften teilen – eine sozial brauchbare und eine sozial unbrauchbare. Wer zur oberen Hälfte gehöre, habe die Pflicht, sich kräftig zu vermehren; alle anderen sollten von der Fortpflanzung Abstand nehmen. Denn in den Augen Forels lautet das wichtigste Moralgesetz: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst und die Gesamtheit mehr als dich selbst oder einen Nächsten […].«62 Das Recht der Zeugung stehe keineswegs nur besonderen Talenten zu, gebe es doch »gewisse einseitige, pathologische Genies«, deren Erbanlagen insgesamt schädlich wären. »Schlichte, aber gesunde, brave, solide, arbeitsame und mit gesundem Menschenverstand begabte Bauern und Arbeiter bilden ein vortreffliches Material zu einer guten Nachkommenschaft«, schreibt Forel und nennt »tüchtige Dienstboten« als einen viel gefragten Typus.63

Altenbergs Verteidigung des Alkohols als Mittel, um seine Melancholien zu ertragen (PS 118–120), hätte Forel wohl als Grund zur Sterilisierung genügt. Eine überflüssige Maßnahme, denn Pròdrŏmŏs lehnt nicht nur die Institution der Ehe ab, sondern auch die Fortpflanzung, die in der Natur des Tieres liege. (PS 17 f./54 f.) Nachkommen in die Welt zu setzen, heißt für Altenberg, die menschliche Entwicklung aufzugeben. Sein Ziel besteht nicht in der Schaffung einer Masse von Soldaten oder Arbeitern. Nein, ein Poet zu sein, bedeutet Existenzweisen hervorzubringen, vorwegzunehmen, sodass sie allgemeine Lebensformen werden können. Was Altenberg als »Zukunfts-Menschen« im Sinn hat, macht der in Pròdrŏmŏs veröffentlichte Text »Pferde-Misshandlung« deutlich:

Sie wird aufhören, bis die Passanten so irritabel-dekadent sein werden, dass sie, ihrer selbst nicht mächtig, in solchen Fällen tobsüchtig und verzweifelt Verbrechen begehen werden und den hündisch-feigen Kutscher niederschiessen werden – – –. Pferde-Misshandlung nicht mehr mit ansehen können, ist die Tat des dekadenten nervenschwachen Zukunfts-Menschen! Bisher haben sie eben noch die armselige Kraft gehabt, sich um solche fremde Angelegenheiten nicht zu kümmern – – –. (PS 86)

Die Diätetik von Altenberg stellt ein Ensemble von Praktiken dar, die der Subjektivierung dienen. Es soll eine neuer Menschenschlag erprobt werden, zu dessen Eigenschaften »dekadent« gehört. Fern davon, der zeitgenössischen Neurasthenie zu verfallen, zeichnet sich diese Kreatur durch eine neurotonische Haltung aus: Ihre Nerven sind gespannt wie hohe Harfensaiten, die schon bei geringsten Schwingungen zu klingen beginnen. Altenbergs Zukunftsmensch ist insofern dekadent, als er mit Leib und Seele spürt, dass in der beschriebenen Straßenszene Unrecht geschieht, und diese Empfindung nicht verdrängen kann. Er muss einschreiten, weil er den Anblick der Pferdemisshandlung nicht erträgt, während die üblichen Passanten gelernt haben, solche Regungen zu unterdrücken. Sie halten sich raus, sparen ihre Kräfte für die eigenen Probleme. Aber ist es sinnvoll, den prügelnden Kutscher einfach niederzuschießen? Altenberg weiß noch eine andere Lösung:

Eine junge Dame war bereits so dekadent, dass, als sie auf dem Nach-Hause-Wege ein Fiakerpferd malträtieren gesehen hatte von einem rohen Kutscher, sie zu Hause das Essen erbrechen musste. Infolgedessen machte ihr verzweifelter junger Gatte die Anzeige beim Tierschutzverein. Infolgedessen werden wegen Dekadenz der Nerven künftig die Tiere nicht mehr misshandelt werden! (PS 104)

Die dekadente Verfassung der Menschen, wie sie in Pròdrŏmŏs erstrebt wird, bezeichnete Adorno als »eine subjektive Technik zur Vorwegnahme besserer gesellschaftlicher Zustände«64. Dass morbide Anlagen Fortschritte bewirken können, ist eine geläufige Vorstellung. In Ecce homo betont Nietzsche seine Erfahrung in »Fragen der décadence«, habe er doch gelernt, »Perspektiven umzustellen«, nämlich aus der Krankheit die Werte der Gesundheit zu verstehen und umgekehrt.65 Während er mit Altenberg einig ist, dass sich Genies durch rapiden Stoffwechsel und das Vermögen der Kraftsteigerung auszeichnen, unterscheiden sich ihre Ansichten zur Empathie. Für Nietzsche ist Nächstenliebe ein »Abzeichen des Niedergangs«, eine moralische Unsitte, die der »strengen Selbstsucht« widerspricht und das Leben entwertet.66 Altenberg dagegen betrachtet Altruismus als eine wichtige Energiequelle: »Ablenkung vom eigenen Ich – – – ein Tonikum erster Ordnung«, heißt es in Pròdrŏmŏs. »Hat mein Hund schon sein Essen bekommen?!? Hat mein Kanarienvogel schon frischen Sand?!? Hat mein Rosenstock schon Sonnenlicht und frisches Wasser?!? Ich bin beschäftigt, Gott sei Dank! Und zwar in Liebe – – –.« (PS 93)67 Aus Leidenschaft, aus Gefühlsregungen, aus Wohltaten Kraft zu schöpfen, ist ein integraler Bestandteil der Diätetik Altenbergs. Das affektive Ereignis eines hypersensiblen Kindes soll bewusst hergestellt, sein grenzenloses, über das Selbst hinausgehende Mitleid durch eine Lebenskunst erreicht und gesteuert werden.

Für Altenberg ist Mitmenschlichkeit die physiologisch klügere Haltung als Unmenschlichkeit. Nietzsches Urteil, wonach der Buddhismus eine Hygiene sei,68 wird in Pròdrŏmŏs sinngemäß auf das Christentum angewandt. Dass Nächstenliebe eine vernünftige Handlungsweise darstellt, vertrat nicht nur Jesus, sondern auch Marc Aurel. Er zählt die Wohltat, den sozialen Dienst zu den menschlichen Pflichten, denn nach der stoischen Lehre ist der Kosmos ein Weltstaat aller Vernunftwesen und der Logos in jedem Menschen präsent: Wer für die anderen Sorge trägt, sorgt für sich selbst.69 So ähnlich die Auffassungen in dieser Frage erscheinen, so verschieden sind die ethischen Ziele. Altenberg stellt den römischen Kaiser, was das menschliche Idealbild angeht, vom Kopf auf die Füße. Die praktischen Philosophen der Antike versuchten, sich die Kardinaltugend der sophrosýne, der weisen Mäßigung, anzueignen.70 Erstrebt wurde ein Zustand, der durch Autarkie und Ataraxie, durch Selbstgenügsamkeit und Unerschütterlichkeit charakterisiert ist. Marc Aurel nennt als Leitform den empedokleischen »Sphairos, der kugelförmige, über die ringsum herrschende Einsamkeit von frohem Stolz erfüllt«71 – das Symbol des einheitlichen Universums steht für den glückseligen Weisen, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Der Lebenskünstler aus Pròdrŏmŏs ist das Gegenteil eines abgeschlossenen Systems: Er öffnet sich nach allen Seiten, lebt in ständigem Austausch mit der Umwelt. Diese Subjektivierung findet ihren Abschluss nicht im autonomen Subjekt, sondern in der Liquidation des Individuums. Geglückt ist die Diätetik, wenn sich das Ich über die Luststeigerung im Strom des Begehrens auflöst, der alles durchfließt, aus Leidenschaft gespeist wird und Vitalität verleiht. Die Teilhabe an diesem Prozess setzt Askese voraus, die konsequente Einübung einer übermenschlichen Lebensform, die ästhetisch gestaltet und heterogen zusammengesetzt ist.

V.

Der zitierte Artikel von Adorno, der 1932 in der Frankfurter Zeitung erschien, will in Altenbergs Schreiben einen »Entwurf der Zukunft« erkennen.72 Im Rückblick werde man die Posen als »parodische Ahnung wirklicher Gesten« begreifen und den Sperrdruck als »das grelle Plakat« lesen, »das den monologischen Text des Dichters wohltätig durchbricht.«73 Angesichts dessen, dass auch Egon Friedell ein »Plakatieren« in Altenbergs Rede vernahm,74 mag die Wortwahl »Plakat« weniger als Metapher für eine emphatische Diktion denn als Metonymie für den Reklamestil seiner Texte verstanden werden. Tatsächlich beschreibt Pròdrŏmŏs einen Alltag mit industriellen Waren und geschaffenen Bedürfnissen, ohne den Zeigefinger zu erheben. Das Buch greift vielmehr Reklametechniken auf, um einen »Zukunfts-Menschen« zu entwerfen, der sich in der neuen Welt einrichtet. »Seelische Liebe ist der genialste Akkumulator und Regenerator«, stellt Altenberg fest. »Ferner das Licht der Sonne, von selbst endender Schlaf bei weit geöffneten Fenstern, Freiübungen in freier Luft, zarteste Rekonvaleszenten-Kost, Tamar Indien Grillon und Vino Condurango.« (PS 40) Die Zusammenfassung folgt Galens sex res non naturales, die in der Antike wie in der Aufklärung das Schema der Gesundheitspflege bildeten: Um die menschlichen Kräfte zu steigern, sind Sonnenlicht und frische Luft, körperliche Bewegung und erholsamer Schlaf, leichte Kost und vor allem Leidenschaft erforderlich. Was die Kategorie der excreta betrifft, der Ausscheidungen, so empfiehlt Altenberg unterstützende Arzneien, nämlich die Pastillen »Tamar Indien Grillon« und den Kräuterwein »Vino Condurango«. Während das aus Tamarinden, also indischen Datteln gewonnene Abführmittel in Form von Bonbons mit Schokoladeguss erhältlich war, wurde die Rinde des südamerikanischen Kondurango-Strauchs als bitteres Elixier vertrieben, das appetitanregend und verdauungsfördernd wirken sollte. Entscheidend ist im Rahmen der Aufzählung, dass »Tamar Indien Grillon« und »Vino Condurango« keine Galenika darstellten, die der Apotheker für seine Patienten zubereiten konnte, sondern als Markenartikel produziert und beworben wurden. Die Passage gibt eine Antwort auf die Frage, was der Mensch in Wien um 1900 braucht – eine Antwort, die natürliche und künstliche Elemente verbindet. Auch wenn die Zutaten variieren, bleibt das Prinzip dieser Mischung in Pròdrŏmŏs bestehen, wo die Erhöhung des »Lebens-Kapitales« mit folgenden Mitteln erreicht wird:

Vino Condurango, ein Likörglas nach der Mahlzeit, langsam in kurzen Schlucken getrunken. Tamar Indien Grillon, morgens vor dem Frühstück eine Pastille, gut zerkaut. Vibrations-Massage, ausgiebig bis zum ersten Ermüdungsgefühle. Schlafen bei geöffneten Fenstern, das Bett hart an das Fensterbrett herangerückt. Essen von Rekonvaleszenten-Kost, Wöchnerinnen-Kost, leichtestverdaulich und nahrhaft. (PS 59 f.)

Den Rat, in belüfteten Räumen zu schlafen und verträgliche Speisen zu essen, ergänzen zwei pharmazeutische Markenprodukte und ein elektrischer Apparat, der die Muskeln, vom urbanen Leben verspannt, lockern hilft. Altenberg führt zwischen den beiden Bereichen keine Hierarchie ein, die das Künstliche zugunsten des Natürlichen herabsetzen würde. Dass die technische Entspannung sogar der herzlichen Geste ebenbürtig ist, belegt eine Stelle, die als »unermessliche Kräfte-Spender« nennt: »Das sanfte flüchtige Berühren einer geliebten Hand, insgeheim, unter dem Tische, während eines Nachtmahles – – – und die elektrische Vibrations-Maschine!« (PS 25) Berührung und Maschine liegen auf gleicher Ebene, wenn es um die Gestaltung des »Zukunfts-Menschen« geht, der die Großstadt nicht gegen die Höhle eintauschen kann. Fern davon, Verzicht zu leisten, für ein natürliches Leben ohne Komfort einzutreten, konsumiert Altenberg eine Reihe von industriellen Luxuswaren. Um den Bedarf an Kohlenhydraten zu decken, isst er nicht Brot, sondern den amerikanischen »Karolinen-Reis«; und die Unmenge an Eiweiß stammt nur teilweise von Eiern, Fleisch und Fisch – den Rest liefern »Extraktum Puro«, ein konzentrierter Fleischsaft, und der französische »Gervais-Käse«. (PS 28/57) Bei den drei Nahrungsmitteln handelt es sich ebenso um Markenartikel wie bei der Zahnpasta »Dr. Suin de Boutemard« (PS 35/82), dem Parfum »Cuir de Russie« (PS 58/174), den Zigaretten »Chelmis Hyksos« und »Chelmis Ramses« (PS 153/158), den Schlafmitteln »Veronal und Hedonal« (PS 9), dem Gehörschutz »Antiphon« (PS 78/84) und den Zündhölzern »Bryant and May, London, Royal Wax Vestas« (PS 179), die »ihren Zweck in unübertrefflichen Vollkommenheiten« erfüllen.

Ein Kraftmittel, das in Pròdrŏmŏs wiederholt vorkommt, ist die Feder, mit der das Buch geschrieben wurde. Unter dem Titel »Idylle« heißt es: »Ich bette die willig-elastische Kuhn-Feder ein wie ein Kindchen in eine Wiege.« Das Schreibgerät und die Halterung würden sich die »Zärtlichkeit« gefallen lassen und seine »Liebe« erwidern. (PS 110 f.) Anstatt sich fortzupflanzen, erweitert sich Altenberg in Form einer Schreibfeder der Firma »Carl Kuhn & Co.« aus Wien. Es ist eine erotische Beziehung wie in der Skizze »Verzauberte Prinzessin«, die von Sommernachmittagen auf dem Land erzählt. Ein Mann fährt täglich im Boot an der Schwimmschule vorbei, wo sich »Annerl«, ein blondes Mädchen im weißen Badeanzug, anhängt und ziehen lässt. Sie sprechen kein Wort miteinander, nur hie und da berührt er »zärtlichst ihre süssen nassen kalten Hände an dem Bootrande«. (PS 133 f.) Das epische Gedicht stellt eine Idylle im klassischen Sinn dar – sonniger Tag, schilfige Bucht, schöne Jungfrau, stiller Verehrer. Altenberg versucht, die arkadischen Verhältnisse in seine Gegenwart hinüberzuretten. Er konstruiert, wie es Burkhard Spinnen nennt, »Idyllen in der Warenwelt«75, wo nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände Namen tragen. »Kuhn 201«, zum Beispiel, erfüllt die Forderung, dass jeder »Kultur-Mensch« eine Schreibfeder haben müsste, »die irgendwie mit seiner Persönlichkeit zusammenhinge«. Das genannte Modell, das »gleichsam von selbst Geist und Seele […] in Schrift« umsetze, arbeitet an Pròdrŏmŏs mit. Ähnlich einer »Cremoneser Geige« wird es im Gebrauch vollendet, wächst Wort für Wort mit dem Autor zusammen. Kein bestimmtes Schreibgerät zu verwenden, würde ein »Moderner« als Zeichen »mangelnder Individualität« sehen. »Ich aber sage nur sanft und bescheiden«, lautet der Schluss der Hymne: »Blaue Stahlfeder Kuhn 201, sei bedankt!« (PS 193 f.)

VI.

Als Schriftsteller reagierte Altenberg schnell auf die moderne Reklame, deren Stile und Verfahren sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierten. Davon zeugt das deutsche »Gesetz zum Schutz der Warenbezeichnungen« von 1894 ebenso wie eine Reihe bekannter Markenprodukte, die seither auf dem Markt sind, darunter Coca-Cola (1886), Maggi Suppenwürze (1887), Dr. Oetker Backpulver (1892), Leibniz Kekse (1892), Odol Mundwasser (1893), Aspirin (1899), Milka Schokolade (1901), Ovomaltine (1904), Kaffee Hag (1906), Persil Waschmittel (1907) und Nivea Creme (1912).76 Zur gleichen Zeit kam ein Diskurs auf, der sich praktisch und theoretisch mit der Reklame auseinandersetzte. Fachzeitschriften wie Die Reklame (1891–1900) und Propaganda (1897–1901) wurden herausgegeben, Ratgeber veröffentlicht und Modelle formuliert, die sich zu Prinzipien der Werbestrategie entwickelten. Klassisch geworden ist die AIDA-Formel, 1898 von Elmo Lewis aufgestellt, derzufolge Werbung, will sie erfolgreich sein, attention erregen, interest wecken, desire hervorrufen und action auslösen muss.77 In der Bibliographie der deutschen Reklame-, Plakat- und Zeitungs-Literatur, die 1918 erschien, sind mehr als 3.500 Titel verzeichnet. Als »das beste Buch, das bisher über Reklame geschrieben wurde«, führt der Autor das damalige Standardwerk Die Reklame von Viktor Mataja an.78 Der Wiener Nationalökonom und Sozialpolitiker bezeichnet die Reklame in seiner 1910 publizierten Studie als eine »soziale Macht, welche die Massen, welche ihr Tun und Lassen in die vom Reklamer gewünschte Richtung drängt«79. Sie arbeite mit den Mitteln der Suggestion, mit Bildern und Sentenzen, um das Verhalten der Menschen zu beeinflussen. Der Versuch, »einen Anteil an der öffentlichen Aufmerksamkeit zu erobern«, sei ein »Kampf aller gegen alle«, bei dem das »Neue, Aparte, Eigentümliche« der mannigfaltigen Produkte »dem Publikum eingehämmert« werde.80 Sobald das Interesse der Konsumenten gewonnen ist, wolle der Verkäufer ein nachdrückliches Begehren schaffen. Produzenten und Händler hätten seit jeher als »Erzieher des Publikums« gewirkt, das »seine Bedürfnisse oft nur unklar« fühle und die »Lücken in der Bedarfsbefriedigung« nicht immer wahrnehme: »Die Reklame wird dadurch zu einer produktiven Kraft, die nicht bloß eine bereits vorhandene Nachfrage auf einen bestimmten Betrieb hinlenkt, sondern Bedürfnisse wachruft und eine neue oder erweiterte Produktion entstehen läßt.«81

Mataja interessierte die volkswirtschaftliche Relevanz dieser Bedürfnisproduktion, die Ratgeber näherten sich dem Thema hingegen aus praktischer Sicht. Beispielsweise empfahl Richard Kropeit den Lesern seiner Reklame-Schule von 1908, sich zu fragen, »was erregt schnell und unbedingt die Aufmerksamkeit, was vermag das Publikum suggestiv zu fesseln«? Der Fachmann kenne »die Lebensgewohnheiten und Neigungen, die Instinkte und Leidenschaften der Menschen« genau: »Und er muß diesen Empfindungen in seiner Reklame entgegenkommen, ihnen schmeicheln. Die schwache Seite, die sich ihm irgendwo offenbart, muß er für seine Zwecke auszubeuten verstehen.«82 Um den Verdacht des Betrugs auszuräumen, forderten die Praktiker eine Professionalisierung der Reklame. Wer seine Produkte oder Dienste bewerben wolle, habe sich an einen Experten zu wenden. »Der Reklame-Bedürftige braucht einen objektiven Reklame-Berater«, schreibt Bruno Volger 1907 im Handbuch Moderne Reklamekunst und empfiehlt: »Bruno Volger, Leipzig-Oetzsch, Hauptstr. 59.«83 Es ist ein stabiles Muster der Ratgeber, dass die Reklame als Wissenschaft und Kunst bezeichnet wird, zu deren Ausübung die Autoren selbst berufen sind. Eine Eigenreklame, die von dem Versuch zeugt, die persönliche Praxis in einem Berufsfeld zu platzieren, das erst angelegt wurde. Der Reklame-Berater zeichnet sich durch mehr als Fachwissen aus, nämlich durch eine umfassende Verkaufshaltung, der das Bemühen entspricht, nicht nur einzelne Käufe zu veranlassen, sondern langfristige Käufer zu schaffen.84 Über die wichtigste Reklametechnik waren sich die Ratgeber einig:

Nach einem oft angeführten Ausspruch übersieht man das erste Mal ein Inserat, das zweite Mal bemerkt man es, liest es aber nicht, das dritte Mal liest man es, denkt sich aber nichts dabei, das vierte Mal sinnt man über die Sache etwas nach, das fünfte Mal spricht man darüber mit seinen Freunden, das sechste Mal kommt der Gedanke, einen Versuch zu machen, und das siebente Mal kauft man.85

Dem Rezept der Wiederholung liegt ein Reiz-Reaktions-Schema zugrunde, wonach die Verdichtung von Eindrücken suggestiven Einfluss ausübt. Mataja stützte sich in dieser Annahme auf Studien des amerikanischen Psychologen Walter Dill Scott, der Gewohnheit als das entscheidende Kriterium der Werbewirkung nachgewiesen hatte. Es gehe um die »Bildung gewohnheitsmäßiger Gedankenassoziationen«, die ein bestimmtes Produkt mit einer Warengattung verknüpfen.86 Was um 1900 als »Plakatstil« bekannt war, diente ebenfalls diesem Ziel. Laut Kropeits Reklame-Schule wirkten die modernen Plakate durch »breite, grelle, ungebrochene Farben, ungegliederte Flächen und die denkbar größte Einfachheit«, deretwegen auf »die feine Ausmalung aller Einzelheiten, die schöne Detaillierung aller Formen, die logische Perspektivenkonstruktion« verzichtet werde.87 Um in der großstädtischen Reizflut zu bestehen, mussten die Affichen »Fernwirkung« entfalten. Ein gutes Plakat, so die einhellige Meinung der Ratgeber, fällt auf, weckt das Interesse der Massen, die sich Tag für Tag durch die Straßen drängen, fesselt, wenn die Idee genial ist, die Aufmerksamkeit der Passanten. Die bildliche Darstellung solle daher verdichtet und drastisch, der Text kurz und packend sein, sodass die Grafik sich »gegen den Willen des Beschauers« durchsetzt und ihren »mnemotechnischen Zweck« erfüllt, nämlich den Namen eines Produkts bekannt zu machen.88 Der deutsche Kunsthistoriker Jean Louis Sponsel fasste die »Bewegung für das moderne Plakat«, der sein Bildband von 1897 gewidmet ist, als »Protest gegen die Nachahmung« auf: Sie bringe ein Bemühen um aktuelle Darstellungsformen zum Ausdruck und diene heute der »Erziehung des Volkes zum Kunstempfinden«.89 Allerdings fehle noch viel, räumt Sponsel ein, »dass die neue ›Kunst auf der Strasse‹ zur allgemeinen Herrschaft gelangt, und dass man, wie es geschehen ist, die mit Plakaten beklebten Häuserreihen mit einer ›Bildergalerie‹ vergleichen kann«.90

VII.

Altenbergs »Plakatieren« erinnert sowohl an die skizzenhaften Lithografien von Jules Chéret und Henri de Toulouse-Lautrec als auch an die radikale Vereinfachung in Lucian Bernhards Sachplakaten. Er will vor allem Wirkung erzielen, seiner Lehre mit den modernsten Verfahren Gehör verschaffen. »Die Wahrheit muss«, heißt es in Pròdrŏmŏs, »Vorstösse machen, immer und immer«. (PS 63) Auch wenn es nur um die »beste Tinte« oder die »vorzüglichste Schreibfeder« geht: »Keiner, dem laut tönend zu sprechen ist, hat das Recht, stumm abzutreten.« (PS 7) Um der Dummheit zu schaden und das Wissen zu verbreiten, werden die Slogans bis zum Überdruss wiederholt. »Mit einem Wort: mens sana in corpore sano. Nein, eben nicht mit einem Wort. Sondern mit Millionen Wörtern, mit Wort-Schrapnells, mit einem Regen von Wort-Ekrasitbomben in diesen Feind Stupidität hineinkartätscht!« (PS 34) Die Repetition ist die wichtigste Technik, die Altenberg von der Reklame übernimmt. »Habe ich das schon einmal geäussert?!«, fragt er rhetorisch. »Mache mir erst einen Vorwurf, bis ich es das zehntausendste Mal gesagt habe. Und dann erst, wenn du wenigstens bereits daran bist, es aufzufassen und zu befolgen!« (PS 45) Seine Geschichten und Anweisungen sollen nicht Gefallen finden, sondern effektiv sein, sich den Lesern einprägen und ihr Leben ändern. »Wie lange dauert es, bis eine alte Erkenntnis durch irgend einen Hokus-Pokus zur Kraft eines unentrinnbaren Gesetzes anwachse in den Gehirnen!?!?« (PS 66) Das hängt für Altenberg von der Begeisterung ab, mit der ein Gedanke verfolgt wird, von der Frage, ob eine Vorstellung sich zur idée fixe entwickelt und den ganzen Menschen zu beherrschen beginnt. »Alle Gesetze der Hygiene müssen im modernen Kulturmenschen zu ›fixen Ideen‹ auswachsen, zur Macht des Unentrinnbaren in uns!« (PS 21) Pròdrŏmŏs enthält eine Reihe von ›fixen Ideen‹, von wahren Sätzen, die ständig wiederholt und also eingeübt werden: »Immer wieder auf gewisse Dinge zurückkommen?!? Ja, man kommt immer wieder darauf zurück, dass 2 und 3 5 ergebe.« (PS 26) Es ist eine Methode, sich selbst zu konditionieren, eine Brücke von der Erkenntnis zur automatisierten Handlung.

Die Wahrheiten müssen geistig angeeignet und körperlich einverleibt werden. »Ältere, bereits geäusserte, aber nicht minder wichtige Dinge: 2 und 3 ergibt 5.« (PS 52) Manche Aussagen kehren im gleichen Wortlaut wieder, andere in Variationen. Dass der oft zitierte Kräuterwein mehr Kraft- als Heilmittel ist, heißt zuerst: »Man gab Vino Condurango Magenkrebs-Kranken, zur Linderung. Nun wird man es Magen-Gesunden geben, zur Erhöhung!« (PS 75) Und neun Seiten später: »Ich höre, dass man Vino Condurango bei Magenkrebs verordnet. Welche Kraft muss dieses Mittel erst spenden können, solange der Magen noch gesund ist?!?« (PS 84) Die Botschaft wird erinnert, der Leser überredet, sie zu beachten. Was für eine Zahnpasta? »Dr. Suin de Boutemard« (PS 35). Aber wo kaufen? »In Wien bei Twerdy, Apotheke, Kohlmarkt.« (PS 82) Als Laie, der sich in einem fremden Wissen versucht, gibt Altenberg diätetische Ratschläge, verfasst »mehr oder weniger richtige Aphorismen zur Lebensführung«, die verwirren: »Wozu haben wir unsere Ärzte und Hygieniker?!?«, werden seine Kritiker fragen. (PS 14) Die Sentenzen stellen logoi dar, wahre Sätze, die Sachverhalte zu Erkenntnissen verdichten und traumatische Wirkung haben: »Ein Aphorismus ist etwas, was dem Schreibenden einen Essay als Kommentar erspart, den Lesenden jedoch infolgedessen aufs höchste schockiert.« (PS 129) In den Skizzen kommt dagegen die Technik der komprimierten Schilderung zum Einsatz. Mit ein paar Momentaufnahmen setzt Altenberg etwa den Film über ein Mädchen in Gang, das den Löwendompteur Julius Seeth um eine Kostprobe bittet. »Eines Nachts nach der Vorstellung befahl also Seeth den Löwen Achmed in die offene Arena«, berichtet der Erzähler. »Achmed knurrte schrecklich, umschlich das fremde Mädchen, erhob ohne böse Absicht die Pranke. Seeth gab ihm einen leichten Schlag darauf, da küsste das Mädchen den Löwen rasch auf die Schläfe. Fertig.« (PS 160) Die einzelnen Bilder sollen sich in der Fantasie zu einer Szene fügen, die Aphorismen hingegen Anker im Bewusstsein versenken, an denen sich eine Geisteshaltung befestigen lässt.

Einige Skizzen in Pròdrŏmŏs erwecken den Eindruck von Werbespots. Sie bestehen aus drei Bildern: Die erste Szene baut ein Problem auf, die zweite präsentiert das »Produkt« als Lösung, und die dritte zeigt das Happy End. »Du gehst ziemlich schlapp und linkisch«, sagt sie traurig zu ihm. Dann fängt er an, jeden Morgen »Frei-Übungen« zu machen. Eines Tages sagt sie beglückt: »Du schreitest nun leichter und froher dahin, mein Lieber – – –.« (PS 72) Es ist die Syntax früher Reklamefilme, wie sie etwa in Die Suppe von Julius Pinschewer, einem Pionier des Genres, umgesetzt wurde.91 Der 1911 produzierte Film spielt in einem Gartenlokal, wo der Gast, dem eine Suppe serviert wird, den Teller nach dem ersten Löffel verärgert von sich schiebt. Der Kellner grübelt, verschwindet kurz und kehrt mit einer Flasche »Maggi« zurück, um nachzuwürzen. Nach erneuter Probe löffelt der Gast die Suppe im Zeitraffer aus und reibt sich zufrieden den Bauch. Am Ende des gut einminütigen Films ist ein packshot zu sehen, die viereckige Flasche der Würzsauce in Großaufnahme. Der Schlusseinstellung entspricht die Lobpreisung, mit der Altenbergs Reklame häufig schließt – das »sei bedankt« der Schreibfeder (PS 194), das »sei gepriesen« des Abführmittels (PS 17), das »[s]ei gesegnet« des Gehörschutzes: »Antiphon! Hartgummi-Kugel mit Stahl-Bügel! Getreuer Behüter tiefen von selbst endenden Schlafes!« (PS 78) Der Markenartikel ist Teil des Produktes »Schlaf«, das Altenberg vielfältig bewirbt. Ein Ensemble, zu dem die Schlafmittel »Veronal und Hedonal« gehören, die unschädlich seien, wenn man nach der Einnahme ausschläft. (PS 9 f.) Ungestörte Nachtruhe propagiert auch ein Text, der mit »Annonce« überschrieben ist: »In meinem Hotel ist es durch 3 Zentimeter dicke Kokos-Teppichläufer und 10 Zentimeter dick mit Werg ausgefütterte Tuchtüren als zweite Aussentüren, ferner durch strengste Vorschriften an die Bediensteten, für welche Stille-Prämien ausgesetzt sind, unmöglich gemacht, anders als durch den Wunsch gleichsam der Natur selbst geweckt zu werden!« (PS 79) Außer dem verschlafenen Hotel gibt es in Pròdrŏmŏs noch eine »Stadt des Schlafes«, die ein »moderner König« regiert. Er lässt »riesige Plakate« anschlagen, um als »Gesetz der Gesetze« zehn Stunden Schlaf pro Tag zu verkünden. So werde das »Lebenskapital« als »Faktor des Gesamtwohles« erhöht und ein neuer Bürger gebildet: »beweglich wie der Franzose, eisenfest wie der Deutsche, arbeitstüchtig wie der Amerikaner« – kurz, ein produktives Subjekt, geschaffen mit den Techniken der Reklame. (PS 141–143)

VIII.

Dass Altenberg seine Diätetik im Stil der Reklame verfasste, hat gewiss zur literarischen Geringschätzung von Pròdrŏmŏs beigetragen. Das Buch überzeugt nicht durch Rhetorik, sondern verweigert über weite Teile den Gebrauch kunstvoller Rede. Es zeichnet sich durch eine Anti-Rhetorik aus, die auch den philosophischen Dialog der Antike charakterisiert,92 sei er ironisch wie bei Sokrates, provokativ wie bei Diogenes oder beratend wie bei Seneca. Altenberg scheint seine Leser in völliger Offenheit bekehren zu wollen, allen voran sich selbst. Die ungeordnete, asketische Struktur von Pròdrŏmŏs ähnelt den Notizbüchern antiker Philosophen, jenen hypomnemata, die als persönliche Gedächtnisstützen der Selbstbildung dienten: »Man notierte dort Zitate, Auszüge aus Büchern, Exempel und Taten, die man selbst erlebt oder von denen man gelesen hatte, Reflexionen oder Gedankengänge, von denen man gehört hatte oder die einem in den Sinn gekommen waren.«93 Der Zweck dieser Aufzeichnungen bestand laut Foucault im Aufbau eines logos bioethikos, in der Sammlung wahrer Reden, die schreibend und lesend, lesend und schreibend einverleibt wurden.94 Im Idealfall kam eine »Harmonie zwischen Wort und Tat« zustande, wie sie Platon in Sokrates verkörpert sah, dessen Aussagen mit seinem Denken und dessen Gedanken mit seinem Verhalten übereinstimmten.95 Die sokratische Parrhesie bringt die Wahrheit eines Lebens zum Ausdruck, den Ethos im Sinn des Charakters, den sich der Sprecher angeeignet hat – ein Begriff von Wahrhaftigkeit, der in der kynischen Idee wiederkehrt, »daß eine Person nichts außer ihrer Beziehung zur Wahrheit ist und daß diese Beziehung zur Wahrheit in ihrem eigenen Leben Form oder Gestalt annimmt«96. Ist der antike Philosoph im Allgemeinen ein »Akteur der Wahrheit«,97 so betritt mit Diogenes ein »philosophischer Held« die Bühne des Denkens,98 der seine Lehre in typisierter Form darstellt. Wer dem kynischen Ethos anhängt, verzichtet nicht nur in seinen Reden auf rhetorischen Schmuck, sondern führt zudem ein Leben ohne Verzierungen, das auf die Grundwerte der Freiheit und der Selbstgenügsamkeit ausgerichtet ist.

Die Vorstellung einer körperlichen Inskription, der Möglichkeit, dem Verhalten Aussagen einzuschreiben, findet man in Pròdrŏmŏs ausdrücklich wieder. So zitiert Altenberg als die höchste Anerkennung, die ihm zuteilwurde, folgende Briefstelle: »Mein Herr, seitdem ich Ihren Satz über die Heiligkeit des Schlafes gelesen habe, bin ich nicht mehr imstande, mein dreizehnjähriges süsses wunderschönes Töchterchen aus dem Morgenschlafe zu reissen!« (PS 154) Während der Effekt hier zweistufig erzielt wird, nämlich über den Faktor Mutter, tritt die Wirkung in anderen Fällen unmittelbar ein. Zum Beispiel beim Rendezvous: »›Ich kann ohne Sie nicht mehr existieren Anna – – –‹. Sie errötet, sie gedeiht, sie lebt auf!/›Ich möchte Sie nur momentan besitzen, geniessen, Anna – – –.‹ Sie erbleicht, sie wird zaghaft, sie stirbt ab!« (PS 65) Was die Inskription seiner selbst betrifft, rät Altenberg etwa, Bücher wie Speisen zu verdauen und sich auf dem Papier auszuleben. (PS 126 f./131) In dem Text »Über Testamente« stellt er eine Art Übung vor, deren Ziel es ist, sein Ideal-Ich niederzuschreiben. Wenn man das Leben gedanklich hinter sich lasse, erwache jene »Menschenfreundschaft«, die vom alltäglichen »Kampf ums Dasein« unterdrückt werde: »Der letzte Wille sei gleichsam ein Überfliegen über seine eigene Persönlichkeit hinaus, aus freierem friedevollerem Lande kommend, mit verklärter Geisterhand geschrieben, einen Hauch von Gottes Gnädigkeit enthaltend!« (PS 191–193) Es handelt sich um eine meditative Form des Schreibens, die das Göttliche, den Altruisten in einem selbst erfassen soll. Ist das Vorbild gezeichnet, müssen seine Qualitäten körperlich eingeprägt werden. Denn das Ethos zeigt sich ebenso in dem, was man tut, wie in dem, was man äußert: »Eine ungeschickte, linkische, unfreie, verlegene Verbeugung beim Betreten eines Zimmers ist der Massstab für alle anderen Kulturlosigkeiten in einem Organismus! Vor allem sage frei und leicht: Guten Abend!« (PS 130) Die Parrhesie ist nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine gestische Forderung. Wer sich schämt, bekommt rote Wangen; wer selbstsicher ist, erhebt den Blick; wer sich öffnet, breitet die Arme aus. »Ich sah dich mit einem Wort in allen deinen süssen unbewussten Wahrhaftigkeiten«, schreibt Altenberg. »Da musste ich dich lieben, lieben!« (PS 191)

Das Motiv des wahren Lebens wird auch in der Geschichte »Die Maus« variiert. (PS 162–165) Der Ich-Erzähler zieht in ein altes Stadthotel ein. Er bringt zwei Paar Socken und zwei Flaschen Schnaps mit und wünscht, obwohl ihm der Dienstmann Kerzen zur Verfügung stellen will, elektrische Beleuchtung. Nachts sind scharrende Geräusche in seinem Zimmer zu hören: »Dann kam eine Maus, stieg meinen Waschtisch hinan und betrat das Lavoir, machte überhaupt verschiedene artige Evolutionen, begab sich sodann wieder auf den Fussboden, da Porzellan nicht zweckentsprechend war, hatte überhaupt keine festen weitausgreifenden Pläne und hielt schliesslich die Dunkelheit unter dem Kasten bei den gegebenen Umständen für ziemlich vorteilhaft.« Während sich die Ironie dieses Berichts aus dem Missverhältnis ergibt, das zwischen dem trivialen Sachverhalt und der formellen Sprache besteht, verdeutlicht der folgende Dialog das Typenhafte der Figuren. »Sie, eine Maus war heute nacht in meinem Zimmer. Eine schöne Wirtschaft!«, beschwert sich der Erzähler in der Früh. »Bei uns gibt’s keine Mäuse. Woher sollte denn bei uns eine Maus herkommen?! So was lassen wir uns überhaupt gar nicht nachsagen!«, erwidern die Putzfrau und der Kellner unisono. Er reklamiert, wie ein Hotelgast reklamiert, und sie protestieren, wie Hotelangestellte protestieren. Es sind keine authentischen Äußerungen, sondern Phrasen, die man den fuchtelnden Personen in den Mund legte, würde man die Szene von außen betrachten, beispielsweise im Stummfilm. Infolge des Vorfalls wird der Erzähler mit Rücksicht behandelt, nicht mehr ernst genommen, jedoch als schrullige Gestalt akzeptiert. Da die Maus trotzdem Nacht für Nacht auftaucht, besorgt er eine Falle und trägt sie »ostentativ« am Personal vorbei. Als das Tier am nächsten Morgen erschlagen ist, will er das Corpus Delicti »nonchalant« präsentieren. »Aber auf der Stiege fiel es mir ein, wie erbittert die Menschen werden, wenn man sie einer Sache überführt, zumal eine Maus sich nicht in einem Passagierzimmer eines Hotels befinden sollte, in dem es Mäuse einfach ›gar nicht gibt‹!« Also lässt er den Kadaver verschwinden und stellt die Falle wieder auf, um den »Nimbus eines Menschen ohne Gepäck« zu behalten und nicht »in die peinliche Kategorie eines sekkanten und höchst ordinären Passagiers« abzusinken. Der Held verzichtet auf die Beweisführung, weil er dem Bild des Bohemiens treu bleiben will, weil er die Wahrheit der Lebensform dem faktischen Rechthaben vorzieht. Aber ist sein Ethos wahr wie der Kynismus eines Diogenes oder die Rassenhygiene Max von Grubers? Nein, gegeben wird ein Rollenspiel, die Inszenierung einer Haltung, die andere erwarten. Im Gegensatz zur Belegschaft ist sich der Erzähler seiner Pose bewusst. Fern davon, aus Überzeugung zu handeln, mimt er eine Existenzweise, die ihm zugeschrieben wird und momentan gefällt. Beim nächsten Spaziergang parodiert er vielleicht einen Beamten, dessen Jargon ihm liegt, oder einen Apostel, der gestikulierend predigt.99

Während die zeitgenössischen Lebensreformer von der Gültigkeit ihres Ethos überzeugt waren,100 soll in Pròdrŏmŏs die Erprobung von Lebensformen eine Reform des Lebens ermöglichen. Wie diese Idee, essayistisch zu leben, mit dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie verknüpft ist, schilderte Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften.101 Ulrich, die Hauptfigur des Romans, siedelt die Ethik des Essayismus zwischen der Wahrheit der Wissenschaft und der Subjektivität der Kunst an. In seinen Augen finden alle moralischen Ereignisse in einem »Kraftfeld« statt, wo das jeweilige »System von Zusammenhängen« über Gut und Böse entscheidet. Handlungen wirken auf Handlungen ein; und was Moral genannt wird, ist nicht mehr als ein verfestigtes Beziehungsnetz. Auf der Suche nach einem Lebensprogramm, das der »Beweglichkeit der Tatsachen« angemessen wäre, setzt er »dem Menschen als Niederschrift, als Wirklichkeit und Charakter« ein essayistisches Pendant entgegen, nämlich den »Inbegriff seiner Möglichkeiten, der potenzielle Mensch, das ungeschriebene Gedicht seines Daseins«. Als Sekretär der Feierlichkeiten, die für das siebzigjährige Thronjubiläum des Kaisers geplant sind, unterhält sich Ulrich, ohne Stellung zu beziehen, mit einer Reihe von Charakteren, die durchaus Standpunkte vertreten: »Während er sich in der kleinen und närrischen Tätigkeit, die er übernommen hatte, hin und her bewegen ließ, sprach, gerne zuviel sprach, mit der verzweifelten Beharrlichkeit eines Fischers lebte, der seine Netze in einen leeren Fluß senkt, indes er nichts tat, was der Person entsprach, die er immerhin bedeutete, und es mit Absicht nicht tat, wartete er.« Weder in den Aussagen noch im Verhalten des Mannes ohne Eigenschaften ist ein Ethos zu erkennen, eine Ordnung von Wahrheiten, die ihm eigen wäre. Er verbleibt in der Position des Zuschauers, der das Rollenspiel durchschaut, aber selbst keinen Part verkörpern will. Stellt er die Haltung dar, die auch Altenberg einnimmt?102 Führt Pròdrŏmŏs zur Einsicht, dass es 1905 in Wien nicht möglich ist, eine Moral zu begründen? »Im Titel liegt das, was man gewollt hat. Und im Inhalt das, was man nicht gekonnt hat.« (PS 7) Altenbergs Essay fängt mit einem Bekenntnis des Scheiterns an – das Ziel, ein ethisches Vorbild zu entwickeln, wurde nicht erreicht. Am Schluss der vielen Versuche, sich Wissen einzuschreiben, im letzten der 458 Texte von Pròdrŏmŏs steht die Tagebuchnotiz eines »Mädels«, das seinen Verehrer nur auf dem Papier liebt:

In seinen Briefen, da ist er wirklich der einzige Peter, wie er leibt und lebt! Seine geschriebenen Worte glaubt man ihm aufs Wort, aber nicht seine gesprochenen – – –. Er ist aber auch nur als Geschriebener der Peter! Da ist er so, dass man gerührt ist, wenn man an ihn denkt! Aber wenn er kommt, ist alles aus. (PS 204)

Fußnoten

  1. 1.

    Diese und die folgenden biografischen Hinweise beziehen sich auf Angaben von Altenbergs Schwester Marie Mauthner in der Einleitung zu Peter Altenberg, Nachlese, Wien 1930, 5–27.

  2. 2.

    Thomas Mann, »Brief über Peter Altenberg«, in: Egon Friedell (Hrsg.), Das Altenbergbuch, Leipzig u.a. 1921, 67–77, hier: 75.

  3. 3.

    Stefan Nienhaus, Das Prosagedicht im Wien der Jahrhundertwende. Altenberg – Hofmannsthal – Polgar, Berlin, New York 1986 (= Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker 85), 205.

  4. 4.

    Nienhaus (Anm. 3), 207.

  5. 5.

    Peter Altenberg, Pròdrŏmŏs, Berlin 1906, 26. Das Buch erschien im Herbst 1905, wurde nach der damaligen Verlagspraxis aber auf 1906 vordatiert. Es wird in der Folge mit der Chiffre PS und der Seitenzahl im laufenden Text zitiert; Spationierungen werden in Kursivschrift wiedergegeben.

  6. 6.

    Nienhaus (Anm. 3), 207.

  7. 7.

    Karl Kraus, »Antworten des Herausgebers«, Die Fackel 213 (11.12.1906), 11–24, hier: 24.

  8. 8.

    Karl Kraus, »Peter Altenberg«, Die Fackel 274 (27.2.1909), 1–5, hier: 3.

  9. 9.

    Vgl. Peter Altenberg, Auswahl aus seinen Büchern von Karl Kraus, Wien 1932, 115–150.

  10. 10.

    Rainer Gerlach, »Das Buch der Bücher von Peter Altenberg. Zur Editionsgeschichte dieser Ausgabe«, in: Peter Altenberg, Das Buch der Bücher von Peter Altenberg. Zusammengestellt von Karl Kraus, hrsg. Rainer Gerlach, Göttingen 2009, III, 917–948, hier: 919.

  11. 11.
  12. 12.

    Lucian von Samosata, Der Verkauf der Philosophischen Secten, Lucians von Samosata Sämtliche Werke, übers. C. M. Wieland, Wien, Prag 1797, I, 365–399, hier: 373.

  13. 13.

    Lucian (Anm. 12), 375.

  14. 14.

    Peter Altenberg, Diogenes in Wien. Aphorismen, Skizzen und Geschichten, 2 Bde., hrsg. Simon Dietrich, Berlin 1979. Vgl. dazu Peter Wellering, Zwischen Kulturkritik und Melancholie. Peter Altenberg und die Wiener Jahrhundertwende, Stuttgart 1999 (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik 366), 95–112.

  15. 15.

    Zit. nach Michel Foucault, Der Mut zur Wahrheit. Vorlesung am Collège de France 1983/84, übers. Jürgen Schröder, Berlin 2010, 221. Vgl. die Stelle in der Loeb-Ausgabe: »ἀληθείας καὶ παρρησίας προφήτης«, in: Lucian in Eight Volumes, übers. A. M. Harmon, Cambridge 1968 [1915] (= The Loeb Classic Library), II, 464.

  16. 16.

    Vgl. Michel Foucault, Diskurs und Wahrheit. Die Problematisierung der Parrhesia. 6 Vorlesungen, gehalten im Herbst 1983 an der Universität von Berkeley/Kalifornien, hrsg. Joseph Pearson, übers. Mira Köller, Berlin 1996, 10.

  17. 17.

    Vgl. Michel Foucault, Hermeneutik des Subjekts. Vorlesung am Collège de France (1981/82), übers. Ulrike Bokelmann, Frankfurt a. M. 2004, 453–501.

  18. 18.

    Vgl. Foucault (Anm. 15), 326–376.

  19. 19.

    Foucault (Anm. 15), 225.

  20. 20.

    Foucault (Anm. 15), 227.

  21. 21.

    Foucault (Anm. 17), 391. Vgl. zum Folgenden Foucault (Anm. 17), 392–401.

  22. 22.

    Vgl. Pierre Hadot, Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike, übers. Ilsetraut Hadot, Christiane Marsch, Berlin 1991 [franz. 1981].

  23. 23.

    Michel Foucault, »Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit« [franz. 1984], übers. Hermann Kocyba, in: Ders., Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, hrsg. Daniel Defert, François Ewald, Frankfurt a.M. 2005, IV, 875–902, hier: 882.

  24. 24.

    Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, übers. Ulrich Raulff, Walter Seitter, Frankfurt a.M. 1989 [franz. 1984], 118–123.

  25. 25.

    Foucault (Anm. 24), 140.

  26. 26.

    Vgl. Philipp Sarasin, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers. 1765–1914, Frankfurt a.M. 2001, 19, 73.

  27. 27.

    Vgl. »Hygiène«, Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. Nouvelle impression en facsimilé de la première édition de 1751–1780, Stuttgart 1967 [1765], VIII, 385–388.

  28. 28.

    Vgl. zum Folgenden Sarasin (Anm. 26), 211–248.

  29. 29.

    Friedrich Nietzsche, Ecce homo. Wie man wird, was man ist, in: Ders., Kritische Studienausgabe, hrsg. Giorgio Colli, Mazzino Montinari, München 1999, VI, 255–374, hier: 279.

  30. 30.

    Nietzsche (Anm. 29), 295.

  31. 31.

    Vgl. Foucault (Anm. 24), 84–123.

  32. 32.

    Vgl. Hadot (Anm. 22), 73–82.

  33. 33.

    Marc Aurel, Wege zu sich selbst. Griechisch – deutsch, hrsg. u. übers. Rainer Nickel, Düsseldorf, Zürich 1998 (= Tusculum Studienausgaben), VI/13.

  34. 34.

    Nietzsche (Anm. 29), 267.

  35. 35.

    Nietzsche (Anm. 29), 284.

  36. 36.

    Sarasin (Anm. 26), 20.

  37. 37.

    Theodor Wiesengrund-Adorno, »Physiologische Romantik«, Frankfurter Zeitung 123–124 (16.2.1932), 2.

  38. 38.

    Zu Peter Altenbergs Fotografie-Beschriftungen vgl. Andrew Barker, Leo A. Lensing, Peter Altenberg: Rezept die Welt zu sehen, Wien 1995 (= Untersuchungen zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts 11), 133–190; Heinz Lunzer, »Sammelleidenschaften«, in: Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos (Hrsg.), Peter Altenberg. Extracte des Lebens. Einem Schriftsteller auf der Spur, Salzburg u.a. 2003, 153–161; Ricarda Dick, Peter Altenbergs Bildwelt. Zwei Ansichtskartenalben aus seiner Sammlung, Göttingen 2009.

  39. 39.

    Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, übers. Ulrich Köppen, Frankfurt a.M. 1974 [franz. 1966], 269–366, explizit 286 f., 340.

  40. 40.

    Zit. nach Martin Loiperdinger, »›La vie prise sur le vif‹. Akzente des Zufälligen in Städtebildern des Cinématographe Lumière«, in: Thomas Koebner, Thomas Meder (Hrsg.), Bildtheorie und Film, München 2006, 381–392.

  41. 41.

    Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Leipzig, Wien 1905, 34.

  42. 42.

    Freud (Anm. 41), 76.

  43. 43.

    Vgl. dazu Eckart Goebel, Jenseits des Unbehagens. »Sublimierung« von Goethe bis Lacan, Bielefeld 2009 (= Literalität und Liminalität 11), 123–172.

  44. 44.

    Vgl. Sarasin (Anm. 26), 258 f.

  45. 45.

    Johannes Orth, Aufgaben, Zweck und Ziele der Gesundheitspflege, Stuttgart 1904 (= Bibliothek der Gesundheitspflege 1), 56.

  46. 46.

    Orth (Anm. 45), 4.

  47. 47.

    Orth (Anm. 45), 4 f.

  48. 48.

    Orth (Anm. 45), 8–11.

  49. 49.

    Vgl. Sarasin (Anm. 26), 242–248.

  50. 50.

    Vgl. Sarasin (Anm. 26), 249–259.

  51. 51.

    Max Rubner, Unsere Nahrungsmittel und die Ernährungskunde, Stuttgart 1904 (= Bibliothek der Gesundheitspflege 20), 21.

  52. 52.

    Rubner (Anm. 51), 23.

  53. 53.

    Rubner (Anm. 51), 32.

  54. 54.

    Paul Jaerschky, Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft, Stuttgart 1905 (= Bibliothek der Gesundheitspflege 17), 134 f.

  55. 55.

    Jaerschky (Anm. 54), 122.

  56. 56.

    Max Gruber, Hygiene des Geschlechtslebens dargestellt für Männer, Stuttgart 1905 (= Bibliothek der Gesundheitspflege 13).

  57. 57.

    Max von Gruber, Die Pflicht gesund zu sein. Vortrag, gehalten für die Studierenden der drei Hochschulen Münchens im Großen Hörsaal für Chemie der K. Technischen Hochschule am 5. Mai 1909, München 1909, 16.

  58. 58.

    Gruber (Anm. 57), 17 f.

  59. 59.

    Gruber (Anm. 57), 21.

  60. 60.

    August Forel, Hygiene der Nerven und des Geistes im gesunden und kranken Zustande, Stuttgart 1903 (= Bibliothek der Gesundheitspflege 9), 31.

  61. 61.

    Forel (Anm. 60), 224 f.

  62. 62.

    Forel (Anm. 60), 33.

  63. 63.

    Forel (Anm. 60), 226, 230.

  64. 64.

    Adorno (Anm. 37). Vgl. zu Peter Altenbergs Begriff der Dekadenz auch Viktor Žmegač, »Die Geburt der Gesundheit aus dem Geist der Dekadenz. Somatische Utopien bei Peter Altenberg«, in: Viktor Žmegač, Tradition und Innovation. Studien zur deutschsprachigen Literatur seit der Jahrhundertwende, Wien 1993 (= Literatur in der Geschichte 26), 119–151, hier: 129–131.

  65. 65.

    Nietzsche (Anm. 29), 265 f.

  66. 66.

    Nietzsche (Anm. 29), 372.

  67. 67.

    Vgl. dazu Egon Friedell, Ecce poeta, Berlin 1912, 230–233.

  68. 68.

    Nietzsche (Anm. 29), 273.

  69. 69.

    Vgl. etwa Marc Aurel (Anm. 33), VIII/34.

  70. 70.

    Vgl. dazu Foucault (Anm. 24), 104–123.

  71. 71.

    Marc Aurel (Anm. 33), XII/3. Vgl. dazu Pierre Hadot, Die innere Burg. Anleitung zu einer Lektüre Marc Aurels, übers. Makoto Ozaki, Beate von der Osten, Frankfurt a. M. 1997 [franz. 1992], 174.

  72. 72.

    Adorno (Anm. 37).

  73. 73.

    Adorno (Anm. 37).

  74. 74.

    Friedell (Anm. 67), 224.

  75. 75.

    Burkhard Spinnen, »Idyllen in der Warenwelt. Peter Altenbergs ›Pròdrŏmŏs‹ und die Sprache der Werbung«, in: Burkhard Spinnen, Bewegliche Feiertage. Essays und Reden, Frankfurt a. M. 2000, 97–112, hier: 102–105.

  76. 76.

    Vgl. Kai-Uwe Hellmann, Soziologie der Marke, Frankfurt a. M. 2003, 52.

  77. 77.

    Vgl. Edward K. Strong, The Psychology of Selling and Advertising, New York 1925, 9.

  78. 78.

    J. J. Kaindl, Bibliographie der deutschen Reklame-, Plakat- und Zeitungs-Literatur, Wien 1918 (= Kaindls Reklame-Bücherei 1), 72.

  79. 79.

    Victor Mataja, Die Reklame. Eine Untersuchung über Ankündigungswesen und Werbetätigkeit im Geschäftsleben, Leipzig 1910, 32.

  80. 80.

    Mataja (Anm. 79), 298, 126, 128.

  81. 81.

    Mataja (Anm. 79), 68 f.

  82. 82.

    Richard Kropeit, Die Reklame-Schule. Leitfaden zum Selbstunterricht im kaufmännischen Reklame-Inseraten-Plakat-Agitations-Ausstellungs- und Offertenwesen, 2 Bde., Berlin 1908, II, 437.

  83. 83.

    Bruno Volger, Moderne Reklamekunst. Handbuch der neuzeitlichen Insertions- und Propagandatechnik für Industrielle, Fabrikanten, Kaufleute, Grossisten und Detaillisten, Geschäfts- u. Gewerbetreibende aller Branchen, Handels-Angestellte, Reklamechefs, Handels-Lehrer und Handelsschüler, sowie für jedes kaufmännische Kontor, Stuttgart 1907, 95, 97.

  84. 84.

    Vgl. Viktor Mataja, Die Reklame im Geschäftsleben. Vortrag gehalten im Niederösterreichischen Gewerbevereine am 18. November 1910, Wien 1910, 8.

  85. 85.

    Mataja (Anm. 79), 310 f.

  86. 86.

    Mataja (Anm. 79), 336.

  87. 87.

    Kropeit (Anm. 82), 440–444.

  88. 88.

    Volger (Anm. 83), 73.

  89. 89.

    Jean Louis Sponsel, Das moderne Plakat, Dresden 1897, V.

  90. 90.

    Sponsel (Anm. 89), 230.

  91. 91.

    Vgl. Julius Pinschewer, Die Suppe [1911], Klassiker des Werbefilms, DVD, hrsg. Martin Loiperdinger, Berlin 2010.

  92. 92.

    Vgl. Foucault (Anm. 16), 20 f.

  93. 93.

    Michel Foucault, »Über sich selbst schreiben« [franz. 1983], übers. Michael Bischoff, in: Ders., Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, hrsg. Daniel Defert, François Ewald, Frankfurt a. M. 2005, IV, 503–521, hier: 507.

  94. 94.

    Foucault (Anm. 93), 508 f.

  95. 95.

    Vgl. Foucault (Anm. 16), 102.

  96. 96.

    Foucault (Anm. 16), 122.

  97. 97.

    Michel Foucault, Die Regierung des Selbst und der anderen. Vorlesung am Collège de France 1982/83, übers. Jürgen Schröder, Frankfurt a. M. 2009, 404.

  98. 98.

    Foucault (Anm. 16), 123.

  99. 99.

    Vgl. zu Peter Altenbergs Theatralität Roland Innerhofer, »›Aus den facheusen Complicationen herauskommen‹. Peter Altenbergs diätetische Lebensrezepte«, in: Roland Innerhofer, Evelyne Polt-Heinzl, Peter Altenberg – prophetischer Asket mit bedenklichen Neigungen, Wien 2011 (= Wiener Vorlesungen im Rathaus 155), 11–42, hier: 13–15.

  100. 100.

    Vgl. etwa die Schlusssätze eines 1904 gedruckten Werbeprospekts für die als Sanatorium geführte Lebensreform-Kolonie »Monte Verità« in Ascona: »Trotz allen Schmutzes, womit uns niedrige Naturen zu besudeln versuchten, schreiten wir unentwegt vorwärts. Wir werden siegen, denn wir kämpfen für Reinheit, Wahrheit und Wahrhaftigkeit!« In: Henri u. Ida Oedenkoven-Hofmann, Sanatorium Monte Verità. Jungborn des Südens. Anstalt für physikalisch-diätetische Heilweise, Bellinzona 1904, 4.

  101. 101.

    Die folgenden Zitate stammen aus Kapitel 62 »Auch die Erde, namentlich aber Ulrich, huldigt der Utopie des Essayismus« in: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Roman, Berlin 1930, 398, 399, 401, 408. Vgl. dazu Wolfgang Müller-Funk, Erfahrung und Experiment. Studien zu Theorie und Geschichte des Essayismus, Berlin 1995, 175–206.

  102. 102.

    Vgl. dazu Josef Strutz, »Der Mann ohne Konzessionen. Essayismus als poetisches Prinzip bei Musil und Altenberg«, in: Gudrun Brokoph-Mauch (Hrsg.), Robert Musil. Essayismus und Ironie, Tübingen 1992 (= Edition Orpheus 6), 137–151, sowie Christian Rößner, Der Autor als Literatur. Peter Altenberg in Texten der »klassischen Moderne«, Frankfurt a. M. 2006 (= Beiträge zur deutschen Literatur 32), 146–150, 228–235.

Notes

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für GermanistikUniversität WienWienÖsterreich

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