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Soziale Probleme

, Volume 28, Issue 1, pp 3–23 | Cite as

Jenseits von Stand und Klasse?

Die Problematisierung „neuer“ und „alter“ Ungleichheiten im medialen Gerechtigkeitsdiskurs seit 1946 – Eine Deutungsmusteranalyse
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Zusammenfassung

Dieser Beitrag untersucht, wie soziale Ungleichheit in der Medienberichterstattung problematisiert wird und wie sich dies verändert hat. Er basiert auf einer qualitativen Inhaltsanalyse von 3016 Artikeln, die seit 1946 in Spiegel, Zeit und FAZ erschienen sind, sowie einer anschließenden Quantifizierung der qualitativ gewonnenen Kategorien. Der Beitrag zeigt, dass Medien Ungleichheit in Bezug auf vier typische Deutungsmuster beschreiben: Entweder sie beschreiben eine Gesellschaft mit hoher bzw. niedriger materieller Ungleichheit oder mit hoher bzw. niedriger Chancengleichheit. In ihrer Extremform wird Gesellschaft entweder als „Klassengesellschaft“ bzw. „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ oder als „offene“ bzw. „geschlossene“ Gesellschaft wahrgenommen. Im Zeitvergleich zeigt sich, dass die Relevanz materieller Ungleichheit in den 1970er und 1980er Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung gering war, jedoch seit den 1990er Jahren zunehmend problematisiert wird. Von einem „Jenseits von Stand und Klasse“ kann folglich für die Berichterstattung seitdem nicht die Rede sein. Aber auch die Beschreibungen „neuer“ Ungleichheiten nehmen zu.

Beyond Status and Class?

How Media Discourses about Social Justice Have Discussed “New” and “Old” Inequality Since 1946 – An Analysis of Social Patterns of Interpretation

Abstract

The purpose of this paper is to examine social patterns of interpretation (Deutungsmuster) of social inequality that have been present in German media coverage since 1946. The study is based on a qualitative content analysis of 3016 articles published by Die Zeit, Der Spiegel and Frankfurter Allgemeine Zeitung along with a quantitative analysis of its results. The results of the research show that arguments about social inequality usually belong to one of four interpretations: They describe a society with (1) high material inequality and strong class boundaries, (2) with low material inequality and a broad middle class, (3) a closed society with no or mostly no equal chances or (4) an open society with equal chances for everyone. The study also shows that material inequality was rarely present in German media coverage in the 1970s and 1980s but has been increasingly present since the 1990s. These results contradict the thesis that ‘status and class’ have lost their importance but also show that ‘new’ inequalities are increasingly present in German media coverage.

Supplementary material

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SoziologiePhilipps Universität MarburgMarburgDeutschland

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