Personal in der Corona-Krise - zwischen Belastung und Resilienz

Keine Frage: Die jetzt schon fast ein Jahr andauernde COVID-19-Pandemie stellt einen erheblichen zusätzlichen Stressfaktor für das Gesundheitsfachpersonal dar. Hinein spielt nicht nur die erhöhte Arbeitsbelastung, insbesondere auf den Intensivstationen, sondern auch die Angst, sich selbst zu infizieren, die Angst um Angehörige, fehlende Ausgleichsmöglichkeiten durch Kontaktrestriktionen sowie der Personalmangel durch Quarantänemaßnahmen oder Absentismus, der die Situation zusätzlich verschärft und im Sinne eines circulus vitiosus zu Ausfällen ganzer Behandlungseinheiten führen kann.

Umso erstaunter waren wir, als wir in unseren Metaanalysen von über 100 weltweit publizierten Studien zu der psychischen Belastung während der ersten Welle der Pandemie (bis Ende Mai 2020) herausfanden, dass das Gesundheitsfachpersonal zwar einem deutlich erhöhten Stress ausgesetzt war, jedoch im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie keine erhöhten depressiven Symptome, Angstsymptome oder Einsamkeitsgefühle aufwies. Wir haben dies so interpretiert, dass Pflegekräfte und Ärzte gelernt haben, mit solchen Situationen umzugehen, und in der Lage sind, kurzzeitige Phasen mit deutlich erhöhter Arbeitsbelastung im Allgemeinen psychisch gut zu bewältigen. Dazu passte auch, dass das Personal die eigene Fähigkeit zur Resilienz, das heißt also, sich nach stressvollen Ereignissen schnell zu erholen, als unverändert gut einschätzte.

Doch nun sind wir sieben Monate weiter und mitten in der zweiten Welle der Pandemie. Auf den Intensivstationen werden offensichtlich mehr Patienten behandelt, die deutlich schwerer krank sind und die Arbeitsbelastung ist unverändert hoch geblieben. Auch wenn wir noch keine belastbaren Daten zur Entwicklung psychischer Erkrankungen infolge der lang andauernden Belastung beim Gesundheitspersonal haben, müssen wir davon ausgehen, dass es zu einem Anstieg von Depressionen, Angsterkrankungen und gegebenenfalls auch Suizidalität kommt. Daher sind präventive Ansätze unerlässlich.

Im Projekt EviPan des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten COVID-19-Forschungsnetzes der Universitätskliniken in Deutschland (www.evipan.de) erfassen wir in Kooperation mit einer Vielzahl psychiatrischer und psychosomatischer Kolleginnen und Kollegen in Deutschland strukturiert die psychische Belastung bei Gesundheitsfachkräften und die Wirkung von Ansätzen zur Gesundheitsförderung und zur Prävention psychischer Erkrankungen. Aktuell werden an alle großen medizinischen Kliniken sowie an psychiatrische und psychosomatische Kliniken in Deutschland Fragebögen versandt, mit denen die Situation in den Kliniken erfasst und Blaupausen zur bestmöglichen Prävention gesammelt werden sollen. Wir hoffen, damit zeitnah wirksame Ansätze zur Verfügung stellen zu können, auf die die Kliniken, auch in Zukunft, bei anderen Krisen, zurückgreifen können.

Schon jetzt zeichnen sich wichtige Faktoren für die psychische Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen ab: eine Awareness der Thematik bei den Führungskräften, eine gesunde Führungskultur, ein offener Umgang mit Fehlern sowie die Möglichkeit, niedrigschwellig und außerhalb der eigenen Klinik kurzfristig Hilfe und Beratung erfahren zu können. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie die Befragungen an den Kliniken mit Ihrer Teilnahme unterstützen könnten.

Ihr

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"Wir müssen davon ausgehen, dass es infolge der lang andauernden Belastung beim Gesundheitspersonal zu einem Anstieg von Depressionen, Angsterkrankungen und gegebenenfalls Suizidalität kommt. Daher sind präventive Ansätze unerlässlich."

Univ.-Prof. Dr. Klaus Lieb ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz

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Lieb, K. Personal in der Corona-Krise - zwischen Belastung und Resilienz . DNP 22, 3 (2021). https://doi.org/10.1007/s15202-021-4615-8

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