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Welche technische Unterstützung gibt es für Menschen mit Demenz?

Bei der Versorgung von Menschen mit Demenz gilt es, einen Verbleib in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen, um so lange wie möglich am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Dazu kann der Einsatz technischer Hilfsmittel beitragen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die aktuell verfügbaren Systeme.

Ein Blick auf die Versorgung von Menschen mit Demenz zeigt, dass sie langfristig und umfangreich sein sollte. Die Versorgung kann durch den Einsatz technischer Hilfsmittel ausgebaut werden. Da die Bevölkerung im Durchschnitt immer älter wird, steigen die Zahlen der Alterserkrankungen und somit auch der Demenzerkrankungen [1]. Auch wenn es sich als schwierig erweist, genaue Zahlen aktuell Erkrankter aufzustellen, zeigen Berechnungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, dass momentan zirka 1,6 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Demenz diagnostiziert sind [2]. Pro Jahr kommen etwa 300.000 neue Erkrankungen hinzu. Da die Sterberate deutlich unter der Rate der Neuerkrankungen liegt, steigt die Zahl der Menschen mit Demenz in Deutschland jedes Jahr um 40.000 [3]. Diese Entwicklung ist mit einem erhöhten pflegerischen Aufwand verbunden. Die Versorgung von Menschen mit kognitiven Alterserkrankungen und somit auch der Einsatz technischer Hilfsmittel rücken dabei vermehrt in den Fokus öffentlicher Debatten und stellen die Gesellschaft schon heute vor neue Herausforderungen. Fachkräftemangel in der Pflege und damit verbundene zukünftig drohende Engpässe in der Versorgung und Pflege älterer und hilfsbedürftiger Menschen stehen dabei an vorderster Stelle [4]. Konsequenzen einer nicht ausreichenden Versorgung von Menschen mit Demenz und steigenden Kosten zeigen sich bereits für das Gesundheitssystem. Schon jetzt sind die Kosten für die medizinische Versorgung von Menschen mit Demenz ein großer wirtschaftlicher Faktor. Michalowsky [3] weist auf einen Vergleich aus dem Jahr 2016 hin, bei dem aus 15 Studien die Ausgaben des deutschen Gesundheitssystems für 65-jährige Personen mit beziehungsweise ohne Demenz ermittelt wurden. Dieser zeigt auf, dass die demenzerkrankten Personen für die Kostenträger, also die Pflegeversicherungen, für Ausgaben in Höhe von 18 Milliarden € verantwortlich sind - dies sind rund 11 % an Zusatzkosten.

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© sturti / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen)

Es gibt bereits zahlreiche technische Systeme zur Unterstützung der Versorgung von Menschen mit kognitiven Defiziten. So können etwa Türkontaktalarme bei Überschreiten der Schwelle Angehörige über einen Handlungsbedarf alarmieren.

Betrachtet man die aktuelle Versorgung von Menschen mit Demenz, bilden pflegende Angehörige momentan die tragende Säule der Versorgung demenzkranker Personen in Deutschland. Michalowsky [3] zufolge werden zirka 75 % der Erkrankten momentan zuhause vorwiegend durch Angehörige versorgt. Dabei werden die Kosten, die den pflegenden Angehörigen entstehen (beispielsweise durch Verdienstausfall) so gut wie nie berechnet [3]. Es wird jedoch angenommen, dass die Verfügbarkeit von Angehörigen, die bisher eine Pflegerolle teilweise oder ganz übernommen haben, sinken wird. Dadurch kann es, vor allem in der stationären Versorgung, wie in Alten- und Pflegeheimen, zu Versorgungsengpässen kommen [3] - obwohl sich die Vorstellung einer Versorgung zu Hause mit den Wünschen vieler demenzkranker Patienten deckt.

Hier gilt es, eine langfristige Versorgung in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen [13]. Um diesem Wunsch nachkommen zu können, kann der Einsatz von technischen Hilfsmitteln eine gute Lösung sein. Durch sie kann der Verbleib in der eigenen Häuslichkeit langfristig unterstützt werden und eine personenorientierte Versorgung ermöglicht werden [7]. Allerdings wird diese Art der Unterstützung bisher selten eingesetzt. Deshalb gibt dieser Artikel einen Überblick zum aktuellen Stand technischer Hilfsmittel, ihren Einsatzgebieten und den Sicherheitsbedarfen.

Aktueller Stand technischer Hilfen

Technischer Fortschritt tritt langsam auch in der Pflege und Versorgung von älteren Menschen vermehrt in den Fokus [1]. In der Literatur finden sich jedoch viele Hinweise auf eine bisher unzureichende Aufmerksamkeit zu diesem Thema. Schultz et al. beschreiben, dass sich bisher nur wenig technische Unterstützung in der Pflege und Therapie von Menschen mit Demenz durchgesetzt hat [4]. Die Unterstützungssysteme werden sowohl von den pflegenden Angehörigen als auch von den Fachkräften in Heimen und Krankenhäusern nur selten eingesetzt [5]. Mögliche Gründe sind mangelhafte Aufklärung, Unsicherheit und fehlende Anlaufstellen [12, 14, 15, 19].

Sucht man im Internet beispielsweise nach Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige, findet sich erst einmal eine Flut an Informationen. Angesprochene Punkte sind dabei oft informelle, instrumentelle oder emotionale Unterstützung von Angehörigen [8, 9]. Technische Unterstützungsmöglichkeiten werden dabei allerdings kaum angesprochen und erläutert.

Sucht man wissenschaftliche Artikel zu diesem Themenbereich, ergeben sich beispielsweise in der Datenbank PubMed rund 32.557 Artikel aus den vergangenen zehn Jahren zu den Begriffen "support people with dementia" (Stand November 2020). Zum Thema "assistive technology dementia" lassen sich nur 296 Artikel finden, die seit 2010 veröffentlicht wurden. Dabei ist ein Anstieg der Veröffentlichungen über die Jahre zu erkennen. Es zeigt sich, dass technische Hilfssysteme zwar an Bekanntheit gewinnen, hier jedoch noch ein großer Bedarf an Aufklärung besteht.

Betrachtet man technische Unterstützung in der beruflichen Pflege, findet man bereits einen vielseitigen Einsatz. Neben Computersystemen zur Dokumentation finden sich Überwachungs- und Monitorsysteme im Pflegealltag von Krankenhäusern und Pflegeheimen [7]. Jedoch zeigen Untersuchungen auch, dass technische Unterstützungssysteme in der beruflichen Pflege, beispielsweise zur Dokumentation, oft nicht als hilfreich angesehen werden, da sie nicht passgenau sind.

Eine Untersuchung aus Finnland aus dem Jahr 2011 bewertet den Einsatz solcher Technologien und den Einsatz im Pflegealltag eher negativ. Das Erfassen der Patientendaten und die Dokumentation werden als umständlich beschrieben. Ebenso helfe das System nicht, Entscheidungen zu treffen oder medizinische Fehler zu vermeiden [6, 7].

Überblick über technische Hilfen

Die Bandbreite technischer Unterstützungssysteme ist bereits sehr vielseitig und deckt ganz unterschiedliche Bedarfe ab. Häufig sind die Produkte jedoch nicht speziell für Menschen mit einer Demenz, sondern generell für Menschen mit Hilfebedarf oder für geriatrische Personen konzipiert. Um einen besseren Überblick zu geben, wurden hier zwei Kategorien zur Eingrenzung gebildet:

  • Sicherheitsprodukte

  • Aktivierungs-/Ermöglichungsprodukte sowie Freizeitprodukte

Sicherheitsprodukte

Produkte der Kategorie Sicherheit helfen, zuhause lebende Menschen mit Demenz zu schützen. Gleichzeitig kann Angehörigen Entlastung geboten werden (Tab. 1).

Tab. 1 : Übersicht technischer Hilfsmittel zur Verbesserung der Sicherheit

Ortungsgeräte

Ein häufiges Problem bei demenzkranken Personen sind sogenannte "Weg- oder Hinlauftendenzen" [10]. Oft sind die Menschen dabei verwirrt und orientierungslos. Nicht selten endet eine solche Situation mit einer großen Suchaktion der Feuerwehr und Polizei. Angehörige leben in ständiger Sorge und mit der Angst, dass eine solche Suchaktion eines Tages erfolglos bleiben könnte. Hier bietet sich der Einsatz eines Ortungsgeräts an. Dabei kann bereits auf verschiedene Geräte zurückgegriffen werden, die sich in ihrem jeweiligen Funktionsumfang unterscheiden.

Zum einen lässt sich auf die einfache Variante der GPS-Tracker oder Ortungssysteme zurückgreifen. Hier finden sich einfache Modelle, die auf ein Handy gespielt werden können, bei denen die Ortung über ein weiteres Smartphone erfolgen kann. Zum anderen können Ortungschips erworben werden, die in Form eines Schlüsselanhängers in oder an der Kleidung befestigt werden, oder als Uhr oder Schmuckstück [beispielweise Kette] getragen werden. Eine Alternative bieten zum Beispiel auch Einlagesohlen mit Ortungschip, die in den Schuhen untergebracht werden.

Eine weitere Möglichkeit, gefährliche Situationen, die durch Weglauftendenzen von Menschen mit Demenz entstehen, zu verhindern, ist das Geofencing [19]. Es bezeichnet eine Art "virtuellen Zaun", der es der Person mit Demenz ermöglicht, sich selbstständig zu bewegen und der Tagesstruktur nachzugehen. Verlässt diese Person den virtuell eingegrenzten Bereich, können Angehörige, beispielweise über ihr Smartphone, benachrichtigt werden und gegebenenfalls eingreifen. Im Bereich des Geofencing können zum Beispiel Gebiete markiert werden, in denen sich Gefahrenstellen wie Flüsse oder Bahnschienen befinden. Bei Wunsch löst das System bei Betreten dieser Gebiete einen Alarm bei den Kontaktpersonen aus.

Eine weitere Methode sind Sensoren, die an der Tür angebracht werden und Angehörige je nach Situation benachrichtigen können (etwa wenn die Tür länger als fünf Minuten offen steht oder beispielsweise in einem Zeitraum zwischen 23:00 und 07:00 Uhr geöffnet wird). Diese Sensoren können auch an Fenstern angebracht werden. Somit kann erkannt werden, ob beispielsweise bei Regen ein Fenster offensteht.

Auch wenn es die Angehörigen entlastet und Menschen mit Demenz unterstützt, weiterhin selbstständig zu bleiben, werden bisherige Ortungssysteme nicht von der Pflegekasse übernommen. Einzig in Verbindung mit einem Hausnotrufsystem und einem vorhandenen Pflegegrad lässt sich ein Zuschuss der Pflegekasse erreichen [20]. Ethische und rechtliche Aspekte sind dabei ein Faktor, der nicht außer Acht gelassen werden sollte. Es ist ratsam, sich als Angehöriger beim zuständigen Amtsgericht im Vorfeld Informationen einzuholen.

Sturzsicherheit

Ältere Menschen haben ein erhöhtes Sturzrisiko. Stürze im höheren Alter sind oft mit schwerwiegenden Brüchen wie Oberschenkelhalsbruch verbunden [18]. Personen mit Demenz haben zu einem erhöhten Bewegungsdrang, weil sie unruhig sind, der Tag-Nacht-Rhythmus gestört ist oder sie nachts zur Toilette müssen. Hier können Hilfsmittel eingesetzt werden, die zunächst einmal darauf aufmerksam machen, dass der Partner oder die Partnerin aufgestanden ist und eventuell Hilfe bedarf. Neben dem Bett können Tritt- oder Alarmmatten ausgelegt werden, die über ein akustisches Signal Bewegungen anzeigen oder Angehörige über ihr Smartphone benachrichtigen [20].

Eine andere Methode bieten als Fußleisten angebrachte Sensoren, die Bewegungen erkennen und auch Stürze erfassen und Alarm auslösen können [20]. Ebenfalls können Hausnotrufsysteme helfen, um nach einem Sturz schnellstmöglich Hilfe zu rufen. Der Notrufknopf kann etwa am Handgelenk oder als Kette um den Hals getragen werden.

Hüftprotektoren oder Sturzgürtel können präventiv getragen werden. Es gibt sie als Unterziehhosen mit Polstern an besonders gefährdeten Stellen oder als "Hüft-Airbag", der sich beim Sturz aufbläht, um Verletzungen zu verhindern. Aber auch schon einfache Vorrichtungen wie Bewegungsmelder, die bei Dunkelheit das Licht einschalten, können bei der Sturzprävention helfen. Auch das Beseitigen von Stolperfallen wie etwa Teppichen kann helfen.

Herdwächter und Ofenabschaltung

Nicht selten kommt es auch in der Küche oder beim Kochen zu gefährlichen Situationen. Beispielsweise wenn Menschen mit Demenz Essen zubereiten möchten, den Herd anstellen, dann jedoch vergessen, dass er eingeschaltet ist und den Raum verlassen. Auch hier können technische Hilfsmittel unterstützen [20]. Herdwächter, die mit einer automatischen Ofenabschaltung (die in manchen modernen Modellen bereits serienmäßig eingebaut ist) verbunden sind, können Rauchentwicklung und Brände verhindern, indem sie sich automatisch abschalten. Einige Geräte lernen mit der Zeit dazu. Dadurch werden sie immer empfindlicher und können schneller und genauer reagieren. Alternativ kann eine Personenerkennung eingebaut werden, die einspringt, wenn die Person den Herd verlässt. Nach einem gewissen Zeitfenster schaltet sich das Gerät automatisch ab. Bei manchen Geräten lässt sich eine maximale Kochzeit einstellen, nach der sich das Gerät ausschaltet.

Für ältere Herdmodelle können auch Hilfsmittel genutzt werden, die nicht direkt mit Technik im elektronischen Sinne verbunden sind. Zum Beispiel bietet sich hier an, die Schaltknöpfe des Herdes mit einem Plastikschutz zu versehen, um somit eine Bedingung zu verhindern, beziehungsweise nur im Beisein Angehöriger zu ermöglichen. Hier ist natürlich abzuwägen, dass die Person nur noch in Begleitung von Angehörigen kochen kann und gegebenenfalls auf Essen angewiesen ist, das gebracht wird.

Rauchmelder

Passend zu den Herdwächtern spielen auch smarte Rauchmelder eine wichtige Rolle, um Menschen mit Demenz ein eigenständiges Leben in der eigenen Häuslichkeit langfristig zu ermöglichen. Zum einen können Hitzemelder eingebaut werden, die bereits frühzeitig Warnsignale aussenden, was einen schnellen Einsatz ermöglicht [20]. Zum anderen können einige Rauchmelder zusätzlich auch Angehörige durch eine Nachricht auf dem Handy erreichen und Handlungsbedarf ankündigen.

Wassermelder

Ein weiteres sinnvolles technisches Gadget ist der sogenannte Wassermelder. Beispielsweise wird sich ein Bad eingelassen oder es wird vergessen, nach dem Blumengießen das Wasser wieder abzustellen. Durch das laufende Wasser kann es zu großen Schäden mit hohen Kosten kommen. Um das zu verhindern, kann der Wassermelder genutzt werden, um durch akustische oder visuelle Warnsignale auf die Situation aufmerksam zu machen und/oder Angehörige zu benachrichtigen [20].

Medikamentenspender und sichere Verwahrung von Medikamenten

Mit steigendem Alter werden in der Regel mehr Medikamente eingenommen. Auch hier kann durch eine falsch eingenommene Medikation eine gefährliche Situation entstehen. Zum einen kann, gerade bei Menschen mit einer Demenz, eine Einnahme gänzlich vergessen werden, zum anderen kann es durch das Vergessen einer bereits erfolgten Einnahme zur doppelten Einnahme kommen. Beides kann schlimme Folgen haben. Um diese zu vermeiden, können Medikamentenspender helfen, an die tägliche Einnahme erinnern und die richtige Dosis bereitzustellen. Zusätzlich können am Medikamentenschrank angebrachte Hilfsmittel eine erneute Einnahme verhindern oder die Medikamente sicher verwahren.

Schlüsselfinder

Oft verlegen Menschen mit einer Demenz Gegenstände. Besonders häufig handelt es sich um den Schlüssel und das Portemonnaie. In einigen Fällen führen solche Situationen zu Konflikten mit den Angehörigen, die von beiden Seiten als stressig und nervenaufreibend empfunden werden. Hier können sogenannte Schlüsselfinder behilflich sein. Diese werden an den jeweiligen Gegenständen befestigt und können dann bei der Suche eingesetzt werden.

Weitere Systeme

Weitere technische Möglichkeiten, die vor allem für pflegende Angehörige oder Pflegepersonal unterstützend sein können, sind beispielsweise Exo-Skelette (Tab. 2). Diese werden seit einiger Zeit bereits in der Pflege, Reha und Therapie eingesetzt, im Privatgebrauch aber noch seltener vertreten [22].

Tab. 2 : Übersicht über technische Hilfsmittel zur Unterstützung der Pflege

Zusätzlich können pflegende Angehörige und Pflegekräfte durch unterschiedliche Inkontinenzlösungen unterstützt werden. Auch hier lässt sich mittlerweile auf technische Hilfsmittel zurückgreifen, etwa in Form von Apps, die eine Flüssigkeitsaufnahme und Abgabe dokumentieren, oder durch an Windeln angebrachte Sensoren, die ein schnelles Handeln ermöglichen.

Möchten Angehörige oder Pflegekräfte generell den Gesundheitszustand der Person mit Demenz dokumentieren, bieten sich sogenannte Wearables an, die verschiedene Werte automatisch messen. Meist werden sie als Armband oder Uhr getragen und können etwa Stresspegel, Blutdruck oder Stürze erfassen.

Neben einer Entlastung der Angehörigen und verbesserten Sicherheit können Produkte aus dieser Kategorie dazu beitragen, dass Menschen mit einer Demenz weiterhin aktiv und selbstständig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Wenn etwa unter Verwendung von Ortungsgeräten einfache, bekannte Wege weiterhin eigenständig wahrgenommen werden können, trägt dies dazu bei, dass länger Fähigkeiten erhalten werden. Die Entwicklung technischer Hilfsmitteln in der Pflege rückt daher immer mehr in den Fokus [1]. So sind auch Roboter, die in der Pflege unterstützen oder einfache Aufgaben übernehmen, vermehrt Thema im gesellschaftlichen Diskurs. Im Vordergrund steht dabei die Entlastung des Pflegepersonals. Jedoch wirft der Einsatz auch ethische Fragen auf, in wieweit sie den menschlichen Kontakt ersetzen können und auch sollten [21].

Produkte zur Aktivierung und in der Freizeit

Auch bei der Aktivierung oder "Ermöglichung" kann Technik unterstützen. Beispielsweise können spezielle Tabletts mit einer simplen Bedienung helfen, Kommunikation anzuregen und aufrechtzuerhalten. Sogenannte Snoezelen-Gadgets können helfen, Zugang zu Menschen mit fortgeschrittener Demenz zu finden. Auch spezielle Gadgets, die über Kontakt beispielsweise Töne oder Musik abspielen, dienen der Aktivierung und zusätzlichen Beschäftigung.

Handlungsbedarf

Besteht Interesse an einem technischen Hilfsmittel, gestaltet sich die Suche nach einem geeigneten Produkt, wie bereits aufgezeigt, meist schwierig. Oft weiß die Zielgruppe nicht von den Möglichkeiten, die sich durch technische Hilfsmittel bieten. Anlaufstellen gibt es kaum und Beratungsstellen haben selten einen umfassenden Überblick zu allen Produkten und den jeweiligen Funktionen, beziehungsweise worin sich diese unterscheiden. Im Internet allerdings finden sich bereits einige wenige Anbieter, die einen Einblick in technische Assistenzsysteme bieten. Die Internetseiten der Deutschen Alzheimer Gesellschaft [16] und die durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Website "wegweiseralterundtechnik.de" [17] sind zwei digitale Anlaufstellen, die eine Übersicht zu Produkten führen.

Forschungsprojekt "Certification-D"

Haben Interessierte eine Informationsquelle gefunden, wo technische Hilfsmittel vorgestellt werden, fällt oft noch die Entscheidung für eines der Produkte schwer. Die Spannbreite der Funktionen variiert enorm und ist oft intransparent. Hier setzt das Interreg EU-Projekt "Certification-D" an. In der Projektlaufzeit von drei Jahren soll zum einen ein Zertifikat (Zertifizierungsverfahren und Siegel) für Produkte, unterstützende Netzwerke und Dienstleistungen entwickelt werden, um zuhause lebende Menschen mit Demenz und ihre Pflegenetzwerke bei der Entscheidung zu unterstützen. Der Zertifizierungsprozess wird universell und großflächig anwendbar sein. Die untersuchten Produkte werden sich auf Enabling/Assistance (Befähigungs-/Ermöglichungsaspekte), Safety/Security (Sicherheitsaspekte) und Life/Leisure (Freizeitaspekte) konzentrieren.

Zum anderen werden kleine und mittlere Unternehmen bei der Entwicklung innovativer und zuverlässiger technologischer Produkte unterstützt, die auf die Bedürfnisse von zu Hause lebenden Demenzkranken zugeschnitten sind. Auch wird intensiv Öffentlichkeitsarbeit betrieben und vielfältige Schulungen (Trainings) werden angeboten.

Ausgewählte Produkte für Menschen mit Demenz werden in vier Living Labs der beteiligten Projekt Partner auf der Grundlage spezifischer funktionaler und nicht-funktioneller Designanforderungen und der ergänzenden produktgruppenspezifischen Anforderungen getestet und/oder verbessert. Die gewonnenen Erkenntnisse werden zur Verbesserung von Produkt(neu)entwürfen und zur Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen außerhalb des Projekts genutzt.

Die Projektpartner aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und Frankreich wollen qualitativ hochwertige Produkte, Systeme und Dienstleistungen garantieren [11].

Ethische Aspekte der Digitalisierung

Wie bereits anhand der verschiedenen Produkte und ihrer Funktionen aufgezeigt, haben digitale Technologien großes Potenzial, die Lebenssituation von älteren Menschen zu verbessern. Allerdings birgt die Digitalisierung auch Risiken für ältere Menschen, ihre Angehörigen und auch das Pflegepersonal. So können beispielsweise Systeme zur Überwachung der Mobilität (GPS-Tracking-Systeme) die Sicherheit der betroffenen Personen erhöhen, zugleich stellen sie jedoch Eingriffe in die Privatsphäre dar. Zwar werden Tracking-Systeme vor allem bei Menschen mit Demenz eingesetzt, um diese im Notfall lokalisieren zu können und Hilfe zu holen. Der Einsatz solcher Systeme wird allerdings problematisch, wenn sich die Betroffenen in ihrer Autonomie begrenzt oder überwacht fühlen. Daher sollten diese Technologien nur nach Zustimmung der zu überwachenden Person angewendet werden. Dies ist jedoch bei Menschen mit demenziellen Erkrankungen nicht immer möglich und wirft ethische Fragen auf.

Der ambivalente Charakter der Digitalisierung zeigt sich auch im Zugang zum Internet und in der Nutzung von digitalen Technologien. Einerseits gibt es Personen, die sich auch gerne im Alter noch mit dem Internet und neuen digitalen Anwendungen beschäftigen. Andere haben hingegen nicht den Wunsch, das Internet und neue Innovationen zu nutzen. Ebenfalls zu beachten ist, dass einigen Personen eventuell der Zugang gar nicht möglich ist, weil sie sich beispielsweise die notwendigen Geräte oder den Internetzugang nicht leisten können.

Da ein Teil dieser Systeme vorsieht, dass über das Internet Meldungen empfangen werden und Daten an Pflegedienste, Gesundheitsdienste, Angehörige oder andere Dienstleistungsanbieter versendet werden, können nur Menschen davon profitieren, die Zugang zu diesen haben und die verfügbare Technik akzeptieren und nutzen. Insbesondere die ans Internet angebundenen Assistenzsysteme müssen hohe Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit erfüllen.

In der Regel wird der Einsatz digitaler Technologien in der Lebenswelt der älteren Personen mit der Hoffnung verbunden, die Autonomie und Selbstständigkeit steigern zu können. Jedoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass der Einsatz dieser Technologien oftmals mehrere ethische Prinzipien berührt, die miteinander in Konflikt stehen könnten. Ein sensibler Umgang und Einsatz digitaler Technologien kann Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Teilhabe sowohl bei pflegebedürftigen Menschen, als auch bei deren Angehörigen ermöglichen und stärken. Daher sollte auch bei dem Design der Hilfsmittel darauf geachtet werden, bestehende Unterstützungsbedarfe nicht unnötig zu betonen, um keine defizitorientierten Altersbilder hervorzurufen. Vielmehr sollten sie so gestaltet sein, dass ältere Menschen ihre vorhandenen Kompetenzen nutzen können und sich im Umgang mit der Technik als kompetent erfahren. Darüber hinaus sollten ältere Menschen grundsätzlich das Recht haben, digitale Technologen nicht zu nutzen und sie gegebenenfalls auch abschalten zu können.

An dieser Stelle ist es wichtig, dass nicht nur die Funktionalität digitaler Technologien im Mittelpunkt stehen, sondern es sollten die persönlichen Bedürfnisse und Präferenzen der Betroffenen berücksichtigt werden. Dabei ist zu beachten, dass zum Beispiel bei krankheitsbedingten Einschränkungen der Urteilsfähigkeit, wie bei einer fortschreitenden Demenz, bisher Dritte für die Betroffen entscheiden müssen [23].

Zudem sollte beachtet werden, dass Innovation in der Pflege nicht nur auf technische Systeme reduziert werden sollte, sondern auch dazu dienen soll, soziale Innovationen und Dienstleistungsinnovationen anzuregen und zu unterstützen [24].

Fazit für die Praxis

Technische Hilfsmittel bieten für Menschen mit einer Demenz und ihre pflegenden Angehörigen eine vielseitige Unterstützungsmöglichkeit. Zukünftig werden sie für die Versorgung der Patienten und die Entlastung pflegender Angehörige eine bedeutende Rolle spielen. Dennoch mangelt es momentan an Transparenz und Aufklärung rund um technische Unterstützung. Die verschiedenen Produkte sind Angehörigen und Menschen mit Demenz bisher wenig bekannt. Auch in der beruflichen Pflege besteht noch Ausbaupotenzial. Ein erster Überblick zu verfügbaren Produkten findet sich im Internet bei verschiedenen Anbietern. Dennoch besteht Handlungsbedarf, die Produkte und deren Potential übersichtliche und transparenter zu gestalten.

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Spanier, H., Krah, K., Nicolas, K. et al. Welche technische Unterstützung gibt es für Menschen mit Demenz?. DNP 22, 28–34 (2021). https://doi.org/10.1007/s15202-020-4610-5

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