Gastro-News

, Volume 5, Issue 1, pp 50–50 | Cite as

Kolumne

Ist der Endoskopiker ein Auslaufmodell?

  • Peter Stiefelhagen
prisma
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© Xsudok1 / Fotolia

Alle reden vom selbstfahrenden Auto. Und als nächstes kommen die selbstaufräumende oder -putzende Wohnung und die selbstkochende Küche. Sogar das sich selbstführende Bankkonto ist im Gespräch. Es könnte manches Problem lösen, wenn eine solche künstliche Finanzintelligenz auch über die Tugend der wundersamen Geldvermehrung verfügen würde. Dies alles führt dazu, dass bestimmte Berufe wie Taxi- oder LKW-Fahrer, Putzfrauen, Köche und Bankberater überflüssig werden.

Auch die Medizin wird durch die Digitalisierung in revolutionärer Weise verändert. Als erstes dürften wohl die Diabetologen durch die künstliche Intelligenz ersetzt werden, denn Algorithmen garantieren eine bessere Blutzuckereinstellung als Handaufzeichnungen und die darauf basierenden therapeutischen Korrekturen des Arztes. Auch Chirurgen fürchten bereits den Kollegen Roboter. Und der Dermatologe muss wohl oder übel ebenso zur Kenntnis nehmen, dass digitalisierte Fotosysteme bei der Dignitätsbeurteilung von „braunen Flecken“ zuverlässiger sind, als sein Auge.

Auch bei der Endoskopie gehört der künstlichen Intelligenz die Zukunft

Selbst wenn es die narzisstisch geprägte Unersetzlichkeitsfantasie der Endoskopiker noch nicht so richtig wahrhaben will: Auch in der Endoskopie gehört dem „Internet der Dinge“, also der künstlichen Intelligenz die Zukunft. Damit stellt sich die Frage: Wird der Endoskopiker vielleicht überflüssig? Die Digitalisierung beginnt schon bei der Steuerung der Geräte. Das sich selbstnavigierende Koloskop wird in absehbarer zum Standard werden. Und ein in Japan entwickeltes Computerprogramm, das bei der United European Gastroenterology Week in Barcelona erstmalig vorgestellt wurde, erwies sich in der klinischen Praxis bei der Adenomdetektion als erstaunlich zuverlässig.

Nicht selten wird der Endoskopiker mit einem Befund konfrontiert, dessen richtige Interpretation auch für den Geübten schwierig sein kann. So bereitet die genaue Differenzierung, ob es sich bei einer polypösen Schleimhautveränderung um ein echtes Adenom handelt, das abgetragen werden muss, oder nicht, im koloskopischen Alltag gelegentlich Kopfzerbrechen, und nicht wenige Polypen werden unnötig entfernt. Das von einer japanischen Forschergruppe entwickelte lernende Computersystem soll den Endoskopiker jetzt bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Dabei wertet das System ein 500-fach vergrößertes Bild des fraglichen Befundes aus. Die Analyse stützt sich auf zirka 300 verschiedene Merkmale, wobei das Ergebnis innerhalb einer Sekunde vorliegt. Diese Fähigkeit wurde dem System anhand von mehr als 30.000 endoskopischen Bildern zunächst antrainiert; denn das System muss wie jeder Endoskopiker zunächst lernen, was normal und was pathologisch ist. Doch wenn es die entsprechenden Informationen einmal verarbeitet und gespeichert hat, funktioniert das künstliche Gehirn schneller und vielleicht sogar zuverlässiger als das menschliche.

Unnötige Polypektomien vermeiden, Trefferquote für Adenome erhöhen

Die Ergebnisse einer ersten prospektiven Studie sprechen für das neue System. Dabei wurde die künstliche Intelligenz bei 306 Polypen eingesetzt, von denen bereits ein histologischer Befund vorlag. Es fand sich eine erstaunlich gute Übereinstimmung. Die Sensitivität lag bei 94 % und die Spezifität bei 79 %. Daraus ergibt sich eine Genauigkeit von 89 %. Der positive prädiktive Wert bei der Detektion einer Neoplasie lag bei 79 % und der negative bei 93 %. Diese Ergebnisse zeigen, dass eine zuverlässige Diagnose bereits während der Untersuchung gestellt werden kann und zwar unabhängig von der Erfahrung des Endoskopikers. Mit einer solchen optischen Biopsie können zum einen unnötige Polypektomien vermieden werden, zum anderen wird die Trefferquote bezüglich der Adenome, die entfernt werden müssen, erhöht. Die Autoren der Studie glauben, dass durch eine präzise Identifizierung und Entfernung von Adenomen mithilfe der künstlichen Intelligenz das Darmkrebsrisiko verringert und somit auch die Mortalität des Darmkrebses reduziert werden kann. Sie sind überzeugt, dass die künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit in die koloskopische Standarddiagnostik integriert wird. Und auch die automatisierte Polypenabtragung ist längst keine Utopie mehr.

Literatur

  1. 25. UEG-Week 2017, Mori Y et al. Opening Session, 30.10.2017, BarcelonaGoogle Scholar

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Authors and Affiliations

  • Peter Stiefelhagen
    • 1
  1. 1.

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