Polycythaemia vera: Interferontherapie auch bei niedrigem Risiko?

Bei der 62. ASH-Jahrestagung widmete sich eine eigene Sitzung der Polycythaemia vera (PV) - und hier ganz besonders aktuellen Daten zur Interferontherapie. Sie könnte auch bei Niedrigrisiko-Patienten sinnvoll sein und bei anhaltendem komplettem hämatologischem Ansprechen (CHR) unter Umständen auch mal pausiert werden.

Leitlinien sollten Interferon-alpha (IFN-α) in ihren Empfehlungen zur Therapie bei Polycythaemia vera (PV) auch bei niedrigem Risiko berücksichtigen, ist Ghaith Abu-Zeinah, Weill-Cornell-Klinik in New York, NY/USA, überzeugt [Abu-Zeinah G et al. ASH. 2020; Abstr 480]. Eine Auswertung von 470 Patienten mit myeloproliferativen Neoplasien (MPN), die bis zu 45 Jahre lang (median 10 Jahre) beobachtet worden waren, belegt den günstigen Effekt von IFN-α auf das Gesamtüberleben (OS). In der Kohorte überwogen Patienten mit PV (47 %) und essenzieller Thrombozythämie (ET 45 %). 93 Patienten hatten als erstes und mindestens ein Jahr lang rekombinantes IFN-α erhalten, 189 Hydroxyurea (HU) und 133 waren nur mit Phlebotomien behandelt worden. Weitere 55 Patienten hatten andere Therapien erhalten. Ein Crossover fand bei 26 % der Patienten statt.

Prognose mit Phlebotomie besonders schlecht

Von den Patienten mit Hochrisiko-PV lebten nach primärer Phlebotomiebehandlung nach 20 Jahren noch 14 %, während es nach HU 40 % und nach IFN 66 % waren. Überraschend war, dass dieser OS-Vorteil für IFN-α auch bei Patienten mit Niedrigrisikoerkrankung zu finden war: Auch hier war die OS-Rate nach 20 Jahren mit Phlebotomie am schlechtesten (55 %) und mit IFN-α am besten (84 %). Abu-Zeinah rechnete vor, dass jedes Jahr einer IFN-α-Therapie das Mortalitätsrisiko um 6 % und das Myelofibrose-Risiko um 9 % senkt. Bei einer PV mit niedrigem Risiko weiter zur Zytoreduktion nur Phlebotomien zu empfehlen, hält er daher für nicht mehr akzeptabel. An seiner Klinik wird bei niedrigem Risiko IFN-α bereits vorrangig vor der Phlebotomie und bei hohem Risiko IFN-α vor HU eingesetzt.

IFN-α absetzen?

IFN-α ist bislang die einzige Therapie bei MPN, die ein langfristiges CHR ermöglicht und damit das Potenzial bietet, die Therapie auch zu beenden, betonte Rafael Daltro de Oliveira vom Saint-Louis-Hospital der Universität Paris, Frankreich [de Oliveira RD et al. ASH. 2020;Abstr 483]. Nach einer retrospektiven Analyse von Patientendaten seiner Klinik sind es zwei Faktoren, die mit einer Persistenz der CHR auch bei einer Therapiepause von mindestens drei Monaten assoziiert sind:

  • Allelfrequenz der Treibermutation bei Absetzen > 10 % (Odds Ratio [OR] 0,128; 95 %-Konfidenzintervall [95 %-KI] 0,025-0,638; p = 0,012).

  • Mindestens 24-monatige Dauer der Komplettremission mit CHR vor Absetzen (OR 14,612; 95 %-KI 1,756-120944; p = 0,013).

Thromboembolische oder hämorrhagische Ereignisse, die Rate der Transformationen zu myelodysplastischem Syndrom, akuter myelischer Leukämie oder Myelofibrose sowie das OS unterschieden sich zwischen Patienten, die zumindest zeitweise IFN-α abgesetzt hatten, und Patienten, die weiter IFN-α erhalten hatten, nicht. Die Wiederaufnahme einer IFN-α-Therapie führte bei 80 % der Patienten nach Therapiepause wieder zu einer CHR. Die Pariser Arbeitsgruppe bereitet derzeit eine prospektive klinische Studie vor, um diese Befunde zu validieren. Dem Team schwebt ein Konzept der therapiefreien Remission als mögliches Ziel der IFN-α-Therapie ähnlich wie bei der Therapie der chronischen myeloischen Leukämie mit Tyrosininasehemmern vor.

Bericht von der 62. virtuellen Jahrestagung der American Society of Hematology (ASH) vom 5. bis 8. Dezember 2020

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Correspondence to Dipl.-Biol. Friederike Klein.

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Klein, F. Polycythaemia vera: Interferontherapie auch bei niedrigem Risiko?. Im Fokus Onkologie 24, 46 (2021). https://doi.org/10.1007/s15015-021-3376-8

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