Rehabilitation nicht mehr erwünscht?

Mit steigenden Krebsinzidenzen und -überlebensraten müsste eigentlich auch der Bedarf für Rehabilitationsmaßnahmen nach einer onkologischen Erkrankung wachsen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall - es werden weniger Leistungen in Anspruch genommen. Lübecker Forscher gingen diesem Paradox im Rahmen einer Patientenumfrage auf den Grund.

Von 2009 bis 2015 gingen die Leistungen zur medizinischen Rehabilitation nach einer onkologischen Erkrankung um ca. 10 % zurück. Die Gründe für den Rückgang der Reha-Anträge und -Leistungen untersuchten deshalb Ruth Deck, Valentin Babaev und Alexander Katalinic für die Deutsche Rentenversicherung (DRV). In einer sogenannten Mixed-Methods-Studie erstellten die Forscher zunächst einen standardisierten Fragebogen. Dieser beinhaltete 55 mögliche Gründe gegen eine Rehabilitation und Skalen zur allgemeinen Gesundheitswahrnehmung. Diesen Fragebogen beantworteten anschließend 376 Brust-, Darm- und Prostatakrebspatienten mit ausreichender Reha-Fähigkeit schriftlich.

Die Hälfte der Befragten (50,3 %) nahmen eine Rehabilitation in Anspruch. Signifikante Prädiktoren waren im Rahmen der Regressionsanalyse die Krankheitsschwere, das Alter und die psychische Belastung. Es traten demnach jüngere, noch erwerbstätige Patienten häufiger eine Rehabilitation an, genauso wie schwerer erkankte und stärker belastete Patienten. 19 % der Befragten nahmen die Rehabilitation nicht in Anspruch, weil sie nicht wussten, dass ihnen diese zusteht. Einen Grund sehen die Forscher in den immer kürzer werdenden Phasen der Akutversorgung und dem begrenzten Raum für eine adäquate Information der Patienten. Hier bestehe dringender Handlungsbedarf.

81 % der Patienten wussten hingegen von der Möglichkeit einer Rehabilitation und lehnten diese am häufigsten aus privaten und persönlichen Gründen ab (Abb. 1). So gaben die Befragten u. a. als private Gründe an, dass sie sich zuhause besser erholen könnten. Für diese Patienten regen die Forscher an, eine ambulante Rehabilitation zu erwägen.

Abb. 1
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: In der Befragung lehnten Brustkrebspatienten gefolgt von Darmkrebspatienten meist aus privaten und persönlichen Gründen die Rehabilitation ab.

Wenn die Patienten familiäre Gründe genannt haben, fanden sie dort ausreichend Unterstützung oder wollten bestimmte Familienmitglieder nicht alleine lassen. Für diese Fälle seien Angebote gefragt, die z. B. mit dem Partner gemeinsam in Anspruch genommen werden könnten.

In dieser Befragung verweigerten nur 34 noch berufstätige Patienten eine Rehabilitation. Häufig empfanden sie ihre Arbeit als Bewältigungsstrategie für die Erkrankung. Diesen Patienten sollte laut Forscher vermittelt werden, dass die Rehabilitation hilft, den Einstieg in die Arbeit zu erleichtern.

Fazit: Circa die Hälfte der befragten Krebspatienten nahmen keine Rehabilitation wahr, überwiegend aus privaten, persönlichen oder organisatorischen Gründen - aber auch aufgrund von fehlender Information.

Deck R et al. Gründe für die Nichtinanspruchnahme einer onkologischen Rehabilitation. Ergebnisse einer schriftlichen Befragung von Patienten aus onkologischen Versorgungszentren. Rehabilitation (Stuttg). 2019;58(4):243-52

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Kempe, S. Rehabilitation nicht mehr erwünscht?. Im Fokus Onkologie 23, 45 (2020). https://doi.org/10.1007/s15015-020-2440-0

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