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Pädiatrie

, Volume 31, Issue 3, pp 56–56 | Cite as

Streit um die Hausaufgaben

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Fortbildung
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Prof. Dr. med. Walter Dorsch Kinder- und Jugendarzt München

Prof. Dr. phil. Klaus Zierer Ordinarius für Schulpädagogik Universität Augsburg

? Immer wieder führt die Mutter von Tobias, 9 Jahre, bittere Klage über dessen Vater, von dem sie sich vor einem Jahr getrennt hat. Er spiele immer den Besuchsonkel, der den Jungen am Wochenende verwöhne, während sie unter der Woche die ganze Arbeit habe (sie benutzt einen Kraftausdruck). Nie seien die Hausaufgaben gemacht.

! Prof. Dorsch: Im ersten Moment ist der Kinderarzt natürlich versucht, der Mutter vollkommen recht zu geben. Schließlich obliegt es nicht nur der Mutter, die gemeinsamen Kinder in schulischer Hinsicht zu fördern und zu beaufsichtigen. Wenn geschiedene Eltern ihren Rosenkrieg auch auf die Schulleistungen ihrer Kinder ausdehnen, droht Gefahr. Der Kinderarzt muss wohl genau hinhören, ob die Klage der Mutter gerechtfertigt ist, ob die Hausaufgaben wirklich immer am Wochenende des Vaters abgearbeitet werden müssen, ob nicht auch andere Motive in der Klage der Mutter mitklingen. Er sollte auch das Gespräch mit dem Vater suchen, und sich nicht von dem Einwand davon abhalten lassen, man könne mit dem verstockten Kerl ohnehin nicht reden. Vielleicht gelingt es ja, zu überzeugen und eine bessere Einsicht zu vermitteln. Vielleicht ist der Vater dankbar, mehr in das Leben seines Sohnes einbezogen zu werden, wenn er sich auch um den Schulalltag kümmern kann. Vielleicht gelingt es dem Kinderarzt, im Gespräch mit beiden Eltern, dem Ziel einer gemeinsamen Elternschaft trotz Trennung ein Stück weit näher zu kommen. Am Ende auch hoch strittiger Auseinandersetzungen kann eine vernünftige Regelung entstehen, die von beiden Eltern getragen wird und den Schulerfolg von Tobias sichert. Auch seine Lehrkräfte müssen wohl pädagogisch, vielleicht auch disziplinarisch auf beide Eltern einwirken.

! Prof. Zierer: Hausaufgaben sind immer wieder Gegenstand von schulischen Diskussionen: Kinder und Jugendliche nehmen sie nicht selten als Belastung und Gängelung war, Eltern stressen sich, damit ja alles richtig ist, und Lehrpersonen mühen sich tagein, tagaus mit der Kontrolle ab. Ein Blick auf die Forschungen dazu macht aber deutlich, dass Hausaufgaben einer der wichtigsten Bestandteile schulischen Lernens sein können, sofern verschiedene Aspekte beachtet werden: Aus Sicht von Lehrpersonen ist es entscheidend, Hausaufgaben gründlich vor- und nachzubesprechen und vor allem im Bereich eines Reproduzierens zu stellen. Aus Sicht von Lernenden ist es entscheidend, Hausaufgaben machen zu lernen: übertragene Pflichten verantwortungsvoll zu erfüllen, selbständig zu agieren und bei Problemen im Lernprozess Strategien zu entwickeln, um aus Fehlern lernen zu können.

Eltern müssen nicht Hilfslehrpersonen werden, sondern stattdessen den Lernenden Rückhalt geben, deren Eigenständigkeit unterstützen und durch ein wohldosiertes Maß an Kontrolle für Gewissenhaftigkeit sorgen. Keine leichte Aufgabe, aber für den Bildungserfolg wesentlich! Machen Sie also Eltern auf ihren Einfluss aufmerksam, gerade auch bei den Hausaufgaben. Bildungserfolg ist nie nur die Sache der Lernenden oder der Schule. Eltern tragen immer auch Verantwortung. Und damit ergibt sich eine der dringendsten Aufgaben aus Elternsicht: Mutter und Vater müssen sich nicht nur über ihre Rolle als Eltern bewusst werden. Sie müssen sich auch darüber austauschen und zu einer Verständigung gelangen, was das konkret bedeutet: Wann sind Hausaufgaben zu machen? Worauf wird Wert gelegt? Wie wird das Hausaufgabenheft geführt? Wie aufgeräumt muss eine Schultasche sein? Dies nur ein paar Fragen, um die Bedeutung dieses elterlichen Austausches aufzuzeigen. Leben Eltern getrennt und machen die Kinder damit an unterschiedlichen Orten ihre Hausaufgaben, so wird dieser Austausch noch gründlicher und überlegter zu führen sein, weil kurze Absprachen nicht möglich sind.

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